"Call me by your name" - kunstvoll und sinnlich knisternde Phantasie und Homage über die lebendige Liebe, subjektive Gefühle, das Leiden - und liebevolle Eltern.
Freitag, 10. Januar 2025
Call me by your name - quite emotional
Montag, 16. September 2024
Attention 2024 - Kollage Kollectiv
Das schönste Areal der Welt wenn es dunkel wird und man sich frei fühlen möchte, ist der Kulturkosmos Lärz. Heimat der legendären FUSION aber auch Austragungsort für das wundervolle Theaterfestival mit dem Namen "Attention". Neben dem Stück "Diogenes", einem einzigen unglaublichen Wut- und Abrechnungsmonolog, gab es dort auch eine Performance des "Kollege Kollektivs" aus Berlin zu sehen.
https://kollagekollectiv.com/orbital-debris
Eine Art Spaceshuttle wartet darauf zu starten und mit viel Rauch und Dampf und Krach und Stimmverzerrung ging es dann auch los: Ein paar Lebewesen werden in einer fernen Galaxie an Bord aufgenommen. Doch dann kommt die Polizei, die auf Minimini-Motorrädern angerast kommt, und möchte die Flüchtlinge verhaften und einsperren. Der Crew gelingt es - mit Unterstützung des Publikums - das Böse zu besiegen. "Where're my techno heads?" :)
Und irgendwas war noch mit Insektoiden!
Samstag, 14. September 2024
Ein bäuerliches Trauerspiel: "Das Flüstern der Felder" aka "The Peasants" (2023)
Inhalt:
Das Szenario ist ein Dorf irgendwo im Nirgendwo in Polen mit klaren Hierarchien und Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat: Christlich, verheiratet und hart arbeitend. Irgendwo in der Ferne ein Gutsherr und im Dorf der Schulze, der für Recht und Ordnung sorgen oder vermitteln soll.
Als Figuren treten der freie Großbauer Boryna auf, der vor kurzem seine Frau verloren hat. Mit dieser hat er zwei Söhne, von denen der ältere, Antek, verheiratet ist und selbst ein Kind hat. Auf der anderen Seite befindet sich die junge, bildhübsche und unverheiratete Jagna, die noch bei der Mutter lebt (Wo ist der Vater? ) und die anderen Dorfbewohnerinnen und Bewohner, so wie der Schmied, der Müller und andere Knechte, Mägde und ein Geistlicher.
Nun will die Mechanik des Dorfs, dass jedermann und jede Frau verheiratet werden. Schlimm genug. Dazu kommt aber auch noch, dass die Heiratspolitik auch Machtpolitik ist, denn über Mitgift und Erbe entscheidet sich, wer welche Position im Dorf hat. (SPOILER ALARM) Das Unglück nimmt dadurch seinen Lauf, dass Boryna sich überreden lässt, Jagna zu heiraten, obwohl diese viel jünger ist. Und Jagnas Mutter stimmt dem Handel geblendet vom Besitz, den sie und Jagna dadurch bekommen (3ha Land) zu.

Dabei hat die junge Jagna eigentlich nur Augen für Borynas Sohn Antek und dieser wiederum findet Jagna auch nicht schlecht, obwohl er verheiratet ist und Kinder hat. Ach ja, und der Besitz und das Erbe von Boryna - das ist natürlich auch hoch begehrt. (RICHTIGER SPOILER ALARM) Und so kommt, was kommen muss: Der Sohn hasst den Vater, der Vater verstößt daraufhin den Sohn samt Familie, die Frau wirft dem Ehemann vor, dass er nicht für sie sorgt, Jagna ist unglücklich und betrügt ihren Mann mit Antek. Zusätzliche Bewegung in diese eh schon total überhitzte und aufgeheizte Situation bringt der Gutsherr, der auf einmal die Holzrechte an einem vom Dorf gemeinschaftlich genutzten Wald, für sich selbst beansprucht. Der gemeinsame Feind bringt Vater und Sohn wieder näher doch das missgönnende Dorf sucht ein Opfer und beschließt Jagna zu vertreiben.
Kommentar:
Nach einer Exposition, in der die unterschiedlichen Figuren und ihre Position im Dorfkosmos beleuchtet wird, entspinnt sich ein klassisches Drama mit Vater-Sohn-Konflikt und dem Grundproblemen, dass die Hölle die anderen sind, wie Sartre gesagt hätte (durch ihre Missgunst und ihren "Allzumenschlichen" Drang nach Macht, Geltung und Ansehen) und dass Liebesheiraten eben doch das bessere Modell sind. Wenn überhaupt geheiratet werden muss.
Jagna laviert irgendwo zwischen Unschuldsengel, Barbiepuppe, die nicht mehr kann als Scherenschnitte herzustellen, und Trophäe in einer Männerwelt zu sein. Boryna ist ein alter Haudegen, hart aber irgendwo auch gerecht, dem Leistung am Ende doch wichtiger ist als Schönheit und Ehe (sonst hätte er sein Geld nicht Maria gegeben) und der das Herz doch am rechten Fleck hat, nur eben diesen einen grossen Fehler begeht (hamartia) sich zur Hochzeit mit der viel jüngeren Boryna verleiten zu lassen. Antek dagegen hat sich nicht wirklich unter Kontrolle. Wild und unbändig, aufbrausend, stolz und blind wütet er durch die Handlung.
Der Film ist komplex, weil sich die Figurenverhältnisse wandeln. Antek und das Dorf begehren oder verachten Jagna. Boryna verstößt die Familie seines Sohns, um sich ihr dann doch wieder anzunähern. Antek hasst seinen Vater, um ihn dann doch zu retten und zu lieben. Der Schulze sucht seinen Vorteil (und wird von Anfang an als "ekliger", schmatzender Machtmensch dargestellt.) Und auch Jagna lässt mit sich geschehen, gibt sich ihrem "Schicksal" hin, um dann doch wieder aufzubegehren. Leicht haben sie es alle nicht...
Das Besondere
Das Besondere an dem Film nun aber ist seine Machart. Reales Schauspiel wurde mit realen Ölgemälden und AI ergänzt. Das heisst, ein großer Anteil des Films - die Postproduktion - beinhaltete das Nachmalen oder Übermalen und Ergänzen der Szenen aus dem Film, so dass das Endresultat ein einziges ineinanderfließendes Ölgemälde zu sein scheint, voller atemberaubender Details und Portraits aber genauso voller atemberaubender idyllischer oder beängstigender Landschaften. Viele zeitgenössische reale Ölgemälde dienten dabei auch als Vorlage und Inspirationsquelle, um den Zeitgeist in der Zeit vor der Bauernbefreiung einzufangen. Damit entsteht ein vor allem visuell beeindruckendes, wildes und leidenschaftliches, berauschendes Erlebnis, wenn man den Film betrachtet. Auch die Musik, die an Yann Thiessen erinnert, ist mitreissend und schön.Wie viel Arbeit in dem Film steckt merkt man erst, wenn man sich weiter damit beschäftigt. Über den Instagram-Channel zu "thepeasantmovie" bekommt man hier erst eine Ahnung davon, wie unglaublich viel Arbeit in der Postproduktion steckt! Die Gemälde können auch für 250-10.000€ erworben werden.
Fazit:
Definitiv ein Spektakel, eine Reise in eine vergangen grausame Zeit und eine Studie der Folgen einer verkrusteten Gesellschaftsordnung und die dunklen Seiten des Menschen mit einem Hauch Dirty Dancing ;) Hinzu kommt der massive visuelle Wert der Produktion. Ziemlich üppig! Sehenswert aber kein "musthaveseen" und auf den Spuren von "Waking Live" "Dogville" und Yann Tiersen.
Mehr Infos z.B. unter: https://thepeasantsmovie.com/keyframes,47,en
Hier noch einige Screenshots vom Instaprofil.
Montag, 8. März 2021
How bizare, how bizare: The Square
The Square hält der Welt der modernen Kunst in einer Art Mischung aus Wes Anderson gepaart mit Chaques Tati (Absurdität) und einer Brise Jim Jarmusch (elegante Handlungsarmut und Kunstsinn) den Spiegel vor und entwickelt im Abgang ein hervorragendes Schmunzelvergnügen mit unerwarteter Feinfühligkeit und Bildern, an die man sich erinnert. ![]() |
Story (angespoilert und interpretiert)
Die Geschichte ist schnell erzählt (Spoiler): Der Museumskurator Christian stümpert vollkommen unfähig und narrenhaft durch sein nicht vorhandenes Privatleben, dass voll und ganz durch sein Kunstleben bestimmt ist. Im Rahmen einer Ausstellung zu einem Kunstwerk mit dem Namen "The Square" kommt eine lose Aneinanderreihung von Szenen, die alle direkt darum oder in deren Dunstkreis passieren. So ist ein Handlungsstrang die Vermarktung des Museums und der Ausstellung durch ein gerissenes, junges PR-Duo, das ein an Geschmacklosigkeit kaum zu überbietendes Skandal-Werbevideo produziert, das veröffentlicht wird, ohne das Christian es als leitender Kurator einmal gesehen hat.
Denn der stümpert rum mit einer britischen Journalistin, die einen Affen im Apartment wohnen hat (warum?!), mit seinen beiden Töchtern (über die Mutter erfährt man nichts) und mit einem bizarren Diebstahl, bei dem ihm Handy und Geldbeutel abgenommen werden und denen er mithilfe seiner anderen Stümperfreunde hinterherstümpert. Am Ende geht natürlich alles in die Hose, aber im Wort Krise steckt bekannterweise - zumindest im Chinesischen - auch die Chance und so stoßen die Ereignisse und Verstrickungen in Christian eine Entwicklung an. Vom Saulus zum Paulus, einer, der auszog, das Lieben zu lernen...
Besonderheiten
Allein seine verschrobene Diktion. Christian steht als Sinnbild für die Kunst in der Realität: Ein Fremdkörper, der sich über die Dinge wundert, aber auch außerhalb von diesen steht und sich auf arrogante Art und Weise von der profanen Wirklichkeit abgrenzt.
Samstag, 9. Januar 2021
Frech, Frisch, Einzigartig: Das Spiderman Universum!
Manchmal traut man sich aus seiner Komfortzone und das wird belohnt!
Auch wenn "Spider-Man: A New Universe" nur Unterhaltungskino ist, so hebt der Film mit seiner Machart doch mahnend den Zeigefinger Richtung "Oldschool-Kino", dreht diesem auch eine spitzbübische Nase und spielt ihn an die Wand. Was ein visueller Knüller!
Ganz ehrlich - ich habe nicht damit gerechnet, eine dermaßen gute Comicverfilmung im jungen Gewand zu sehen! So viel Charme, Gag, Spritzigkeit, Drive...Und das alles aus der Perspektive eines 15 Jährigen. Stark! Anschauen! Verblüfft sein! Keinen Trailer, gar nichts, einfach reinstürzen!
Spoiler ALARM!
Allstar-Genresynkretismus /Eklektizismus:Die Geschichte ist eingentlich einfach: Sympathischer, mittlerer Antiheld mit Coming out of Age - und Akzeptanzproblemen väterlicherseits (wie sie Arielle die Meerjungfrau auch hat) wird zufällig mit Superkräften ausgestattet und bekommt eine Aufgabe, der er noch nicht gewachsen ist, in den Schoss gelegt. Er braucht einen Mentor und Verbündete, um die Aufgabe zu erledigen. Er muss scheitern, wachsen, über sich hinauswachsen, er selbst werden und es allen zeigen - auch seinem Vater.
Diese klassische Handlung ist in ein dermaßen kunterbuntes Bonbonpapier verpackt, dass visuell einfach nur beeindruckt und fasziniert. In den hauptsächlich vorherrscheden fresh-sympathischen Kaffeebecher-New York Animations-Stil, der immer wieder durch trippy Elemente durchbrochen wird, gesellen sich später andere Genres: Film noir à la Sincity, klassischer Cartoon à la Bugs Bunny, verlotterter Antiheld à la Hancock und ein Mädchen mit Roboter à la Bioshock, aber im japanischen Mangastil. Außerdem sind natürlich Comic-Elemente vertreten. Ohne Probleme könnte man bei jedem Frame (!) "STOP" drücken und hätte ein perfektes Panel aus einem Comic.
Zusammengefasst: Wahnsinn!
Ein Blick hinter die Kulissen: How Animators Created the Spider-Verse | WIRED
Sonntag, 15. November 2020
Heiß wie Neostahl: Blizzard spendiert seinem Meisterwerk grandiose Kurzgeschichten!
Starcraft II feiert 2020 sein 10-jähriges Jubliäum. Sein Vorgänger, Starcraft, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Echtzeitstrategiespiele, aber auch des Storytellings innerhalb eines Computerspiels und vor allem der spannenden, nie langweilig werdenden Multiplayerschlachten. Zum 10. Geburtstag spendiert Blizzard ein paar Shortstories. Und die haben es in sich!
Wer billige Ramschliteratur erwartet, wird enttäuscht. Die Stories von unterschiedlichen Autoren - 18 -50 PDF- Seiten lang - , werfen ganz unterschiedliche Lichter auf die menschliche Seele und das Starcraft-Universum. Und obwohl sie alle so unterschiedlich sind, haben sie doch alle eines gemeinsam und zwar das, was große Literatur ausmacht: Liebe und Tod. Sie handeln von Menschen, die sich irren, von ihren Träumen, Wünschen, Ängsten, ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Neugierde. Ich möchte mich nicht in Superlativen verlieren, aber Blizzard ist es gelungen, einen Rundumschlag abzuliefern und in bisher jeder der Stories, die ich gelesen habe, greifbare Figuren zu gestalten, die eine Identifikationsfläche groß wie ein Fussballfeld bieten und jeden Leser, selbst wenn er sich wehrt, in ein Universum - ja, es klingt so blöd, aber es ist so - in das Universum der Starcraftwelt zu ziehen. Und natürlich haben die Autoren ihre Hausaufgaben gemacht! Keine Geschichte gleicht der anderen, jede fesselt, jede wirkt, wie wenn ein Autor tief mit der Schöpfkelle in den Kessel der "Wie-schreibe-ich-eine-gute-Geschichte"- Suppe getaucht hat und zeigt, wie lecker man mit bekannten Mitteln, Tricks, Topoi, Archetypen und Motiven eine neue Geschichte kredenzen kann. (Achtung, jetzt kommt Germanisten-Tech-Talk)
Gemeint sind Techniken wie eine Rahmen- und Binnenhandlung zu erschaffen (z.B. "Das Antlitz des Krieges"), verschiedene Zeitebenen miteinander zu durchmischen (z.B. "Tödliche Säure"), innere und äußere Handlung gleichermaßen zu berücksichtigen, Dialoge, Innere Monologe, unerwartete Gedankeneinbrüche, Bordcomputergebrabel und alles andere, was Kommunizieren kann, einzuarbeiten, die große Geschichte einer skrupellosen Diktatur mit kleinen Einzelschicksalen zu verweben (z.B. "Die Dompteurin" oder "In der Dunkelheit" oder "Der Auftrag"), Elemente der klassischen Tragödie mit der Form der Kurzgeschichte zu kreuzen (Offener Anfang, in medias res, Enthüllungsdramaturgie, hamartia und vermeintliche peripetie, Höhepunkte, Wendungen, Katastrophen und offene Happy Ends), personale und auktoriale Erzählebenen zu verknüpfen und und und.... (Ende des Germanisten Tech-Talks)
Dabei wirkt das eben nicht "billig" wie in einem Groschenroman - zumindest habe ich lange Zeit keinen mehr gelesen. Ich vermute, jeder Leser wird die Geschichten - egal wie er tickt mindestens mit der Phrase "Die haben ihre Hausaufgaben eben gut gemacht" bewerten. Das Spektrum kann aber auch gut und gerne bishin zu verzückten Ausschweifungen und Anbetungen dieser kleinen, kunst-mühe- und liebevoll gewobenen Kleinode führen.
Wie auch immer - ich lese diese Geschichten sehr gebannt! Sie sind fesselnd erzählt und Dranbleiben lohnt sich. Selbst wenn die ersten 10 Seiten manchmal seltsam anmuten - mir ging es so bei "Der Auftrag" - am Ende hat mich keine der Kurzgeschichten unbefriedigt zurückgelassen!
Neugierig? Hier gehts zum Download der kostenlosen Shortstories.
Außerdem kann ich "Neulingen" die opulente, fantastische, epische Story der Einzelkampagnen auch nur wärmstens empfehlen. "Herr der Ringe" - "Game of Thrones"- die Story der Blizzard Schmiede braucht hier keinen Vergleich zu scheuen. Die erste der insgesamt drei Kampagnen gibts auch kostenlos zu spielen (hier durchklicken).
Wer sich tiefer hineingraben möchte findet hier englischsprachiges Fan-Wiki-Wissen.
Freitag, 11. Oktober 2019
Kein Schiff wird kommen - Mainfrankentheater
Applaus, Applaus, ein geniales Ensemble, ein gewagtes Stück mit einer Prise Psychothriller!
Inhalt (ohne Spoiler)
Der junge Wahlberliner Dramatiker Thomas ist im Begriff ein Stück zum Mauerfall in Deutschland zu verfassen und besucht im Rahmen dessen seinen Vater auf der Insel Föhr, um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen und an Material für seine Arbeit zu kommen.
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| Vater und Sohn in der Inszenierung des Mainfrankentheaters 2019 |
Umgekehrt wehrt sich der Vater auf seine Art und Weise gegenüber den Vorwürfen des Sohnes. Im Fazit ergibt das eine spannungsgeladene tragikomische Konfliktatmosphäre und man fragt sich, wie man die Beziehung der beiden entspannen könnte und ob etwas Milde auf Seiten des Sohnes nicht angebracht wäre.
Doch das Stück entwickelt sich von der Vater-Sohn-Studie weiter. Im zweiten Teil des Stücks geht es um die Ereignisse, die für den Vater mit dem Mauerfall verbunden sind. Und hinter ein paar belanglosen Geschichten, so merkt man bald, lauert irgendein Tabu. Irgendetwas schlummert da -irgendein Schatten der Vergangenheit. Der Weg zur Enthüllung dieser Episode aus dem Leben des Vaters, das ist quasi der nächste Handlungsschritt im Drama. Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse ist schließlich der Höhepunkt.
Interessant ist dann der Umgang der Figuren mit der Enthüllung der Wahrheit.
Für Thomas ist es, das Leben, Theater. Als postmoderner Mensch kennt der die Gnade und das Credo des "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und ist in der Lage auszudifferenzieren. Der Vater dagegen hat diese Möglichkeiten nicht. Er verweilt und wird selbst zum Geist.
Aufbau und Inszenierung
Viele Monologe Thomas, die seine Gedanken offenbaren. Sehr schildernde Sprache.
Geisterhafter Schatten der Vergangenheit von Anfang an auf der Bühne durch Riesenbilderrahmen und Welt dahinter ("Geisterwelt") mit Bank und Frau darauf. Unheimlich-mystische Atmosphäre.
Pendeluhr-Mechanik-Geräusche zur Untermalung der drückenden Atmosphäre im Elternhaus.
traurige Gitarrentöne zur Untermalung der Traurigkeit und des Dramatischen, vor allem gegen Ende des Stücks.
Interessant: Wie Vater "gebrochen" die Bühne und den Zuschauerraum verlässt (Gegenpol zu Thomas, der sie energiebeladen betritt und das Stück so eröffnet)
Interessant: Wie der Vater gebrochen den Platz der "Geisterfrau" einnimmt.
Interessant: Überblendung, als Erinnerung und Vergegenwärtigung ineinander greifen, und die Ebenen mittels Projektion (Erinnerung) und Schauspiel miteinander verwoben werden.
Die Selbstthematisierung des Theaters. Was darf es? Was kann es? Welchen Zwängen ist es unterworfen? Wie bändigt man Komplexität?
Schauspiel:
Brilliant! Die Menge an Text, die Flüssigkeit und Lebendigkeit im Vortrag (Martin Liema) , die Klarheit der Sprache des Vaters und sein Timing, die stakkato-"Thomas"-Salve der Geistermutter. Wirklich genial!
Kleine Sprachuntersuchung (evtl. Spoiler)
Einmal im Stück fällt ein markanter Kraftausdruck. Als die Mutter Thomas als „Fotze“ beschimpft, kann man das so interpretieren, dass diese verbale Entgleisung ihrer Krankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbstkontrolle verschuldet ist: Keine normale Mutter würde ihr eigenes Kind derart beschimpfen, geschweige denn im Feminin. Insofern manifestiert sich in der Sprache die geistige Krankheit der Mutter.
Samstag, 13. April 2019
Ein "cooler" Kommentar zur Popkultur? Bilderbuch in Würzburg
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| Kunst - gefällig jedenfalls! Die einen mögen die Ironie, die andern die Kunst. Aber engagiert? |
Sonntag, 17. März 2019
„Ein Sommer am See" (2014) Mariko Tamaki und Jillian Tamaki
Ich verstehe den Jugendbuch-Literaturpreis als Empfehlung, seit Lian Hearns „Das Schwert in der Stille", das ich las, ohne zu wissen, dass es für diesen Preis prämiert war, und von dem ich so begeistert war und bin wie von kaum einem anderen Buch, traue ich dem Geschmack der Jury hinsichtlich der Beurteilung stilistisch ansprechender und inhaltlich berührender Werke.
Der Inhalt (ohne das Ende zu verraten)
In „Ein Sommer am See" geht es um eine Familie, die ihren jährlichen Sommerurlaub an einem großen Badesee im fiktiven Urlaubsort Awago Beach verbringt. Seit Rose fünf Jahre alt war, fahren sie, ihr Vater und ihre Mutter jährlich dorthin und treffen auf altbekannte Gesichter:
Rose hat eine beste Ferienfreundin mit dem Namen Windy. Sie lebt mit ihrer lesbischen Mutter zusammen, deren Mutter ebenfalls zu Besuch kommt. Eingekauft wird im Dorfladen, der auch einen DVD-Verleih betreibt und Anlauf- und Treffpunkt für die Dorfjugend ist.
Die Graphik Novell beginnt also mit der Anreise der Familie in dieses Urlaubsparadies. Sie beziehen ein Ferienhaus und alles scheint bereit für eine Zeit voller Erholung, Familienharmonie, Sonne, Baden und eleganter Langeweile. Oder?
Schnell entpuppt sich, dass die Idylle ihre Risse hat. So entfalten sich verschiedene Konfliktfelder im Feriendorf und vielmehr werden verschiedene Konflikte durch den Ort Awago Beach, der sie alle für die Dauer eines Sommerurlaubs zusammenbringt, durch die Augen der Hauptfigur Rose offensichtlich.
Irgendetwas ist mit Roses Mutter, was auch die Beziehung zu ihrem immer gut gelaunten Vater belastet. Rose verliebt sich in den Jungen, der im Dorfladen arbeitet. Der wiederum hat Gerüchten zufolge eine Jenny aus dem Dorf geschwängert, was aber nur ein Gerücht ist, und beide haben Probleme, damit umzugehen.
Ihre etwas jüngere Ferien-Freundin Wendy wächst alleine mit ihrer Mutter und der Oma auf. Hier scheint die Welt noch heil zu sein. Ihre Mutter ist lesbisch.
Die Wirkung / das Besondere an „Ein Sommer im See":
Dem Duo gelingt es unglaublich gut, Stimmungen einzufangen! Das Buch ist meistens in 4-6 Pannels pro Seite aufgeteilt, in denen munter und scheinbar zusammenhanglos geplaudert wird. Aber immer wieder, gerade dann, wenn man nicht damit rechnet, wird man überwältigt von einer Doppelseite, in der die gesamte Handlung stoppt und ein Moment eingefroren wird, was enorme Wirkung entfaltet!
Sei es Rose, die in ihrem Bett abgammelt oder Wendy am Tanzen um Rose, sei es
Unterwasserspaß...diese drei Doppelseiten haben mich gecatched und ich werde an sie denken, wenn ich an „Ein Sommer im See" denke und ich werde sie nicht vergessen.
Auf der anderen Seite ist das Buch - zumindest für meine Verhältnisse - sehr offen. Jugendsprache, lesbische Beziehungen, ungewollte Schwangerschaft - alles Themen, die noch vor nicht allzulanger Zeit tabu waren. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, was natürlich auch nicht auffallen muss: Die Macher der Graphik Novell scheinen auch lesbisch zu sein. Ein zweiter Blick offenbart: Nein, es sind Cousinen :Poffener Aufbau:
Dennoch muss man damit zurechtkommen, dass das Buch nur Einblicke in Konflikte anbietet, aber keine Lösungen, zumindest keine vollständigen. Das Buch endet wie es beginnt, aber die Konflikte schwelen weiter. Es müsste nachbesprochen oder besprochen werden: Wie geht man mit einer unklaren Verhütungssituation um? Wie geht man mit Problemen in der Familie um? Hier ist viel Diskussions- und Redestoff!
Hier ein Artikel im Tagesspiegel
und hier ein anderer Artikel, der sich mit dem Gefühl "Preteen" zu sein auseinandersetzt
Donnerstag, 4. Januar 2018
Egon Schiele
Zeit seines Lebens als unsteter Märtyrer beschrieben, der in allem, was er machte, immer einer höheren ehrgeizigen Mission folgte. Niemals zufrieden.
Wiederentdeckt durch die sehr einfühlsame, kaum kommentierende Graphic Novel "Egon Schiele" von Xavier Coste.
Neben dem exzessiven, selbst- und kunstzentrierten Leben des Künstlers wird vor allem aber auch der Einbruch des Weltkriegs in das Leben der Menschen greifbar und einfühlbar nacherzählt.
Donnerstag, 16. November 2017
Darf man das? Anything goes...
Das Motto ist voll und ganz dem Zeitgeist im Internet 2.0 verhaftet. Die Zuschauer wählen den Gewinner und schlagen neue Rapduelle vor. So kamen denn auch z.B. folgende Konfrontationen zustande:
Darth Vader vs. Adolf Hitler
Superman vs Goku
Ghandi vs. Martin Luther King
Robocop vs. Terminator
u.v.m
Wie weit darf man hier gehen, bei den historischen Figuren? Bei Hitler und Ghandi und Martin Luther King? Darf man sie so in die Popkultur einbauen? Auschwitz als Battlerapzeile?
- "Ja, man darf. Das ist Kunst." - "Aber keine engagierte Kunst" ." Doch, sie engagiert sich, aber halt nicht für das aktive Eintreten für Werte, die anders als liberal und gefällig sind, sondern für das Liberale und Gefällige, für Klicks und Likes. Das ist 2017 und jede Generation schreibt ihre Geschichte neu. Nicht so, wie prophezeit. Aber was kann man Wahrsagern auch schon glauben? Überall seht ihr Humanisten die Cassandra!""Abwarten"
"Das grässliche Rad der Geschichte (Büchner) wird euch Interpreten der Geschichte auch überrollen."
"Ja, aber ist das nicht empörend?"
"Doch, aber ...leider geil ist Zeitgeist. Niemand will mehr Leiden. Aus Rilkes "Du musst dein Leben ändern" wird "Du musst dein Ändern leben".
- ?
Montag, 14. November 2016
Dadaistischer Nonsense? Ja, aber ein ganzes Feuerwerk davon!
Freitag, 22. Juli 2016
75 Jahre Picasso in Barcelona
Wobei das nicht ganz richtig ist: neben dem Pinsel schwang Picasso auch das Skalpell, Kratzeisen und den Lehmspachtel und neben Picasso schwangen Salvator Dali und Joan Miro neben unzähligen Altmeistern ebenfalls das Borstenschwert. Dennoch, einen Einblick in verschiedene Schaffensphasen und die Entwicklung von Stil und Technik des Gestalters der Friedenstaube erhält man im Picasso Museum in Barcelona.
Das Museum ermöglicht einen chronologischen Spaziergang durch Picassos künstlerisches Dasein.
Picassos Vaters selbst war Kunstlehrer an einer kleinen Schule in Malaga, der Heimat des Künstlers. Da dieser den naturalistischen, akademischen Stil vertrat, wundert es nicht, dass die erste Schaffensphase des jungen Picassos auch unter dem Schirm der kunstakademischen Grundausbildung stand. Der Fokus der Ausbildung lag vielmehr auf Techniken und dem "handwerklichen" Teil des Künstlerdaseins. Picasso lernte hier noch, Abbilder zu schaffen, anstatt Eindrücke mit der dazugehörigen Portion Originalgenie auszudrücken, wie er es später tun würde. So sieht man als Resultate dieser Schaffensphase einige klassizistische Körperstudien oder klassische Landschaftsmalerein, wie z.B. "The Wave" (1895) oder "The port of Barcelona" (1895). Der junge Picasso würde seinen Pinselstrich erst befreien müssen, um zu einem eigenen Stil zu finden. Anklänge davon scheint man in den Bildern bisweilen durchscheinen zu sehen. Als Höhepunkt und Abschluss dieser Schaffensperiode gilt das Großgemälde "Sciene and charity" im naturalistischen Stil. In Form einer Milieustudie sieht man eine kranke oder sterbende Frau in ihrem Bett in der Stube liegen. Ein Mann hält ihre Hand in der einen Hand, in der anderen eine Uhr, auf die er Blick. Er misst vermutlich den Puls der Frau. Außerdem ist eine Nonne auf dem Bild, die ihr etwas zu Trinken anbietet und ein Kind scheinbar mühelos auf dem Arm hält.
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| "Science and Charity", 1897: Typisches Motivgeflecht des sozialen Naturalismus: Armut, Alter, menschliches Leiden, Wohlfahrt, religiöser Sentimentalismus |
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| Portrait of Juan Vital: sich abzeichnende Loslösung vom akademischen Stil |
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| "Seated woman with shawl", 1899/1900 |
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| "The frugal repast" |
Somit findet man in den folgenden Zimmern des Museums auch die Auseinandersetzung mit dem von Verzierungen und Hintergrund nur so strotzenden Jugendstils Gustav Klimts ("The Dwarf" / "Waiting")
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| "The Dwarf" |
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| "Waiting" |
Die Ausstellung macht dann einen rapiden Sprung. Nach der jahresweisen Entwicklung sind dann die Jahre zwischen 1906 und 1917 ausgelassen.
In der Zwischenzeit muss aber viel passiert sein. Auffällig ist, dass sich Picasso immer mehr von der Ölfarbe trennte und mehr in Richtung Ätzung und Littographie arbeitete. Die Farben werden zum Teil weniger - dafür treten Schwarzweißgemälde und Radierungen in den Vordergrund. Außerdem scheint Picasso nun vollständig einen eigenen Stil entwickelt zu haben. Neben den "Onelinern" und "Metarmorphosen" vom naturalistischen Abbildstil hin zur eigenen verzerrenden, defigurativen Darstellung (-> Kubismus) von Gegenständen, Tieren und Personen fällt auch auf, dass Picasso seine Bilder mit Inhalten überfrachtet. So findet man bei dem Werk "Female Bullfighter, Horse and Dying Bull" zuerst und auch später nur einen Kreaturenklumpen. Was möchte Picasso damit zeigen? Die Nähe von Leben, Tod und Erotik und deren Verflochtenheit ineinander? Das Organisch-Wurzelnde und Wuchernde des vitalistischen Lebens, wie Nietzsche es darstellte?
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| Vitalklumpen:"Female Bullfighter, Horse and dying Bull" |
Es folgen dann viele Werke, die Picasso-typisch sind: Verfremdungen konkreter Figuren auf kubistische Art und Weise mit dem Fokus auf die "Las Meninas" Serie und die Nebenwerke dieser Phase ("The Pigeons"). Wer oder was bedeutet der Mann in der Türe im Hintergrund des Bildes? Ach ja, eine Abwandlung des berühmten Gemäldes von Velasquez? -
Die späten Werke, die schließlich ausgestellt sind, sind dann sehr redundant und lassen sich zunächst einfach mit dem Wort "Altersgeilheit" oder "anthropologische Achsenspiegelung" beschreiben: Kein Bild ohne Vulva mit ein paar Schamhaaren daran. Alles dreht sich um Prostituierte, Erregung, Voyeurismus, Wildheit. Das ewig Weibliche zieht uns hinan.
Nett war es noch zu sehen, dass Picasso auch Vasen und Teller getöpfert und gestaltet hat. Schön fand ich z.B. einen Fischteller mit Grätenablage, oder "die Eule" - eine Karaffe in Eulenform und mit Eulenbemalung. Auch dass er einen Hund hatte, der Lump hieß, fand ich witzig. Er malte ihn auf einen Teller und zeigte ihn dem Hund. Ich mag das Foto!Dienstag, 28. Juni 2016
...unerwartete Überraschung
Mittwoch, 11. Februar 2015
simply beautiful
Der Holocaust ist einfach nicht witzig.
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vorbei die Ruhe
weggefegt wird die vorstellung einer friedlichen gesellschaft
sozialromantischer vorstellungen wie herr wintjes sagte
und ja, das system gebiert wunderbare, kreativ schäumende menschen
aber es fängt sie nicht auf - nur als randgruppen und systemaußenseiter
Samstag, 5. Juli 2014
WOW! Power-Poster des Konzerthauses Dortmund zur Spielzeit 2014/2015
Nichts Gefälliges, wie die Popmusik, die einem entgegenplätschert, sondern ein Monstrum, ein Ungetüm, das einen überrennen, plattwalzen kann wie ein Nashorn.
Montag, 23. Januar 2012
Constant Montalde - Jugendstil _ Betrachtungen im Musee des Beaux Arts in Brussel
| Montald _ la fontaine de l'inspiration |
Nein, ich kannte ihn vorher auch nicht. Über einen der schillerndsten belgischen Jugendstilkünstler gibt noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschsprachigenWikipedia-Enzyklopädie. Am Rande wird er in einem Artikel mal erwähnt, weil er der Leiter der Ecole des Beaux Arts in Brüssel war. Wenn man das Musée des Beaux Arts allerdings einmal betreten hat, wird man sich diesen Namen einprägen - oder zumindest seine Bilder. La Fontaine de l'Inspiration und La Barque de l'Idéal: diese beiden Bilder schmücken die Wände der Empfangshalle des belgischen Kulturspeichers. Letzterem widmete ich meine Aufmerksamkeit.
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| montald _ la barque de l'idéal (1907) |
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| Montald _ Paysage symboliste (1904) |
































