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Donnerstag, 16. April 2026

Karen Köhler - "Cobwoy und Indianer": Wer ist "wild" und wer ist "zivilisiert"? (aus der Erzählsammlung: "Wir haben Raketen geangelt")


 Eine Kurzgeschichtensammlung - bzw. genauer gesagt: Erzählungensammlung. 

Cowboy und Indianer

Inhalt

Ein mittelalter Durchschnittsamerikaner gabelt eine Amerikanerin auf, die aus zunächst ungeklärten Gründen alleine ohne Gepäck mitten in der Wüste Nevadas unterwegs ist. Der "Retter" selbst ist auf dem Weg zu einem Indianer-Treffen. Die beiden machen einen Abstecher nach Las Vegas und dort in ein Casino. Wie durch ein kleines Wunder gewinnt die Frau mehrere tausend Dollar am Roulette-Tisch, weil sie alles auf die richtige Zahl setzt. Kurz danach wird der Mann völlig überraschend und grundlos von Studenten zusammengeschlagen, die ohne Konsequenzen wieder verschwinden können. 

Der Mann ist angeschlagen und leidet an den Verletzungen. Dennoch geht es nicht direkt in die Notaufnahme oder zur Polizei, sondern die beiden machen sich wieder zurück ins Auto und auf den Weg Richtung Indianer-Treffen. Aufgrund seines Zustands kann der Mann sein Auto aber nach einiger Zeit nicht weiterfahren und die Frau übernimmt das Steuer. Irgendwann kann auch sie nicht weiterfahren vor Erschöpfung. 

An einem Motel machen sie Halt. Der Frau gelingt es den rauen Witzen des Besitzers des Motels, der selbst hinter der Bar steht, standzuhalten. Sie bewährt sich quasi und ihr gelingt es, Kaffee und Eiswürfel, um die Wunden und Schwellungen des Mannes zu behandeln, zu bekommen. Allerdings springt ihr Wagen nun  nicht mehr an. Also müssen die beiden wohl oder übel bleiben. Dabei erfahren sie viel mehr Hilfsbereitschaft, als sie erwartet hätten. Trucker bringen Ersatzteile für den kaputten Wagen an das Motel, während die beiden schlafen und so kann das Auto repariert und die Fahrt fortgesetzt werden. Das ungleiche Paar trennt sich im Guten aber sie haben das Abenteuer zusammen überstanden. Die Moral von der Geschichte: Hilfsbereitschaft kann dir wiederfahren, wenn du nicht damit rechnest und es gibt immer noch Dankbarkeit und das Gute in der Welt.

In diese Handlung, die es bereits faustdick hinter den Ohren hat, ist zusätzlich eine zweite Handlung eingearbeitet, welche beleuchtet, warum die Frau überhaupt alleine an der Straße stand. Eine episodenhaft erzählte, eingeschobene Rückblende, welche dort aufhört, wo die Erzählgegenwart beginnt. 

Hier geht es darum, dass sie von Freunden ihres großen Bruders immerfort beleidigt, gedemütigt und übergriffig angegangen wird. Einer bringt das Faß zum Überlaufen und vergewaltigt sie, bis sie sich wehrt und ihm eine Flasche über den Kopf zieht. Sie zeigt ihn an. Doch es gelingt ihr nicht, ihn zu überführen mangels Beweisen. Daraufhin nimmt sie privat Rache, zuletzt, als sie von seiner Hochzeit erfährt. Sie lässt das Ganze hinter sich und irgendwie, im Zuge dessen, bricht sie zu dieser Reise auf, wo sie den Mann trifft. Ich glaube, sie ist auch mehr oder weniger ausgestiegen bei einem andern Fahrer, der sie mitgenommen hatte und sexuell anging. 

Besonderheiten:

ineinander verwobene Erzählebenen: Rückblende und Erzählgegenwart.  Kampf "gut" gegen "böse". Spiel mit Vorurteilen. Vermeintlich raue Kerle entpuppen sich als hilfsbereit und korrekt mit "weichem" Kern. 


Meinung:

Spannend. unterhaltsam. klar fiktional und dennoch erschütternd und aufwühlend. 



Donnerstag, 24. März 2022

Rico, Oskar und das VomHimmelhoch


Oh wie dankbar war ich Andreas Steighöfel dafür, dass er Rico und Oskar ein Weihnachtsabenteuer erleben lässt! Denn grau, grau grau war der Winter dieses Jahr und nichts wärmt den Geist mehr denn gemeinschaftliches Musizieren oder - wenn das nicht geht und wenn man kein Kaminfeuer hat - Literatur. Besser noch wird es, wenn die Literatur zur Jahreszeit und zum Thema passt. Und was passt da besser unter den Weihnachtsbaum als ein Weihnachtsroman mit dem hochsympathischen "tiefbegabten" Rico Doretti und seinem nicht minder speziellen Freund Oskar? 

Und bei denen ist was los. Es ist Heilig Abend. Rico steht am Fenster und schaut über Kreuzberg. Er und Oskar wollen noch ein paar Geschenke kaufen. Last Minute, sozusagen, und sie wollen Frau Darling "Hallo" sagen, die im Einkaufszentren an der Wursttheke arbeitet. Doch es brauen sich einige Dinge zusammen! Zum einen ein gewaltiger Wintersturm, zum andern die Klärung eines Falls aus dem Sommer, als Rico neue Freunde gefunden - und wieder verloren hatte - und zuletzt eine Entfremdung zwischen Rico und Oskar, denn Oskar hat ein Geheimnis, das er vor Rico verbirgt. So, mehr darf ich aber nicht verraten, sonst mache ich mich des Spoilerns schuldig. 

Erzählt wird die Geschichte wieder aus der Sicht Ricos. Sowohl das was passiert, als auch das, was Rico vermutet oder wunderbar verschroben interpretiert. Dabei ist Rico einzigartig und rührend gutherzig! Wer nicht weiß, wie man jemanden tröstet, dem wird hier ganz einfach gesagt, wie das geht auf S. 165-170. "Jeder weiß das. Aber manche Leute muss man ab und zu daran erinnern". Auch die sehr eigenwilligen Erklärungen von Fremdwörtern sind wieder in die Handlung mit eingebunden. So erfährt man z.B. was Kulinarik (für Rico) ist oder Argusaugen, etc. 

Ganz besonders hat mir das Finale der Geschichte gefallen. Steighöfel gelingt es so perfekt zwischen Kitsch, Klischee, Rührung, Vorbildfunktion, Komik, Phantasie und Realismus zu beschreiben, wie SPOILERALARM der Tag der Geburt und der Kontakt zwischen Rico und seiner neuen Schwester und der Mama aussehen könnte, dass es herzerweichend ist! 

Fazit: perfekte, kurzweilige Lektüre für die kalten Tage, durch die man etwas über die Themen Freundschaft, Familienintimität und - Nachwuchs, Naturgewalt, Patchwork und kulturelle Offenheit lernen kann. Vielen Dank Herr Steinhöfel!  

Sonntag, 26. Dezember 2021

Guus Kuijer - „Wir alle für immer zusammen" (2002), 89 Seiten: Brutal gut.



Es gibt immer eine Luft
für meine Schlösser
und es gibt immer auch ein Plätzchen

für Polleke, mein Schätzchen. (S.26)


Stopp.


„Polleke", sagte Spiek, „kommst du mit mir mit ans Ende
der Welt?"
Das Ende der Welt. Ich sah mich neben Spiek hergehen.
Mein Kälbchen Polleke hatte ich an einem Band. Wir stie-
gen über einen hohen Berg. Da lag Schnee, aber es gab auch
Blumen. Menschen in seltsamen Kleidern winkten uns zu.
Der Himmel war blau und wir sangen den ganzen Tag. Es
war so etwas wie ein Traum.
Ich wachte auf und sah Spiek an. Du bist lieb, Papa, dach-
te ich, aber du musst allein ans Ende der Welt.
„Nein, Spiek", sagte ich. „Ich bleibe bei Mama."
„Du willst doch Dichterin werden, oder?", sagte er.
»Ja", sagte ich.
»Ich komm mit tausend Gedichten zurück", sagte er.
Ich glaubte ihm, aber nicht mehr ganz so wie früher.
»Ich werd immer mehr haben als du", sagte ich.
»Wieso?", fragte er.
» Weil ich schon angefangen hab, Papa, und du nicht."

Ich küsste ihn und ging nach Hause. (S.56)




Was für ein Buch! Im Kern geht es in dem nur 89 Seiten umfangenen Buch des Niederländischen Autors Guus Kuijer


um Polleke und deren Vater Spiek. Spiek ist Dichter, sagt er und Polleke glaubt es. In Wahrheit ist er Träumer und bekommt leider nichts gebacken. Und das versteht die Elfjährige Polleke auch, Schritt für Schritt. Am Ende gibt sie ihm sogar den Laufpass und wendet sich den Menschen zu, die sie hegen und pflegen. 

Guus Kujier erzählt die Geschichte eines Mädchens aus einer geschiedenen Familie in einer multikulturellen Klasse. Sie ist verliebt in einen Muslimen, ihr Lehrer verliebt sich in ihre sehr temperamentvolle Mutter, ihr Vater hat wirklich gravierende Existenzprobleme (Drogen und Fuß fassen im Arbeitsleben), ihre Großeltern väterlicherseits sind für sie da. Sie denkt über alles nach: Über ihre Mutter, den Lehrer, die Liebe, Gott, die Umwelt und Verantwortung. Für mich besonders interessant, da es in dem Buch auch viel um eine Kuh geht, die Polleke zur Obhut von ihrem Opa geschenkt bekommt. 

Das Buch ist knallhart, poetisch, komisch und bedeutungsvoll vom Inhalt. 

Es ist aber auch unterhaltsam geschrieben, indem in einer Art Montagetechnik z.B. immer wieder kleine Gedichte Pollekes, Zettelchen der Schüler untereinander, Brief und dergleichen Abwechslung in die ansonsten aus der Ich-Perspektive erzählte Geschichte bringen. 

Fazit: Ein wirklich außergewöhnliches Buch, das ich jedem ans Herz legen wollen würde. Obwohl...oder gerade weil es kein Kuschelkinderromantik-Wohlfühl-Weichspüler-Buch ist. "Erwachsene müssen auf sich selbst aufpassen" (S.68)

 

 

Sonntag, 15. November 2020

Heiß wie Neostahl: Blizzard spendiert seinem Meisterwerk grandiose Kurzgeschichten!

 


Starcraft II feiert 2020 sein 10-jähriges Jubliäum. Sein Vorgänger, Starcraft, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Echtzeitstrategiespiele, aber auch des Storytellings innerhalb eines Computerspiels und vor allem der spannenden, nie langweilig werdenden Multiplayerschlachten. Zum 10. Geburtstag spendiert Blizzard  ein paar Shortstories. Und die haben es in sich! 


Wer billige Ramschliteratur erwartet, wird enttäuscht. Die Stories von unterschiedlichen Autoren - 18 -50 PDF- Seiten lang - , werfen ganz unterschiedliche Lichter auf die menschliche Seele und das Starcraft-Universum. Und obwohl sie alle so unterschiedlich sind, haben sie doch alle eines gemeinsam und  zwar das, was große Literatur ausmacht: Liebe und Tod. Sie handeln von Menschen, die sich irren, von ihren Träumen, Wünschen, Ängsten, ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Neugierde. Ich möchte mich nicht in Superlativen verlieren, aber Blizzard ist es gelungen, einen Rundumschlag abzuliefern und in bisher jeder der Stories, die ich gelesen habe, greifbare Figuren zu gestalten, die eine Identifikationsfläche groß wie ein Fussballfeld bieten und jeden Leser, selbst wenn er sich wehrt, in ein Universum - ja, es klingt so blöd, aber es ist so - in das Universum der Starcraftwelt zu ziehen. Und natürlich haben die Autoren ihre Hausaufgaben gemacht! Keine Geschichte gleicht der anderen, jede fesselt, jede wirkt, wie wenn ein Autor tief mit der Schöpfkelle in den Kessel der "Wie-schreibe-ich-eine-gute-Geschichte"- Suppe getaucht hat und zeigt, wie lecker man mit bekannten Mitteln, Tricks, Topoi, Archetypen und Motiven eine neue Geschichte kredenzen kann. (Achtung, jetzt kommt Germanisten-Tech-Talk)

Gemeint sind Techniken wie eine  Rahmen- und Binnenhandlung zu erschaffen (z.B. "Das Antlitz des Krieges"), verschiedene Zeitebenen miteinander zu durchmischen (z.B. "Tödliche Säure"), innere und äußere Handlung gleichermaßen zu berücksichtigen, Dialoge, Innere Monologe, unerwartete Gedankeneinbrüche, Bordcomputergebrabel und alles andere, was Kommunizieren kann, einzuarbeiten, die große Geschichte einer skrupellosen Diktatur mit kleinen Einzelschicksalen zu verweben (z.B. "Die Dompteurin" oder "In der Dunkelheit" oder "Der Auftrag"), Elemente der klassischen Tragödie mit der Form der Kurzgeschichte zu kreuzen (Offener Anfang, in medias res, Enthüllungsdramaturgie, hamartia und vermeintliche peripetie, Höhepunkte, Wendungen, Katastrophen und offene Happy Ends), personale und auktoriale Erzählebenen zu verknüpfen und und und.... (Ende des Germanisten Tech-Talks)

Dabei wirkt das eben nicht "billig" wie in einem Groschenroman - zumindest habe ich lange Zeit keinen mehr gelesen. Ich vermute, jeder Leser wird die Geschichten - egal wie er tickt mindestens mit der Phrase "Die haben ihre Hausaufgaben eben gut gemacht" bewerten. Das Spektrum kann aber auch gut und gerne bishin zu verzückten Ausschweifungen und Anbetungen dieser kleinen, kunst-mühe- und liebevoll gewobenen Kleinode führen. 

Wie auch immer - ich lese diese Geschichten sehr gebannt! Sie sind fesselnd erzählt und Dranbleiben lohnt sich. Selbst wenn die ersten 10 Seiten manchmal seltsam anmuten - mir ging es so bei "Der Auftrag" - am Ende hat mich keine der Kurzgeschichten unbefriedigt zurückgelassen! 

Neugierig? Hier gehts zum Download der kostenlosen Shortstories

Außerdem kann ich "Neulingen" die opulente, fantastische, epische Story der Einzelkampagnen auch nur wärmstens empfehlen. "Herr der Ringe" - "Game of Thrones"- die Story der Blizzard Schmiede braucht hier keinen Vergleich zu scheuen. Die erste der insgesamt drei Kampagnen gibts auch kostenlos zu spielen (hier durchklicken).

Wer sich tiefer hineingraben möchte findet hier englischsprachiges Fan-Wiki-Wissen.

Sonntag, 24. Mai 2020

Hart aber herzerweichender Feelgood-Roman: "Der Hund von Balard" - Ludovic Roubaudi.

"So schön und so traurig wie ein Lied von Edith Piaf", wie das Buch beworben wird, ist der kurzweilige und überschaubare Roman von Ludovic Roubaudi (267 Seiten) wirklich nicht. Der Vergleich hinkt und stinkt nach Werbeslogan und Verkaufszahlen-Kreativität. Aber dafür kann der Autor nichts und wie man so sagt, bleibt er ja an der Türschwelle seines Werkes stehen. Wirken und bestehen vor dem Publikum muss es dann ganz alleine.

Ich schreibe das, weil ich über "Perlentaucher.de" einige Rezensionen zum Buch gelesen habe und diese sehr unterschiedlich ausfallen. Aber dafür gibt es gleich das zweite Zitat von jemand anderem: "Im Theater gilt: Jeder ist sein eigener Columbus." (Bert Brecht) Welche Welten und welches Gefühl hat der Roman also bei mir geweckt? Zugegeben, aufmerksam wurde ich auf das Buch durch ein weiteres Zitat von Anna Gavalda. "Ein Buch, das ich selbst gerne geschrieben hätte." 

Gavaldas Buch "Zusammen ist man weniger allein" ist ein ganz besonderes Buch für mich, dass mich aufgeweckt hat. Und gleichzeitig ist es ein unterhaltsames Buch - docere und delectare, wie es Horaz fordert, ohne dass ich das damals wusste. Und wenn meine "Götterautorin" so etwas über ein Buch aussagt, dann musste ich doch zugreifen! 

Für mich ist der Roman, der im Milieu der schmutzigen Pariser Vororte spielt, im Milieu der Zeltbauer und Angespülten, vom Feeling her ein absoluter Feelgood-Roman - überhaupt nicht traurig. Die Story ist vorhersehbar aber trotzdem so fesselnd von einem Ich-Erzähler wiedergegeben, das Umfeld, in dem die Zirkushandlung angesiedelt ist, so unterhaltsam und tragisch komisch, dass es ein Vergnügen ist, diesem Universum beizuwohnen!
Dabei geht es hart zu in dieser Welt, viel härter, als in meiner und ich bin auch froh kein Teil dieser Welt zu sein - aber umso entzückter vom Wunder der Literatur, die uns in Welten führen kann, die wir so nicht kennen. 

Und so ist die gezeigte Welt hart, man schmunzelt oft über die dargestellte Dummheit einzelner Figuren und ergötzt sich bestimmt in gewisser Weise am Voyeurismus in der Welt der Benachteiligten und von der Gesellschaft vergessenen (GTA für Gute?). Es ist, wie wenn man einen Boxkampf miterlebt, ohne die Schmerzen zu empfinden. Voll drinnen in einer Welt, die dem Ottonormalleser eigentlich zu hart ist. Denn an manchen Stellen wird hart ausgeteilt in diesem Roman. 
Dabei lernt man wenn man den Roman liest etwas über Jumbo, den Elefanten nach dem auch heute noch alles gigantisch Große benannt wird, man lernt viel über Tiere und Zirkustiere, über Zelt- und Bühnenbau, etwas über Männer- und Frauenklischees, doch kaum etwas über die Liebe. 

Besonders gut gefallen hat mir ein Kapitel über das Arbeiten über das normale Maß hinaus und gegen die Müdigkeit: Die Jungs im Buch müssen innerhalb einer Woche ihr Zelt aufbauen - Innen und Außen und gleichzeitig in einer Konzerthalle arbeiten. Sie schlafen kaum und Roubaudi beschreibt sehr nachvollziehbar für mich - Team Gastro Afrikafestival ;) - was passiert, wenn die Müdigkeit mit an Board ist. 





Sonntag, 17. März 2019

„Ein Sommer am See" (2014) Mariko Tamaki und Jillian Tamaki

Die erste Graphik Novell mit dem deutschen Jugendbuch-Literaturpreis!
Ich verstehe den Jugendbuch-Literaturpreis als Empfehlung, seit Lian Hearns „Das Schwert in der Stille", das ich las, ohne zu wissen, dass es für diesen Preis prämiert war, und von dem ich so begeistert war und bin wie von kaum einem anderen Buch, traue ich dem Geschmack der Jury hinsichtlich der Beurteilung stilistisch ansprechender und inhaltlich berührender Werke.


Der Inhalt (ohne das Ende zu verraten)

In „Ein Sommer am See" geht es um eine Familie, die ihren jährlichen Sommerurlaub an einem großen Badesee im fiktiven Urlaubsort Awago Beach verbringt. Seit Rose fünf Jahre alt war, fahren sie, ihr Vater und ihre Mutter jährlich dorthin und treffen auf altbekannte Gesichter:
Rose hat eine beste Ferienfreundin mit dem Namen Windy. Sie lebt mit ihrer lesbischen Mutter zusammen, deren Mutter ebenfalls zu Besuch kommt. Eingekauft wird im Dorfladen, der auch einen DVD-Verleih betreibt und Anlauf- und Treffpunkt für die Dorfjugend ist.
Die Graphik Novell beginnt also mit der Anreise der Familie in dieses Urlaubsparadies. Sie beziehen ein Ferienhaus und alles scheint bereit für eine Zeit voller Erholung, Familienharmonie, Sonne, Baden und eleganter Langeweile. Oder?

Schnell entpuppt sich, dass die Idylle ihre Risse hat. So entfalten sich verschiedene Konfliktfelder im Feriendorf und vielmehr werden verschiedene Konflikte durch den Ort Awago Beach, der sie alle für die Dauer eines Sommerurlaubs zusammenbringt, durch die Augen der Hauptfigur Rose offensichtlich.
Irgendetwas ist mit Roses Mutter, was auch die Beziehung zu ihrem immer gut gelaunten Vater belastet. Rose verliebt sich in den Jungen, der im Dorfladen arbeitet. Der wiederum hat Gerüchten zufolge eine Jenny aus dem Dorf geschwängert, was aber nur ein Gerücht ist, und beide haben Probleme, damit umzugehen.
Ihre etwas jüngere Ferien-Freundin Wendy wächst alleine mit ihrer Mutter und der Oma auf. Hier scheint die Welt noch heil zu sein. Ihre Mutter ist lesbisch.

Die Wirkung / das Besondere an „Ein Sommer im See": 

Dem Duo gelingt es unglaublich gut, Stimmungen einzufangen! Das Buch ist meistens in 4-6 Pannels pro Seite aufgeteilt, in denen munter und scheinbar zusammenhanglos geplaudert wird. Aber immer wieder, gerade dann, wenn man nicht damit rechnet, wird man überwältigt von einer Doppelseite, in der die gesamte Handlung stoppt und ein Moment eingefroren wird, was enorme Wirkung entfaltet!
Sei es Rose, die in ihrem Bett abgammelt oder Wendy am Tanzen um Rose, sei es
Unterwasserspaß...diese drei Doppelseiten haben mich gecatched und ich werde an sie denken, wenn ich an „Ein Sommer im See" denke und ich werde sie nicht vergessen.
Auf der anderen Seite ist das Buch - zumindest für meine Verhältnisse - sehr offen. Jugendsprache, lesbische Beziehungen, ungewollte Schwangerschaft - alles Themen, die noch vor nicht allzulanger Zeit tabu waren. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, was natürlich auch nicht auffallen muss: Die Macher der Graphik Novell scheinen auch lesbisch zu sein. Ein zweiter Blick offenbart: Nein, es sind Cousinen :P

offener Aufbau:

Dennoch muss man damit zurechtkommen, dass das Buch nur Einblicke in Konflikte anbietet, aber keine Lösungen, zumindest keine vollständigen. Das Buch endet wie es beginnt, aber die Konflikte schwelen weiter. Es müsste nachbesprochen oder besprochen werden: Wie geht man mit einer unklaren Verhütungssituation um? Wie geht man mit Problemen in der Familie um? Hier ist viel Diskussions- und Redestoff!

Hier ein Artikel im Tagesspiegel
und hier ein anderer Artikel, der sich mit dem Gefühl "Preteen" zu sein auseinandersetzt

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Ein Stückchen Geschichte - Warum man "der Trafikant" gut lesen kann!

Warum man den Trafikanten von Robert Seethaler gut lesen kann, das soll im Folgenden kurz beschrieben werden. Dabei möchte ich kurz auf den Inhalt eingehen und dann - ganz unwissenschaftlich und subjektiv beschreiben, was das Buch in mir ausgelöst hast. 

Zunächst zum Inhalt: 

Geschrieben wird die Geschichte aus Sicht eines auktorialen Erzählers, der sich vor allem an die Versen seiner Figur Franz Huchel heftet, einem Jugendlichen, der aus dem Salzkammergut - tiefste Provinz Österreichs am Attersee - in das moderne, großstädtische Wien des Jahres 1938 kommt, um dort eine Ausbildung zum Trafikanten anzutreten, weil der Besitzer des Ladens der Mutter, die durch einen tragischen Unfall ihres Finanziers in Geldnöte geraten ist, ihr noch einen Gefallen schuldet. Franz trifft auf seiner Entdeckungsreise  in diesem schelmenhaften Bildungsroman auf den Trafikanten, niemand geringeren als Professor Dr. Sigmund Freud, ein tschechisches Mädchen names Aneska, die Gestapo, den Mitläufermetzgernachbarn und einige andere Figuren. 
Themen des Romans sind natürlich die Liebe mit ihren Verwirrungen und vor allem der Einbruch des Faschismus in die Welt des unbedarften und unschuldigen Franz, Randaspekte das Altern und die Krankheit Sigmund Freuds. Spoilern möchte ich nicht allzu sehr. 

Was hat das Buch in mir ausgelöst? 

Zunächst einmal viel Freude! Nach einem etwas beschwerlichen Start, wie bei so vielen anderen Büchern auch, kam ich schnell in die Sprache des Autors hinein. Diese ist sehr erzählerisch, plaudernd, gespickt mit Bonmots und Sentenzen, wie zum Beispiel derjenigen, dass man Semmeln nicht wegen des Geschmacks kaufe, sondern um satt zu werden. Ähnlich sei es bei Zigaretten im Vergleich zu Zigarren. Gleichzeitig erscheint der Roman perfekt recherchiert - an keiner Stelle merkt man, dass der Roman nicht aus der Zeit, die beschrieben wird, selbst stammt, sondern aus den 2000ern. So bildhaft taucht Wien, die Trafik, der Prater, die Varietéshow und die übergriffigen Diffamierungen gegen die Trafik vor dem inneren Auge auf, dass man ganz hineingezogen wird in eine andere Zeit. Erinnert hat mich das Buch von der Erzählkunst her an "Das Parfüm", in "gut", weil ich diesen Roman aus irgendwelchen Gründen nicht so besonders leiden mochte - mag es sein, dass ihm das tiefgreifende Thema fehlt, wohingegen jener die Gräuel des Nationalsozialismus ungeschminkt an die Wand pinselt und damit eine Relevanz hat - die Erinnerung desjenigen, was man nie vergessen sollte in Erinnerung zu behalten - die dem "Parfum" fehlt. Andererseits fühlte ich mich etwas an Thomas Mann erinnert durch das auktoriale, das leicht Staubige und Museumshafte, was auf den Sätzen zu liegen scheint und dem Buch die Feinheit und Kostbarkeit einer kleinen, goldenen Taschenuhr aus just jener Zeit verleiht. 
Gegen Ende des Romas muss ich gestehen, hat ich die Lesefreude ein wenig verlassen. Mag es an der Tristesse des Sujets liegen, die einen nicht mehr so gern zum Buch greifen lässt, mag es das holzschnittartige der Figur des Franz sein, der in seiner Rolle als Einfaltspinsel mit gutem Herz und gutmütig ein wenig zu bekannt und berechenbar agiert. Spoilern will ich jetzt immer noch
nicht.

Großartig sind dagegen viele Szenen, auch für sich und im Zusammenhang des Werks betrachtet. 
Am meisten Eindruck hat die Szene in der Metzgerei bei mir hinterlassen. Und ja, der Inhalt des Romans hat mich berührt und berührt mich, wenn ich ihn an mich heranlasse. 

Der Nationalsozialismus, bzw. jeder Faschismus ist grauenhaft, seine Verbrechen gegen die Menschen dürfen niemals vergessen werden und es ist eine Schande, dass es die AfD gibt und Gauland und Menschen, die das Holocaustdenkmal als "Schandfleck im Herzen Berlins" bezeichnen dürfen. In einem Kommentar habe ich gelesen, dass die AfD Funktionäre, die so unbescholten und naiv mit der brauen Vergangenheit Deutschlands kokettieren - sei es aus Naivität oder aus Erwägung als Strategie, um an politische Macht zu gelangen - sie sollten jedenfalls in Dachau oder Auschwitz, Sachsenhausen oder Buchenwald oder wo auch immer eine Art Bufti-Dienst absolvieren, am besten in den Gaskammern oder dem Trakt, der sich mit Dr. Mengele beschäftigt - bis sie verstehen, wie böse der Faschismus ist. 










Mittwoch, 3. Januar 2018

Die Krise(n) des modernen Menschen

Viel kann über den modernen Menschen geschrieben werden. Woran leidet er? Hier eine grobe Skizzierung verschiedener Umstände.


  1. Leistungsgesellschaft und Leistungsdruck führt in einen Teufelskreis: der Mensch soll funktionieren, NICHT fühlen; emotionale Menschen sind benachteiligt in einer wissenschaftlichen und kalten Welt
  2. existenzielle Krise: es gibt keinen immanenten Lebenssinn. Insofern fehlt dem Menschen Halt, er führt ein an sich und in sich instabiles Leben ohne ein festes Grundgerüst und in Fragwürdigkeit
  3. Zerstörung überlieferter Wertesysteme: Gaben früher Christentum oder allgemeine Tugenden im Geistes Humanismus eine Orientierung, so sind diese nun in Frage gestellt oder relativiert. Die Extreme gehen weit auseinander - Konsum oder Geist und Verzicht? Ein schönes Leben oder ein gutes Leben? Wer ist heutzutage noch hochkulturinteressiert? Zu beobachten ist eine Verrohung der Gesellschaft. 
  4. er lebt in einer unüberschaubaren, globalisierten Konsumwelt, die im Gesamten nicht zu verstehen oder zu erfassen ist. Das Individuum ist überfordert mit der Situation; die Welt wirkt bedrohlich, hektisch, schnelllebig, man hat die Angst, den Anschluss zu verlieren oder Angst in der Masse unterzugehen
  5. Die Situation der Welt im Gesamten: Kriege, Hungersnöte, Seuchen, die Unfähigkeit des Einzelnen Einfluss auf Weltgeschehnisse zu nehmen, das Gefühl ausgeliefert und hilflos zu sein
  6. Das elementare Bedürfnis, zwischenmenschlich angenommen zu werden und Schwierigkeiten mit Gefühlen umzugehen; Frust kann in sich hineingefressen werden, Risiko Gefühle zu zeigen: was, wenn sie nicht angenommen werden? (requieted love = unerwiderte Liebe)

Freitag, 24. März 2017

Aufruf zur Inventarisierung!

Ich mag die Stille, die Ruhe in Gedanken
Mehr als das Hin und Her von Geldströmen zwischen Banken
Mehr als die Bewegung, die sie in Menschen bringen
Für Ausbeutung und Profit, nur zum eigenen Gelingen

Ich mag Projekte, von Menschen für den Menschen
In denen wir die Hand reichen anstatt uns zu bekämpfen
In denen wir uns helfen und wir einander sehen
Geistig dadurch begreifen, wofür wir eigentlich stehen

Für mitleidlige Wesen, Wesen mit Empfinden
Mit Sozialfähigkeit und Essen und Trinken
Wir sehen mehr als der Fisch, Als der Affe im Baum,
als der Vogel in der Luft Doch wir verstehen uns kaum


Schaun weg von unsrer Natur unsrer Einzigartigkeit
von unserm Auftrag unsrer Zukunftsfähigkeit.
Unser höheres Bewusstsein knechten wir im Streit
In Neid und Hass und Gier und anderer Seltsamkeit.

Was verstellt uns den Blick? Was macht uns zu Primaten?
Warum ruft niemand: Stopp, Jo, lasst mal alle warten!
Lasst uns überdenken, was wir hier eigentlich tun.
Sollten wir nicht längst umlenken oder lieber gar nichts tun?

Was bedeutet Fortschritt mehr, als „Das Hamsterrad wird schneller“?
Wer beherrscht hier wen? Warum essen wir vom Teller?

-
Die Maschinen werden schneller, nicht aber die Menschen.
Die Maschinen werden klüger, nicht aber wir Menschen.
Die Tiere bleiben gleich, und was tun wir Menschen?
Wir reden schnell und viel doch stehn da mit leeren Händen.





 






Sonntag, 11. Dezember 2016

Kurz vor Zwölf ?! Michael Endes Wunschpunkt bringt Umweltethik auf den Punkt!

Inhalt:

Der Schwarzmagier Beelzebub Irrwitzer hat ein Problem: er läuft Risiko vertragssäumig zu werden, denn all seine ungemeinen höllischen Zauberkräfte hat er nur unter der Bedingung gekommen, zehn Tierarten auszurotten, fünf Flüsse zu vergiften, eine Seuche unter die Menschheit zu bringen und tatkräftig am Klimawandel mitzuwirken, damit noch mehr Überschwemmungen und Dürreperioden den Planeten schütteln.

Nun ist es nicht so, dass Irrwitzer unfähig ist. Aber er hat getrödelt und das lag daran, weil ihm ein tierischer Spion, der Kater Mauricio, vom Hohen Rat der Tiere ins Haus gesetzt wurde. Der hemmte Irrwitzers Tempo, denn der Magier sah sich veranlasst, dem Kater heile Welt vorzuspielen und ihn zu vertätscheln anstatt rigoros seinem Vergiftungsprogramm nachzugehen.
Den höheren Kräften ist das natürlich egal und so hat Irrwitzer nur noch die wenigen Stunden bis Mitternacht, um seine Säumnisse aufzuholen.
Die Rettung naht, als seine Tante Tuty sich unvorangemeldet einlädt. Sie hat das gleiche Problem aber auch die Hälfte der Lösung im Gepäck: Das Rezept für den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch. Ebenfalls bringt sie einen Spion des Hohen Rats der Tiere mit, den Raben Jakob Krakel.

Was folgt ist ein doppelbödiges Täuschungs- und Versteckspiel voll komischer und tiefsinniger Situationen in denen Irrwitzer und seine Tante einerseits versuchen, den Wunschpunsch herzustellen und Jakob und Maurizio andererseits die Welt zu retten.


Kommentar:

Michael Ende lieferte 1989 einen großartigen Wurf ab: Ein fantastisches, humoristisches und absurdes mehrfachadressiertes Märchen mit Mitteln der Parabel, in dem unter anderem die Themen Freundschaft, Identität, Umweltzerstörung und menschliche Verantwortung(slosigkeit) im Gebrauch von Wissenschaft und Wirtschaft, die philosophische Haltung dazu, Unterdrückung und Revolution behandelt werden.

Das Genre: 

Da Tiere sprechen, Steinfiguren lebendig werden, Zauber- und Magie walten, der Ort und die Zeit relativ unbestimmt und ewigkeitsgültig gelten dürfen und die Figuren auch wie Archetypen wirken, deutet vieles darauf hin, dass es sich bei dem Buch in erster Linie um ein Märchen handelt. Eingebaute Rezepte, Zaubersprüche, Gedichte und Lieder lockern den Text auf.
Man kann das Märchen aber auch als Parabel lesen, denn in der Geschichte wird dem Leser eine Situation angeboten, die er entschlüsseln muss, um eine andere Handlung zu erkennen. Der Bildebene steht eine zu entschlüsselnde Sachebene gegenüber.
Hinter dem Text verbirgt sich eine beissend komische Kritik an der menschlichen Ethik gegenüber der Umwelt. Irrwitzer und Tante Tyti entpuppen sich als Vertreter der Menschheit. Dabei steht Irrwitzer für die Wissenschaft und Technik, wohingegen Tyti die Wirtschaft präsentiert. Der Roman spielt vor, wie skrupellose Forschung und profitorientierte Investitionsfreude die Umwelt zerstören. Er entlarvt diese Mechanismen zum einen und wirkt damit klar aufklärerisch. Zum andern wirft er die Frage auf, welche Ethik und welche Taten die Zerstörung der Erde aufhalten können. Ein dritter Boden entsteht durch die Zeitsetzung der Geschichte. Es ist kein Zufall, dass die Handlung um kurz vor zwölf ansetzt, denn wir alle kennen das Sprichwort "es ist kurz vor zwölf", das Eile gebietet und uns ermahnt, rasch eine Lösung für ein Problem zu entwickeln.
Es wurde nun klar, dass das Buch sowohl märchenhafte als auch parabelhafte Züge trägt. Dennoch zählen Märchen und Parabel eigentlich zur Gattung Kurzepik. Da das Buch in der Taschenbuchausgabe gut 200 Seiten zählt, muss das Werk im gesamten aber als märchen- und parabelhaften Roman klassifizieren.
Geht man einen Schritt weiter, lassen sich aber auch viele Gestaltungsmittel der Satire in dem Text finden: Er prangert auf ironische, überspitze und humoristische Weise das Verhalten der Menschen gegenüber der Natur an, lehrt uns Heldenhaftigkeit und wahre Freundschaft, polemisiert gegenüber Raubtierkapitalismus und tatenloser Philosophie und ist dabei unterhaltsam.

Zusammengefasst kann man also von einem märchen- und parabelhaften und satirischem Unterhaltungsroman sprechen. Durch den Verzicht auf explizite Gewalt lässt er sich auch in die Reihe der Kinder- und Jugendliteratur einordnen. Doch durch seine brisante Thematik und die philosophische Doppelbödigkeit ist das Werk auch an Erwachsene adressiert.

Besonderheiten: 

Besonders ist in dem Buch, dass die erzählte Zeit und die Erzählzeit nahezu deckungsgleich sind. Anstatt von Kapiteln werden dem Leser Uhrzeiten genannt. Der Roman beginnt gegen 17:00h und endet gegen Mitternacht. Die erzählte Zeit erstreckt sich als auf etwa sieben Stunden, was wiederum etwa der Zeit entspricht, die man braucht, um den Roman zu lesen.

Die Illustrationen von Regina Kehn im Buch geben Zeit, das Auge ruhen und entdecken zu lassen und sprechen einen anderen, als den kognitiven Sinn an.

Ein besonderes Schmanckerl in dem Roman ist Michael Endes derbe Kritik an Marcel Reich Ranicki, der als "Büchernörgli" in dem Roman auftaucht.

Zitate: 


„Wir Leute aus der vornehmen Welt“, so hatte er (Maurizio) dem Zauberer öfters erklärt, „wissen eben, worauf es ankommt. Auch im Elend halten wir das Niveau“ (Maurizio)

"In der Ewigkeit", sprach er, "leben wir jenseits von Raum und Zeit. Es gibt kein Vorher und Nachher und auch Ursache und Wirkung folgen einander nicht, sondern sind ein immerwährendes Ganzes. Darum kann ich euch jetzt schon den Ton schenken, obgleich er erst um Mitternacht erklingen wird. Seine Wirkung wird der Ursache vorausgehen wie bei so vielen Gaben, die aus der Ewigkeit stammen" (St. Sylvester
Fazit: 
Unbedingt lesenswertiges Kultbuch mit Aktualität hinsichtlich epochaltypischer Problem- und Fragestellungen. Lesen, lesen, lesen!


Zur Parabeldefinition: Parabel
Zur Satirendefinition: Satire

Samstag, 2. April 2016

Wes Anderson's Werther-Studie: Rushmore und die Leidenschaft.





Max Fischer and Mrs. Cross: Ihre Beziehung und die Entwicklung davon ist die Achse des Films. 

Inhalt:

Der äußerst talentierte Gründer und Vorstand vieler Schulklubs, Max Fischer, sucht nach Aufmerksamkeit Erwachsener. Seine Peers scheint er bis auf einen sehr sehr jungen Mitschüler der Primary School nicht für voll zu nehmen. Dann verliebt er sich in die Grundschullehrerin Mrs. Cross. SPOILER: Außerdem lernt er Herman Blume (Bill Murray) kennen, der sich aber selbst in Mrs. Cross verliebt. Wütend geht Herman in die Offensive und ein kleiner Rosenkrieg entsteht. Max kehrt zurück zu seinem Vater, der Friseur ist, und lernt die neue Bindung zwischen Mrs. Cross und Hermann zu akzeptieren. Nachdem er aufgrund seines impulsiven Charakters von der Elite-Schule in Rushmore geflogen ist, integriert er sich zuletzt in seiner neuen Schule und seinem neuen sozialen Umfeld. 

Kommentar zu Max unter Berücksichtigung der Charaktertypologie des Sturm und Drangs.

Es ist keine einseitige Liebe, die entsteht, aber Mrs Cross nimmt die gesellschaftlichen Konventionen als Grundlage für ihre Handlungsmuster, wohingegen Max ganz und gar individuell und unreflektiert handelt: ein reiner Vernunftmensch, der sich an KEINE Konventionen seiner Umwelt hält. Vernunft im Sinne von Kant "Der bestirnte Himmel über mir und [NICHTS als] das moralische Gesetz in mir".

Scheißegal, was die Konvention sagt. Scheißegal, was die Gesellschaft sagt. Max empfindet reine Liebe und verabsolutiert sein empfinden. Wenn er nur auf sein Herz hört, warum tut es Mrs Cross nicht auch, scheint er sich zu fragen. Diese junge und ungestüme Liebe führt zu einem zynischen Rosenkrieg mit dem vorherigen ebenfalls viel älteren Freund, gespielt von Bill Murray. Und sie muss lernen, diese Liebe. Max entwickelt sich. Er nimmt die Schule ernst, er respektiert die platonische Beziehung zu Mrs. Cross, er öffnet sich einer Gleichaltrigen, für die er überhaupt keine Augen hatte. 

Neben der Entwicklung von Max, der Hauptfigur des Films ist, und seiner jungen, leidenschaftlichen Liebe, handelt der Film aber auch von anderen Lieben, die Bewegung in die Menschen bringt: Eine neue Liebe bei Herman Blume (Bill Murray) neben einer verloschenen Liebe und eine suchende Liebe nach einer durch den Tod des Partners beendeten Liebe bei Mrs. Cross (Olivia Williams) und die verschüttete Liebe zwischen Vater und Sohn in Max Familie. Sie alle gehen das Martyrium der Liebe durch, um ihre Lektionen zu lernen und einen respektvollen Umgang miteinander zu finden. 
Und im Gegensatz zu einem klassischen Sturm und Drang- Charakter entwickelt sich Max. Seine Leidenschaft wird nicht die "Krankheit zum Tode". Sie reift. Er streift sie ab. Lässt sie hinter sich, so dass sie ihn nur noch wie sein Schatten begleitet. 
Der Film ist also eine Studie über den Umgang mit den eigenen Emotionen. Max, der Steigbügelhalter für eine neue Beziehung wird, verlässt das Stadium des Zorns, der Wut und Trauer. Er geht versöhnlich und konstruktiv mit seiner Niederlage auf dem Schlachtfeld der Liebe um. 


Psychoanalytische Interpretation

Die Unmenge an Hobbies und Klubs von Max und seine Theaterambitionen lassen sich als Kompensation zum Verlust der Mutter in der frühen Kindheit (7 Jahre alt) interpretieren. Er baut sich eine Scheinwelt auf als Refugium. Die reife Frau, in die er sich verliebt, steht zwischen Mutter und Geliebten. Sie kann also als Mutterersatz gedeutet werden. Ähnlich ist es bei Mrs. Cross: auch sie hat ihren Partner durch den Tod verloren. Sie sucht Kompensation, einen neuen Partner. Dabei landet sie über den Umweg von Max bei Herman Blume. 


Montag, 28. September 2015

Alter Hase mit frivolem Stil - Joachim Fuchsberger: "Denn erstens kommt es anders..."


In einem Satz: weitreichende Autobiographie des Schauspielers, Showmasters und Fernsehproduzenten Joachim Fuchsbergers, beginnend mit den Schatten des Zweiten Weltkriegs als Luftraumbeobachter und Fallschirmguerillia, über die Zeit nach dem Krieg und die wilden Anfänge im Showbusiness, bishin zur Entdeckung der Liebe, des Segelfliegens, der Krankheit und des Leids hin zu einem Lebensabend in Australien in selbstbewusstem, süffisantem Stil. 

Prädikat: Unterhaltsam und breitgefächert.

Sonntag, 27. Juli 2014

Auf Andersens Spuren - Cees Nooteboom: In den niederländischen Bergen


Cees Nooteboom: Der niederländische Erfolgsautor, Liebling von Rüdiger Safranski, Berücksichtitgter in der SZ "Meisterwerke-der-Weltliteratur"- Reihe, Held der Langsamkeit, Kosmogonie, Lakonie, des Abschweifens, der Erzählung und der Beschreibung und irgendwo zumindest eine Zeit lang mein Lieblingsautor.

In Schloss Blumenthal im dortigen Sharing-Schrank wartete ein weiteres Buch von ihm auf mich. "In den niederländischen Bergen". Ich dachte erst, es handle sich um eine seiner zahlreichen Reisebeschreibungen, da ich den Titel nicht kannte, sehr wohl aber wusste, dass Nooteboom auch als Reiseautor viele Texte veröffentlicht. Aber nein, bei dem Buch handelt es sich um einen märchenhaften Roman.

Eigentlich ist er mein Lieblingsautor. Kein anderer versteht es, wie er, die Dinge in ein magisches Licht zu rücken, dabei selbstironisch voranzuschreiten, autopoetische Kunstgriffe in sein Werk einzustreuen und nebenbei eine Partie Pingpong mit allen großen Namen der philosophischen Weltliteratur in seinem Werk mit einzuflechten.

Nach Allerseelen, dem großen Berlinroman, den meine Schwester in ihrer Abschlussarbeit im Deutsch LK beschreiben musste, dem Gedichtband So könnte es sein, den mein alter Freund Jens mir einmal in die Hand gedrückt hatte, Die folgende Geschichte, Rituale und einer Brüsselbeschreibung im Merian nun also neues Wasser auf den Mühlblättern der Cees Nooteboom Rezeption.

Worum geht es? 

Das Buch hat zwei ineinander verwobene Handlungsstränge. Zum einen geht es um die Trennung eines optisch perfekten Liebespaars (Lucia und Kai), das sein Überleben mit artistischer Kleinkunst bestreitet,  durch eine kriminelle Bande im Süden der Niederlande.
Zum andern geht es darum, dem fiktiven, spanischen Autor (Tiburon) über die Schulter zu schauen, während er den Roman in einer spanischen, leeren Grundschule verfasst.
Die Geschichte ist dabei leicht an Andersens "Schneekönigin" angelehnt. Die Geschichte, in der Kai einen Eissplitter im Auge hat und von der Schneekönigin entführt wird, bis ihn seine junge Freundin unter abenteuerlichen Bedingungen rettet.

Wie ist es erzählt?

Cees Nooteboom setzt mit Tiburon eine Zwischenfigur als Erzähler ein, zwischen sich und seine Narration. Ein Zwischenerzähler. Ihm kann er alle Gedanken in den Mund legen, die er vielleicht selbst hat. Und jener kommentiert fleissig, ist auktorial und zeigt auch deutlich, dass die Geschichte aus seiner Feder stammt. Dabei oszilliert die Figur des Tiburon zwischen rhetorischer Finesse und Selbstmitleid, interessanten Zwischenrufen und selbstgefälligem Wissensauspacken. Erwähnenswert ist auch die immer wieder stattfindende Sprachreflektion in dem Buch.
Durch seine permanenten Unterbrechungen des Erzählflusses wird der Roman mit der Zeit zum Erzählexperiment. Die erzählte Zeit umfasst in etwa die zweier Monate, das Buch selbst ist in verschieden lange, durchnummerierte Kapitel unterteilt.

Wie war das Leseerlebnis? 

Vielschichtig. Anfangs ließ ich mich nach einer schwerfälligen Einleitung, die den Norden und den Süden der Niederlande beschreibt, begeistern vom halboffenen Stil des Romans, in dem Erzählung, Kommentar und philosophische Reflexion mühelos ineinander übergehen. Bis in etwa zur Hälfte des Romans - als Leser tappt man noch im Dunklen und fragt sich: "Ist das nun tatsächlich eine Andersen- Adaption?" - hält Nooteboom das auch gekonnt durch. Doch nachdem Lucia sich Anna, der Clownfrau angeschlossen, und Kai im finstren Schloss der "Eiskönigin" gelandet ist, beginnt meiner Meinung nach die Erzählung zu zerfallen. Zu groß werden dann die Ergüsse des Autors aka Tiburon über Gott und Religion, was ein Märchen ist und was ein Mythos, so dass er vor lauter Wissensauspacken das Erzählen ganz vergisst. Beinahe lapidar wird dann das Ende der Geschichte hingeworfen.
Was also außergewöhnlich gut begann, wird am Ende leider eher wirr und zerfasert.

Fazit

Eigen, aber durchaus lesenswert, gerade die ersten Hälfte. Dann leider abnehmend im Detail und selbstverlierend.

Leseprobe:




"Zudem war nun eine Zeit angebrochen, in der Dinge, die sich durch den Körper ausdrüclen lassen, ohne die Einschaltung der Elektronik und im peinlichen Beisein anderer Köroer gewissermaßen ungültig wurden. Jede Gebärde sollte in möglichst vielen Wohnzimern der Welt gleichzeitig gesehen werden, von Menschen , die in diesem Moment
nicht dabei waren; und auf den natürlichen Klang der menschlichen Stimme reagierte man gereizt, als fehlte diesem Geräusch oder dem eigenen Gehör plötzlich, zum ersten Mal seit der Schöpfung, etwas Wesentliches, ein Mangel, der in den Jahrhunderten zuvor niemandem aufgefallen war.

Genausowenig wie man zu Hause noch Spiele machte oder, um es deutlicher auszudrücken, miteinander spielte, genausowenig ging man aus dem Haus, um sich das Spiel anderer Leute anzuschauen. Immer mehr Zirkusse mußten schließen, und die Clowns, Illusionisten und Bärenbändiger verschwanden im großen Nichts, wohin ihnen Korbflechter, Straßenschreiber, Schauspieler, Scherenschleifer, Erzähler, Falkner, Schausteller schon vorausgegangen waren. Longinus hatte einmal anläßlich schwacher Stellen bei Herodotus und Theopompus (ein aufgeblasener Name, den ich selbst gerne hätte) davor gewarnt, daß das Sublime leicht durch das Triviale verdorben werden könne; aber wie kann man ein derartiges Stilproblem in einer Geschichte lösen, deren Thema die Korrumpierung des Sublimen durch das Triviale ist? Wir werden sehen, wie das geht. Schließlich kann man, so Horaz, das noch nicht Veröffentlichte wieder vernichten, doch wenn die Wörter erst einmal ausgeschwärmt sind, kann man sie nicht wieder einfangen. Das war damals so, und ist heute noch so. Es ist die Vorstellung von der Vollkommenheit, die mich beim Schreiben dieser Geschichte fortwährend behindert, weil ich vermute, daß heute niemand mehr daran glaubt, am wenigsten mein Verleger in Léon.

Mit Gottes Tod, egal ob er existiert hat oder nicht, ist das Vorbild des Vollkommenen verschwunden. Danach hat die Kunst den nach Seinem Bild und Gleichnis geschaffenen Körper verrenkt, in Flächen aufgeteilt, durchlöchert und verzerrt. Es scheint, als könnten wir Vollkommenheit nicht mehr ertragen, nicht einmal mehr als Idee, weil sie uns wie ein zu oft geträumter Traum langweilt.“


Cees Nooteboom bringt hier alle seine Vorhaben und Eigenheiten an einer Stelle gebündelt zu Papier. Er verrät sein Erzählkonzept und gibt es unverhüllt an den Leser weiter: die Korrumpierung des Vollkommenen und Sublimen (Lucia und Kai) durch das Triviale (Raub, Entführung und Verführung durch Sex mit der Alten oder dem "Screemeranführer"), seine Gelehrtsamkeit (Theopompus und Herodot sind antike Geschichtsschreiber, Horaz, ein antiker römischer Autor) und seine autopoetischen Ästhetikreflekitonen (nach Nietzsches Erklärung, dass Gott tot sei, was als Beginn der Moderne betrachtet wird, kamen in der Kunst Picasso und andere, die die Mimesis und Allegorie oder Glorifizierung zugusten von Zersplitterung (z.B. Kubismus) oder Entstellung, etc. aufgaben). Zudem die typische postmoderne, etwas altmodisch wirkende Gottestrauer in all seinen Werken.



Andere Meinungen:

- http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php?topic=11375.0
In den niederländischen Bergen: Amazon.de: Nooteboom ...
- http://www.kritikatur.de/Cees_Nooteboom/In_den_niederlaendischen_Bergen
- http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sprinter-auf-der-langstrecke-1179849-p2.html