Donnerstag, 16. April 2026

Karen Köhler - "Cobwoy und Indianer": Wer ist "wild" und wer ist "zivilisiert"? (aus der Erzählsammlung: "Wir haben Raketen geangelt")


 Eine Kurzgeschichtensammlung - bzw. genauer gesagt: Erzählungensammlung. 

Cowboy und Indianer

Inhalt: 

Ein mittelalter Durchschnittsamerikaner gabelt eine Amerikanerin auf, die aus zunächst ungeklärten Gründen alleine ohne Gepäck mitten in der Wüste Nevadas unterwegs ist. Der "Retter" selbst ist auf dem Weg zu einem Indianer-Treffen. Die beiden machen einen Abstecher nach Las Vegas und dort in ein Casino. Wie durch ein kleines Wunder gewinnt die Frau mehrere tausend Dollar am Roulette-Tisch, weil sie alles auf die richtige Zahl setzt. Kurz danach wird der Mann völlig überraschend und grundlos von Studenten zusammengeschlagen, die ohne Konsequenzen wieder verschwinden können. 

Der Mann ist angeschlagen und leidet an den Verletzungen. Dennoch geht es nicht direkt in die Notaufnahme oder zur Polizei, sondern die beiden machen sich wieder zurück ins Auto und auf den Weg Richtung Indianer-Treffen. Aufgrund seines Zustands kann der Mann sein Auto aber nach einiger Zeit nicht weiterfahren und die Frau übernimmt das Steuer. Irgendwann kann auch sie nicht weiterfahren vor Erschöpfung. 

An einem Motel machen sie Halt. Der Frau gelingt es den rauen Witzen des Besitzers des Motels, der selbst hinter der Bar steht, standzuhalten. Sie bewährt sich quasi und ihr gelingt es, Kaffee und Eiswürfel, um die Wunden und Schwellungen des Mannes zu behandeln, zu bekommen. Allerdings springt ihr Wagen nun  nicht mehr an. Also müssen die beiden wohl oder übel bleiben. Dabei erfahren sie viel mehr Hilfsbereitschaft, als sie erwartet hätten. Trucker bringen Ersatzteile für den kaputten Wagen an das Motel, während die beiden schlafen und so kann das Auto repariert und die Fahrt fortgesetzt werden. Das ungleiche Paar trennt sich im Guten aber sie haben das Abenteuer zusammen überstanden. Die Moral von der Geschichte: Hilfsbereitschaft kann dir wiederfahren, wenn du nicht damit rechnest und es gibt immer noch Dankbarkeit und das Gute in der Welt.

In diese Handlung, die es bereits faustdick hinter den Ohren hat, ist zusätzlich eine zweite Handlung eingearbeitet, welche beleuchtet, warum die Frau überhaupt alleine an der Straße stand. Eine episodenhaft erzählte, eingeschobene Rückblende, welche dort aufhört, wo die Erzählgegenwart beginnt. 

Hier geht es darum, dass sie von Freunden ihres großen Bruders immerfort beleidigt, gedemütigt und übergriffig angegangen wird. Einer bringt das Faß zum Überlaufen und vergewaltigt sie, bis sie sich wehrt und ihm eine Flasche über den Kopf zieht. Sie zeigt ihn an. Doch es gelingt ihr nicht, ihn zu überführen mangels Beweisen. Daraufhin nimmt sie privat Rache, zuletzt, als sie von seiner Hochzeit erfährt. Sie lässt das Ganze hinter sich und irgendwie, im Zuge dessen, bricht sie zu dieser Reise auf, wo sie den Mann trifft. Ich glaube, sie ist auch mehr oder weniger ausgestiegen bei einem andern Fahrer, der sie mitgenommen hatte und sexuell anging. 

Besonderheiten:

ineinander verwobene Erzählebenen: Rückblende und Erzählgegenwart.  Kampf "gut" gegen "böse". Spiel mit Vorurteilen. Vermeintlich raue Kerle entpuppen sich als hilfsbereit und korrekt mit "weichem" Kern. 


Meinung:

Spannend. unterhaltsam. klar fiktional und dennoch erschütternd und aufwühlend. 



Samstag, 4. April 2026

Spree - Alles für die Klicks (2020) - erschreckend und abschreckender Fiebertraum

Kurt trifft früh in seinem Leben mehrere falsche Entscheidungen: er macht sein Selbstwertgefühl und Wohlbefinden von anderen abhängig. Er nimmt sich selbst als Versager wahr. In Folge dieser bereits kritischen Grundkonstellation fliegen bei ihm auch noch die letzten Sicherungen raus. Er beginnt - für Reichweite und Klicks - ziemlich wahllos Menschen zu töten und hofft damit Rückhalt und Zuspruch in der Online-Community zu finden. Dabei nutzt er es aus, dass er als Fahrer bei "Spree" angestellt ist - einem fiktiven Pendant zu "Uber" oder anderen Fahrdiensten.

Das ist natürlich krank, pervers, morallos und ekelerregend. Spoileralarm. Natürlich muss sich die Handlung irgendwie weiterentwickeln. Als Antagonist findet der kleine Soziopath eine Standup-Comedian. Und als Ansporn und Triggerpoint gibt es noch einen "befreundeten" anderen Antagonisten, der Kurt in seinen Versuchen Follower zu bekommen immer wieder erniedrigt und beschimpft. Kurt ist neidisch auf ihn, dessen Erfolg und Erniedrigungen sticheln ihn an, immer weiter zu gehen. All das ist ziemlich geschmacklos und abstoßend aber interessant erzählt, weil man quasi den ganzen Film durch die Kommentare der Community mitlesen kann. Das ist neu und laut Luhmanns Systemtheorie ausreichend um im Kunstdiskurs Diskurs zu generieren. 

Nun, was soll der Film aber sein? Eine Kritik? Ein Spiegel, der vorgehalten wird? Ein Abschreckendes Beispiel? 

Kurt ist so isoliert, fremdbestimmt, naiv und dumm in seiner Selbstwahrnehmung, seinen Lebensvorstellungen, seinen Werten, so überfordert und hilflos. Stellt er groß und übertrieben dar, was einer ganzen Generation passiert? Quasi dialektisch - das Kleine spiegelt sich im Großen wider und umgekehrt - alles etwas übertrieben aber im Kern vergleichbar? Eine bereits so ausgefressene, von Social Media angezapfte Generation, die keinen normalen Ausweg mehr aus der Situation findet, in der sie sich befindet? Und eine Warnung, da nicht mitzuspielen und auszusteigen? Oder einfach nur ein kranker Film, völlig überzogen? Eine überdrehte Black-Mirror-Folge? Ich kann es nicht sagen. 

Trailer hier