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Mittwoch, 17. April 2024

Bees made honey in the vein tree_Immerhin, April 2024

Nein, wir machen da nicht mit. Nein, wir sind langsam. Nein, wir sind lauter. Nein, wir sind schneller. Nein, wir singen keine schönen Strophen. Doch, wir spielen auch schön wie ein Sonnenaufgang. Aber nicht lange. Wir probieren es einfach aus. 

Ich war auf einem Konzert der Band „Bees made honey from the vein tree“ aus Stuttgart im wundervollen Immerhin in Würzburg.  Die sind zu viert, zwei Egitarren, ein Bass, ein Schlagzeuger, zwei von ihnen singen. Aber was die machen ist echt schwer adäquat zu beschreiben, ohne dass man gleich einen Essay drüber schreiben müsste oder wollte. Denn genau das würde ich gerne. Ich würde dieses Phänomen irgendwie gut beschreiben, ich fand's buchstäblich phänomenal. Andere fanden es zu krass. "Ich bin nach dem zweiten Song gegangen. Zu harter Tobak für mich". Andere: "Was war das?" Mir ging es genauso. Was war das?" 

Im Grunde ist die Band noch am ehesten eine Rockband. Genauer: Doom Metal. Also schwer, langsam, verzerrt und mächtig. Aber dann haben sie so viele Spielereien und Feinheiten - was die Band für mich einzigartig macht. Und das würd ich alles voll gern aufdröseln und beschreiben. Einfach um zu dokumentieren, was es für tolle Phänomene in dieser Welt gibt!

Am ehesten hat mich die Band an das Schiff „die Moloch“ aus Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn erinnert. Schwer geht sie im Triebe, total riesig, total finster, total verstörend aber irgendwie auch total faszinierend. Man will wegrennen und muss hingucken. So ging es mir während des Konzerts.und gleichzeitig war eben nicht alles so finster und dunkel. Manche Lieder oder Akkorde klangen auch wie Sonnenaufgang im Wald oder Sonnenaufgang am Strand…

Fazit: Einfach irre, was Menschen miteinander machen können! Mehr Performance als Konzert. 

Wer rockt so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Stoner mit seinem Bass. 

Wen das näher interessiert, kann sich das ja mal per Live-Video anschauen (auf Video klicken)


Sonntag, 22. September 2019

Bees made honey from the vein tree in Würzburg erforschen den Bass-Sound!

Ein Bassist, zwei Gitarristen und ein Schlagzeuger forschen aus, was passiert, wenn sie sich alle 4 Musiker 3 Regeln unterwerfen:

1. Der Sound ist so tief wie möglich.
2. Der Sound ist so mächtig wie möglich.
3. Der Sound ist so langsam wie möglich. 

Was dabei rauskommt?  Eine Performance, eine Messe, in der der "bassismyreligion" dann ausnahmsweise ein  berechtigter Name ist. Schwingung. Ein ganzer Raum und alle darin befindlichen Körper in Schwingung. Die drei Saiteninstrumentalisten aus dem Stuttgarter Raum entfesseln ein Klangbiest, gezähmt und strukturiert wird das Gewummer und Gewabber allein vom knochentrockenen Schlagzeug. Sie alle zähmen und betrachten, erleben und verkörpern dieses erschaffene Biest gleichermaßen. Wow Wow Wow! 
Ohne Analogfaschist zu sein - man wünscht es jedem Elektro-Jünger, dass er das mal miterlebt, was akustisch, analog möglich ist! 
Und mal wieder: Danke, Immerhin! 


https://www.stuttgarter-zeitung.de/gallery.preissegen-fuer-kultur-in-esslingen-psychedelische-band-und-komma-raeumen-ab-param~2~1~0~5~false.0fa83d9f-81aa-47d1-95ab-472c210c2de2.html

Dienstag, 5. Februar 2019

Massive Attack 2019 - Frankfurt "Jahrhunderthalle" - eine Lehrstunde!

Warum haben alle Hallen in Deutschland eigentlich die gleiche Parkplatzpflasterung? 
Das geht mir durch den Kopf, als ich mit ein paar Freunden Richtung Jahrhunderthalle laufe. Der zweite Gedanke, der daran geknüpft ist, geht dann über den Eingangsbereich mit der Leuchtaufschrift "Jahrhunderthalle" - irgendwie erinnert sie mich zusammen mit dem Parkplatz an die etwas kleinere "Mainfrankenhalle" in Veitshöchheim, in der ich mal einen Bilder-Vortrag über New York gesehen hatte. Das war, bevor ich die große Kuppel in der Dunkelheit ausmachen konnte, die das Bild der Jahrhunderthalle, die in den 60gern erbaut wurde, auch ausmacht.

Eine lange Schlange wird professionell durch den Eingangsbereich geschleust: die ausgedruckten Tickets werden mit Hand-Barcode-Scannern ausgelesen, bevor man in die Securityschleuse kommt, wo man nach einer kurzen Blickmusterung abgetastet wurde und ein Blick in Handtaschen, Jutebeutel, Umhängetaschen und, was das buntgemischte Publikum des Konzerts sonst noch mitbrachte, geworfen wurde. Hier ist der Moment, an dem ich mal erwähnen muss, wie sehr sich die LED-Lampen durchgesetzt haben. Früher war das Thema "funktionierende Taschenlampe" eigentlich immer ein irgendwie peinliches Thema: Entweder man hatte eine Billigfunzel mit Batterien, die immer genau dann ging, wenn man sie einmal komplett durchgewartet hatte, und dann sofort nicht mehr ging, vor allem, wenn man sie gebraucht hatte, weil die Glühbirne kaputt war oder das Drehgehäuse ausgeleiert oder die Kontaktfeder im Batteriegehäuse nicht mehr ging, oder weil sie feucht geworden war, oder weil die Batterien sofort leer waren, oder alles gleichzeitig.
Oder man hatte eine sündhaft teure "MagLite" - eine zeitlang Statussymbol in meinen Kreisen: denn Sicherheitsdienste, die Polizei und das Militär, so munkelte man, würden genau diese benutzen, weil sie so groß und massiv wie ein Schlagstock waren, gefühlt aus Gusseisen, mit drei Riesenbabybatterien gefüllt und es hieß, man könnte bis zu 30m damit leuchten. Die Batterien hätte man eigentlich lieber für einen ultracoolen Ghettoblaster gewollt und gebraucht. Aber - ich zitiere ein unendlich gültiges Zitat: "Wir hatten ja nix." Und die MagLites, sehe ich gerade, kosten immer noch ca. 100€. 
Ja, zurück zum Thema: Handtaschen, Jutebeutel und Sonstiges wurden mit der leichten, beinahe möchte ich sagen "schnittigen" Handtaschenlampe (natürlich mit LED - Birne ) durchleuchtet. 

Im Vorraum der Halle mit der Kuppel, die ein wenig an ein platt gedrücktes Observatorium erinnert, ist viel los. Ein Gewusel. Die Besucher des Konzerts sind vom Kleiderstil her bunt durchmischt, aber interessanterweise sieht man kaum "junge" Gesichter. Es ist ein wenig, wie wenn man auf einer Ü30 Party wäre, nur dass es nicht schrill zugeht. Irgendwie liegt allem ein "Grundernst" zugrunde. Liegt das an Massive Attack? Eine Band, die uns daran erinnert, wie unsere Gesellschaft ist? Ernsthaft, gestresst, absurd, - na mehr davon nachher.

Jacken und Mäntel werden an der Garderobe gegen Abholmarke aus Blech abgegeben - wir haben ja Winter -, vor den Klos entstehen beachtliche Warteschlangen  und man wird professionell abgehandelt. Ein Großereignis, vom Feeling bisher mehr Theater oder Oper als Konzert. Dazu passen die überteuerten Preise der Getränke - ein 0,4l Bier für 4,20€ enttäuschenderweise aus dem Plastikbecher. "Wie viele Plastikbecher werden heute wohl weggeworfen?", frage ich mich. Inzwischen schätze ich 3000-4000, angelehnt an meine Schätzung der Besucherzahl. Dabei wäre es doch nichts Großes, recycelbare Becher zu benutzen! Mit nem schicken Aufdruck drauf, ein Pfandsystem einbauen...beim Afrikafestival ging das doch auch, wieso soll das bei einem darauf spezialisierten Veranstaltungskomplex nicht auch etablierbar sein? Große Frage für mich. Große Enttäuschung darüber. 

Über die Treppen gelangt man dann - ähnlich wie in der Paulskirche - in den eigentlichen Konzertbereich - das Atrium unter der Kuppel. Noch höher auf die Galerie dürfen die mit Sitzplatzkarten, die nochmal getrennt kontrolliert werden.
Inzwischen macht sich meine typische Skepsis gegenüber Großkonzerten breit: total unterschiedliche Leute aber auch total viele, Angst und Sorge, nichts zu sehen, nicht den besten Platz zu haben, Missgunstdunst, die unnötigen Plastikbecher und ab 20:07h die ersten Pfiffe, weil es noch nicht losgeht.
Das Publikum wird mit dumpf gehaltenen "Best of 90ties" Hits beschallt. To the moon and Back, Don't wanna miss a thing, selbst Madonnas Rain kommt. Die Pfiffe nehmen zu. Als ein Lied (war es Jump Around?) mit einer Fanfare beginnt, interpretieren das viele fälschlicherweise als Anfang der Show, die Pfiffe nehmen zu und ebben ab und münden in eine etwas weiter angewachsene Gereiztheit und Nervosität. 5 Minuten später checkt ein Mitarbeiter mit einer Taschenlampe eine E-Gitarre. Das Spiel wiederholt sich: Pfiffe, Vorfreude, Abebben, Gereiztheit. "Geht es jetzt los?" Nein. 

Ich entspanne mich, versuche all das Wegzudrücken, freundlich zu sein und fröhlich. Versuche mich auf freundliche Gedanken zu besinnen: Was für ein übergroßer Luxus es überhaupt ist, an so einem Konzert teilnehmen zu können! Ich besinne mich darauf, dass ich nicht viel zum Glücklichsein brauche...Versuche freundlichen und fröhlichen, positiven Gedanken nachzugehen. Erinnere mich an die Sonne, die von innen in mir strahlt. Dann gegen 20:30h gehen schlagartig die Lichter aus. 

Massive Attack - ein verstörendes, verzerrtes Intro - undefinierbar zwischen Synthie und Egitarre - Flickerlicht mit Weiß- und Blaustich, gefühlt 3, 4 Minuten lang auf der Großleinwand hinter der Band. Es geht los! Ich sehe schlecht. Große Leute stehen vor mir und viele bis zur Band: Wir stehen recht weit hinten, mittig, vor dem Mischer. "Die Bühne könnte einen halben Meter höher sein!", denke ich mir und bin noch mit solchen Gedanken beschäftigt.
Dann beginnen die ersten atemberaubenden Videoaufnahmen. Eine Eule fliegt in Zeitlupe durch die Luft, wir schauen ihr zu. "Es ist die Freiheit, die ihr wolltet" wird auf Deutsch (mit Wortendungsfehler ("Nicht im Ernst! Das sind Perfektionisten. Massive Attack hat keinen Korrekturleser?!") eingeblendet...ein Auge in Nahaufnahme, das vermutlich in einen Bildschirm schaut, jedenfalls irgendwo zuschaut. Eine Art Pop-Ballade spielt die Band als Opener. "Wirklich?" Ich bin gespannt. Der Song ist garniert mit weiteren Videoaufnahmen einer Royals-Hochzeit: Das Paar in der Pferdekutsche, dass durch eine Gasse aus Hochzeitsgästen aus einem alten Innenhof herausfährt. Dabei fängt die Kamera das Verhalten einer Brautjungfer ein, nicht das Hauptgeschehen. Ein Muster, das sich wiederholt. Voyeuristische Gelüste werden bedient. Kommt jetzt nur so ein "Best-of-Youtube-Special?"

Es dauert ein paar Lieder, bis ich ankomme: Im Konzert und auch an einem Platz an dem sich der weggedrückte Wunsch "Ich würde schon gern etwas mehr sehen!" auflöst. Zwei Schlagzeuger, einer dunkelhäutig im schwarzen Kapuzenhoodie, einer hellhäutig, beide auf Drumraisern, ein alter, dunkelhäutiger Jazzbassist, wie es aussieht, die Frontmänner Tricky und 3-D, der auch auf die Ferne immer noch etwas von Edward Norton hat, ein Rythmusgitarrist und ein Leadgitarrist. Das sehe ich nach und nach. Und ich komme im Konzert an.

Massive Attack ist nicht irgendeine Band, wie sie im Immerhin spielt. Nicht so rockig. Aber auch kein Postrock. Die Musik ist auch nicht soooo komplex und anspruchsvoll, dass das Vergnügen im Zuschauen und Dechiffrieren der Patterns oder im Staunen über die Instrumentalisten-Skills besteht. Zwei Dinge werden mir während des Konzerts klar: Wie schlagzeugfixiert vor allem die "Tophits" von Massive Attack sind, und da im Detail: wie sehr die Bassdrumm mir wie die Achse der musikalischen Bauten vorkommt und wie sie der Motor der Lieder zu sein scheint. 
Genial die Idee bei Teardrop den Herzschlag des Menschen einzubauen. So simpel, wie genial. Massive Attack sind als erstes darauf gekommen und haben das perfekt umgesetzt und damit einen  Platz im Raum der genialen Ideen eingenommen. Oder Inertia Creep: Ernsthaft geht jeder Bassdrumbeat vom ersten bis zum letzten Schlag. Der dunkelhäutige Drummer versteht das. Und zieht es durch. Jeder Schlag kräftig, wichtig, präzise, bewusst. Profi.
Der Zweite Punkt: Massive Attack-Shows bestehen zu mehr als der Hälfte aus den Visuals und der Message, die sie machen. Zusammengefasst: Massive Attack halten unserem Kollektivbewusstsein und uns den Spiegel vor, kritisieren es und formen es gleichzeitig mit. 

Die Show ist eine große Kritik an unserer medialen Reizüberflutung mit Videomaterialien. Das ist schon irgendwie typisch 90ger, die Kritik, die Zeit vor Youtube. Als man noch DVDs kaufen musste, um ein Musikvideo zu besitzen und öfters anschauen zu können, als per Zufall in der Daily Rotation - bei anspruchsvoller Musik dann vor allem nachts - ein gutes Video à la Windowlicker kam und man sich fragte: "Was war das?!". Oder als man per Glückstreffer und Videorecorder eine Aufnahme eines Hits ergattern konnte. 
Massive Attack belehren uns über die Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit medialer (Schein)Realitäten. Die 2-D Bilder sind echt und unecht gleichzeitig. Sie sind vergangen, die Geister, so behauptet die Schrift, die man zwischen oder auf den Videoclips aus den 80gern/90gern/70gern projiziert sieht, sind vergangen. Sie sind ein Blick in die Vergangenheit, und sie wispern uns alle zu: "Lebe jetzt, es ist egal, wie du lebst, alles ist vergänglich! Wir sind vergangen!"...tiefbarock, wenn ich das kommentieren darf: vanitas, memento mori. (am Ende der Show wird das carpe diem- Motiv, gekoppelt allerdings an die postmoderne Forderung, präsentiert. Mehr dazu später). 

Während wir das noch gar nicht so richtig verstanden haben, werden wir mit Gegensätzen bombardiert: Technologie, Urbanität, Vergnügen und Verdrängung auf der einen Seite und stumpfe Brutalität in Form von Mord, Schlägerei, Krieg auf der anderen Seite. Ebenso wenig ins Bild passen  die vielen Videosequenzen aus der Natur, oft von Vögeln. Die Eule im Flug, eine Drossel an einem Fenster und - besonders schön anzusehen: Eine Taube, die aus einem fahrenden Auto auf dem Arm des Beifahrers sitzt, der den Arm aus dem offenen Fenster hält...die Taube fliegt los, in der gleichen Geschwindigkeit wie das fahrende Auto und fliegt um es herum - vielleicht eine trainierte Brieftaube...Auch ein Gegensatz zur Urbanität: Immer wieder tanzende Leute, allein oder in Folklore.
Was soll das alles?

Uns werden die Kausalzusammenhänge leicht vereinfacht vorgeführt: Unsere Daten werden überall gespeichert, wir liken und loven trotzdem irgendwelchen Quatsch weiter. Wir haben ein unsterbliches, ominpräsentes, digitales Weltgedächtnis um uns, einen Klick entfernt und voll vernetzt. Diese omnipräsente Datenmasse - und Achtung, das muss man selbst erschließen - wird von Massive Attack als omnipotent dargestellt: "Die Vergangenheit löscht die Zukunft aus." Wir glotzen mit jedem Youtubevideo in ein Stück Vergangenheit. Das rüttelt auf, bedrängt.
Wahlslogans aller Länder werden uns gebündelt vorgeführt und wir merken, dass etwas nicht stimmt. Dass die Werte richtig sind - Gemeinschaft, Zusammenhalt, Zukunftsoptimismus, Aktivismus quasi: "Wir schaffen das, alle, jetzt!" - aber dass diejenigen, die sie uns versprechen, ihre Versprechen nicht einlösen und dass die Versprechen nicht umgesetzt werden. Das verunsichert uns und während ich das sehe und höre, verstehe ich, dass mir Massive Attack meine Unsicherheit und Unzufriedenheit im Digitalen Zeitalter der Postmoderne erklärt!

Außerhalb vom "Vergnügungstempel" ( ein Ausschnitt zu Alice im Wunderland)  tobt immer noch der Krieg. Menschen werden unschuldig getötet, arabische Familienangehörige trauern fassungslos um einen gestorbenen Verwandten, fernab davon flaniert Putin über den leergeräumten Kremlvorplatz, lässt sich Trump von Wählern feiern und sitzen Staatschefs wie Putin und Trump beinander, schütteln sich die Hände und dulden oder provozieren diesen Scheiß. 

Wir verdrängen das, betäuben uns (die Namen von Schlafmitteln werden eingeblendet, vielleicht auch Antidepressiva) und haben durch Youtube die Möglichkeit, alles und jeder zu sein (bei "Dissolved Girl" werden Fans, die den Song interpretieren, also ein Drummer, ein Bassist, eine Sängerin, die für die youtube-Gemeinde mitspielen, eingeblendet).
Wir haben mit den Medien auch neue Ablenkungsmöglichkeiten entwickelt.  Gleichzeitig kommen wir nicht zurecht mit der Omipräsenz dieser "Geister", die ja auch Vorbilder sind. Sie leben, tanzen und singen in 2D weiter, wir schauen sie an und halten sie damit am Leben. Curt Kobain wird gezeigt und ja, digital kann er immer noch Rosen an Damen aus dem Publikum bei Nirvanas letzten Unplugged Konzert verteilen und wir können die junge Britney Spears immer noch weiter leben lassen. Youtube als der kollektive Datenspeicher, wird uns per Schriftzug erklärt, dekonstruiert die Grenzen von Zeit und Raum. 
Und weil wir uns das alles reinziehen, diese logischen Unmöglichkeiten, sind wir orientierungslos und verwirrt, weil unser "Heute" von Geistern aus dem "Gestern" überlagert wird. Darüber versuchen wir uns wieder wegzuamüsieren, aber tief in uns bleibt dieses Gefühl der Unsicherheit, das Gefühl des Betrogenseins, dieses fehlende Vertrauen.

Die Lehrstunde endet mit dem Zusammenführen der einzelnen Stränge zu einer Synthese: Wir sind (solange wir Geister aus der Vergangenheit konsumieren und Leute wie Trump und Putin wählen) in einer Endlosschleife gefangen. Es ist Zeit, die alten Geister zurückzulassen und jetzt unsere Zukunft zu gestalten. Mit dieser Botschaft endet das Konzert. Ohne Zugabe. Carpe Diem heißt heute: Pack an, mach was draus, um aus der Endlosschleife rauszukommen. 
Bravo. 

Massive Attack zeigen sich ernsthaft und kompromisslos. Sie zeigen uns auch, wie ausgebrannt wir sind. Müde vereinzelte Pfiffe beim Anblick Donald Trumps. Gott sei Dank.
Jedenfalls geht es in Ethik demnächst um Trump und seine Worthülsen und weiter um epochaltypische Probleme und Lösungsansätze: Gegen Isolationismus und Abgrenzung. Gegen Überheblichkeit. Für Höflichkeit und Humanismus. 


Zuletzt: 

Der Hit "Angel" - das vielleicht noch interessant - wird nur mit einer Buchstabenreihe, die evtl GATTACA bedeutet, untermalt.  ( Der Titel „Gattaca“ ist aus den Abkürzungen der vier Nukleinbasen der DNA zusammengesetzt: A für Adenin, C für Cytosin, G für Guanin und T für Thymin. Die Abfolge dieser Basen als GATTACA kann erstaunlich oft in der menschlichen DNA gefunden werden.zitiert aus Wikipedia)
Die Einzelbuchstaben wechseln immer - aber das Grundpattern scheint gleich zu sein. Der Mensch ist sich selbst...ja was denn? Ah, der bedrohliche Engel, den der Song beschwört, der Wolf ist, aber Engel sein könnte.

Teardrop darf nicht fehlen, fällt aber aus dem Rahmen der Medienerziehung. Der Song wird von der Show so schön präsentiert, wie er ist: Die Beleuchtung untermalt nur das Gefühl von Schönheit, Schutz und Geborgenheit, Rettung. Keine Videos nur drei künstliche Sonnenaufgänge, wir dürfen uns im Licht baden und einer Mutter Maria beim Singen zuhören und zuschauen.






Sonntag, 14. Oktober 2018

Doom over Würzburg

Immerhin ins Immerhin Würzburg ! 180 Bands pro Jahr! Alles ehrenamtlich - was für eine Leistung! Was für ein Schuppen!
Leaned Fumes

Gestern gaben sich Elder, Ancestors, Wolf Counsel und Leaden Fumes die Ehre und wieder darf ich merken, wie wenig ich mich in der Szene auskenne und wie wunderbar es ist, dass Menschen zusammen kommen und ihre Energien gemeinsam in dieser Art der Musik vereinen. Ja, ich merke, dass das geschwollen klingt, aber ist nunmal so. Ich hatte wieder ein paar Erkenntnismomente und die möchte ich mitteilen.

Leaden Fumes: Was wird da beschworen, wenn eine Stoner/Doom. Band spielt? Zu zweit stehen Bassist und Gitarrist am vorderen Bühnenende, hinter ihnen neben dem Schlagzeug die Boxentürme wie schwarze Löcher. Was ist eigentlich in diesen Boxen und was kommt raus? Klar kann sagen eine Magnetspule, eine Schwingmembran und Schwingung. Aber vielleicht kann man auch sagen, dass in dieser nihilistischen Szene lauter kleine schwarze Löcher auf einer Bühne zusammengetragen werden und in jeder Box steckt ein Teil dieses schwarzen, gesichtslosen Gottes, Antimaterie, denk dir was du willst, aber irgendwas kann man sich vorstellen steckt da drinnen und das wird dann gemeinsam beschworen und auf die Bühne und den Innenraum losgelassen.
Oldschool-Doom vom Feinsten. Derart düster, kompromisslos, schwer, hart, langsam, präzise, knackig. Gitarrist Flo sehr freundlich, Sänger und Bassist imposant mit seiner Juppe und Kappe wie ein working class hero, eine Figur aus einem Brechtdrama, schleudert Bitterkeit raus in seinem Gesang.

Ancestors Gitarrist



Ancestors: Bass, Gitarre, Synthies (3 Stück), Drumms. Verspielter Pop-Emo-Blues-Postrock, das mir wieder das Spektrum dieser Szene vor Augen führt. Wie hart und weich kann Musik gleichzeitig sein? Zu dritt haben sie teilweise gleichzeitig gesungen, Platz für jeden der Musiker, sich zu verwirklichen. Erinnerte mich an Shield oder Shoulder und meinen Schwager Rene. Zerbrechlich und hart gleichzeitig. Geht das? Ja! Kann man auch Elektro einbauen? Irgendwie schon, ja, der Synthie bewies es. Herzzereissend. So muss eine Ballade klingen!

Elder.
Was soll man sagen? Unfassbar gut. Mehr nicht.

Elder
Funfacts: Direkt gegenüber vom Konzertsaal war Vortanzen des Poledance Heavens. Da sind Welten aufeinander getroffen, aber vom Feinsten!
Ein Anti-Ultrafan hat vielleicht absichtlich einen FCN Aufkleber ins Pissoir gelegt. König Fussball und seine kreativen Fans

Samstag, 16. Dezember 2017

Sollte man das...?

Ein anderes Beispiel davon, wie Geschichte in der Rapmusik aufgenommen wurde, ist von dem 1996er Album "Quadratur des Kreises" von Freundeskreis: "Leg dein Ohr auf die Schienen der Geschichte"
Meines Erachtens ein ganz anderer Zugang zu Geschichte.
Lässt man das Video, das ich heute das erste Mal gesehen habe, mal beiseite, in dem es klar auch um Coolness geht - Selbstinszenierung mit Zigarette und schöne Bewegung - bleibt immer noch ein Track mit sehr viel Consciousness. Achtsamkeit, Bewusstsein. Nicht um Revolution, aber um Wachsein und Kritik. Um die intelligente Aneignung eines Themas.
Und der andere Rap von heute? Auch wenn es Ausnahmen gibt, geht es doch um Aufmerksamkeit, um Klicks oder Kohle. Ganz anderer Vibe...Sollte Rap wieder so werden, wie in den 90gern, wie bei Freundeskreis? Jazziger? Bluesiger? Breiter? Musikalischer? Entspannter?


Donnerstag, 16. November 2017

Darf man das? Anything goes...

Die Epic Rap Battles of History gibt es seit etwa 2014 und die Episode der westlichen Philosophie (Sokrates, Voltaire, Nietzsche) gegen den fernen Osten (Laotse, Konfuzius und einen mir nicht bekannter Philosoph) hat mehr als 70 Millionen Klicks.
Das Motto ist voll und ganz dem Zeitgeist im Internet 2.0 verhaftet. Die Zuschauer wählen den Gewinner und schlagen neue Rapduelle vor. So kamen denn auch z.B. folgende Konfrontationen zustande:

Darth Vader vs. Adolf Hitler
Superman vs Goku
Ghandi vs. Martin Luther King
Robocop vs. Terminator
u.v.m

Wie weit darf man hier gehen, bei den historischen Figuren? Bei Hitler und Ghandi und Martin Luther King? Darf man sie so in die Popkultur einbauen? Auschwitz als Battlerapzeile?
 - "Ja, man darf. Das ist Kunst." - "Aber keine engagierte Kunst" ." Doch, sie engagiert sich, aber halt nicht für das aktive Eintreten für Werte, die anders als liberal und gefällig sind, sondern für das Liberale und Gefällige, für Klicks und Likes. Das ist 2017 und jede Generation schreibt ihre Geschichte neu. Nicht so, wie prophezeit. Aber was kann man Wahrsagern auch schon glauben? Überall seht ihr Humanisten die Cassandra!"
"Abwarten"
"Das grässliche Rad der Geschichte  (Büchner) wird euch Interpreten der Geschichte auch überrollen."
"Ja, aber ist das nicht empörend?"
"Doch, aber ...leider geil ist Zeitgeist. Niemand will mehr Leiden. Aus Rilkes "Du musst dein Leben ändern" wird "Du musst dein Ändern leben". 


- ?



Freitag, 13. Oktober 2017

Drogen und Rap - was man auf jeden Fall darüber wissen sollte

Die Debatte ist bekannt und wird kontrovers geführt. 
Ein Track, der mal sehr schön die Kontraseite beleuchtet. Sollte man jedenfalls kennen! 
"Denk darüber nach..." https://www.youtube.com/watch?v=dJOTUS_vCbA

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Cloudy, sad and beautiful!

Synthies, Hall, E-Drumms - das sind die 80ger aber irgendwie melancholischer und cloudy. 
Ein einsames "Ich träumt", ohne tief davon zerrissen zu werden, von seiner cloudy "her", die irgendwo anders ist in der Großstadt. Die Geschichte wird zart angedeutet. Schön ist sie nicht, aber gar nicht drauf hören...Großartige Schnulze ohne Stachel zum Mitschmachten. Und meine "her" ist nicht "hier"...





(Auf Bild klicken)

Samstag, 21. Mai 2016

Durch alle Höhen und Tiefen: Playpad Circus

Er sagt selbst, es sei Happy Hardcore.
Stimmt auch. Von 0km/h auf 28.000km/h (- das ist die Durchschnittsgeschwindigkeit einer Rakete -) buxiert einen der ausgezeichnet-geniehaft ausgearbeitete Schalldruck. Die Kompositionen sind in einer Hinsicht berechenbar: Sie explodieren und es wird zu einem Einschlag kommen.
Genres werden vom Playpad Circus angespielt, in die Hände genommen und durch seine ganz eigene  Zirkus-Maschinerie gedreht. Was am Ende rauskommt, ist von zerstörender, verstörender, beeindruckender und brachialer Stumpfschönheit, zwischen Bach und Sleeper und geht mit einem durch alle Höhen und Tiefen. 
Playpad Circus: anstrengend energetisch und kompromisslos!   


Freitag, 9. Mai 2014

Umberto - D(r)iving through the night

Unexpected Joint: Düstere Ambient - Driver - Sounds in der Studiobühne des Cairos. 

Alles richtig gemacht: Viel Nebel. Lauter Sound. Gute Boxen. 
Und die Songs? Aufbauend, knallend, peitschend, atmosphärisch, 80ger Jahre Düster.
Ein ganz eigener Ausflug durch die Nacht, unmöglich nicht einzutauchen 




Samstag, 3. Mai 2014

Niedowierzanie: Kitchig, Disruptive, Progressive.

Auf der kleinen Bühne des Café Cairos, der Studio-Bühne, spielten gestern eine Band und ein Solokünstler auf. Den Solokünstler erlebte ich nach meiner Arbeit im Krankenhaus mit. Niedowierzanie nennt sich der Künstler. Das ist unaussprechbar, polnisch und bedeutet "Misstrauen". Der Künstler selbst trat alleine auf. Er saß auf Augenhöhe mit dem Publikum, das am Boden saß auf einem Hocker. Als Instrumente hatte er eine kleine E-Mandoline, ein Akkordeon, eine Trompete und seine Stimme dabei. Was er mit diesen Klangerzeugerungsmitteln produzierte, sendete er durch ein Richtmikrophon zu seinem ThinkPad von Nokia. Dort wurden die Signale stark modifiziert, vorwiegend durch Hall und Distortion. Zusätzlich zu den so eingespielten Sounds liefen vorproduzierte Sets vom Computer ab.
Vom Stil her kam eine Mischung aus bastardigem John Fusciante - Synthiedrummbeat, vielen Flächen und unzuordnungsbarer Geschrabbelei aus der sehr guten Anlage der kleinen Bühne.

Wie war der Gesamteindruck? Schräg! Gringo-Italiano Beats, harte Beats, viel Bitcrusher, schwermutige Melodien und Gesang.
Insgesamt war der Sound sehr weit angelegt, durch die hiphoppigen Beats aber immer wieder begrenzt. Für mich entstanden zuerst Soundwelten zwischen Sinti-Romasehnsucht und Spaghettiwestern, und etwas reflektierter: Weite und verdrängte Urbanität. Auch Surrealität. Ein anderer Konzertbesucher sprach "vom Herzschlag eines Fettleibigen, der im Sterben liegt", der Veranstalter sprach von Frankreich. Eingeladen fühlte man sich von der Musik nicht, aber beeindruckt.

Was mir fehlte, war der Kontakt des Sängers zum Publikum. Vielleicht wollte er einfach nicht mit dem Publikum reden oder agieren. Vielleicht ist es auch ein Genremerkmal, dass die Experimental-Folker, die ich bisher gesehen habe, teilen: Sie wirken auf mich so, als hätten sie ein irgendwie verschämtes Verhältnis zu ihrer Musik. Ich werde dem weiter nachgehen. Trotzdem bereichernd und öffnend.

  

Sonntag, 5. Januar 2014

Ein Stück Gegenwart: Long Arm


Long Arm [Project Mooncircle]

Träumend

Träumerisch schön
wie[der] Traum eines Elfen in einem
geheimen Garten
in dem die Zweige der dunklen Baumallee
sich den Haaren der Elefenkönigin entgegenstrecken.
Long arm is reaching.

Ihr mondscheinfarbenes Kleid liegt elegant in blauen Falten,
gebogen und gewellt wie Vinyl,
eintauchbereit für die Nadeln
und bereit, verführerisches Rauschen
mit einem Schuss verregneter Dunkelromantik
aus vergangenen rauschenden dunkelromantischen Zeiten
emporsteigen zu lassen, wie aus dem Schlund des Schalltrichters eines New Orleanser Saxophons.

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Zu dem Instrumentaltrack "the branches" während dem Durchhören des ganzen brillianten Albums. Wirklich, man kann damit seinen eigenen Mindtrip im Fluss der Gedanken antreten. Oder mit andern Worten: Producerjazz hat nach Forss' Soulhack einen neuen Referenten: Long Arm aus Russland. Herrlich altmodisch, nostalgisch, urban und weit weg. Support!


http://projectmooncircle.bandcamp.com/album/the-branches




Donnerstag, 24. Oktober 2013

"We are Modeselektor" im Theater Ensemble

Ungewohnt, was alles in Würzburg möglich ist.
All diejenigen, die immer wieder meckern, dass Würzburg langweilig und ein totes Pflaster sei, dem sollten die Fakten um die Ohren geschlagen werden: Das Theater Ensemble hinten in der Zellerau ist eine wunderbare Location für alle Arten der Kultur. Diese Möglichkeiten haben die Bühnenkeuze seit geraumer Zeit auch erkannt und öffnet seitdem die Türen für Fremdveranstaltungen, die nicht aus der theatralen Welt kommen.
So auch gestern, Mittwoch, den 24.10. abends. Es gab ein public viewing des Films "We are Modeselektor" über das gleichnamige Berliner Technoduo. Der Film war sehr interessant: Als Film, weil er ohne Kommentator und sehr nahe an den Menschen mit vielen Originalaufnahmen aus der damaligen Zeit ein sehr uneingenommenes Bild zweier unterschiedlicher Menschen und deren sozialer Herkunft macht, ohne propagandistisch oder selbstbeweihräuchernd zu sein, über die Partyszene informiert.
Interessant war für mich dabei die Herkunft der Partner: Das eine Elternhaus skeptisch, das andere fördernd. Beide aber im dorfidyllischen verwurzelt. Wie sonst kann man auch solche Feierkultur betreiben, ohne selbst dabei verrückt zu werden? Für mich waren also entscheidend die Szenen, die den Unterschied zwischen städtischer Kultur und ländlicher Lebensweise darstellten.
Ebenso beeindruckend fand ich die Aufnahmen aus den 90gern, als Techno noch richtig dreckig war: Also Boxen, ein paar Plattenspieler, Synthies und los. UNFFF, UNFFF, UNFFF! Den Sound von Modeselektor, den ich kennengelernt habe, war schon der nach 2000der Sound, als Bigbeat und Hiphopbeats irgendwie in die Musik mit reingewaschen wurden. Auch da macht nun mein Spektrum von Modeselektor etwas weiter - vor dem Film habe ich vorrangig den Bigbeat und das Hiphoplastige in ihrer Musik wahrgenommen. Jetzt ist es der Rave.
Positiv zu erwähnen ist auch die Anlage des Theater Ensembles. Ich wage zu behaupten, dass dies gerade die beste Anlage ist, die es in der Würzburger Off- und Klubszene besteht.
Danach wurde noch schön gefeiert: Ein wunderschön ausgeleuchtetes DJ-Pult war aufgebaut und Herr Kretzwitz machte, was er konnte: Leute zum Feiern zu bringen. Nur Zelten wäre schöner gewesen..

Fazit: ein interessanter und aufschlussgebender Film über die Raveszene

Montag, 8. Juli 2013

FUSION IMPRESSIONEN

FUSION 2013

Performaces
Small but beautiful Musik
Turmbühne



Sonntag, 19. Februar 2012

Dubstep - oder "Krieg auf der Tanzfläche" - unleash the beast. 

Ab und an höre ich mich hinein  in die Welt der Tiefenbässe. Upbass-Music, Wonky, Grime, Dubstep,  usw. Musik, die rhythmusdominiert ist und in der Low Frequency Oscilatoren, kurz LFOs, die Bässe in den Tiefregionen zum Wabbern bringen während gleichzeitig schrille Synthiesirenen die Ohren als Fenster zur Welt beinahe zum Zerbersten bringen.
Ich habe für mich entschieden, dass Dubstep keine Musik ist, keine Musik im klassischen Sinne von Melodie und Melodieführung. "Stimmt ja auch!", der Kommentar eines Freundes dazu, "DubStep - das sind Dinosaurier, die mit Laserkanonen rumrennen." Da ist viel Wahres dran.
Man kann sich also damit arrangieren: Dinosaurier mit Laserkanonen an denen das berühmt-berüchtigte Postmodernitätslabel Musik 2.0 hängt. Es ist etwas Anderes, eine moderne Unterhaltungsdroge, ein Ausschalten aller Emotionen und Gedanken, ein gemeinsames Abfeiern und das dafür notwendige Gleichwerden. Ein Rausch, ein Gewummer, eine Gedröhne, ein Gehetze. 
Auf einer Party in dem Würzburger Kamikatze-Club - eigentlich ein eher schmuddeliger Schuppen, erlebte ich, was es ursprünglich heißt, von Basssalven befeuert zu werden. Spannend, wirklich spannend, was produktive Musikkreateure ausklügeln, um die Tanzfläche unter Beschuss zu nehmen.
Ein klassischer Dub-Step Track baute eine Pause auf. Das ist normal, Spannung - Entspannung, Aufladen - Entladen, Pause - Weiterfließen - das sind musikalische Urprinzipien, die wahrscheinlich auch schon in der Antike vorherrschten. Das Spannende an Dub-Step ist die dieser Musik so spezifische Form des "Drop-Ins" - des Einsetzens der Drumms und der Bässe nach einer teilweise schier unendlichen Aufbauphase oder einer in der Songstruktur angelegten Pause - meistens auch noch synkopisch. 
Und der Drop-In nach meiner Pause hatte es in sich. Ganz unerwartet kamen sechs harte Basssalven, die so angelegt waren, dass sie im Surround durch das Raumpanorama feuerten. Von links nach rechts, jede Salve mit einer ungeheuren und erbarmungslosen Wucht. Kreuzbeschuss durch puren Bass. Nach den sechs Salven kamen dann noch die Dub-Step-typischen angeglitchten "Chainsaw"-Synthesizer dazu und als  Resultat davon rastete die ganze Tanzfläche völlig aus. Auf Wikipedia heißt es, dass der bekannte Dubstep-Pionier Kode9 auf die Frage, was Dubstep auszeichnet, mit „Bass and space“ antwortete. Damit würde er oft zitiert. Space beziehe sich hier vor allem auf das Arrangement und den extremen Minimalismus.
Soviel zur Technik, aber wie ist es mit der Wirkung? Vielleicht ist es gerade das Erbarmungslose, das ein paar meiner Bekannten und Freunde und auch mich so anzieht. Vielleicht sucht man es sogar als moderner, verlorener Mensch in einer gewaltlosen und gleichzeitig gewaltüberfluteten Gesellschaft (Kriegsszenarien sind ja durch die Medien auch in unserem westlichen, ultrasicheren Kollektivbewusstsein omnipräsent) die Präsenz von Gewalt in Form von reiner Energie. 
Und in der Musik offenbart sich ein kulturelles Gewaltszenario. Die dem (männlichen) Menschen innewohnenden Aggressionen können sich positiv auf der Tanzfläche entladen. Dubstep und Drum'n'Bass: Krieg auf der Tanzfläche in einer krieglosen Zeit.
Fernab von dieser tiefenpsychologischen Spekulation kann man sich aber natürlich auch einfach amüsieren, angetrieben von der puren und rauen Energie der Bässe und Rhythmen, und fasziniert sein von dem Können der Produzenten hinsichtlich Raumarrangement und Klangdesign.


Nachtrag 2015: Noisia - bekannte Niederländer Produzenten haben vor einiger Zeit dieses Video herausgebracht, das die These, dass ihre Musik dem Aufbauen und Zerstören von Welten gleichkommt, herausgebracht: Zuerst wird eine Welt aufgebaut, dann bricht ein blutiger Krieg zwischen Händen aus ( https://www.youtube.com/watch?v=SAO-lzl3vVQ ).

Hier ein paar Tipps, um die genannten musikalischen Prinzipien mit Beispiel zu unterlegen: 
Und hier wirklich ein "klassischer" Dubstep-Track: schrill, ryhtmisch, phat und fetzig.

Montag, 9. Januar 2012

Extrem mystisch: Marsimoto - Eine kleine Bühne (2012)

Die Imagecreator habens gecheckt: die Kunden wollen verzaubert werden. Und Marsimoto haben sie mit viel Magie ausgestattet, und mit diesem grünen Zauberer mystifiziert er "Eine kleine Bühne."


10. Januar 2012

NACHTRAG
Nach der Sichtung von "Grüner Samt"

Was allerdings einmal gelingt, gelingt nicht wieder, und schnell verflüchtig sich, was magisch sein könnte, wenn man sich "Grüner Samt" auf Vimeo anschaut. Marsimoto entpuppt sich als ein stinkgewöhnlicher, verzogener und arroganter Möchtegernkokser-Yuppie, der mit seinen freshen Kumpels aka Businesskollegen aus Berlin ein besseres Urlaubsvideos mit gerademal durchschnittlich festen und fetten Tracks veröffentlicht. Weder besonders originell, noch besonders schlagfertig, noch besonders aussagekräftig ist das. Schade, ich dachte, da wäre mehr als Bling Bling, aber es dreht sich dann ja doch nur alles um das Grün des Dollarscheins...
Also das niederschmetternde Fazit: Aus der Zauber.