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Montag, 2. Juni 2025

Das OMA und Mandrax Queen - Warum beides gut für Herz und Seele ist

SPOILER: Das Festival ist überhaupt ganz und gar nicht so morbide, wie das Plakat vermuten lässt :) Man nehme ein Weingut in der Nähe von Karlstadt mit einer angegliederten Heckenwirtschaft. Man nehme ein offenes Winzerpaar mit Kunst- und vor allem rockaffinen Kindern, man nehme einen Freundes- und Helferkreis dazu, baue eine Bühne, erstelle einen Campingplatz, stelle einen Zapfwagen und zwei zusätzliche Komposttoiletten auf, lade ein paar der in der Szene bekanntesten Heavy-Rock Bands und ein paar absolute Lokalheros und Neustarter der hiesigen Szene ein, nutze noch die Connections zu einem befreundeten Partykollektiv, stelle eine saftige Anlage in einen kleinen Schober oberhalb des Wohnhauses und der Hecke, mache das ganze auf Spendenbasis, organisiere Artwort, Securitys, Schichten und Helferpläne, gestalte noch eine zweite Palettenbühne für Lesungen oder Musik während des Umbaus in einem Steingarten dazu, kläre das irgendwie mit den hiesigen Verantwortlichen, organisiere Licht und Bühnentechnik, ein paar kochwütige Herzensmenschen mit Herz für Tieren und heraus kommt so etwas wie das OMA-Festival. Klein, herzlich, offen, inspirierend. Absolut menschlich. Was können Menschen denn bitte Besseres machen, als ihre Ressourcen und Fähigkeiten mit andern zu teilen, ein "Come-Together" zu organisieren auf Spendenbasis und mit vegetarischer und veganer Küche? Jeden einzuladen, solange er sich an die Regeln des pazifistischen, antirassistischen Miteinanders hält? Mir fällt wenig Besseres ein!

Und damit kam ich in den Genuss, zwei Abende voller Konzerte und Live-Acts und einen Morgen voller Kunst und viele kleine Momente  voller wunderbarer und wertvoller Begegnungen in mein Bildgedächtnis einzubrennen. 

Neben den Lesungen von den drei Slamern Mr. Nils Nektarine,  Taliaklenk oder Rune zu ganz unterschiedlichen Themen, aber auch zu dem ernsthaften Thema, wie es ist, als Mensch mit ADHS zu leben und dem Herzensthema Akzeptanz von transgender und heteronormübersteigender Lebensgestaltung, habe ich zu Anfang ankommen dürfen zu den zauberhaften Melodien und Freiheitsgitarren-Soli von PYRAMID, dann Mandrax Queens Bühnenfeuerwerk zum zweiten Mal live erleben dürfen und das brachiale, ursympathische Urgestein "Weedwizard" entgegengeschmettert bekommen. Ich wurde dann von Dojo Rich wieder daran erinnert, wie unfassbar kreativ Menschen sein können (5 Digeridoos, ein paar Perkussionsinstrumente, unendlich aveolare Luftströme, Passion und Explorationslust) , erlebte das beherzte Set von "DÄSCH" ("You want a love song? THIS is my Love song!)  bis die Bühne kaputt ging, hörte wieder die schöne, ehrliche und vertraute Stimme von "Lovely, lovely Wierdo", lies mich von BLACKSMOKER wegblasen und was ich noch an Energie hatte, wollte ich den Pawn Painters nicht vorenthalten (SCREAMO!).Unglaublich auch die Zappeldrangcrew mit Hightech-Sound, Gebretter aller Art, Drum-n-Bass und viel Liebe. Das ist jetzt nur ein kleiner Ausschnitt. Und ich könnte auf jede Band im einzelnen Eingehen...Aber dafür habe ich leider nicht die Zeit. Work work work for a better world world word calls.

Jetzt also noch kurz Mandrax Queen: Wer irgendwann die Möglichkeit hat diese Band live zu erleben, der sollte die wahrnehmen! Nicht nur weil man selbst als Nicht-Musik-Nerd das Label "handgemachte Rockmusik" spätestens dann, wenn man die zusammen spielen sieht, zu verstehen und wertzuschätzen lernt, sondern auch, weil die Songs vor Funk strotzen und die Band den Funk so richtig aus den Songs raussqueezt, weil die Songs Explodieren können und zeigen, wie viel Kraft und Schub Stoner Rock haben kann, weil sie mitreissen und die Band auch mitreisst oder sich mitreissen lässt, Spaß an der Sache hat und nicht nur "runterzockt", was sie so haben. Das ist das eine, das Musikalische und Handwerkliche und so. Und jetzt noch das viel Wichtigere, andere: 

Weil die Songs authentisch sind. Sie sind von Menschen für Menschen. Über gute Zeiten, über schlechte Zeiten, hoffnungs- und trostspendend, dass alles besser werden könnte. Ja ja, das klingt ein bisschen nach Sozialkitsch, aber: You might call me a dreamer, but i am not the only one. Musik verbindet. Love Love Love. (Übrigens ein bisschen so ähnlich wie Gunships "When you grow up your Heard dies") Und um es vielleicht ein bisschen zu beschreiben: Man nehme ein bisschen die Melancholie und den 80ger Jahre Wave Touch von The Cure, den Funk von den Chilli-Peppers und eine riesengroße Brise Stoner Freedom-Blasting und dann kommt man vielleicht bei ihnen an, wenn man Mandrax Queen anhört, was auch unglaublich gut ist. Aber - ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unbeschreiblich all das live ist!!! Und ich mag es nochmal wiederholen: Unbedingt live sehen und supporten!

Die Hits, an die man sich erinnert: Love, Love, Love oder Lights out. Und als Hörpobe vielleicht das hier



Freitag, 10. Januar 2025

Call me by your name - quite emotional

"Call me by  your name" -  kunstvoll und sinnlich  knisternde  Phantasie  und Homage über die lebendige Liebe,  subjektive Gefühle, das  Leiden - und  liebevolle Eltern.


Mittwoch, 17. April 2024

Bees made honey in the vein tree_Immerhin, April 2024

Nein, wir machen da nicht mit. Nein, wir sind langsam. Nein, wir sind lauter. Nein, wir sind schneller. Nein, wir singen keine schönen Strophen. Doch, wir spielen auch schön wie ein Sonnenaufgang. Aber nicht lange. Wir probieren es einfach aus. 

Ich war auf einem Konzert der Band „Bees made honey from the vein tree“ aus Stuttgart im wundervollen Immerhin in Würzburg.  Die sind zu viert, zwei Egitarren, ein Bass, ein Schlagzeuger, zwei von ihnen singen. Aber was die machen ist echt schwer adäquat zu beschreiben, ohne dass man gleich einen Essay drüber schreiben müsste oder wollte. Denn genau das würde ich gerne. Ich würde dieses Phänomen irgendwie gut beschreiben, ich fand's buchstäblich phänomenal. Andere fanden es zu krass. "Ich bin nach dem zweiten Song gegangen. Zu harter Tobak für mich". Andere: "Was war das?" Mir ging es genauso. Was war das?" 

Im Grunde ist die Band noch am ehesten eine Rockband. Genauer: Doom Metal. Also schwer, langsam, verzerrt und mächtig. Aber dann haben sie so viele Spielereien und Feinheiten - was die Band für mich einzigartig macht. Und das würd ich alles voll gern aufdröseln und beschreiben. Einfach um zu dokumentieren, was es für tolle Phänomene in dieser Welt gibt!

Am ehesten hat mich die Band an das Schiff „die Moloch“ aus Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn erinnert. Schwer geht sie im Triebe, total riesig, total finster, total verstörend aber irgendwie auch total faszinierend. Man will wegrennen und muss hingucken. So ging es mir während des Konzerts.und gleichzeitig war eben nicht alles so finster und dunkel. Manche Lieder oder Akkorde klangen auch wie Sonnenaufgang im Wald oder Sonnenaufgang am Strand…

Fazit: Einfach irre, was Menschen miteinander machen können! Mehr Performance als Konzert. 

Wer rockt so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Stoner mit seinem Bass. 

Wen das näher interessiert, kann sich das ja mal per Live-Video anschauen (auf Video klicken)


Sonntag, 24. Mai 2020

Die Dire Straits: "leicht verdaulich und doch anregend gespielt". Eine britische Band, die ihre größte Zeit in den 80gern hatte. Ihr Name heißt übersetzt soviel wie "Notstand", eine Situation, in der man in ernsten Schwierigkeiten steckt. Motor der Band ist der "große Bruder" Mark Knopfler. Er hat eine eigene Art seine Stratocaster E-Gitarre zu spielen: Normalerweise spielt man mit Plektrum. Er zupft. Das ermöglicht ihm einen ganz eigenen Klang, der "picky" ist.Größter Hit, den jeder kennt: Sultans of Swing - einer der ältesten Kompositionen Bandgründers.

Es gibt eine life-Veröffentlichung von ihnen mit dem Namen "Alchemy". Hier der Hit "Sultans of Swing"



Sonntag, 22. September 2019

Bees made honey from the vein tree in Würzburg erforschen den Bass-Sound!

Ein Bassist, zwei Gitarristen und ein Schlagzeuger forschen aus, was passiert, wenn sie sich alle 4 Musiker 3 Regeln unterwerfen:

1. Der Sound ist so tief wie möglich.
2. Der Sound ist so mächtig wie möglich.
3. Der Sound ist so langsam wie möglich. 

Was dabei rauskommt?  Eine Performance, eine Messe, in der der "bassismyreligion" dann ausnahmsweise ein  berechtigter Name ist. Schwingung. Ein ganzer Raum und alle darin befindlichen Körper in Schwingung. Die drei Saiteninstrumentalisten aus dem Stuttgarter Raum entfesseln ein Klangbiest, gezähmt und strukturiert wird das Gewummer und Gewabber allein vom knochentrockenen Schlagzeug. Sie alle zähmen und betrachten, erleben und verkörpern dieses erschaffene Biest gleichermaßen. Wow Wow Wow! 
Ohne Analogfaschist zu sein - man wünscht es jedem Elektro-Jünger, dass er das mal miterlebt, was akustisch, analog möglich ist! 
Und mal wieder: Danke, Immerhin! 


https://www.stuttgarter-zeitung.de/gallery.preissegen-fuer-kultur-in-esslingen-psychedelische-band-und-komma-raeumen-ab-param~2~1~0~5~false.0fa83d9f-81aa-47d1-95ab-472c210c2de2.html

Samstag, 13. April 2019

Ein "cooler" Kommentar zur Popkultur? Bilderbuch in Würzburg

Glück muss man haben: Nach sieben Monaten der erste Live-Auftritt der Österreicher, 2 Weltpremieren, Tour-Eröffnung, ein unveröffentlichter Track. Bilderbuch, die hippe, österreich-sympathische Band, trendy, candy, Neo-Falcos, Dekadenzrocker! Erfüllen sie die Erwartungen?

Zweifel kommen in mir hoch nach ein paar Songs. Die Burschen betreten die Bühne in ausgewähltem Outfit - eben keine Underground Band, sondern schon Profis, Randplayer aber im Big Game, mit Visagistin, Kostümistin, zumindest wirkt es so. Der Eindruck wird verstärkt von roten Papierherzen, die über der Crowd aus den Aufhängungen der Halle abgeworfen werden. Eben alles "candy", "alles Liebe!". 
Der Frontman, Maurice Ernst, bewegt sich geschmeidig und sicher am Microfon. Immer wieder catched er mit abgehackten Bewegungen die Aufmerksamkeit der Zuschauer und flowed durch die Songs und ich frage mich: wieviel ist Choreographie, wieviel Gefühl, wie viel ist "einstudiert", wie viel ist "real"? 

Dann wechsle ich die Perspektive, gehe nach hinten und sehe das gesamte Bühnenbild: Ein Riesenwasserhahn mit Sturz-LEDs, eine Flugzeugtreppe, ein alter amerikanischer Kühlschrank, eine Ventilatorenwand, Planeten. Irgendwie alles und nichts aber von jedem ein bisschen. Alles hip, urban,  in unserer Travel- und Reisezeit verhaftet. 


Kunst - gefällig jedenfalls! Die einen mögen
die Ironie, die andern die Kunst. Aber engagiert? 
In dem Moment spielt die Band den "Frisbee"-Song über urbane Lockerheit, über Unberührtsein gegenüber den Kümmernissen der Welt und mein Ersteindruck verfestigt sich: Bilderbuch, wer ist das? Eine Gruppe musikalischer Eklektiker, sympathisch, Underdog in einem großen Business und was sie verdammt gut können, das ist das unsere Kultur zu kommentieren. Und zwar richtig cool - im Stil unserer "smile or die" - Mentalität immer fluffig, luftig, easy, fly mit einem Touch Ironie und Smartness. Sie stehen halt drüber und kommentieren es nur. 
Und da entsteht die Speerspitze meiner Kritik in voller Wucht: Ich sehe die tanzenden Massen und denke mir: „we dance on the wrong songs. we joy all the wrong words", Jungs, ihr kommentiert das Weltgeschehen echt gut, aber ihr ändert nichts daran. Eure Kritik, falls es eine gibt, bleibt in der ironischen Reproduktion stecken. Ihr reproduziert die Codes einer kranken Gesellschaft, aber ihr ändert sie nicht. Ihr macht das gut, aber schämt ihr euch nicht? 

Mit diesen brühwarmen Gedanken treffe ich auf eine Bekannte und die Arme hat das Glück, dass ich ihr das gleich mitteilen muss. Ich bin inzwischen schon so weit, dass ich die Wirkung und Choreo von Maurice Ernst mit Helene Fischer vergleiche. Sie bremst mich aus. Mit diesem Kritik ginge ich zu weit. „Aber sie sind doch unpolitisch!", entgegne ich. Maurice sei ein Entertainer, das könne ich ihm nicht übel nehmen, der sei halt so. Wie Prince. Und dass sie unpolitisch seien stimme nicht. Sie hätten eine Europa-Pass Kampagne initiiert. Außerdem seien Plätze auf der Gästeliste nur gegen eine Spende an eine NGO zu erhalten gewesen. 

Okay. Das ändert meine Gedanken ein wenig, mildert meinen Tugendjähzorn. Ich gehe wieder zu meinen Freunden links neben der Bühne. Der Alkohol macht mich auch bierselig und so wippe, groove und tanze ich schließlich mit. Dann kommen die Hits, wegen denen ich Bilderbuch mag: Machine. Bungalow. Und ich merke auch, dass die Jungs gute Musiker sind, die ihre Instrumente beherrschen. Quasi der Rockwolf im Popschafspelz. Yeah! Nach einer fulminanten Show kommt am Ende auch donnernder Applaus! Die Zugabe befriedigt mich dann vollkommen: Ein gefühlt 8minütiger instrumentaler Doom-Drone Song? Maurice Ernst meint danach, es sei ein unveröffentlichter Song. Aha, sie können also, vielleicht wollen sie auch nur dürfen nicht (mehr)? Hell Yeah! Rock'n'Roll jedenfalls! Wir feiern den Song - gefühlt zu dritt und als einzige in der Halle. (Bestimmt war es so ;) )  Irgendwie endet das Konzert dann auch...aber ich war dann auch nicht mehr ganz geistig anwesend. Na ja. Das Ende vom Lied: Es war dann doch ein sehr schönes Konzert, ein Popereignis mit einem bestimmten Anstrich - das, was Bilderbuch eben ausmacht. Und ich bin froh, dass ich da war! Ich rechnete mit einem oberflächlichen Konzert, bei dem alles "candy" sein wird, österreichischer Zuckerguss und ganz viel <3 auch.="" bekam="" dann="" das="" der="" ja="" liieeeeebe="" p="" und="" zuschauer="">


Jetzt im Nachhinein denke ich mir nur eines - und das würde ich gerne zur Diskussion stellen: Hätte Bilderbuch nicht einmal kurz eine Ansage machen können? Eine politische? Ja, ich höre die Kritik: die Leute, die da waren, waren doch eh alles keine AfD -Wähler...aber Klimasünder sind wir doch alle! Mal wieder nen Tag in der Woche mit dem Fahrrad in die Arbeit, Schule, Uni, was auch immer fahren? Könnten sie nicht vielleicht als Nächstes so eine Bewegung starten? 

Dienstag, 15. Januar 2019

Messiah- All we like sheep have gone astray...

Der "Messiah" von Georg Friedrich Händel am 22.12. und 23.12.2018 ab 17:00h in der Deutschhauskirche Würzburg


Zunächst ein kleines Quizz:

1. In welcher Sprache ist der Messiah geschrieben?
a) Deutsch b) Latein c) Französisch d) Englisch? 

2. Wie lange dauert der Messiah ungefähr?
a) 1 Stunde b) 1,5 Stunden c) 2 Stunden d) 2,5 Stunden e) 3 Stunden? 

3. Welche Farbe trage ich gerade hauptsächlich am Körper?
a) rot b) blau c) grün d) schwarz


Die Antworten: Wenn Du weißt, was bei 3 richtig ist, beobachtet mich mein MacBook doch und du bist krank. Dass Händel in England lebte und der Messiah in Englisch verfasst ist, ich vermute, dass weiß der Standarddeutsche nicht. Ebensowenig, dass er zweieinhalb bis drei Stunden dauert und eine Mischung aus Orchester, Chor und Sologesang ist.
Die Kantorei der Deutschhauskirche hat sich diesem Werk angenommen. Und das auf meisterhafte Weise! Der Messiah, das ist ein Werk, dass man aufgrund seiner Länge auf jeden Fall erstmal durchstehen muss. Das gilt sowohl für das Orchester, wie auch für die Solisten, den Chor und den Dirigenten. Für letztere ist dieses "durch-stehen" wörtlich zu nehmen. Doch die Anstrengung wird belohnt! Es war ein wunderbarer Abend, tonal, rhythmisch, artikulatorisch und lautstärketechnisch. Alle Beteiligten dürfen mächtig stolz auf sich sein! Insbesondere der Chor mit seinem Altersdurchschnitt um die 50 Jahre! Insgesamt haben 54 Musiker mitgewirkt, 17 Orchestermitglieder, 33 Chormitglieder und 4 Solisten. Das Stück besteht aus 3 Teilen und 48 Einzelstücken.
Textlich geht es um den Zwist der Völker, Jesus Ankunft, Wirken und Sterben auf Erden und das Versprechen der Auferstehung und die Wegnahme der Erbsünde.

Besonders beeindruckend war für mich Sven Fürst. Nicht nur, dass er perfekt gesungen hat - auch die Art und Weise, wie er singt, hat etwas Dramatisches: Mit Blicken - je nachdem, wie text- und notensicher - bezog er auf fesselnde Weise den Chor und das Publikum ein. Dabei sollte man eher sagen, er schleuderte die Blicke in das Publikum, zum Orchester und zum Chor oder in die Leere. Mal verwegen, mal kühn, mal anklagend, immer irgendwie entschlossen.  Mit seinem roten Bart und den langen Haaren musste ich auch an Thorin Eichenschild oder einen anderen König denken, der eine Armee auf ein bevorstehendes Gefecht einschwört. Der Mann hat Stimme, Kraft und Ausdruck!

Aber warum der Abend unvergesslich wird, ist, weil alle gemeinsam als ein ganzes Ensemble  so schön zusammengewirkt haben. Und weil ich den Chor und Dirigenten kenne und jeder über sich selbst herausgewachsen ist! Danke für diesen wundervollen Abend!





Sonntag, 15. Oktober 2017

Zur Lage der Nation

Audio 88 und Yassin: Provokation trifft auf Zeitgeist und Gesellschaftskritik.

Als Referendar bin ich dazu verpflichtet, die Schüler anzuleiten, über Kultur und Identität zu reflektieren und ihren Kenntnis- und Erkenntnisraum zum Beispiel durch die Technik des Erörterns zu erweitern. Dabei bleibt nicht viel Platz für meine eigentlichen "Steckenpferde": Entwicklungen der kommentierenden Sprachkunst außerhalb des Kanons der Literatur- und Kunstgeschichte. Zu schade ist es aber, wenn man all die grandiosen Kommentare zum Zeitgeschehen einfach unter den Teppich kehrt. Aus diesem Grund wollte ich einen Track von Audio 88 und Yassin auf dieser Seite besprechen. Er heißt "Weshalb ich Menschen nicht mag". Die Lyrics dazu findet man hier, eine Youtube-Version des Songs findet man hier.

Als Deutschlehrer, Germanist und dergleichen wird man immer hellhörig, wenn man "Goethe" und "Faust" in Liedern hört. Oft ist es unangenehm sich damit zu beschäftigten, weil die Vergleiche dann doch nicht an die Kultur herankommen. Zum Beispiel ist es nett, wenn Sammy in "Poesie-Album" in etwa alle berühmteren Dichter der deutschen Literaturgeschichte in eine Strophe integriert. Aber hier geht es nur darum, berühmte Namen zu droppen und sich selbst in die Tradition der Dichter zu stellen.
Anders aber ist es mit diesem Track. Hier geht es um eine knallharte Kulturkritik im Schatten der Flüchtlings- und Leitkulturdebatte. Zwar hat jeder vernünftige Mensch schonmal gedacht, dass "Deutschland" vielleicht die Deutschen Wälder, Eichendorff, Goethe, Schiller, Hegel, Schelling, Kant usw. sind. Und klar, darauf kann man "stolz" sein oder Identität stiften und eben NICHT über die Schandflecken der Nazizeit. Dennoch befriedigt es hier den Zorn auf rechte Ideologien und Pseudoargumentationen, die es vielleicht so gar nicht gibt, so komprimiert und unverhohlen ausgedrückt wiederzufinden.
Und dann redet ihr von "Stolz", aber meint damit nur Goethe/ Aber niemals Sachsenhausen/ Ist doch alles lange her, zwar nicht ganz so lang, wie Goethe/ Aber der steht dir halt näher / Denn in der Schule gab's ja Faust/Da kann man schon mal stolz sein und auf all die ander'n auch/ Wie sie nicht alle heißen, Dichter und Denker und so weiter und so Scheiße.

(Und falls das hier Schüler lesen: Ihr solltet wissen, wie sie alle heißen ;) )

Angegriffen wird also der diffuse Volksgeist der Deutschen in seiner Ambivalenz und Verdrängungsmethodik.
Eine offene Frage ist für mich die, ob das Kulturgut des Bürgertums, also Goethe und Co, hier von Audio 88 auch angegriffen wird oder nicht.
In jedem Fall ein spannender Song mit einem Knaller als Ende:

"Aber relativieren ist niemals eine Meinung"

Samstag, 26. August 2017

I'm a material man in a material world...


Veysel, ein weiterer "Azzlack" auf der Deutschraplandkarte, der gerne von ihr verschwinden dürfte, wenn es nach mir ginge.
Sein neues Lied, das zusammen mit der TNT Serie über das "harte" Gangsterleben in Kreuzberg/Neukölln geht und den Namen "4Blocks" trägt, heißt "Bargeld".
Die autotunisierte Hook: "Ich will nur mein Bargeld". 
Schön, so jemanden will ich zum Freund, Kanzler, Vorbild, Firmenvorstand oder Versicherungsvertreter. Materialismus at it's sadest...äh findest form. Kupferpennys vor die Säue...und liebe Käufer seiner Hits: Eigentlich will er nur euer Bargeld...
Meine Antwort darauf:  "Take a look at yourself, take a look at yourself, take a look at yourself, take one big look, take a look at yourself!

Wollte auch nur sein Bargeld...Dennis Nedry aus Jurassic Park
Wollte auch nur "sein" Bargeld: Thorin Eichenschild

Montag, 20. März 2017

Fernab vom Mainstream liegen Musik-Meilenstein:

Komplexe Soundart Musik:
https://soundcloud.com/culprate. und zum Einstieg der Song "whispers": https://youtu.be/owZOaV4TYY8
"Schöne" Musik
Meiner Meinung nach der perfekte Soundtrack zur Untermalung von Kalékos "Das graue Haar". Abgesehen davon simply beautiful music: https://soundcloud.com/erasedtapes/olafur-arnalds-nils-frahm-life-story




Samstag, 3. Mai 2014

Niedowierzanie: Kitchig, Disruptive, Progressive.

Auf der kleinen Bühne des Café Cairos, der Studio-Bühne, spielten gestern eine Band und ein Solokünstler auf. Den Solokünstler erlebte ich nach meiner Arbeit im Krankenhaus mit. Niedowierzanie nennt sich der Künstler. Das ist unaussprechbar, polnisch und bedeutet "Misstrauen". Der Künstler selbst trat alleine auf. Er saß auf Augenhöhe mit dem Publikum, das am Boden saß auf einem Hocker. Als Instrumente hatte er eine kleine E-Mandoline, ein Akkordeon, eine Trompete und seine Stimme dabei. Was er mit diesen Klangerzeugerungsmitteln produzierte, sendete er durch ein Richtmikrophon zu seinem ThinkPad von Nokia. Dort wurden die Signale stark modifiziert, vorwiegend durch Hall und Distortion. Zusätzlich zu den so eingespielten Sounds liefen vorproduzierte Sets vom Computer ab.
Vom Stil her kam eine Mischung aus bastardigem John Fusciante - Synthiedrummbeat, vielen Flächen und unzuordnungsbarer Geschrabbelei aus der sehr guten Anlage der kleinen Bühne.

Wie war der Gesamteindruck? Schräg! Gringo-Italiano Beats, harte Beats, viel Bitcrusher, schwermutige Melodien und Gesang.
Insgesamt war der Sound sehr weit angelegt, durch die hiphoppigen Beats aber immer wieder begrenzt. Für mich entstanden zuerst Soundwelten zwischen Sinti-Romasehnsucht und Spaghettiwestern, und etwas reflektierter: Weite und verdrängte Urbanität. Auch Surrealität. Ein anderer Konzertbesucher sprach "vom Herzschlag eines Fettleibigen, der im Sterben liegt", der Veranstalter sprach von Frankreich. Eingeladen fühlte man sich von der Musik nicht, aber beeindruckt.

Was mir fehlte, war der Kontakt des Sängers zum Publikum. Vielleicht wollte er einfach nicht mit dem Publikum reden oder agieren. Vielleicht ist es auch ein Genremerkmal, dass die Experimental-Folker, die ich bisher gesehen habe, teilen: Sie wirken auf mich so, als hätten sie ein irgendwie verschämtes Verhältnis zu ihrer Musik. Ich werde dem weiter nachgehen. Trotzdem bereichernd und öffnend.

  

Freitag, 15. November 2013

J. Eight

https://soundcloud.com/jpointeight/j-eight-soundtrack-demo-05

Jede einzelne Spur strebt so dermaßen nach Freiheit!
Es ist, als würden sie alle drei Sekunden anlaufen und dann losfliegen wollen! Fresh!

Donnerstag, 24. Oktober 2013

"We are Modeselektor" im Theater Ensemble

Ungewohnt, was alles in Würzburg möglich ist.
All diejenigen, die immer wieder meckern, dass Würzburg langweilig und ein totes Pflaster sei, dem sollten die Fakten um die Ohren geschlagen werden: Das Theater Ensemble hinten in der Zellerau ist eine wunderbare Location für alle Arten der Kultur. Diese Möglichkeiten haben die Bühnenkeuze seit geraumer Zeit auch erkannt und öffnet seitdem die Türen für Fremdveranstaltungen, die nicht aus der theatralen Welt kommen.
So auch gestern, Mittwoch, den 24.10. abends. Es gab ein public viewing des Films "We are Modeselektor" über das gleichnamige Berliner Technoduo. Der Film war sehr interessant: Als Film, weil er ohne Kommentator und sehr nahe an den Menschen mit vielen Originalaufnahmen aus der damaligen Zeit ein sehr uneingenommenes Bild zweier unterschiedlicher Menschen und deren sozialer Herkunft macht, ohne propagandistisch oder selbstbeweihräuchernd zu sein, über die Partyszene informiert.
Interessant war für mich dabei die Herkunft der Partner: Das eine Elternhaus skeptisch, das andere fördernd. Beide aber im dorfidyllischen verwurzelt. Wie sonst kann man auch solche Feierkultur betreiben, ohne selbst dabei verrückt zu werden? Für mich waren also entscheidend die Szenen, die den Unterschied zwischen städtischer Kultur und ländlicher Lebensweise darstellten.
Ebenso beeindruckend fand ich die Aufnahmen aus den 90gern, als Techno noch richtig dreckig war: Also Boxen, ein paar Plattenspieler, Synthies und los. UNFFF, UNFFF, UNFFF! Den Sound von Modeselektor, den ich kennengelernt habe, war schon der nach 2000der Sound, als Bigbeat und Hiphopbeats irgendwie in die Musik mit reingewaschen wurden. Auch da macht nun mein Spektrum von Modeselektor etwas weiter - vor dem Film habe ich vorrangig den Bigbeat und das Hiphoplastige in ihrer Musik wahrgenommen. Jetzt ist es der Rave.
Positiv zu erwähnen ist auch die Anlage des Theater Ensembles. Ich wage zu behaupten, dass dies gerade die beste Anlage ist, die es in der Würzburger Off- und Klubszene besteht.
Danach wurde noch schön gefeiert: Ein wunderschön ausgeleuchtetes DJ-Pult war aufgebaut und Herr Kretzwitz machte, was er konnte: Leute zum Feiern zu bringen. Nur Zelten wäre schöner gewesen..

Fazit: ein interessanter und aufschlussgebender Film über die Raveszene

Samstag, 10. August 2013

Im Deutschhauschor gesungen:

2017: Konzert mit Orchester: Luthers Lieder in Vertonungen des 16. und 17. Jahrhunderts, Werke von Scheidt, Mahu, Praetorius u.a.
 2017: Passion
  • Palestrina: O bone Jesu
  • Schütz: An den Wassern zu Babel (Psalm 137) - ich hätte gern auf eine Passage darauf verzichtet.
  • Medelssohn-Bartholdy: Um unser Sünden willen
  • Anonio Lotti: Cruzifixus
  • Andreas Hammerschmidt:  Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
  • Strawinsky: Pater noster
  • Bach: Sei gegrüßet, Jesu gütig
  • Raselius: Also hat Gott die Welt geliebt 
  • Regner: Agnus Dei

2016: Konzert mit Orchester: Gloria (Vivaldi)
2016: Konzert mit Orchester: Matthäus Passion (Bach)

2013
  • Andreas Raselius: 
    • Judicia: So jemand, mein Wort wird halten. (Joh., 8, 51) 
    • Selig ist der Leib, der dich getragen hat (Luk. 11, 27f.)
    • Reminiscere: Und siehe, ein kananäisch Weib (Math. 15)
  • Bach: Oh Mensch bewein dein Sünde groß
  • Josquin Deprez: Tu pauperum refugium (1400 - 1521)
  • Walczak 2005 / Charles Gonnod: Salutaris Hostia
  • Palestrina; Missa Papae Marcelli 
  • Buxdehude (1637 -1707): Alles was ihr tut 


Montag, 15. Juli 2013

STONED FROM THE UNDERGROUND




Seit einigen Jahren hat sich eine kleine Geburtstagsfeierei zu einem der größten und renommiertesten StonerRock-Festivals Deutschlands gemausert: Stoned from the Underground. (Trailer)

Das Festival findet am Alperstetter See in Stotternheim statt. Es gibt eine große Bühne, ein Partyzelt und einen großen Campingplatz. 

Mir fehlen größtenteils die Worte nach dieser Erfahrung. Rock'n'Roll eben, Festival. Ideale zuhause lassen, "Rote Fontäne"- und "Nicht- ärgern, Wundern"- Mentalität anknippsen. Ist mir nicht so leicht gefallen), nach meinen bisherigen Festivalerfahrungen (Southside 2003, Sziget 2005, zwei gesitteten Fusions) und innigster Thomas Mann Lektüre. 
Diesmal also hautnah dabei und keine Chance mich zurück zu ziehen - Rock 'n' Roll, Belästigung, Berauschung, Belastung, Beschallung, Berührung. Dosis sola venenum facit.

Horisont, die "realste" Retroband im Led Zep Stil.
Tja, und wo man ist, eben in einer sehr kompromisslosen Kultur, erkennt man, wenn man den Wetteifer der Bands in ihrer Namensfindung beobachtet: ATOMIC BITCHWAX, ACID KING, TRECKER, PELICAN, MUSTACHE, PET THE PREACHERS, SARDONIS, LOWRIDER, TRUCKFIGHTERS. Das waren Bands, die ich gesehen habe. Daneben existieren eben auch noch andere Bands wie POTHEAD, WEEDEATER....Und dann noch meine Favoriten: COLOUR HAZE, ROTOR, THE MACHINE und SUNGRAZER.
Was die Bands verbindet ist die Rockbesetzung: Schlagzeug, Egitarre, Bass und natürlich nicht zu vergessen: Verzerrung. Aber es geht alles eine Spur härter zu. Deswegen nennt sich die Musikrichtung auch "Heavy Rock". So kann man Pelican zum Teil mit Mogwai vergleichen, nur eben härter. Und ich frage mich manchmal, wie kitsch so männlich sein kann?

So, was ist jetzt so hart an dem Festival? 

Das gute zuerst: Die Musik. So gut, so wuchtig, so berauschend und gnadenlos staubtrocken, so ausufernd, so simpel und dann wieder hochkomplex, rhytmisch vertrackt und verwirrend (Pelican!) - das ist Stoner Rock. Entstanden, so will es die Legende, irgendwo in der Californischen Wüste und dazu gemacht, um mit Vollgas noch etwas schneller durch den Staub zu preschen, während ein Adler durch die Hitze gleitet und seinen markerzitternden Schrei loslässt.
In der Ausprägung dann düster (Acid King), sportlich ( Truckfighters -> Album Opener), prollig (Lowrider), funky (Horisont - Retroband), wack weil Bluesrock (Five Horse Johnson)....
Die Kommunikation zwischen Gitarre und Bass: Mal sportlicher Wettkampf, mal heiteres Ergänzen im Hesse-Style, mal nicht vorhanden und manchmal Machogeprügel. Schön war es den Szenenachwuchs auf dem Campingplatz spielen zu sehen. 

Auch wunderschön die Landschaft. Der Osten ist weiter, als Bayern. Nicht so zugebaut, dünner besiedelt. Schon auf der anderen Seite eines Hügels hinter dem Festivalgelände: Stille. Dann: Eine lebendige Kornwiese und links von einem gesunde Uferböschung. Hasen tummelten sich am Wiesenrand und Bussarde kreisten verwirrt von den 1500 Zelten über dem Gelände. Traumhaft!

Hart war der Livestyle: "Wir wollen Saufen, bis die Kotze kommt, und pissen, bis es brennt". Und ja, dann noch die Nacht zum Tag machen mit sexuellem Gebalze. Es hat sich nichts geändert, die Menschen waren noch nie so, wie sie sich die bürgerliche Oberschicht gewünscht hat. Weder in der Antike mit den Dionysien, noch während dem amerikanischen Bürgerkrieg, noch im zweiten Weltkrieg und auch nicht heute. Tja, also auch das mal angeschaut, kennengelernt.  Langsam komm ich wieder zurück ;)

Die Musik werde ich weiterhin lieben. Up - in - Smoke - Tour: kommt nach Würzburg!

http://www.caligula666.de/

Sonntag, 31. März 2013

Die etwas andere Interpretation einer Lyra:

Kraftvoll, Ausdrucksstark, symmetrisch, organisch, lebendig, verblüffend: Midisoundkunst kann schön sein! 
synthesia ist eine Software zwischen Spielen und Lernen für Pianomusik. Und für die Chinesen - oder Japaner - ich kann die Schrift nicht unterscheiden - natürlich gefundenes Fressen, um ihre konkurrenzlose Brillianz, wenn es um flackernde Bildschirme und das was davor, darauf oder dahinter geschieht, unter Beweis zu stellen: 




Montag, 12. November 2012

WHY? zu Gast in Nürnberg

Why? ist viel mehr als Yoni Wolf und vielleicht eine der besten Livebands, die gerade den Planeten umkreisen

Das neue Albumcover drückt den Stil von Why? pregnant aus: Die Lügenassoziation gepaart mit der Angst verschluckt zu werden.

Es hat ein wenig Überwindung gekostet. Als eingefleischter Underground-Anticon Fan mit Deep Puddle Dynamics, Themselves, Sole und Clouddead - Hintergrund auf ein Why?-Konzert zu gehen. "Why?, der doch so weit ins Indiegenre abgedriftet ist und Pophymnen schreibt, während Dose "real" geblieben ist, und mit Sublte und seinem Soloalbum seine Kompromislosigkeit weiterhin beweist." So inetwa dachte ich vor dem Konzert. 

Zu der Performance
Why? - mit der Konzertbesetzung in Nürnberg

Why? ist inzwischen zu einer fünfköpfigen Truppe angewachsen. Auf der Bühne erwarten einen zwei Schlagzeuge, eine Roadspiano-Spielerin, eine Bassistin, ein Gitarrist und Yoni Wolf als Frontman. 
Dessen älterer Bruder, einer der Schlagzeuger, hatte sein Set genau neben mir stehen. Der Club war angenehm voll, die Atmosphäre freundlich. Man konnte kucken, tanzen und vor allem eins: Staunen. Zum Beispiel über die Präzission von Josh an den Drumms, seine Liebe zum Spiel (Dauersmiley) und die Art und Weise, wie sein Set zusammengestellt wurde. Statt eines normalen, klassischen "Rock"-Schlagzeugs, begnügt sich Josh mit einer Minibassdrumm. Dafür hat er neben sich eine rießige Standtomm hängen, vor sich, neben der Snare, ein rießengroßes zweireihiges mattsilbergrauschimmerndes Metallophon über dem ein Schellenkranz an einem Ständer montiert ist. Schließlich hat er noch einen typisch hawaianischen Muschelkranz mit Auffangschale und vieles habe ich wahrscheinlich vergessen. Zusammen mit dem ihm gegenübersitzenden Drummer auf den der Rest aller Percussioninstrumente (also Cowbells, Chinabecken, Xylophon etc.) verteilt ist, liefern die beiden den Rahmen für das Set. Puertorikanisch oder hawaianisch klingt das dann mit der Power einer Straßenumzugsband beim Rio Dejaneiroer Carneval. Und es steckt viel Arbeit und Mühe in den Songs. Kaum länger als 16 Bars wird dasselbe Pattern gespielt - dann wechseln die Sticks wieder zu Schlegeln oder Rassel oder Besen und irgendwoanders drauf wird lebendiger Kinderkram in atemberaubender Technik und Geschwindigkeit gemacht. Yoni sagte auch in einem Interview, dass das neue Album Beatlastiger sein solle: 

CP: The new material that’s on the EP is more percussive and upbeat than your previous work. Was it a conscious decision to go in this direction?
YW: Yeah, I think so. We definitely wanted to do a lot of percussion stuff.

Im selben Interview betont er, dass viel Arbeit in dem Album steckt. Und das merkt man, gerade an den Drumms: Nicht geradlinig gehen die songs, sondern responding to each other - die Schläge im Takt, die Josh freilässt, füllt sein Pendant auf der Gegenseite und umgekehrt. So entstehen auch unglaublich interessante Delay, Echo, Frage, Antwort und Verstärkungsspiele auf der Bühne in die sich die übrigen drei Musiker nahtlos einfügen.
Der Gitarrist (Doug?) eine absolute Maschine. Voll im Groove, spaßig, mitsingend und mitrappend - was gerade gebraucht wird, er hat es parat.  Schließlich hat sich die Band noch um zwei Damen erweitert: Liz Hodson, die mit den dunklen Haaren und die Kaum eine Mine verzogen hat aber wunderschön mitsang, Bass spielte und einen MicroKorg bearbeitete. Und die drollige Sarah Winter am Rhodes Piano in Raubkatzenkleid, die Solo so ähnlich  singt und klingt und "spineless but emotive" performed, wie Antony Hegarty von Antony and the Johnsons.
Oftmals wird dann also vierstimmig gesungen, während Yoni singt oder raped und die Jungs hinter den Schlagwerken machen manchmal auch mit. Zusammen ergibt sich so nicht nur die erleuchtende Erkenntnis für mich, dass Why? eben nicht mehr "Why?" als Yoni Wolf ist, sondern auch eine lebendige, sich ständig aufeinander beziehende, inspirierende und energiereiche Musikperformance, die zeigt, wozu der Mensch fähig ist, wenn er Kultur macht.

Zu der Musik

Gespielt wurde vieles von der Hollows. Wie kann man den Style von Why? beschreiben? Jetzt fällt man doch auf die Lyrics von Yoni Wolf. Und diese sind nicht unbedingt gutlaunig, sondern oftmals einfach nur realistisch, nerdig und mit einer Brise Selbstironie und Weltunverwandheit. Irgendwo zwischen melancholisch und Puderzucker und Computerbildschirmen. Und dennoch gibt es irgendwie Kraft.

Mehr Infos, Photos, Videomaterial unter whywithaquestionmark.com, dabei auch ein Video, das in etwas vermittelt, wie Why? live klingen. (Rubrik "videos")

Montag, 22. Oktober 2012

"My head is dubby" - Dub'n'Bass in Polen

Das Soundsystem der Dubstage ( Soundtest )


In Breslau (Wroclaw), der viertgrößten Stadt Polens wird seit einiger Zeit regelmäßig der absolute Drumm'n' Bass, Dubstep und Future Bass Bassgewummer-Wahnsinn auf die Tobsüchtigen Musikliebhaber losgefeuert. In den Räumlichkeiten einer alten Brauerei (poln. "Browar") installierten hier ein Team von etwa sechs wahnsinnigen Polen um einen Pawlo herum eine Eventfolge mit mehr als 1000 Teilnehmern. Das bedeutet? Purer Wahnsinn.

Die Mauern der alten Fabrikanlage zittern von den Basswellen. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zittert von den Basswellen. Kann man beim Warmup in der Future-Bass Area, wo niemand anderes als Playpad Circus selbst spielte, von gutem und lautem Sound sprechen, so regiert in den andern Stages der Wahnsinn. Haare und Kleidung zittern von den Basswellen.
Ich war kurz drinnen, um sofort wieder rauszugehen. Ohne irgendwas in den Ohren wäre das nämlich auch Wahnsinn. Auf dem kleinen Raum von geschätzt nicht mehr als als 5 Meter Breite, 20 Meter Länge und 4 Meter Länge hat das "Dubby-Team" ohne es zu wissen einen absoluten Soundpool eingerichtet. Statt Wasser wird man von Sound umspült, wobei hier Worte wie "überrollt", "weggeblasen" oder "Panzer" angebracht sind. Die Tänzer werden zum Spielball in einem Soundpool, in dem Kräfte und Soundwellen entfesselt werden, die von allen Seiten über sie hereinbrechen. So gewaltig ist der Sound, dass man schier von Körperverletzung sprechen kann.
Die PA-Opfer
By the way: Basswellen können sich brechen und dreidimensional im Raum ausbreiten. Die Distanz einer Basswelle auf 40Hz, bis sie ihre komplette Amplitude einmal ausgebreitet hat, sind etwa 20 Meter. Das heißt, die Welle in diesem Schuhkartonräumchen kann nicht einmal ihre ganze Amplitude aufbauen, sondern bricht an der hinteren Wand und stürtzt erneut auf die Tänzer im hinteren Drittel der Halle nieder. Und so geht es weiter, die ganze Nacht in der schmuck hergestellten, eigencharmanten Ziegelbrauerei.

Was blieb nach diesem krassen Erlebnis? Erstaunlicherweise kein Tinitus, aber irgendwie fühlt sich mein Kopf noch...dubby an.

Mehr dazu: http://myheadisdubby.com/

Mittwoch, 12. September 2012

Käptn Peng und die Tentakel von Delphi


Abstrakt wie Doppelkopf, fetzig wie Kinderzimmerproductions, das macht die Wucht und den Witz dieser Bühnencombo rund um den Schauspieler Robert Gwisdek aus. 

 

Entfesseltes autoreflexives, radikal-freies Denken mit Wortwitz und Erzähltalent, mit narrativen, phantastischen Episodengeschichten voller Wendungen, Blödsinnig- und Doppelbödigkeit, unerwarteten Pointen und doch immer wieder treffsicheren Passagen - hier wird der Vogel abgeschossen - der "eigentlichen" Realität. Textproduktionsfertigkeiten also und philosophische Raffinesse, Verbindung von Sprache und Körpersprache (unbedingt live sehen!), Erneuerungseifer und eine erfrischend neue Kunstidentität und Herangehensweise an das Rappermetier: All das ist und all das hat Käptn Peng und die Tentakel von Delphi.

Im Detail, z.B. der Bandname "Käptn Peng und die Tentakel von Delphi": Er beinhaltest das Anzitieren einer bekannten Formel ("Orakel von Delphi"), die nun sowohl beim Rezipienten wie auch beim Künstler im Bewusstsein vorhanden sind und bereits einen "angeknacksten" Raum für die folgenden Phantasieauswüche bilden, einen angeknacksten Raum, aber EBEN einen Raum, denn es gibt keine Geschichte ohne Raum. Stichwort: Bildbruch.
Was sich dann in diesem Raum entlädt wird im Normalfall zunehmend wahnwitziger und komplexer. (Wie die Voraussagungen des Orakels von Delphi, das übrigens in Echt etwas mit dem Besprengen einer Ziege mit Wasser zu tun hatte und deren Schüttelverhalten im Nachhinein). Das ist dann vielleicht auch verantwortlich für Tracklängen von über sechs Minuten. 
Um Käptn Peng kennenzulernen, empfiehlt sich "Sie mögen sich" (hier das Video). Auf ebenso einzigartige Weise wurde hier die Liebesgeschichte, die im normalen Beziehungskrieg beginnt und dann von Ebene zu Ebene springt, per Zeichnungen visualisiert. Viel Vergnügen! 

Dienstag, 17. Juli 2012

Keloid - perfekte Technik


Man nehme eines der fähigsten Producerteams im CI-Bereich und kombiniere das Ganze mit einem Amon-Tobin Remix. Was dabei herauskommt? Der Kurzfilm "Keloid", der selbst den Trailer zu einem Film darstellt.

Zum Inhalt: Es ist schwer nur aus den Bildern den Zusammenhang zu erraten. Ein kurzer Vorspann mit viel Text und intelligenten Sätzen, ein kaum verständlicher Taperecorder, der von irgendeinem Experiment auf Russisch erzählt, immer wieder Schaufensterpuppen, eine große, verlassene Halle und dann der Einbruch der Eliteeinheit. Erst über die Homepage und mit etwas Zeit kommt man hinter das eigentlich geniale Konzept der Crew: eine KI wird in einen Raum eingesperrt. Die KI ist selbstständig und kann neue Codes entwickeln, sie ist lernfähig. Eine Bedrohung? Vermutlich. Deswegen ist sie eingesperrt. Sie hat aber eine Chance rauszukommen: Sie muss den menschlichen Wächter davon überzeugen, dass er sie rauslässt.

Besonders herausragend an dieser Zukunftsvision der Pandorra-Box ist die Zusammenarbeit von Bild, Musik und dem dargestellten Inhalt. Durch diese Synergie der perfekten Animationen und dem knochentrockenen Sound entsteht eine gewaltige und wuchtige Bündelung. Eine derartige Brutalität in Bild und Ton mit Bezug auf das Aussehen, die Bewegung, die Handlungen und die Ausstrahlung der operierenden KI, hat das Auge noch nicht gesehen. Im Detail lässt der Film viele Fragen offen - was sind diese KIs? Etwa die Präfigurationen der Polizeibeamten bei Stuttgart 21 Einsätzen von Morgen? Warum Schaufensterpuppen? Warum der Name "Keloid"? Ist der Film ein Lob oder eine Kritik der Technokratie? Warum die slawische Sprache? Man darf gespannt sein, ob mehr davon kommt.