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Freitag, 10. Januar 2025

Call me by your name - quite emotional

"Call me by  your name" -  kunstvoll und sinnlich  knisternde  Phantasie  und Homage über die lebendige Liebe,  subjektive Gefühle, das  Leiden - und  liebevolle Eltern.


Montag, 16. September 2024

Attention 2024 - Kollage Kollectiv




Das schönste Areal der Welt wenn es dunkel wird und man sich frei fühlen möchte, ist der Kulturkosmos Lärz. Heimat der legendären FUSION aber auch Austragungsort für das wundervolle Theaterfestival mit dem Namen "Attention". Neben dem Stück "Diogenes", einem einzigen unglaublichen Wut- und Abrechnungsmonolog, gab es dort auch eine Performance des "Kollege Kollektivs" aus Berlin zu sehen. 

https://kollagekollectiv.com/orbital-debris

Eine Art Spaceshuttle wartet darauf zu starten und mit viel Rauch und Dampf und Krach und Stimmverzerrung ging es dann auch los: Ein paar Lebewesen werden in einer fernen Galaxie an Bord aufgenommen. Doch dann kommt die Polizei, die auf Minimini-Motorrädern angerast kommt, und möchte die Flüchtlinge verhaften und einsperren. Der Crew gelingt es - mit Unterstützung des Publikums - das Böse zu besiegen. "Where're my techno heads?" :) 

Und irgendwas war noch mit Insektoiden! 


Samstag, 14. September 2024

Ein bäuerliches Trauerspiel: "Das Flüstern der Felder" aka "The Peasants" (2023)

Inhalt: 

Das Szenario ist ein Dorf irgendwo im Nirgendwo in Polen mit klaren Hierarchien und Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat: Christlich, verheiratet und hart arbeitend. Irgendwo in der Ferne ein Gutsherr und im Dorf der Schulze, der für Recht und Ordnung sorgen oder vermitteln soll. 

Als Figuren treten der freie Großbauer Boryna auf, der vor kurzem seine Frau verloren hat. Mit dieser hat er zwei Söhne, von denen der ältere, Antek, verheiratet ist und selbst ein Kind hat. Auf der anderen Seite befindet sich die junge, bildhübsche und unverheiratete Jagna, die noch bei der Mutter lebt (Wo ist der Vater? ) und die anderen Dorfbewohnerinnen und Bewohner, so wie der Schmied, der Müller und andere Knechte, Mägde und ein Geistlicher.

Nun will die Mechanik des Dorfs, dass jedermann und jede Frau verheiratet werden. Schlimm genug. Dazu kommt aber auch noch, dass die Heiratspolitik auch Machtpolitik ist, denn über Mitgift und Erbe entscheidet sich, wer welche Position im Dorf hat. (SPOILER ALARM) Das Unglück nimmt dadurch seinen Lauf, dass Boryna sich überreden lässt, Jagna zu heiraten, obwohl diese viel jünger ist. Und Jagnas Mutter stimmt dem Handel geblendet vom Besitz, den sie und Jagna dadurch bekommen (3ha Land) zu. 


Dabei hat die junge Jagna eigentlich nur Augen für Borynas Sohn Antek und dieser wiederum findet Jagna auch nicht schlecht, obwohl er verheiratet ist und Kinder hat. Ach ja, und der Besitz und das Erbe von Boryna - das ist natürlich auch hoch begehrt. (RICHTIGER SPOILER ALARM) Und so kommt, was kommen muss: Der Sohn hasst den Vater, der Vater verstößt daraufhin den Sohn samt Familie, die Frau wirft dem Ehemann vor, dass er nicht für sie sorgt, Jagna ist unglücklich und betrügt ihren Mann mit Antek. Zusätzliche Bewegung in diese eh schon total überhitzte und aufgeheizte Situation bringt der Gutsherr, der auf einmal die Holzrechte an einem vom Dorf gemeinschaftlich genutzten Wald, für sich selbst beansprucht. Der gemeinsame Feind bringt Vater und Sohn wieder näher doch das missgönnende Dorf sucht ein Opfer und beschließt Jagna zu vertreiben.

Kommentar: 

Nach einer Exposition, in der die unterschiedlichen Figuren und ihre Position im Dorfkosmos beleuchtet wird, entspinnt sich ein klassisches Drama mit Vater-Sohn-Konflikt und dem Grundproblemen, dass die Hölle die anderen sind, wie Sartre gesagt hätte (durch ihre Missgunst und ihren "Allzumenschlichen" Drang nach Macht, Geltung und Ansehen) und dass Liebesheiraten eben doch das bessere Modell sind. Wenn überhaupt geheiratet werden muss.  

Jagna laviert irgendwo zwischen Unschuldsengel, Barbiepuppe, die nicht mehr kann als Scherenschnitte herzustellen, und Trophäe in einer Männerwelt zu sein. Boryna ist ein alter Haudegen, hart aber irgendwo auch gerecht, dem Leistung am Ende doch wichtiger ist als Schönheit und Ehe (sonst hätte er sein Geld nicht Maria gegeben) und der das Herz doch am rechten Fleck hat, nur eben diesen einen grossen Fehler begeht (hamartia) sich zur Hochzeit mit der viel jüngeren Boryna verleiten zu lassen. Antek dagegen hat sich nicht wirklich unter Kontrolle. Wild und unbändig, aufbrausend, stolz und blind wütet er durch die Handlung. 

Der Film ist komplex, weil sich die Figurenverhältnisse wandeln. Antek und das Dorf begehren oder verachten Jagna. Boryna verstößt die Familie seines Sohns, um sich ihr dann doch wieder anzunähern. Antek hasst seinen Vater, um ihn dann doch zu retten und zu lieben. Der Schulze sucht seinen Vorteil (und wird von Anfang an als "ekliger", schmatzender Machtmensch dargestellt.) Und auch Jagna lässt mit sich geschehen, gibt sich ihrem "Schicksal" hin, um dann doch wieder aufzubegehren. Leicht haben sie es alle nicht...

Das Besondere

Das Besondere an dem Film nun aber ist seine Machart. Reales Schauspiel wurde mit realen Ölgemälden und AI ergänzt. Das heisst, ein großer Anteil des Films - die Postproduktion - beinhaltete das Nachmalen oder Übermalen und Ergänzen der Szenen aus dem Film, so dass das Endresultat ein einziges ineinanderfließendes Ölgemälde zu sein scheint, voller atemberaubender Details und Portraits aber genauso voller atemberaubender idyllischer oder beängstigender Landschaften. Viele zeitgenössische reale Ölgemälde dienten dabei auch als Vorlage und Inspirationsquelle, um den Zeitgeist in der Zeit vor der Bauernbefreiung einzufangen. Damit entsteht ein vor allem visuell beeindruckendes, wildes und leidenschaftliches, berauschendes Erlebnis, wenn man den Film betrachtet. Auch die Musik, die an Yann Thiessen erinnert, ist mitreissend und schön. 

Wie viel Arbeit in dem Film steckt merkt man erst, wenn man sich weiter damit beschäftigt. Über den Instagram-Channel zu "thepeasantmovie" bekommt man hier erst eine Ahnung davon, wie unglaublich viel Arbeit in der Postproduktion steckt! Die Gemälde können auch für 250-10.000€ erworben werden.

Fazit

Definitiv ein Spektakel, eine Reise in eine vergangen grausame Zeit und eine Studie der Folgen einer verkrusteten Gesellschaftsordnung und die dunklen Seiten des Menschen mit einem Hauch Dirty Dancing ;)  Hinzu kommt der massive visuelle Wert der Produktion. Ziemlich üppig! Sehenswert aber kein "musthaveseen" und auf den Spuren von "Waking Live" "Dogville" und Yann Tiersen.

Mehr Infos z.B. unter: https://thepeasantsmovie.com/keyframes,47,en

Hier noch einige Screenshots vom Instaprofil. 









Montag, 8. März 2021

How bizare, how bizare: The Square

The Square hält der Welt der modernen Kunst in einer Art Mischung aus Wes Anderson gepaart mit Chaques Tati  (Absurdität) und einer Brise Jim Jarmusch (elegante Handlungsarmut und Kunstsinn) den Spiegel vor und entwickelt im Abgang ein hervorragendes Schmunzelvergnügen mit unerwarteter Feinfühligkeit und Bildern, an die man sich erinnert. 



Story (angespoilert und interpretiert) 

Die Geschichte ist schnell erzählt (Spoiler): Der Museumskurator Christian stümpert vollkommen unfähig und narrenhaft durch sein nicht vorhandenes Privatleben, dass voll und ganz durch sein Kunstleben bestimmt ist. Im Rahmen einer Ausstellung zu einem Kunstwerk mit dem Namen "The Square" kommt eine lose Aneinanderreihung von Szenen, die alle direkt darum oder in deren Dunstkreis passieren. So ist ein Handlungsstrang die Vermarktung des Museums und der Ausstellung durch ein gerissenes, junges PR-Duo, das ein an Geschmacklosigkeit kaum zu überbietendes Skandal-Werbevideo produziert, das veröffentlicht wird, ohne das Christian es als leitender Kurator einmal gesehen hat.


Denn der stümpert rum mit einer britischen Journalistin, die einen Affen im Apartment wohnen hat (warum?!), mit seinen beiden Töchtern (über die Mutter erfährt man nichts) und mit einem bizarren Diebstahl, bei dem ihm Handy und Geldbeutel abgenommen werden und denen er mithilfe seiner anderen Stümperfreunde hinterherstümpert. Am Ende geht natürlich alles in die Hose, aber im Wort Krise steckt bekannterweise - zumindest im Chinesischen - auch die Chance und so stoßen die Ereignisse und Verstrickungen in Christian eine Entwicklung an. Vom Saulus zum Paulus, einer, der auszog, das Lieben zu lernen...

 

Besonderheiten 

Der Film lässt viele Dinge im Vagen und Offenen (Wo ist die Mutter? Warum der Schimpanse? Was ist mit dem kleinen Junge am Ende passiert?) und bei aller Plumpheit, die ein erstes Seherlebnis mit sich bringt - gerade die "berühmte" Szene mit dem Performance Act des Gorilla-Künstlers, der out of control gerät, - so hat der Film doch auch einen fein gestrickten, doppelten Boden, eine zarte Symmetrie, die einem nicht entgehen sollte:
Christian sucht am Ende das, was "The Square" auch geben möchte: Das Himmelreich auf Erden - wo nach Sartre "die Hölle" auf Erden ja "die anderen sind". Der Inhalt und die Anklage des PR-Videos, dass erst ein armes Kind zu Schaden kommen muss, um die Menschlichkeit der versnobten Kunstwelt zu wecken, entspricht Christians Erlebnis mit dem "Ich mache Chaos mit Dir"- Jungen aus den Hochhausghetto. Erst der Unfall im Treppenhaus weckt Christians eigene Menschlichkeit auf, was eindrücklich in dem mehr einem wütenden Gorilla ähnelnden im Müll nach der Telefonnummer im Regen wühlenden Christian auf die Leinwand gebracht wird. 

Faszinierend und bleibend auch die Figur Christians.

Allein seine verschrobene Diktion. Christian steht als Sinnbild für die Kunst in der Realität: Ein Fremdkörper, der sich über die Dinge wundert, aber auch außerhalb von diesen steht und sich auf arrogante Art und Weise von der profanen Wirklichkeit abgrenzt. 


 



Samstag, 9. Januar 2021

Frech, Frisch, Einzigartig: Das Spiderman Universum!

Manchmal traut man sich aus seiner Komfortzone und das wird belohnt! 

Auch wenn "Spider-Man: A New Universe" nur Unterhaltungskino ist, so hebt der Film mit seiner Machart doch mahnend den Zeigefinger Richtung "Oldschool-Kino", dreht diesem auch eine spitzbübische Nase und spielt ihn an die Wand. Was ein visueller Knüller!

Ganz ehrlich - ich habe nicht damit gerechnet, eine dermaßen gute Comicverfilmung im jungen Gewand zu sehen! So viel Charme, Gag, Spritzigkeit, Drive...Und das alles aus der Perspektive eines 15 Jährigen. Stark! Anschauen! Verblüfft sein! Keinen Trailer, gar nichts, einfach reinstürzen!


Spoiler ALARM!

Allstar-Genresynkretismus /Eklektizismus: 

Die Geschichte ist eingentlich einfach: Sympathischer, mittlerer Antiheld mit Coming out of Age - und Akzeptanzproblemen väterlicherseits (wie sie Arielle die Meerjungfrau auch hat) wird zufällig mit Superkräften ausgestattet und bekommt eine Aufgabe, der er noch nicht gewachsen ist, in den Schoss gelegt. Er braucht einen Mentor und Verbündete, um die Aufgabe zu erledigen. Er muss scheitern, wachsen, über sich hinauswachsen, er selbst werden und es allen zeigen - auch seinem Vater. 

Diese klassische Handlung ist in ein dermaßen kunterbuntes Bonbonpapier verpackt, dass visuell einfach nur beeindruckt und fasziniert. In den hauptsächlich vorherrscheden fresh-sympathischen Kaffeebecher-New York Animations-Stil, der immer wieder durch trippy Elemente durchbrochen wird,  gesellen sich später andere Genres: Film noir à la Sincity, klassischer Cartoon à la Bugs Bunny, verlotterter Antiheld à la Hancock und ein Mädchen mit Roboter à la Bioshock, aber im japanischen Mangastil. Außerdem sind natürlich Comic-Elemente vertreten. Ohne Probleme könnte man bei jedem Frame (!) "STOP" drücken und hätte ein perfektes Panel aus einem Comic. 

Zusammengefasst: Wahnsinn! 

Ein Blick hinter die Kulissen: How Animators Created the Spider-Verse | WIRED

Sonntag, 15. November 2020

Heiß wie Neostahl: Blizzard spendiert seinem Meisterwerk grandiose Kurzgeschichten!

 


Starcraft II feiert 2020 sein 10-jähriges Jubliäum. Sein Vorgänger, Starcraft, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Echtzeitstrategiespiele, aber auch des Storytellings innerhalb eines Computerspiels und vor allem der spannenden, nie langweilig werdenden Multiplayerschlachten. Zum 10. Geburtstag spendiert Blizzard  ein paar Shortstories. Und die haben es in sich! 


Wer billige Ramschliteratur erwartet, wird enttäuscht. Die Stories von unterschiedlichen Autoren - 18 -50 PDF- Seiten lang - , werfen ganz unterschiedliche Lichter auf die menschliche Seele und das Starcraft-Universum. Und obwohl sie alle so unterschiedlich sind, haben sie doch alle eines gemeinsam und  zwar das, was große Literatur ausmacht: Liebe und Tod. Sie handeln von Menschen, die sich irren, von ihren Träumen, Wünschen, Ängsten, ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Neugierde. Ich möchte mich nicht in Superlativen verlieren, aber Blizzard ist es gelungen, einen Rundumschlag abzuliefern und in bisher jeder der Stories, die ich gelesen habe, greifbare Figuren zu gestalten, die eine Identifikationsfläche groß wie ein Fussballfeld bieten und jeden Leser, selbst wenn er sich wehrt, in ein Universum - ja, es klingt so blöd, aber es ist so - in das Universum der Starcraftwelt zu ziehen. Und natürlich haben die Autoren ihre Hausaufgaben gemacht! Keine Geschichte gleicht der anderen, jede fesselt, jede wirkt, wie wenn ein Autor tief mit der Schöpfkelle in den Kessel der "Wie-schreibe-ich-eine-gute-Geschichte"- Suppe getaucht hat und zeigt, wie lecker man mit bekannten Mitteln, Tricks, Topoi, Archetypen und Motiven eine neue Geschichte kredenzen kann. (Achtung, jetzt kommt Germanisten-Tech-Talk)

Gemeint sind Techniken wie eine  Rahmen- und Binnenhandlung zu erschaffen (z.B. "Das Antlitz des Krieges"), verschiedene Zeitebenen miteinander zu durchmischen (z.B. "Tödliche Säure"), innere und äußere Handlung gleichermaßen zu berücksichtigen, Dialoge, Innere Monologe, unerwartete Gedankeneinbrüche, Bordcomputergebrabel und alles andere, was Kommunizieren kann, einzuarbeiten, die große Geschichte einer skrupellosen Diktatur mit kleinen Einzelschicksalen zu verweben (z.B. "Die Dompteurin" oder "In der Dunkelheit" oder "Der Auftrag"), Elemente der klassischen Tragödie mit der Form der Kurzgeschichte zu kreuzen (Offener Anfang, in medias res, Enthüllungsdramaturgie, hamartia und vermeintliche peripetie, Höhepunkte, Wendungen, Katastrophen und offene Happy Ends), personale und auktoriale Erzählebenen zu verknüpfen und und und.... (Ende des Germanisten Tech-Talks)

Dabei wirkt das eben nicht "billig" wie in einem Groschenroman - zumindest habe ich lange Zeit keinen mehr gelesen. Ich vermute, jeder Leser wird die Geschichten - egal wie er tickt mindestens mit der Phrase "Die haben ihre Hausaufgaben eben gut gemacht" bewerten. Das Spektrum kann aber auch gut und gerne bishin zu verzückten Ausschweifungen und Anbetungen dieser kleinen, kunst-mühe- und liebevoll gewobenen Kleinode führen. 

Wie auch immer - ich lese diese Geschichten sehr gebannt! Sie sind fesselnd erzählt und Dranbleiben lohnt sich. Selbst wenn die ersten 10 Seiten manchmal seltsam anmuten - mir ging es so bei "Der Auftrag" - am Ende hat mich keine der Kurzgeschichten unbefriedigt zurückgelassen! 

Neugierig? Hier gehts zum Download der kostenlosen Shortstories

Außerdem kann ich "Neulingen" die opulente, fantastische, epische Story der Einzelkampagnen auch nur wärmstens empfehlen. "Herr der Ringe" - "Game of Thrones"- die Story der Blizzard Schmiede braucht hier keinen Vergleich zu scheuen. Die erste der insgesamt drei Kampagnen gibts auch kostenlos zu spielen (hier durchklicken).

Wer sich tiefer hineingraben möchte findet hier englischsprachiges Fan-Wiki-Wissen.

Freitag, 11. Oktober 2019

Kein Schiff wird kommen - Mainfrankentheater

Schmunzette entwickelt sich zum Psychothriller
Applaus, Applaus, ein geniales Ensemble, ein gewagtes Stück mit einer Prise Psychothriller!

Inhalt (ohne Spoiler)

Der junge Wahlberliner Dramatiker Thomas ist im Begriff ein Stück zum Mauerfall in Deutschland zu verfassen und besucht im Rahmen dessen seinen Vater auf der Insel Föhr, um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen und an Material für seine Arbeit zu kommen.
Vater und Sohn in der Inszenierung des Mainfrankentheaters 2019
Schnell und unverhohlen wird klar, dass die Beziehung der beiden auf Eis liegt. Unerträglich ist die schweigsam-freundlich, eigenbrötlerische Art des Vaters dem Berliner Nachtschwärmer und der Protagonist lässt kaum eine Gelegenheit aus, dem Vater mit aller Wucht seine Unzufriedenheit mit dessen Verhalten und Person entgegenzuschleudern.
Umgekehrt wehrt sich der Vater auf seine Art und Weise gegenüber den Vorwürfen des Sohnes. Im Fazit ergibt das eine spannungsgeladene tragikomische Konfliktatmosphäre und man fragt sich, wie man die Beziehung der beiden entspannen könnte und ob etwas Milde auf Seiten des Sohnes nicht angebracht wäre.

Doch das Stück entwickelt sich von der Vater-Sohn-Studie weiter. Im zweiten Teil des Stücks geht es um die Ereignisse, die für den Vater mit dem Mauerfall verbunden sind. Und hinter ein paar belanglosen Geschichten, so merkt man bald, lauert irgendein Tabu. Irgendetwas schlummert da -irgendein Schatten der Vergangenheit. Der Weg zur Enthüllung dieser Episode aus dem Leben des Vaters, das ist quasi der nächste Handlungsschritt im Drama. Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse ist schließlich der Höhepunkt.

Interessant ist dann der Umgang der Figuren mit der Enthüllung der Wahrheit.
Für Thomas ist es, das Leben, Theater. Als postmoderner Mensch kennt der die Gnade und das Credo des "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und ist in der Lage auszudifferenzieren. Der Vater dagegen hat diese Möglichkeiten nicht. Er verweilt und wird selbst zum Geist.

Aufbau und Inszenierung

Viele Monologe Thomas, die seine Gedanken offenbaren. Sehr schildernde Sprache.
Geisterhafter Schatten der Vergangenheit von Anfang an auf der Bühne durch Riesenbilderrahmen und Welt dahinter ("Geisterwelt") mit Bank und Frau darauf. Unheimlich-mystische Atmosphäre.
Pendeluhr-Mechanik-Geräusche zur Untermalung der drückenden Atmosphäre im Elternhaus.
traurige Gitarrentöne zur Untermalung der Traurigkeit und des Dramatischen, vor allem gegen Ende des Stücks.
Interessant: Wie Vater "gebrochen" die Bühne und den Zuschauerraum verlässt (Gegenpol zu Thomas, der sie energiebeladen betritt und das Stück so eröffnet)
Interessant: Wie der Vater gebrochen den Platz der "Geisterfrau" einnimmt.
Interessant: Überblendung, als Erinnerung und Vergegenwärtigung ineinander greifen, und die Ebenen mittels Projektion (Erinnerung) und Schauspiel miteinander verwoben werden.
Die Selbstthematisierung des Theaters. Was darf es? Was kann es? Welchen Zwängen ist es unterworfen? Wie bändigt man Komplexität?

Schauspiel: 

Brilliant! Die Menge an Text, die Flüssigkeit und Lebendigkeit im Vortrag (Martin Liema) , die Klarheit der Sprache des Vaters und sein Timing, die stakkato-"Thomas"-Salve der Geistermutter. Wirklich genial!


Kleine Sprachuntersuchung (evtl. Spoiler)

Einmal im Stück fällt ein markanter Kraftausdruck. Als die Mutter Thomas als „Fotze“ beschimpft, kann man das so interpretieren, dass diese verbale Entgleisung ihrer Krankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbstkontrolle verschuldet ist: Keine normale Mutter würde ihr eigenes Kind derart beschimpfen, geschweige denn im Feminin. Insofern manifestiert sich in der Sprache die geistige Krankheit der Mutter.

Samstag, 13. April 2019

Ein "cooler" Kommentar zur Popkultur? Bilderbuch in Würzburg

Glück muss man haben: Nach sieben Monaten der erste Live-Auftritt der Österreicher, 2 Weltpremieren, Tour-Eröffnung, ein unveröffentlichter Track. Bilderbuch, die hippe, österreich-sympathische Band, trendy, candy, Neo-Falcos, Dekadenzrocker! Erfüllen sie die Erwartungen?

Zweifel kommen in mir hoch nach ein paar Songs. Die Burschen betreten die Bühne in ausgewähltem Outfit - eben keine Underground Band, sondern schon Profis, Randplayer aber im Big Game, mit Visagistin, Kostümistin, zumindest wirkt es so. Der Eindruck wird verstärkt von roten Papierherzen, die über der Crowd aus den Aufhängungen der Halle abgeworfen werden. Eben alles "candy", "alles Liebe!". 
Der Frontman, Maurice Ernst, bewegt sich geschmeidig und sicher am Microfon. Immer wieder catched er mit abgehackten Bewegungen die Aufmerksamkeit der Zuschauer und flowed durch die Songs und ich frage mich: wieviel ist Choreographie, wieviel Gefühl, wie viel ist "einstudiert", wie viel ist "real"? 

Dann wechsle ich die Perspektive, gehe nach hinten und sehe das gesamte Bühnenbild: Ein Riesenwasserhahn mit Sturz-LEDs, eine Flugzeugtreppe, ein alter amerikanischer Kühlschrank, eine Ventilatorenwand, Planeten. Irgendwie alles und nichts aber von jedem ein bisschen. Alles hip, urban,  in unserer Travel- und Reisezeit verhaftet. 


Kunst - gefällig jedenfalls! Die einen mögen
die Ironie, die andern die Kunst. Aber engagiert? 
In dem Moment spielt die Band den "Frisbee"-Song über urbane Lockerheit, über Unberührtsein gegenüber den Kümmernissen der Welt und mein Ersteindruck verfestigt sich: Bilderbuch, wer ist das? Eine Gruppe musikalischer Eklektiker, sympathisch, Underdog in einem großen Business und was sie verdammt gut können, das ist das unsere Kultur zu kommentieren. Und zwar richtig cool - im Stil unserer "smile or die" - Mentalität immer fluffig, luftig, easy, fly mit einem Touch Ironie und Smartness. Sie stehen halt drüber und kommentieren es nur. 
Und da entsteht die Speerspitze meiner Kritik in voller Wucht: Ich sehe die tanzenden Massen und denke mir: „we dance on the wrong songs. we joy all the wrong words", Jungs, ihr kommentiert das Weltgeschehen echt gut, aber ihr ändert nichts daran. Eure Kritik, falls es eine gibt, bleibt in der ironischen Reproduktion stecken. Ihr reproduziert die Codes einer kranken Gesellschaft, aber ihr ändert sie nicht. Ihr macht das gut, aber schämt ihr euch nicht? 

Mit diesen brühwarmen Gedanken treffe ich auf eine Bekannte und die Arme hat das Glück, dass ich ihr das gleich mitteilen muss. Ich bin inzwischen schon so weit, dass ich die Wirkung und Choreo von Maurice Ernst mit Helene Fischer vergleiche. Sie bremst mich aus. Mit diesem Kritik ginge ich zu weit. „Aber sie sind doch unpolitisch!", entgegne ich. Maurice sei ein Entertainer, das könne ich ihm nicht übel nehmen, der sei halt so. Wie Prince. Und dass sie unpolitisch seien stimme nicht. Sie hätten eine Europa-Pass Kampagne initiiert. Außerdem seien Plätze auf der Gästeliste nur gegen eine Spende an eine NGO zu erhalten gewesen. 

Okay. Das ändert meine Gedanken ein wenig, mildert meinen Tugendjähzorn. Ich gehe wieder zu meinen Freunden links neben der Bühne. Der Alkohol macht mich auch bierselig und so wippe, groove und tanze ich schließlich mit. Dann kommen die Hits, wegen denen ich Bilderbuch mag: Machine. Bungalow. Und ich merke auch, dass die Jungs gute Musiker sind, die ihre Instrumente beherrschen. Quasi der Rockwolf im Popschafspelz. Yeah! Nach einer fulminanten Show kommt am Ende auch donnernder Applaus! Die Zugabe befriedigt mich dann vollkommen: Ein gefühlt 8minütiger instrumentaler Doom-Drone Song? Maurice Ernst meint danach, es sei ein unveröffentlichter Song. Aha, sie können also, vielleicht wollen sie auch nur dürfen nicht (mehr)? Hell Yeah! Rock'n'Roll jedenfalls! Wir feiern den Song - gefühlt zu dritt und als einzige in der Halle. (Bestimmt war es so ;) )  Irgendwie endet das Konzert dann auch...aber ich war dann auch nicht mehr ganz geistig anwesend. Na ja. Das Ende vom Lied: Es war dann doch ein sehr schönes Konzert, ein Popereignis mit einem bestimmten Anstrich - das, was Bilderbuch eben ausmacht. Und ich bin froh, dass ich da war! Ich rechnete mit einem oberflächlichen Konzert, bei dem alles "candy" sein wird, österreichischer Zuckerguss und ganz viel <3 auch.="" bekam="" dann="" das="" der="" ja="" liieeeeebe="" p="" und="" zuschauer="">


Jetzt im Nachhinein denke ich mir nur eines - und das würde ich gerne zur Diskussion stellen: Hätte Bilderbuch nicht einmal kurz eine Ansage machen können? Eine politische? Ja, ich höre die Kritik: die Leute, die da waren, waren doch eh alles keine AfD -Wähler...aber Klimasünder sind wir doch alle! Mal wieder nen Tag in der Woche mit dem Fahrrad in die Arbeit, Schule, Uni, was auch immer fahren? Könnten sie nicht vielleicht als Nächstes so eine Bewegung starten? 

Sonntag, 17. März 2019

„Ein Sommer am See" (2014) Mariko Tamaki und Jillian Tamaki

Die erste Graphik Novell mit dem deutschen Jugendbuch-Literaturpreis!
Ich verstehe den Jugendbuch-Literaturpreis als Empfehlung, seit Lian Hearns „Das Schwert in der Stille", das ich las, ohne zu wissen, dass es für diesen Preis prämiert war, und von dem ich so begeistert war und bin wie von kaum einem anderen Buch, traue ich dem Geschmack der Jury hinsichtlich der Beurteilung stilistisch ansprechender und inhaltlich berührender Werke.


Der Inhalt (ohne das Ende zu verraten)

In „Ein Sommer am See" geht es um eine Familie, die ihren jährlichen Sommerurlaub an einem großen Badesee im fiktiven Urlaubsort Awago Beach verbringt. Seit Rose fünf Jahre alt war, fahren sie, ihr Vater und ihre Mutter jährlich dorthin und treffen auf altbekannte Gesichter:
Rose hat eine beste Ferienfreundin mit dem Namen Windy. Sie lebt mit ihrer lesbischen Mutter zusammen, deren Mutter ebenfalls zu Besuch kommt. Eingekauft wird im Dorfladen, der auch einen DVD-Verleih betreibt und Anlauf- und Treffpunkt für die Dorfjugend ist.
Die Graphik Novell beginnt also mit der Anreise der Familie in dieses Urlaubsparadies. Sie beziehen ein Ferienhaus und alles scheint bereit für eine Zeit voller Erholung, Familienharmonie, Sonne, Baden und eleganter Langeweile. Oder?

Schnell entpuppt sich, dass die Idylle ihre Risse hat. So entfalten sich verschiedene Konfliktfelder im Feriendorf und vielmehr werden verschiedene Konflikte durch den Ort Awago Beach, der sie alle für die Dauer eines Sommerurlaubs zusammenbringt, durch die Augen der Hauptfigur Rose offensichtlich.
Irgendetwas ist mit Roses Mutter, was auch die Beziehung zu ihrem immer gut gelaunten Vater belastet. Rose verliebt sich in den Jungen, der im Dorfladen arbeitet. Der wiederum hat Gerüchten zufolge eine Jenny aus dem Dorf geschwängert, was aber nur ein Gerücht ist, und beide haben Probleme, damit umzugehen.
Ihre etwas jüngere Ferien-Freundin Wendy wächst alleine mit ihrer Mutter und der Oma auf. Hier scheint die Welt noch heil zu sein. Ihre Mutter ist lesbisch.

Die Wirkung / das Besondere an „Ein Sommer im See": 

Dem Duo gelingt es unglaublich gut, Stimmungen einzufangen! Das Buch ist meistens in 4-6 Pannels pro Seite aufgeteilt, in denen munter und scheinbar zusammenhanglos geplaudert wird. Aber immer wieder, gerade dann, wenn man nicht damit rechnet, wird man überwältigt von einer Doppelseite, in der die gesamte Handlung stoppt und ein Moment eingefroren wird, was enorme Wirkung entfaltet!
Sei es Rose, die in ihrem Bett abgammelt oder Wendy am Tanzen um Rose, sei es
Unterwasserspaß...diese drei Doppelseiten haben mich gecatched und ich werde an sie denken, wenn ich an „Ein Sommer im See" denke und ich werde sie nicht vergessen.
Auf der anderen Seite ist das Buch - zumindest für meine Verhältnisse - sehr offen. Jugendsprache, lesbische Beziehungen, ungewollte Schwangerschaft - alles Themen, die noch vor nicht allzulanger Zeit tabu waren. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, was natürlich auch nicht auffallen muss: Die Macher der Graphik Novell scheinen auch lesbisch zu sein. Ein zweiter Blick offenbart: Nein, es sind Cousinen :P

offener Aufbau:

Dennoch muss man damit zurechtkommen, dass das Buch nur Einblicke in Konflikte anbietet, aber keine Lösungen, zumindest keine vollständigen. Das Buch endet wie es beginnt, aber die Konflikte schwelen weiter. Es müsste nachbesprochen oder besprochen werden: Wie geht man mit einer unklaren Verhütungssituation um? Wie geht man mit Problemen in der Familie um? Hier ist viel Diskussions- und Redestoff!

Hier ein Artikel im Tagesspiegel
und hier ein anderer Artikel, der sich mit dem Gefühl "Preteen" zu sein auseinandersetzt

Donnerstag, 4. Januar 2018

Egon Schiele

scharfer, exakter, kantiger Strich - eine Entwicklung. Abseits der Skandalmotive das Resultat der Suche nach einer eigenen künstlerischen Handschrift.
Zeit seines Lebens als unsteter Märtyrer beschrieben, der in allem, was er machte, immer einer höheren ehrgeizigen Mission folgte. Niemals zufrieden.
Wiederentdeckt durch die sehr einfühlsame, kaum kommentierende Graphic Novel "Egon Schiele" von Xavier Coste.
Neben dem exzessiven, selbst- und kunstzentrierten Leben des Künstlers wird vor allem aber auch der Einbruch des Weltkriegs in das Leben der Menschen greifbar und einfühlbar nacherzählt.



Donnerstag, 16. November 2017

Darf man das? Anything goes...

Die Epic Rap Battles of History gibt es seit etwa 2014 und die Episode der westlichen Philosophie (Sokrates, Voltaire, Nietzsche) gegen den fernen Osten (Laotse, Konfuzius und einen mir nicht bekannter Philosoph) hat mehr als 70 Millionen Klicks.
Das Motto ist voll und ganz dem Zeitgeist im Internet 2.0 verhaftet. Die Zuschauer wählen den Gewinner und schlagen neue Rapduelle vor. So kamen denn auch z.B. folgende Konfrontationen zustande:

Darth Vader vs. Adolf Hitler
Superman vs Goku
Ghandi vs. Martin Luther King
Robocop vs. Terminator
u.v.m

Wie weit darf man hier gehen, bei den historischen Figuren? Bei Hitler und Ghandi und Martin Luther King? Darf man sie so in die Popkultur einbauen? Auschwitz als Battlerapzeile?
 - "Ja, man darf. Das ist Kunst." - "Aber keine engagierte Kunst" ." Doch, sie engagiert sich, aber halt nicht für das aktive Eintreten für Werte, die anders als liberal und gefällig sind, sondern für das Liberale und Gefällige, für Klicks und Likes. Das ist 2017 und jede Generation schreibt ihre Geschichte neu. Nicht so, wie prophezeit. Aber was kann man Wahrsagern auch schon glauben? Überall seht ihr Humanisten die Cassandra!"
"Abwarten"
"Das grässliche Rad der Geschichte  (Büchner) wird euch Interpreten der Geschichte auch überrollen."
"Ja, aber ist das nicht empörend?"
"Doch, aber ...leider geil ist Zeitgeist. Niemand will mehr Leiden. Aus Rilkes "Du musst dein Leben ändern" wird "Du musst dein Ändern leben". 


- ?



Montag, 14. November 2016

Dadaistischer Nonsense? Ja, aber ein ganzes Feuerwerk davon!

Was kann man erwarten von einem 6 minütigen russischen Animationsfilm?
Ein einfach gestrickter Hahn versucht eine absurde Alltagsroutine wieder herzustellen.
Die Filmemacher machen sich einen Spaß daraus, ihn einen absurden Kampf führen zu lassen. Daran lassen sie die Zuschauer teilhaben und führen ihnen vor, was passiert, wenn man alle kreativen Kanäle, ohne Einschränkung und Bewertung, öffnet, um ALLE Möglichkeiten einer absurden Situation durchzuspielen. Dabei beginnt sie gemächlich und man erwischt sich noch dabei, wie man über die getroffenen Nachahmungen von Übersprungshandlung und tierischer Aufregung lächelt. Aber der Film nimmt tatsächlich Fahrt auf und die Filmcrew um Leonid Shmelkov lässt nichts aus: Seitenhandlungen, das Einführen von Nebencharakteren, dramatische Aktion und öde Epik...Einfach selbst anschauen und überzeugen: russische Kurzfilmkunst lebt! 

https://www.shortoftheweek.com/2016/11/03/very-lonely-cock/

Freitag, 22. Juli 2016

75 Jahre Picasso in Barcelona

Zu einem Stadturlaub in Barcelona gehört natürlich auch ein Besuch beim Erbe des bekanntesten, pinselschwingenden Lieblings des Landes: Pablo Picasso (1881-1973).
Wobei das nicht ganz richtig ist: neben dem Pinsel schwang Picasso auch das Skalpell, Kratzeisen und den Lehmspachtel und neben Picasso schwangen Salvator Dali und Joan Miro neben unzähligen Altmeistern ebenfalls das Borstenschwert. Dennoch, einen Einblick in verschiedene Schaffensphasen und die Entwicklung von Stil und Technik des Gestalters der Friedenstaube erhält man im Picasso Museum in Barcelona.

Das Museum ermöglicht einen chronologischen Spaziergang durch Picassos künstlerisches Dasein.
Picassos Vaters selbst war Kunstlehrer an einer kleinen Schule in Malaga, der Heimat des Künstlers. Da dieser den naturalistischen, akademischen Stil vertrat, wundert es nicht, dass die erste Schaffensphase des jungen Picassos auch unter dem Schirm der kunstakademischen Grundausbildung stand. Der Fokus der Ausbildung lag vielmehr auf  Techniken und dem "handwerklichen" Teil des Künstlerdaseins. Picasso lernte hier noch, Abbilder zu schaffen, anstatt Eindrücke mit der dazugehörigen Portion Originalgenie auszudrücken, wie er es später tun würde. So sieht man als Resultate dieser Schaffensphase einige klassizistische Körperstudien oder klassische Landschaftsmalerein, wie z.B. "The Wave" (1895) oder "The port of Barcelona" (1895). Der junge Picasso würde seinen Pinselstrich erst befreien müssen, um zu einem eigenen Stil zu finden. Anklänge davon scheint man in den Bildern bisweilen durchscheinen zu sehen. Als Höhepunkt und Abschluss dieser Schaffensperiode gilt das Großgemälde "Sciene and charity" im naturalistischen Stil. In Form einer Milieustudie sieht man eine kranke oder sterbende Frau in ihrem Bett in der Stube liegen. Ein Mann hält ihre Hand in der einen Hand, in der anderen eine Uhr, auf die er Blick. Er misst vermutlich den Puls der Frau. Außerdem ist eine Nonne auf dem Bild, die ihr etwas zu Trinken anbietet und ein Kind scheinbar mühelos auf dem Arm hält.
"Science and Charity", 1897: Typisches Motivgeflecht des sozialen Naturalismus: Armut, Alter, menschliches Leiden, Wohlfahrt, religiöser Sentimentalismus


Portrait of Juan Vital: sich abzeichnende Loslösung vom akademischen Stil

Erste Ausbrüche und die Entwicklung eines eigenen Stils fanden dann in Barcelona statt, wohin die Familie zog. Befruchtet mit einem künstlerischen Umfeld, zu dem auch Schriftsteller gehörten, nahm Picasso neue Impulse auf und setzte sie in seinem Werk um. In Barceolna ging er in den Prado und malte auch die Werke der Meister ab. Dazu gesellten sich Gedichte von Boudlaire, Rimbaud und Verlain und so entwickelte sich zunehmend ein künstlerischer Geist und ein künstlerisches Bewusstsein in dem Künstler. Organisiert waren die Künstler damals in einem neugegründeten Cafe: Els Quadres Gats. In den Portraits und Skizzen der jungen Burschen findet man das Selbstvertrauen und den Drang, sich vom akademischen Stil zu lösen und etwas Neues zu gebähren.

"Seated woman with shawl", 1899/1900
"The frugal repast"
Picasso beginnt, nun auch in Paris lebend, mit dem Hintergrund zu spielen, Akzente zu setzen und andere Teile des Bildes verwaschen oder unscharf zu zeichnen, nicht alles fertig zu malen, so dass den Bildern etwas Skizzenhaftes anhaftet. Er setzt quasi expressionistische Marker. Gleichzeitig absorbiert er die Philosophie und Technik des Impressionismus: er malt draußen und versucht Augenblicke derart auf die Leinwand einzufangen, dass auch das "Augenblickliche" der Anfertigung in dem Bild mitkonserviert wird. Insgesamt rückt der Fokus unweigerlich weg von der akademischen Abbildung hin zur künstlerisch mitgeformten Vorstellung von Gegenständen.

Somit findet man in den folgenden Zimmern des Museums auch die Auseinandersetzung mit dem  von Verzierungen und Hintergrund nur so strotzenden Jugendstils Gustav Klimts ("The Dwarf" / "Waiting")


"The Dwarf"
"Waiting"







Die Ausstellung macht dann einen rapiden Sprung. Nach der jahresweisen Entwicklung sind dann die Jahre zwischen 1906 und 1917 ausgelassen.
In der Zwischenzeit muss aber viel passiert sein. Auffällig ist, dass sich Picasso immer mehr von der Ölfarbe trennte und mehr in Richtung Ätzung und Littographie arbeitete. Die Farben werden zum Teil weniger - dafür treten Schwarzweißgemälde und Radierungen in den Vordergrund. Außerdem scheint Picasso nun vollständig einen eigenen Stil entwickelt zu haben. Neben den "Onelinern" und "Metarmorphosen" vom naturalistischen Abbildstil hin zur eigenen verzerrenden, defigurativen Darstellung (-> Kubismus) von Gegenständen, Tieren und Personen fällt auch auf, dass Picasso seine Bilder mit Inhalten überfrachtet. So findet man bei dem Werk "Female Bullfighter, Horse and Dying Bull" zuerst und auch später nur einen Kreaturenklumpen. Was möchte Picasso damit zeigen? Die Nähe von Leben, Tod und Erotik und deren Verflochtenheit ineinander? Das Organisch-Wurzelnde und Wuchernde des vitalistischen Lebens, wie Nietzsche es darstellte?
Vitalklumpen:"Female Bullfighter, Horse and dying Bull"













Es folgen dann viele Werke, die Picasso-typisch sind: Verfremdungen konkreter Figuren auf kubistische Art und Weise mit dem Fokus auf die "Las Meninas" Serie und die Nebenwerke dieser Phase ("The Pigeons"). Wer oder was bedeutet der Mann in der Türe im Hintergrund des Bildes? Ach ja, eine Abwandlung des berühmten Gemäldes von Velasquez? - 



Die späten Werke, die schließlich ausgestellt sind, sind dann sehr redundant und lassen sich zunächst einfach mit dem Wort "Altersgeilheit" oder "anthropologische Achsenspiegelung" beschreiben: Kein Bild ohne Vulva mit ein paar Schamhaaren daran. Alles dreht sich um Prostituierte, Erregung, Voyeurismus, Wildheit. Das ewig Weibliche zieht uns hinan.



Nett war es noch zu sehen, dass Picasso auch Vasen und Teller getöpfert und gestaltet hat. Schön fand ich z.B. einen Fischteller mit Grätenablage, oder "die Eule" - eine Karaffe in Eulenform und mit Eulenbemalung. Auch dass er einen Hund hatte, der Lump hieß, fand ich witzig. Er malte ihn auf einen Teller und zeigte ihn dem Hund. Ich mag das Foto!



Dienstag, 28. Juni 2016

...unerwartete Überraschung

Für Freunde hatte ich ein paar Karten mit farbenfrohen Sommerkarten gekauft, ohne weiter darauf zu achten, woher sie stammten. Ich dachte, eine sei vielleicht ein Monet, die andern beiden sahen auch eher impressionistisch aus in dem Sinne, dass sie versuchen ein schillerndes Farben- und Lichtspiel eines Szenarios in der Natur einzufangen.
Neugierig betrachtete ich dann die Rückseite, auch um zu sehen, wieviel Platz ich zum Schreiben haben würde. In der Tat befanden sich auch die üblichen vier Leerzeilen, bei der man die unterste für andere Länder, viel zu selten braucht, auf der zu beschreibenden Rückseite. Quer dazu stand dann etwas, was mich stutzend machte: "MFK - Mund und Fußmalende Künstler Verlag". "Im Ernst?" dachte ich mir? Und wie um Antwort auf diese Frage zu geben, fanden meine Augen den Weg zum oberen rechten Eck der Karte, wo es mir nochmal schwarz auf weiß bestätigt wurde: "BD Nr. 207 "Ruhepause" Original mundgemalt von Roman Argalazi"
In der Tat hatte ich drei Postkarten von Künstlern gekauft, die die abgebildeten  Werke auf der Vorderseite der Karte mit dem Mund oder den Füßen gemalt hatten! 
Diese Leistung verblüfft und erfreut mich auch wie vor gleichermaßen! Es ist nicht so, dass ich die Karten gekauft habe, weil sie mit Mund und Fuß gemalt wurden. Ich kaufte sie, weil ich dachte, die Motive würden die angeschriebenen Freunde und Familienmitglieder erfreuen. Aber dieser Fund des Ursprungs vergrößert mir den Wert der Karten nochmal ganz drastisch! Fabelhaft!




Mittwoch, 11. Februar 2015

simply beautiful

ein zunehmend unmenschlicher werdendes system
und sich entwickelnder randgruppenextremismus auf der anderen Seite
dazwischen steht der Konsument
sein friedensfähnlein flattert im Wind 

Häuserkämpfe erschüttern nicht nur das Fundament der Demokratie
sondern den glauben des Einzelnen, auch wenn es durch Bildschirme gebrochen ist, 
als wäre es 
gryphius selbst, der spricht

russische Botschafter agieren wie vor 50 Jahren
nichts hat sich verändert. 
nichts verändert sich 
nur wir und wie wir die Dinge sehen

abgewendet oder geöffneten blicks
eine technokratische Elitenidentitätengruppe regiert
mit eisernern Hand,  indem sie die fäden zieht

Die Menschen unterhalten sich 
miteinander untereinander unterwandern sie die Grenzen des guten Geschmacks
Hauptsache, man kann lachen, 

 Der Holocaust ist einfach nicht witzig. 

-

Es bleibt einem bei diesen clownesken erfahrungen die Spuke im Hals stecken
und all dem entgegen steht Vegetarismus und Mütter, die für das Lachen ihrer Babys arbeiten
und dafür suchen sie starke Männer an ihrer Seite
die sie auch mal schlagen oder dominieren 

sprachspiele dominieren alles 
luhmann dominiert alles
und meine lehrer kennen ihn nicht einmal 
offene Diskurse in geschlossenen Systemen sind ihnen fremdworte
und immer wieder der Gedanke: wie kann man das system ändern, 
wo man doch ein kollektives Bewusstsein darüber hat? 

mundtot 
mundtot gemacht werden 
wer schweigt gibt recht sagt audio 88
ich sage er hat recht.
ich bewundere Angela Merkel für ihr Durchhaltevermögen in der Ukraine Krise. 
17h Verhandlung und
verflucht sei jeder Waffenlieferant und jeder Waffenkonsument
die Männer im Krieg entarten, renaturieren zu Bestien
ob sie parolen brüllen oder Blut fordern oder Frauen schänden
es spielt keine Rolle.
no to that.

no to that. you can't do that.
you should not do that
you shouldn't do that.

--


vorbei die Ruhe
weggefegt wird die vorstellung einer friedlichen gesellschaft
sozialromantischer vorstellungen wie herr wintjes sagte
und ja, das system gebiert wunderbare, kreativ schäumende menschen
aber es fängt sie nicht auf - nur als randgruppen und systemaußenseiter



Samstag, 5. Juli 2014

WOW! Power-Poster des Konzerthauses Dortmund zur Spielzeit 2014/2015



Die Klassik - ein opulentes Monster, dem man sich stellen muss. So bewirbt das Konzerthaus Dortmund seine aktuelle Spielzeit.
Nichts Gefälliges, wie die Popmusik, die einem entgegenplätschert, sondern ein Monstrum, ein Ungetüm, das einen überrennen, plattwalzen kann wie ein Nashorn.

Montag, 23. Januar 2012

Constant Montalde - Jugendstil _ Betrachtungen im Musee des Beaux Arts in Brussel

Constant Montald (1862-1944) - symbolischer Jugendstil vom Feinsten

Montald _ la fontaine de l'inspiration


Nein, ich kannte ihn vorher auch nicht. Über einen der schillerndsten belgischen Jugendstilkünstler  gibt noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschsprachigenWikipedia-Enzyklopädie. Am Rande wird er in einem Artikel mal erwähnt, weil er der Leiter der Ecole des Beaux Arts  in Brüssel war. Wenn man das Musée des Beaux Arts allerdings einmal betreten hat, wird man sich diesen Namen einprägen - oder zumindest seine Bilder. La Fontaine de l'Inspiration und La Barque de l'Idéal: diese beiden Bilder schmücken die Wände der Empfangshalle des belgischen Kulturspeichers. Letzterem widmete ich meine Aufmerksamkeit.

montald _ la barque de l'idéal (1907)
Ich saß vor einem immens hohen, goldumrahmten Jugendstilbild. So viel Öl, wie benutzt wurde, ist es wohl angebrachter von einem Gemälde zu sprechen. Constant Montald: La Barque de l'Idéal, 1907. Ich war stehengeblieben, weil ich vom Herausquellen der weißen Blüten, wasserfallartiggleich, und im Gegensatz zur stillen Regungslosigkeit der Figuren vor dem Blütenrausch, in den Bann gezogen wurde. Was ist also zu sehen? 
Fünf Personen. Drei bekleidet, zwei nackt. Drei Frauen in hängenden Gewändern und zwei nackte Jünglinge.  Einer von ihnen hält eine kleine Holzfigur in der Hand, vielleicht eine Venusabbildung,  vielleicht auch eine Maria, während beide von einer Art silbrigem Mondlicht bedeckt werden. Dem Bild haftet etwas Zeremonienhaftes an Die abgebildeten Figuren interessieren sich nicht für den Zuschauer, sie wirken ganz und gar in ihrem Handeln versunken. 

Im Bildhintergrund rechts hinten deutet sich ein Weg an. Unmittelbar wird klar: Die drei Frauen sind gerade von dort angekommen. Um den Mondgezeichneten etwas zu zeigen oder zu übergeben? Das Kunstwerk im Holzrahmen, das die eine der Frauen trägt, oder die kleine zusammengezogene Holzskulptur, die einen gebückten zusammengezogenen Mann darstellt. Und vielleicht ist es ja auch das Werk der dritten Figur, die einer der beiden Mondbeschienenen in Händen hält, prüfend. Und auch prüfend und beratend der Ausdruck des Zweiten.
Die Farbgebung spricht dafür. Schließlich sind die Farben der mitgebrachten Kunstobjekte und  die Farbe der Gewänder der Frauen gleich - eine Zusammengehörigkeit von Kunstwerk und Überbringer scheint also in die Farbsprache hineingelegt worden zu sein. Auch die Bäume haben dieselbe symbolische schwere Goldbraunfarbe. Vielleicht ist auch das ein Mittel, um die Gruppen voneinander abzugrenzen: die Herantragenden werden eins mit dem Hintergrund und sind nur halb in die sich vollziehende Handlung  - das Prüfen der Holzskulptur - aufgenommen. Auch findet ja eine Abgrenzung der Figuren durch die Bildanordnung statt, weil ein Aufsteigen der Figuren zu beobachten ist.

Hätte ich den Titel des Bildes nicht gewusst, würde ich es "Von Orchideenblättern ud Männern" nennen. Kennt man das Bild aber, so lässt es sich als symbolistisches Jugendstilbild interpretieren. 
Montald _ Paysage symboliste (1904)
Die Farbgestaltung ist jugendstiltypisch: Gold und Silber und viele Tupfer in einer verschwungenen Ornamentik, bei der der Hintergrund in seinem Ornamentcharakter nicht mehr eindeutig als Hintergrund zu identifizieren ist. Symbolistisch das ganze Bild. Vermutlich handelt es sich um eine symbolische Visualisierung des Kunstschaffen-Prozesses: Die gewissenhafte Selbstprüfung des Künstlers mit seinem Kunstwerk, ob es auch tatsächlich gut genug ist, wird an einen utopischen Nichtraum verlegt - die prüfenden Stimmen des Gewissens sind als nackte,  gottgleiche Jünglinge interpretiert, gewissermaßen Hermesse aus dem Reich der Ideen, herabgestiegen an einen Zwischenort, um das Geschaffene vermittelnd zu betrachten. (to be continued)