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Donnerstag, 26. Februar 2026

Krandiose Kafka-Inszenierung: "Der Verschollene" bei der Theaterwerkstatt in Würzburg


Wie viel darf man von einem Laientheater erwarten? In einer Stadt, in dem das Profi-Theater gleich nebenan steht. Mit ausgebildeten Schauspielern. Tontechnikern. Bühnen- und Beleuchtungstechnikern. Regisseuren. - Nun, man kann es im Voraus nicht wissen. Aber die Inszenierung von Kafkas "Amerika" oder "Der Verschollene" war phantastisch! 

Zum Inhalt: Wegen der Annäherung an eine junge Dame gegen den Willen der Eltern wird der Sohn weit weit West geschickt -  bis nach Amerika, zu Lebzeiten Kafkas immer noch eine aufregende, neue Welt! Dort soll der Junge Anschluss und Anstand beim Onkel finden. Doch bereits bei der Ankunft im Hafen geht einiges schief. Der gutgläubige K. vergisst einen Koffer (?) und gerät nochmals in die Untiefen des Schiffs. Dort möchte er dem Heizer helfen und findet sich auf einmal zwischen Hilfe und Anklage, Macht- und Ohnmacht, Gewalt und Bedrohung gegen Gutgläubigkeit und gute Absichten und verdrehte Machtlogiken, eben zwischen dem Heizer, dem Kapitän und einem Fremden wieder - dem Onkel, wie sich völlig überraschend herausstellt. 

Die Hauptfigur stolpert gewissermaßen weiter durch die Handlung. Kommt beim Onkel an. Lernt Englisch. Ein seltsamer Besuch kommt, lädt K. zu sich ein. Dort ist ein noch komischerer Gast zu Besuch und die Tochter ist auch nicht viel besser. Adamsfamily meets Draculas Schloss. K entkommt der Verführung oder flüchtet. Landstreicher finden ihn und nutzen ihn aus. Er verlässt sie und kommt in ein Hotel. Dort arbeitet er als Liftboy. Dies geht lange gut und alles scheint sich zu stabilisieren, bis die Landstreicher wieder auftauchen. Erneut wird K. angeklagt. Weil er seinen Posten verlassen hat...

Fazit: Ein skurriler, höchst unterhaltsamer Fiebertraum, schreiend komisch und verstörend zugleich. Großartige Inszenierung (auch ALLE mit Doppelbesetzungen durch Rotationsprinzip: Jeder spielt einmal "K.")

Homepage dazu: https://www.theater-werkstatt.com/events/amerika-franz-kafka/



Mittwoch, 9. April 2025

Flow - ein postapokalyptisches Märchen. Aber warum die Oscars?

Inhalt: 

In einem idyllischen Wald wohnt eine Katze in einem überaus idyllischen Haus als Mitbewohner eines Schnitzers und Katzenliebhabers. Sie hat nicht viel mehr zu tun, als Streifzüge zu unternehmen. Dabei erlebt sie ihr erstes Abendteuer, als sie ein Rudel Hunde auf sich hetzt, weil sie diesen einen Fisch stibitzen will und die Hunde das mitbekommen. Es kommt zu einer abenteuerlichen Flucht, die gerade noch gelingt. Dann kommt das Unvorstellbare: Eine Flut setzt ein, erst mit einer Flutwelle, als wäre ein Damm gebrochen. (Ab hier dann Spoileralarm). 
Doch damit nicht genug: Das Wasser steigt und steigt und steigt, so dass es am Folgemorgen sogar das Haus, in dem die Katze wohnt, übersteigt und diese sich auf eine kleine Nussschale flüchten muss, die angespült wird. Darin befindet sich bereits eine Wasserratte (Nutria) ein Capybara (Wasserschwein)
, die sie bereitwillig akzeptiert. Widerwillig nehmen die beiden auch einen Lemuren auf, der ähnlich wie eine Elster an einer Art Sammelmanie leidet. Schließlich sind sie auch gezwungen, einen Labrador aus dem Hunderudel aufzunehmen. Die Nussschale ist inzwischen ein kleines steuerbares Segelboot geworden. Zuletzt schließt sich der Gruppe ein Sekretärsvogel (?) an, der sich schützend vor die Katze stellt, und deswegen von seinem Schwarm verstoßen wird. 

Gemeinsam steuert diese seltsame Konstellation, die irgendwie auch an die Bremer Stadtmusikanten erinnert, auf eine seltsame vielversprechende Felsenformation zu, die sie sich als Ziel in der irren Welt ausgesucht haben. Immer wieder taucht ein großer Art Walfisch auf und hilft der Katze. Die Tiergruppe trifft auf die anderen Hunde aus dem Rudel und nimmt diese auch auf, was aber wiederum zu Verwirrung und Streit auf dem kleinen Segelbötchen führt. 

In den Turbulenzen wird die Katze von Bord geschleudert und scheint auf sich alleine gestellt und verlassen. In einem Deus Ex Machina- Moment verschwindet das Wasser auf einmal, bzw. aus den Fluten tauchen Laubbäume und dann auch wieder grüner, bemooster Waldboden auf. Das Wasser ist weg. Die Tiere finden sich wieder. Nur der Wal, der die Katze so oft unterstützt und gerettet hat, ist nun der Leidtragende. Er verendet. Die Katze ist traurig, die andern Tiere trösten sie. Nach dem Abspann sieht man versöhnend einen Wal in einem Ozean tauchen - ist es derselbe? 

Technik / Genre

Der Film kommt ohne Synchronsprecher aus. Die Tiere haben nur wenige menschliche Attribute (ein Segelboot steuern, teilen, sich für andere einsetzen). Der Film ist poetisch realistisch. Man sieht nie einen kackenden Hund und es kommt auch nicht zu großen Hungerstreitigkeiten oder krassen Territorialkämpfen, wie zu erwarten wäre, geschweige denn, dass die Tiere sich auffressen. Klar, ein Kinderfilm halt irgendwie. Mit Happy End, aber nicht easy going. Die kleine Katze muss viel durchmachen...

Meinung: 

Irgendwie natürlich süß, das haben Tiere so an sich. eine niedliche kleine vorsichtige Katze, die oft nass wird - wie kann man das nicht niedlich finden? Aber im Vergleich zu anderen Dingen, die ich kenne nun nicht atemberaubend, weder von der Handlung noch von der Technik. Also solider Kinderfilm. Irgendwo zwischen Littlefoot (ohne Erwachsene die Welt bewältigen), The Road (sich durch eine postkatastrophale Welt durchschlagen) Avatar (die Faszination der Umwelt), Schiffbruch mit Tiger und Bremer Stadtmusikanten. Alles davon aber nichts richtig. Irgendwie auch wie ein Computerspiel...Und dafür wäre es vielleicht besser? 

Sonntag, 26. Dezember 2021

Die KHG spielt Sartres "Geschlossene Gesellschaft" (November 2021)


Mutig und lobenswert ist es, dass die KHG und insbesondere die Schauspieler sich an solche Stücke wagen: Drei Personen finden sich in einem sonderlichen Raum wieder. Sie werden von einer Art "Diener" hineingeführt. Er verschwindet und das war's. (SPOILER) Die Grundidee des Stücks ist so grandios wie spannend, denn wo sich diese drei Personen - ein Mann und zwei Frauen - befinden wird dem unwissenden Zuschauer gleichzeitig elegant vorenthalten und vorgehalten. Nur durch "Gags" über die Temperatur, das Fehlen eines Marterpfahls und wunderschöne Mauerschauen (Teichoskopie) in die Welt der Lebenden wird klar, dass diese drei armen Seelen sich in der Hölle befinden. 

Nun beginnt ein peinliches Machtspielen der Figuren umeinander. Alle drei sind nicht zu unrecht an diesem prekären Ort und spielen dem Zuschauer vor, warum sie würdig sind "hier" zu sein. Joseph war zwar idealistischer Reporter, der dafür umkam, aber er war zum Beispiel feige und sehr schlecht zu seiner Frau. Eigentlicher Kern der Handlung ist aber, dass man herausfindet, dass die Strafe dieser "Hölle" eben nicht in der physischen Folter liegt, sondern in den Verurteilungen und der Missgunst der anderen, ihrer Heucheleien und Konkurrenz.

In jedem Fall - das Stück ist anders und unterhält. Vom Hocker reisst es allerdings nicht und das berühmte Diktum "Die Hölle - das sind die anderen" hat einen wahren Kern, aber für mich auch etwas Verwerfliches. Es ist nichts Konstruktives hinter diesem Statement und es verführt dazu die anderen für alle das Übel auf der Welt verantwortlich zu machen. Wenn man von einer besseren Welt träumt, wäre es schöner gewesen hervorzuheben, dass die anderen auch das Paradies sein können und jeder dem anderen ein Engel...  oder wie Brecht sagte: "Eine Welt, in der der Mensch dem Mensch ein Helfer ist". 

Montag, 8. März 2021

Playtime - Jacques Tati: Der alte Klassiker - zu viel für uns Junge?

 


Sehgewohnheiten ändern sich, Hörgewohnheiten auch. Die Oper ist eine Kunstform, die das eindrücklich erleben lässt, Chaque Tatis "Playtime" war am Sonntag Abend ein anderer solcher Moment.

Die Story ist schnell erzählt: Mr. Hulot verliert sich in einem Glass-Hochhaus in einem Vorort von Paris. Was er dort will - man erfährt es gar nicht genau, denn er erreicht sein Ziel so wenig, wie Kafkas Landvermesser "K."  sein "Schloss". Er überreicht eine gestressten Angestellten sein Papier und stolpert dann von einem Szenario und einer Situation in die nächste. Dabei versucht der Regisseur dem Zuschauer die unfreiwillige Komik der modernen, amerikainspirierten Konsumwelt des - wie es hieß - "Spacetech-Zeitalters"  in lauter kleine Microszenen vor Augen zu führen. Sei es der Besen mit Lichtern, Schaumstoffkissen mit Gummiüberzug, Computersprechanlagen, Büro- und Verwaltungskomplexe...

Der Tag vergeht so, bis es Abend wird und die zweite Szenerie viel Raum für Tatis Moquerie zur Verfügung stellt und einnimmt: die berühmte "Restaurantszene". Die Farbe ist noch nicht getrocknet, die Elektronik funktioniert nicht, alles wird im Geiste der neuen Hektik schnell schnell noch fertig gemacht, so dass am Ende ein rechter Pfusch entsteht, aber: Das Restaurant MUSS offen sein. Denn es ist "Opening Night".

Und so ist es, die herausgeputzten Gäste kommen, während hier und da noch Handwerker rumwuseln, Werkzeuge rumliegen, der Architekt vermisst und alle merken, dass die moderne, perfekte Fassade noch Baumacken hat oder an sich unpraktisch und unmenschlich gedacht ist. All das passiert unter der Aufsicht der hilflosen, strengen und stressbereitenden Chefkellner. Die Szene eskaliert zunehmend . mehr Leute, mehr Gewusel, mehr Pfusch, mehr Aufsicht. Richtig wild wird es, als die Band beginnt amerikanisch verrückten Jazz zu spielen. In diese Szenerie gerät Hulot, weil der Portier sich mal ein kurzes Päuschen auf dem Trotoir gönnte und Hulot als alten Kriegskameraden wiedererkennt und lautstart einlädt. "On va rigoler!" Wirklich witzig wir das dann, als im Zuge dessen die Glastüre kaputt geht, und der nur durch den Türknauf weiter seine Türe simuliert! 

Als dritter Teil - Hulot und die andere Sympathieträgerin, eine (amerikanische?) Touristin nehmen Abschied von diesem Vorort und Tati stellt alles ein bisschen wie einen Jahrmarkt da. Im Zentrum steht dabei der Kreisverkehr und alles ist wie ein Karussell. 

Typisch für Tati ist all das: kleine Mikrokomik im großen Makrokosmos, Spott über Stress, Hektik, das "Moderne" und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Kameradschaft und Einfachheit. Auch Teil seiner Handschrift ist die Kritik an der Damenwelt und ihren Modevorlieben, ihrem Neid und ihrer Neugier. 

Dabei ist Tati, nun in der Nachschau - ich spitze wieder rein in den Film - genial, die Ideen sind voller Liebe oder bissigem Humor, voller  Rhytmus, an Dummheit und Hass grenzende Albernheit und Perfektion, vieles ist einzigartig. z.B. die Nonnen und ihre Kopfbedeckungen oder die Ansagerin am Anfang des Films, die ihre Ansagen ins Mikrofon haucht. 

Manchmal ist es aber auch nur "nett" und einen zweistündigen Film ohne Handlung und richtige Dialoge, quasi eine Art Stummfilm, anzuschauen, mit einer Handschrift, die sich wiederholt, das strengt an und überfordert uns TikToker und Instagramer. 

Was mir als sehr akustischem Menschen auch nicht so gefällt, weil es mich anstrengt: Das poliglotte Stimmgewirr (zumindest in der Deutschen Version, in der Deutsch, Französisch und Englisch vermischt werden..."What? Yes, a table, für 3, par trois, three" - kein Mensch spricht so.... und manchmal die bewusst inszenierten Geräuschkulissen mit Stimmgewirr, Verkehrslärm, Maschinerie - eben das Chaos der Großsstadt, dem man eh zu entfliehen versucht. Das braucht man einem Middreißiger 2021 nicht neu zu erzählen ;) 


Fazit: 

Dennoch bleibt Neugierde für andere Filme des Franzosen. Denn es ist genial und einzigartig. Die Dosis macht das Gift und so lohnt es sich hier vielleicht, gerade "Playtime" in 3 Portionen zu unterteilen und nicht am Stück anzuschauen. (Opening und Hochhaus 1, Restaurant, Karrussel).
Man kann und muss sie auch eher studieren und analysieren. Einfach nur anschauen - dafür ist Playtime zu opulent, man wird erschlagen. Der Genuss liegt dann vielleicht im Anspruch und es ist nunmal ein bisschen, wie ins Museum gehen: Langsamkeit, Studium, Offenheit für Altes gehören dazu, um ein Staunen zu erzeugen. 

Sonntag, 15. November 2020

Heiß wie Neostahl: Blizzard spendiert seinem Meisterwerk grandiose Kurzgeschichten!

 


Starcraft II feiert 2020 sein 10-jähriges Jubliäum. Sein Vorgänger, Starcraft, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Echtzeitstrategiespiele, aber auch des Storytellings innerhalb eines Computerspiels und vor allem der spannenden, nie langweilig werdenden Multiplayerschlachten. Zum 10. Geburtstag spendiert Blizzard  ein paar Shortstories. Und die haben es in sich! 


Wer billige Ramschliteratur erwartet, wird enttäuscht. Die Stories von unterschiedlichen Autoren - 18 -50 PDF- Seiten lang - , werfen ganz unterschiedliche Lichter auf die menschliche Seele und das Starcraft-Universum. Und obwohl sie alle so unterschiedlich sind, haben sie doch alle eines gemeinsam und  zwar das, was große Literatur ausmacht: Liebe und Tod. Sie handeln von Menschen, die sich irren, von ihren Träumen, Wünschen, Ängsten, ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Neugierde. Ich möchte mich nicht in Superlativen verlieren, aber Blizzard ist es gelungen, einen Rundumschlag abzuliefern und in bisher jeder der Stories, die ich gelesen habe, greifbare Figuren zu gestalten, die eine Identifikationsfläche groß wie ein Fussballfeld bieten und jeden Leser, selbst wenn er sich wehrt, in ein Universum - ja, es klingt so blöd, aber es ist so - in das Universum der Starcraftwelt zu ziehen. Und natürlich haben die Autoren ihre Hausaufgaben gemacht! Keine Geschichte gleicht der anderen, jede fesselt, jede wirkt, wie wenn ein Autor tief mit der Schöpfkelle in den Kessel der "Wie-schreibe-ich-eine-gute-Geschichte"- Suppe getaucht hat und zeigt, wie lecker man mit bekannten Mitteln, Tricks, Topoi, Archetypen und Motiven eine neue Geschichte kredenzen kann. (Achtung, jetzt kommt Germanisten-Tech-Talk)

Gemeint sind Techniken wie eine  Rahmen- und Binnenhandlung zu erschaffen (z.B. "Das Antlitz des Krieges"), verschiedene Zeitebenen miteinander zu durchmischen (z.B. "Tödliche Säure"), innere und äußere Handlung gleichermaßen zu berücksichtigen, Dialoge, Innere Monologe, unerwartete Gedankeneinbrüche, Bordcomputergebrabel und alles andere, was Kommunizieren kann, einzuarbeiten, die große Geschichte einer skrupellosen Diktatur mit kleinen Einzelschicksalen zu verweben (z.B. "Die Dompteurin" oder "In der Dunkelheit" oder "Der Auftrag"), Elemente der klassischen Tragödie mit der Form der Kurzgeschichte zu kreuzen (Offener Anfang, in medias res, Enthüllungsdramaturgie, hamartia und vermeintliche peripetie, Höhepunkte, Wendungen, Katastrophen und offene Happy Ends), personale und auktoriale Erzählebenen zu verknüpfen und und und.... (Ende des Germanisten Tech-Talks)

Dabei wirkt das eben nicht "billig" wie in einem Groschenroman - zumindest habe ich lange Zeit keinen mehr gelesen. Ich vermute, jeder Leser wird die Geschichten - egal wie er tickt mindestens mit der Phrase "Die haben ihre Hausaufgaben eben gut gemacht" bewerten. Das Spektrum kann aber auch gut und gerne bishin zu verzückten Ausschweifungen und Anbetungen dieser kleinen, kunst-mühe- und liebevoll gewobenen Kleinode führen. 

Wie auch immer - ich lese diese Geschichten sehr gebannt! Sie sind fesselnd erzählt und Dranbleiben lohnt sich. Selbst wenn die ersten 10 Seiten manchmal seltsam anmuten - mir ging es so bei "Der Auftrag" - am Ende hat mich keine der Kurzgeschichten unbefriedigt zurückgelassen! 

Neugierig? Hier gehts zum Download der kostenlosen Shortstories

Außerdem kann ich "Neulingen" die opulente, fantastische, epische Story der Einzelkampagnen auch nur wärmstens empfehlen. "Herr der Ringe" - "Game of Thrones"- die Story der Blizzard Schmiede braucht hier keinen Vergleich zu scheuen. Die erste der insgesamt drei Kampagnen gibts auch kostenlos zu spielen (hier durchklicken).

Wer sich tiefer hineingraben möchte findet hier englischsprachiges Fan-Wiki-Wissen.

Freitag, 11. Oktober 2019

Kein Schiff wird kommen - Mainfrankentheater

Schmunzette entwickelt sich zum Psychothriller
Applaus, Applaus, ein geniales Ensemble, ein gewagtes Stück mit einer Prise Psychothriller!

Inhalt (ohne Spoiler)

Der junge Wahlberliner Dramatiker Thomas ist im Begriff ein Stück zum Mauerfall in Deutschland zu verfassen und besucht im Rahmen dessen seinen Vater auf der Insel Föhr, um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen und an Material für seine Arbeit zu kommen.
Vater und Sohn in der Inszenierung des Mainfrankentheaters 2019
Schnell und unverhohlen wird klar, dass die Beziehung der beiden auf Eis liegt. Unerträglich ist die schweigsam-freundlich, eigenbrötlerische Art des Vaters dem Berliner Nachtschwärmer und der Protagonist lässt kaum eine Gelegenheit aus, dem Vater mit aller Wucht seine Unzufriedenheit mit dessen Verhalten und Person entgegenzuschleudern.
Umgekehrt wehrt sich der Vater auf seine Art und Weise gegenüber den Vorwürfen des Sohnes. Im Fazit ergibt das eine spannungsgeladene tragikomische Konfliktatmosphäre und man fragt sich, wie man die Beziehung der beiden entspannen könnte und ob etwas Milde auf Seiten des Sohnes nicht angebracht wäre.

Doch das Stück entwickelt sich von der Vater-Sohn-Studie weiter. Im zweiten Teil des Stücks geht es um die Ereignisse, die für den Vater mit dem Mauerfall verbunden sind. Und hinter ein paar belanglosen Geschichten, so merkt man bald, lauert irgendein Tabu. Irgendetwas schlummert da -irgendein Schatten der Vergangenheit. Der Weg zur Enthüllung dieser Episode aus dem Leben des Vaters, das ist quasi der nächste Handlungsschritt im Drama. Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse ist schließlich der Höhepunkt.

Interessant ist dann der Umgang der Figuren mit der Enthüllung der Wahrheit.
Für Thomas ist es, das Leben, Theater. Als postmoderner Mensch kennt der die Gnade und das Credo des "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und ist in der Lage auszudifferenzieren. Der Vater dagegen hat diese Möglichkeiten nicht. Er verweilt und wird selbst zum Geist.

Aufbau und Inszenierung

Viele Monologe Thomas, die seine Gedanken offenbaren. Sehr schildernde Sprache.
Geisterhafter Schatten der Vergangenheit von Anfang an auf der Bühne durch Riesenbilderrahmen und Welt dahinter ("Geisterwelt") mit Bank und Frau darauf. Unheimlich-mystische Atmosphäre.
Pendeluhr-Mechanik-Geräusche zur Untermalung der drückenden Atmosphäre im Elternhaus.
traurige Gitarrentöne zur Untermalung der Traurigkeit und des Dramatischen, vor allem gegen Ende des Stücks.
Interessant: Wie Vater "gebrochen" die Bühne und den Zuschauerraum verlässt (Gegenpol zu Thomas, der sie energiebeladen betritt und das Stück so eröffnet)
Interessant: Wie der Vater gebrochen den Platz der "Geisterfrau" einnimmt.
Interessant: Überblendung, als Erinnerung und Vergegenwärtigung ineinander greifen, und die Ebenen mittels Projektion (Erinnerung) und Schauspiel miteinander verwoben werden.
Die Selbstthematisierung des Theaters. Was darf es? Was kann es? Welchen Zwängen ist es unterworfen? Wie bändigt man Komplexität?

Schauspiel: 

Brilliant! Die Menge an Text, die Flüssigkeit und Lebendigkeit im Vortrag (Martin Liema) , die Klarheit der Sprache des Vaters und sein Timing, die stakkato-"Thomas"-Salve der Geistermutter. Wirklich genial!


Kleine Sprachuntersuchung (evtl. Spoiler)

Einmal im Stück fällt ein markanter Kraftausdruck. Als die Mutter Thomas als „Fotze“ beschimpft, kann man das so interpretieren, dass diese verbale Entgleisung ihrer Krankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbstkontrolle verschuldet ist: Keine normale Mutter würde ihr eigenes Kind derart beschimpfen, geschweige denn im Feminin. Insofern manifestiert sich in der Sprache die geistige Krankheit der Mutter.

Dienstag, 13. November 2018

Midnight in Paris - phantastisch im Nachgang!


Gil und Inez vor dem Motiv der berühmten
Seerosen von Monet
Woody Allen führte Regie und schrieb das Drehbuch dieser romantischen Filmnovelle, poetisch aber auch sehr stereotyp.

Inhalt:

Ein junges Päarchen in der Hochzeitsvorbereitung ist zusammen mit den Eltern der Braut in Paris, der Stadt der Liebe in Frankreich im Urlaub. Der männliche Protagonist, Gil, ist Schriftsteller, sie, Inez, ist Zicke. Er, Gil, arbeitet an einem Buch über einen Nostalgieladen, sie, Inez, geht shoppen mit der Mutter.
Zufällig trifft das Päarchen auf ein der Braut bekanntes Päarchen, das sehr unternehmungslustig ist. Zudem ist der Mann, Paul, in dieser Konstellation sehr belesen, wie es scheint, und hat eine Gastvorlesung in der Sorbonne - der perfekte Reiseführer also! Sehr schnell kristallisiert sich heraus, das Gil Paul nicht sympathisch findet. Als die junge Gruppe nach einer Weinprobe noch gemeinsam feiern gehen möchte, sondert Gil sich ab. Auf dem Rückweg verläuft er sich ein wenig und bleibt auf einem Treppenabsatz  zum Ausruhen sitzen.
Gil, Inez, Paul und seine Frau
Auf einmal, während des Glockenschlagens zur Mitternacht, schleppt sich ein Oldtimer aus den 20gern die Straße hoch und die Insassen motivieren Gil, einzusteigen. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als F. Scott Fitzgerald und seine Frau - Starschriftsteller der 20ger.
Ab diesem Moment hat Gil eine Art Schleuse in die 20ger gefunden, sein eigenes "goldenes Zeitalter", und Abend für Abend trifft er seine Idole und Inspirationsfiguren.
+Spoileralarm
Es kommt, was kommen muss: Gil und Inez entfremden sich immer weiter, Gil verliebt sich in Adrianne, die Geliebte Picassos und Hemingways, mit der er selbst eine Zeitreise in die "belle Epoque", das Paris der 1890-1900 erlebt und unter anderem die Impressionisten und Expressionisten Gauguin, Lautrec und Degas und  trifft. Im Gegensatz zu Gil beschließt sie, in dieser Zeit zu bleiben. Gil kehrt zurück, weil er sein Verhalten als eskapistisch und als "Goldenes Zeitalter" Syndrom begreift. Sein Verdacht, dass Inez in der Zwischenzeit etwas mit Paul hat, bestätigt sich und er trennt sich von ihr. Dennoch endet der Film hoffnungsvoll, weil Gil eine Verkäuferin vom Flohmarkt wiedertrifft. Gemeinsam laufen sie durch Paris, es fängt an zu regnen, um im Gegensatz zu Inez liebt die Flohmarktverkäuferin Spaziergänge im Regen.


Gattungsanalyse:

Die These: Es handelt sich um eine komödienhafte, romantische Novelle, denn eine Novelle hat laut Goethe einen unerhörten, seltsamen Moment und der liegt darin, dass die Hauptfigur, Gil, mitternachts auf unerklärliche Art und Weise in das Paris der 20ger Jahre des 20. Jahrhunderts gelangen kann und dort die Kulturelle Creme de la Creme antrifft: Picasso, Hemingway, Gertrud Stein, T.S Eliot, F.Scott Fitzgerald. Eine Binnenhandlung und eine Rahmenhandlung gibt es ebenfalls, denn Gils Ausflüge in die Vergangenheit sind eingebettet in den Parisurlaub des Paares und ihrer Eltern.
Die Liebe erwacht beim Spazierengehen
Die unerhörte Begebenheit hat außerdem oft eine entscheidende Funktion für das Leben der Protagonisten, quasi eine schicksalshafte Bedeutung. In diesem Fall führt die unerhörte Begebenheit die Hauptfigur hin in die Krise, sie verändert sein Leben. Das ist von Anfang an zu erwarten, denn um die Beziehung der Verlobten in der Gegenwart steht es eh nicht gut: Unterstützung - Fehlanzeige. Verständnis? Fehlanzeige. Gemeinsame Interessen? Fehlanzeige. Konsequent, dass diese Beziehung ins Straucheln gerät.
Das romantische an dem Film ist, dass es hauptsächlich um Liebe geht. Gil muss sich erst selbst finden, seine Gefühle werden kräftig durcheinander gebracht und er muss lernen, dazu zu stehen. Komödienhaft wird der Film dadurch, dass es zu einer Verstrickung kommt - die neue Liebe, die so schlecht zur geplanten Hochzeit passt und das beinahe Auffliegen dieser Verliebtheit. Auch komödienhaft ist, dass sich die Verstrickung zuletzt in einem Happy End auflöst - auch wenn es zunächst zur Katastrophe kommt, weil Gil und Inez sich trennen.

Stereotypen:

Paris - Stadt, der Liebe und alle Frauen in Paris sind hübsch
Gil - der romantische, verträumte, verdatterte Schriftsteller

Mittwoch, 20. Juni 2018

The Handmaid's Tale - gescheiterter Gottesstaat!


Was ist denn hier los?

Frauen in strengen, engen, hochgeschlossenen Kostümen aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Daneben Männer mit brandneuen Maschinengewehren aus der Jetztzeit, Frauen mit Elektroschockern und eine total verwurbelte Welt?

Die Macher von "The Handmaid's Tale" verlangen dem Zuschauer ein starkes Nervenkostüm ab. Nicht mit Jumpcutschocks werden die eigenen Belastungsgrenzen geprüft, sondern mit einem unterschwelligen Unwohlsein, einem flauen Gefühl im Bauch wird man sich beim Betrachten der Serie wiederfinden. Warum das so ist?
Die Welt, die uns vorgestellt wird, ist absolut krank:
Aufgrund einer mir noch nicht näher bekannten unerhörten Begebenheit (novellistisches Element) sind nur noch einige Frauen in der Lage, Kinder zu gebären. Anstatt dass diese nun aber als Quell allen Lebens gottgleich verehrt und behütet werden, werden diese armen Kreaturen vollkommen unter ihrer Funktion behandelt: Sie werden klein gehalten, niedergedrückt, gebrochen und sind auf der niedrigsten Stufe der Gesellschaft. Mägde eben, wie der Titel der Serie verrät, die Hausdienste erledigen, sich in Unterwürfigkeit üben müssen und Gehorsam zeigen. Jede Kritik an diesem System wird mit den modernsten und gleichzeitig ältesten und effizienten Mitteln der Folter vernichtet. Alle Formen der Gewalt - physische, psychische, strukturelle - lassen sich in der ersten Folge wiederfinden. Gezeigt wird ein fanatistisches System, das deswegen bei aller Funktionalität nicht funktioniert, weil die Primärtugenden, die Menschlichkeit, gegenseitiger Respekt, Hilfsbereitschaft und vor allem die Würde des Menschen nicht eingehalten werden. Anstelle gegenseitiger Hilfe und Symbiosen findet man so eine kalte, herzlose, verachtenswerte Maschinerie, in der alle gefangen sind.  Meinungsfreiheit existiert nicht, wer den Mund aufmacht wird mundtot gemacht.

Erschreckend ist das und gleichzeitig eine gute Warnung, was es zu verteidigen gilt.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Durchaus einer Analyse wert wären die erlebte Welt insbesondere die Kostümierungen, die Figuren und die psychologischen Effekte (Andorra Effekt, Milgram Experiment, Gruppenbildung durch Rituale...)

Mittwoch, 3. Januar 2018

Peterchens Mondfahrt im plastischen Theater "der Hobbit" in Würzburg

Ein Klassiker der phantastischen Kindererzählung


Inhalt: 

Peterchen und Anneliese werden von einem Maikäfer besucht, dem ein Bein fehlt. Dieses ist auf dem Mond gelandet und die beiden Kinder müssen ihm helfen, das Bein zurückzuergattern. Auf dem Weg dorthin treffen sie alle möglichen phantastischen Gestalten, die man bei einer Mondfahrt treffen kann. 
Anschnallen, Sitze festhalten, es geht los!

Inszenierung

Liebevoll gestaltete Puppen aus verschiedensten Materialien, eine handbemalte, ewig erscheinende Rollkulisse, kräftige und abwechslungsreiche Stimmen der Schauspieler und viel Bühnenzauber machten die Inszenierung im plastischen Theater "der Hobbit" aus. 
Hier ist an einem weniger Orte noch selbstgemachtes, liebevolles Handwerk anzutreffen. Die Kinder, die den größten Teil des Publikums ausmachten, waren voll im Bann der Geschichte, während die erwachsene Begleitung wenigstens mitschmunzelte, wenn nicht sogar selbst in den Bann gezogen war. Insgesamt eine Empfehlung! 

Warum "Now you see me" nur Mittelmaß ist



Inhalt (ohne Spoiler)

Die Unfassbaren - "Now you see me" aus dem Jahr 2013, gedreht mit einem Budget von 75 Millionen Dollar, ist ein rasanter Mix aus Actionfilm und Mystery-Thriller. Im Zentrum der Handlung steht ein Team aus vier Magiern, die gemeinsam und in eine Liveshow verpackt, große Bankraub-Coups durchführen. Weil das illegal ist, ist ihnen das FBI unter Führung eines leitenden Ermittlers auf der Spur, weil das nicht reicht und grenzüberschreitend gearbeitet wird, kommt auch noch eine Interpol-Agentin dazu. Da Magie und Illusion aber nicht das Standardmetier des FBIs ist, muss auch ein Spezialist dran, der hilft, die Tricks der Magier zu durchleuchten.
Was folgt ist ein fulminantes, mit Special-Effekts aufgeblasenes Katz-und-Maus-Spiel, das in jeder Teilepisode versucht, sich aufs Neue zu überbieten.


Kommentar

In einer Tour durch ballert der Film ohne einen einzigen Rhythmuswechsel all diejenigen Klischees raus, die im Genre des Actionsthrillers als "cool" gelten: coole Männer, coole Sprüche, coole Stunts, coole Explosionen, coole Specialeffects. Er versucht zu packen, was nicht gelingt. Stattdessen nervt der Film. Er strotzt vor Oberflächlichkeit, zwischen den Figuren gibt es nichts anderes, als ein einziges, lange anhaltendes Konkurrenzverhältnis und es ist erbärmlich, dass der Film eine Pseudorobin-Hood-Moral in die Geschichte eingebaut hat. Schrill und im Geiste des Kaufrausches eines "Black Fridays" johlen Zuschauer bei den Shows, während die Charaktere um die Wette Kraftprotzen. Das letzte bisschen Spannung wird dem Film durch den Mangel an Authentizität genommen. Nicht nur, dass all die Berechnungen im Film und viele der "unerwarteten Wendungen" erwartbar und faktisch unmöglich sind - sondern auch die unklare Grenze zwischen tatsächlicher Magie und Bühnenzauber machen den Film zu einem gegenstandslosen Brei.


Montag, 2. Januar 2017

Dieser Film ist Donald Trump!

Aufgeblasen, irgendwie unterhaltsam aber unangemessen: Dieser Film ist Donald Trump!

Wollen es nicht zugeben:
Die Schauspieler des Films

"This is the End" unterhält mit grinsender Plastikfassade unter der Gürtellinie schaulustiges, leicht übergewichtiges scheinheilges Publikum.


Wer auch immer nach einfachen Erklärungen in einer komplexen Welt sucht und sich Absolution durch  Minutencaritatismus erhofft,  der ist hier an richtiger Stelle: Die Träumemacher aus Hollywood haben ein Seifenopfernmärchen komponiert mit allem, was dazugehört: Drogen, Blut, mittlere Helden, Sympathieträger und Identifikationsfiguren, gute und schlechte Vorbilder, Lachmomente, zotige Sex-Witzchenen und massenhaft Schimpfwörter. Das lässt die Kasse klingeln, den Menschen lachen und Popcorn in sich stopfen. Jedenfalls ist es unterhaltsam. Dabei wird die Story buchstäblich auf apokalyptische Ausmaßen aufgeblasen, um in einer triefigen Fettblase zu platzen. Aber am Ende ist alles gut. Nämlich so, wie davor, nur besser: Party ohne Regeln aber mit Backstreet-Boys.
Nicht alles, was Gold ist glänzt auch. Ist denn das die Vorstellung vom Himmel? Ein Ort, an dem man sich Joints am Heiligenschein anzünden kann? Man muss kein Heiliger sein, um Moralapostel spielen zu dürfen und das nehme ich mir heraus: 
Diese Geschichte ist wirklich dumm und dünn. Sie unterstreicht die Klischees und Lebensstandards einer selbst- und vergnügungssüchtigen EGO-Gesellschaft und versucht sie zu rechtfertigen. Das mag unterhaltsam sein, aber unterm Strich ist es kriminell. 
Es legitimiert einen Lebensstil, der im Rahmen der Erklärungsmuster kollektiver Schuld (- zwei Drittel der Zuschauer würden hier aussteigen oder angewider weghören -), die Welt verpestet, Hass, Armut und Ungerechtigkeit schürt. 
Die Schauspieler sehen ihre Aufgabe darin, wie sie selbst im Film thematisieren, Menschen "Freude in ihr Leben zu bringen", deswegen seien sie gut. Wirklich gut wären die Schauspieler aber, wenn sie ihr Publikum über wirklich bedeutsame Prozesse aufklären und es über die Folgen seines Verhaltens reflektieren ließe. Wie wäre es zum Beispiel mit Prinzessin Mononoke als Gegenbeispiel gelungener Filmkunst? Aber das lässt die Schauspieler und Produzenten  - beides fällt hier "komischerweise" zusammen - nicht so, wie sie es selbst sagen, "extrem viel Geld verdienen". Also machen Sie es nicht. Verkauft haben sie sich eh schon lange davor.
Als Mensch mit Gewissen kann man ruhigen Herzens rausschreien: Das goldene Stück Scheiße geht an euch: Für die perfide Legitimierung und Stabilisierung einer egoistischen, ausbeuterischen Gesellschaft. 
Donald Trump würde dieser Film als Produzent gefallen: scheinheilig, skrupellos, verschwenderisch, dickauftragend, aufgeblasen, irgendwie auch unterhaltsam. Aber eigentlich albern und der Situation unangemessen. 
Dieser Film ist Donald Trump. 







Making of dieses Kommentars: 

Vorwort:

Es gibt so Abende, da wird man in einen Film reingezogen. Hirn aus, Herz an und man sitzt in einer supernetten Runde vor der Mattscheibe. Und dann wird zusammengerückt und das Flimmern greift nach unserer Seele. Aber leider ist das, was dabei rauskommt, nicht immer Liebe. Manchmal fühlt man sich auch einfach gef... 
Der aufmerksame Leser wird merken, dass mir der Film von gestern nicht unbedingt gefallen hat und was in meinem Magen liegt. Deswegen: "This is the End": Gib mir meine Zeit zurück!
Der aufmerksame Leser wird auch beantworten können, welches Magazin ich in letzter Zeit öfters gelesen habe: a) SZ-Magazin b) FAZ-Magazin c) Vice. Der aufmerksame Leser wird auch bemerken, dass ich als letztes über Michael Ende geschrieben habe und seit einigen Wochen Tocotronic's "Michael Ende, du hast mein Leben zerstört" vorsinge. Der aufmerksame Leser wird auch gemerkt haben, dass ich selbst mein einziger aufmerksamer Leser bin, sonst liest das hier eh keiner. Aber trotzdem: Scoobi-Doo-Pack-Hollywood-Pack: Gib mir mein Leben zurück! 


Voruntersuchung: 

1. Die Handlung (sloppy): 

1. Schauspieler wird auf Party geschleppt, die ihm nicht gefällt. 
2. Welt gerät total aus den Fugen (wirklich!)
3. Schauspielerrest verbarrikadiert sich in Luxushaus
4. Vorräte werden rationiert aber gehen trotzdem zu neige
5. Stoßtrupps werden ausgesendet (Losen mit Streichholz) 
6. Verdacht wächst, dass draußen die Apokalypse herrsche
7. Verdacht bestätigt sich und Arschlöcher müssen Saulus-Paulus Mutation durchmachen
8. Ende gut - alles gut (Heaven isn't a Half-Pipe, but Backstreet Boys make Music there)

Und die Moral von der Geschicht: Böse Menschen trifft das jüngste Gericht. 
Okay, und weil heute Silvester war, das Ganze nochmal in altbackener Manier: 

2. Die Handlung Inhaltsangabe: (sauberer, standardsprachlicher Nominalstil, nur Inhalt)

1. Missbehagen eines Schauspielers
2. Einbruch paranormaler Naturgewalten 
3. Abschottung, Rationalisierung und Regelfindung der Überlebenden Partygäste
4. Vorratsbeschaffung nötig
5. Erklärungsversuch
6. Rettung durch christliches Verhalten wird offensichtlich
7. Wiedersehen im Himmel 

3. Die Handlung (und jetzt setzen wir einen drauf zur strukturieren Inhaltsangabe (Inhalt+Funktion))

1. Vorstellen der Ausgangssituation: wilde Party von egoistischen Menschen (Exposition)
2. Einsetzen der Haupthandlung: katastrophal-paranormale Geschehnisse (erregendes Moment)
3. Etablierung des neuen Status Quo: Abschottung, Rationalisierung und Regelfindung
4. Zwischenepisoden: Stoßtrupps und Nahrungssuche
5. Einleiten der Auflösung: Hypothesenbildung "Apokalypse"
6. Bestätigung der Hypothese und neue Handlungsalternativen: Caritas als Ausweg
7. steigernde Episoden und finaler Höhepunkt: Bewährungsprobe(n) der Charaktere 
8. Auflösung zum Happy End: Wiedertreffen im Himmel 


Entwicklung eigener Gedanken

Wie so ein Hollywood-Rollbraten gespickt ist? Mit jeder Menge Drogen, Blut, mittleren Helden, Sympathieträgern und Identifikationsfiguren, guten und schlechten Vorbildern, Lachmomenten, Sex-Witzchenen und Schimpfwörtern. Alles, was sich verkauft und gute Laune macht. Donald Trump würde dieser Film als Produzent gefallen: scheinheilig, skrupellos, verschwenderisch, dickauftragend, aufgeblasen. Irgendwie natürlich unterhaltsam. Aber eigentlich albern und der Situation unangemessen. Moment: Dieser Film ist Donald Trump. 
Und wäre ich jetzt ein professioneller Autor, dann würde ich den Knoten zuerst bringen und das an den Anfang stellen, um meine Beweisführung zu starten. Etwa so: 




Montag, 28. September 2015

Balance - Kurzfilm. 1989.

Fünf Personen auf einer Plattform im Nichts, die nur dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft folgt, denn je nach Gewichtsverlagerung auf der Plattform, kann diese in Schräglage geraten und kippen (Bild anklicken -> youtube Version)

Plot:

Die Figuren bewegen sich von der Mitte aus ringförmig ausstrahlend und gleichmäßig an den Rand der Plattform. Dort angekommen, packen sie Teleskopangeln aus und Angeln etwas aus dem nicht sichtbaren "Unterhalb" der Plattform. Einer der Figuren gelingt ein großer Wurf, so scheint es. Er zieht eine dicke verschlossene Spieltruhe auf die Plattform. Man kann sie ankurbeln und sie macht Musik. Nun kann einer nach dem andern Musik hören, je nachdem, wie sich die Figuren bewegen. Immer nur für eine kurze Zeit.

Eine der Figuren wird egoistisch und kickt die andern von der Plattform, um das Hörererlebnis nicht mehr teilen zu müssen. Er bleibt allein auf der Plattform zurück, hat aber nichts von der Truhe - denn sie befindest sich schließlich, als Gegengewicht zu ihm, auf der exakt anderen Seite der Plattform.

Art:

Symbolischer Stop-Motion-Film

Interpretation:

abstrakte Darstellung des Umgangs mit Ressourcen und lehrreich insofern, als man darüber reflektieren kann, inwiefern es interpersonale Zusammenhänge gibt, die die Welt im Gleichgewicht halten und inwiefern blanker, übertriebener Egoismus die Welt aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Wäre es besser gar nichts gehabt zu haben?
Wie hätte man anders mit der Box umgehen können?
Völlig andere Balance über Selbstgerechtigkeit und Verlogenheit von Führungseliten: Balance von "Doppelkopf"


Dienstag, 28. Juli 2015

Zwischen Welten Welten finden - KHG spielt vier Einakter

Als "Abend auf Messers Schneide" wird wurde der Abend in der eigenen Werbung angeboten.
Zurecht: Am Rande des Wahnsinns, des Massenmordes und wie soll man sonst ein Date mit dem Vätterchen Dead bezeichnen? Den "Schlafwagen Pegasus" sollte man dann vielleicht eher "auf Messers Bettkante" nennen, denn es geht um einen Schlafwagen. Entfernt zumindest.

Harold Pinters "Familienstimmen" läutete den Abend ein. Ein Sohn in einem skurrilen Mietshaus in einer Stadt schreibt Briefe an die zurückgelassene, verwitwete Mutter zuhause. Dabei ist er hin- und hergeworfen. Auf der einen Seite steht die Neugierde und der Willen, der mütterlichen Umklammerung zu entkommen, um das pralle Leben in all seinen Formen kennenzulernen. Auf der anderen Seite steht die scheinbar mit wilhelmistischer Strenge eingeschriebene Pflicht, die Mutterbindung aufrecht zu erhalten und bald wieder zu ihr zurückzukehren.

Der Sohn entscheidet sich für die erste Variante, was sowohl die Mutter in ihren Gesprächsbeiträgen als auch die Hauptfigur in ihrer Gedankenführung verunsichert. Der Konflikt steigert sich und spitzt sich zu - aus einer anfänglichen Neugierde werden angedeutete sexuelle Verstrickungen mit der Tochter einer Nebenmieterin, Ausgeliefertsein gegenüber den wahnsinnigen Redeattacken eines geistig Verwirrten und andere skurrile Grenztänzeleien.
Die Übermutter wird zunehmend garstiger und zuletzt richtig böse. Hinter der Maske mütterlicher Fürsorge tun sich nietozeanische Besitz- und Besessenheitsabgründe auf, die man so von der Mutter nicht erwartet hätte.  Es scheint, als wäre der eigene Mann ein Opfer ihrer Herrschsucht geworden. Da dieser nun fehlt, muss man darauf schließen, dass sie sich nun auf den eigenen Sohn überträgt. Das infernale Ende des Dramas - alle Figuren gehen ab in ein erleuchtetes Off - als Himmel oder Hölle zu denken bleibt der Beurteilung des Lesers überlassen.

Jedenfalls bestimmt ein gefundenes Fressen für Pychoanalytiker und ein Paradebeispiel für absurd-verstörendes Theater.

Hightlight des Abends aber war für mich "Schafwagen Pegasus" nach einer Vorlage von Thornton Wilder. Hier verwandelt ein selbsternannter Weltenphilosoph und gottgleicher Tausendsassa das Innere eines Schlafwagens zum mataphysischen theatrum mundi, in dem er showrevuegleich die Gäste belauscht, ihre Gedanken belauscht, sie zu einer Landschaft verwandelt und als Gestirne die Sphärenharmonien nachsingen lässt. Klingt skurril? Ist es auch! Was die KGH hier auf die ja eher bescheiden ausgestattete Bühne brachte, ist definitiv sehenswert! Besonders gut: Katharina Reich in der Rolle des Feldes und Josef...als Spielleiter.

In jedem Falle ein kurzweiliger und schöner, gelungener Theaterabend! Vielen Dank, KHG! Weiter so1

https://www.facebook.com/khgtheater?fref=ts


Sonntag, 10. Mai 2015

Lust auf Metatheater? Sechs Personen suchen eine Autor

Im Cairo in Würzburg läuft das moderne Meta-Theaterstück "Sechs Personen suchen einen Autor". 

Inhalt: 

In eine gewöhnliche Theaterprobe dringt eine sechsköpfige Familie ein. Dabei handelt es sich bei den Familienmitgliedern laut Eigenaussagen nicht um real existierende Menschen, sondern nur um Figuren, die nun all ihre Hoffnung auf den Regisseur des Theaters setzen, um von diesen als Stück verewigt zu werden. So beginnt eine langsame Aufarbeitung der, gelinde gesagt, schwierigen innerfamiliären Vergangenheit, eingebettet in die Kulissen einer Theaterprobe. 

Kommentar: 

Das Stück selbst ist ein wenig wie ein Lehrstück über theaterinszenatorische Produktionsmittel: Was ist eine Figur? Was ist der Unterschied zwischen Inszenierung und Wirklichkeit? Wie baut man eine Szene? Welche Aufgaben hat der Regisseur? Welche die Schauspieler? Welche der Requisitenmeister und Schreiberling? Welche der Coregisseur? Was ist der Unterschied zwischen Handlung und Charakter? 
Neben der eigentlichen Dramatik des Stücks, verhandelt der Text diese Fragen. Hauptthema aber ist m.E. Egoismus und Gruppenverhalten, denn in einem heftigen Wortwechsel zwischen Regisseur und Tochterfigur wird dieser Konflikt einmal virulent auf die Bühne gebracht: Geht es darum, wessen Tragödie die größte ist und am deutlichsten auf die Bühne gebracht werden soll, oder hat nicht jede Figur ihre eigene Tragödie, die gleichberechtigt neben den anderen Einzelschicksalen steht? Diese Position zu verfechten ist die Aufgabe des Regisseurs, der dann ja auch entscheiden müsste, welche Akzente er setzen möchte. Aber soweit kommt es erst gar nicht, da sich die Konflikte einmal offen aufgezeigt buchstäblich von selbst auflösen. Dennoch glaube ich, dass das die Hauptbotschaft des Textes ist - Demut vor dem andren zu entwickeln und sich als Teil eines großen Ganzen zu entdecken.

Konflikte und Figuren: 
- Vater - Tochter - Konflikt: dadurch, dass der Vater die eigene Tochter als Freier im Bordell aufgesucht hat, herrscht eine ganz spezielle Spannung zwischen beiden
- Vater: hat die Mutter zu einem anderen Mann "geschoben", weil er sich nicht mehr mit ihr verbunden fühlt. 
- Mutter: macht sich Vorwürfe, weil sie die Tochter nicht beschützten konnte und diese sich prostituiert
-kleiner Bruder: verstummt, warum weiß man erst am Ende des Stücks - tatenloses Mitansehen des Sterbens des noch kleineren Brüderleins im Pool 
- kleinster Bruder: unschuldiges Opfer

Vater und Tochter: Redensführer, beide egozentristisch, da auf die Verteidigung der eigenen Figur bedacht. 


Beurteilung:

Ein lautes, konfliktgeladenes Stück, das mit Anachronismen und verschiedenen Ebenen spielend auf tiefe Eindrücke beim Publikum zielt, indem es durch eine Enthüllungsdramatik große tabuisierte interfamiliäre Skandalkonstellationen auf die Bühne bringt. 
Inszenierung: sehr textbasiert, ordentliche schauspielerische Leistung, interessanter Einsatz von Puppen; wünschenswert wäre noch mehr Einsatz von Licht und / oder einer an das Schauspiel angepasste Vertonung gewesen. Empfehlung? Theater ist jedesmal zu empfehlen und das Theaterdreieck bringt hier auf jeden Fall ein interessantes Stück auf die Bühne! 


Sonntag, 8. Februar 2015

Traumnovelle - Arthur Schnitzler - Inszenierung an der theaterwerkstatt Würzburg 2015

Ein guter Freund von mir hat mich ins Theater eingeladen und beidem sollte man immer nachkommen, man bereut es nie: Freundschaft zu pflegen und ins Theater zu gehen.
Diesmal also Schnitzlers "Traumnovelle", Wiener Moderne (mit viel Freud) 1925. 


Inhalt: 

Über zwei Akte wurde in mehreren Szenen der Verlauf eines Tags und einer Nacht eines Doktors aufgezeichnet, der frustriert von Frau und Leben in ein erotisch-knisternd-tödliches Abenteuer hineingezogen wird. Dabei schwebt das Stück zwischen Traum und Realität, die meisten Rätsel, die während der Handlung aufkommen, bleiben ungelöst. War es ein Traum oder echt? Der Untergang des Helden, für den sich eine Frau hingibt, damit er leben darf.

Inszenierung. 

Mit lediglich vier Schauspielern wurde das Figurenkabinett Schnitzlers auf die Bühne gebracht. Dabei lassen sich die Gruppen wie folgt gruppieren:
Hauptfigur ist der Doktor, direkt neben ihm steht seine Frau und ein befreundeter Arztkollege. Die restlichen Personen entsteigen dem Dunstkreis der nächtlichen Eskapaden der Hauptfigur: Ein Kostümhändler, seine wahnsinnige Tochter und ihr junger Liebhaber, der gestorbene Landrat, seine Tochter und ihr Ehemann, Miezi (eine Prostituierte), Nachtigal (der "Schleuser"), ein Barkeeper und eine nachtumrauschte Sado-Maso-Gangbang Mitternachtsgesellschaft inklusive einer dubiosen Gräfin "Dubioska" (o.s.ä.).
All diese Figuren wurden von vier Schauspielern gespielt, wobei nur die Hauptfigur den Luxus genießt, "nur" seine Rolle zu spielen. Alle andern müssen wechseln. Rolle, Kostüm und Figur. Dabei war die inszenatorische Entscheidung, ein strenges Stück mit hohem Tempo zu präsentieren. Seien es die Szenenumbauszenen, sei es die Sprache und Sprechweise, seien es die Umkleidepausen oder die Länge der Szenen (wohl keine länger als zwei Minuten) - alles passt zusammen und drängt zuerst immer tiefer in die Verwirrung und dann zum Ende der Handlung hin. Dabei überwiegen dunkle Szenen, eingetaucht - natürlich - in Rotlicht, Blautöne, Dimmerlicht. Definitiv ist die Vorstellung erotisch, den Film kenne ich nicht, aber in ihm ist es wohl auch so. Und definitiv wird der Zuschauer so zum Voyeur.Die Nähe zum venezianischen Maskenball und Larvenmotiv (ein beliebter Topos in der Literatur seit Goethes Turmgesellschaft und ganz groß in der Romantik) gefiel mir gut, ihre dramatische Psychologisierung durch Schnitzler fand ich interessant.
Die Musik im Umbau und manchmal auch in die Szenen hinein untermalte die Stimmungen gut oder transportierte in sie herein. Lediglich ein Fehlgriff: Das meiste war voll instrumental mit tiefen Pianoklängen, bis auf ein Lied, in dem dann auf einmal Gesang einsetzt.

Meinung: 

Die Schauspieler haben alle gut und überzeugend ihre Arbeit gemacht. Insbesondere ist es wohl ein sehr arbeitsintensives Stück für sie: viel Text, viel Umbau- und Umzieharbeit. Was zu spielen war, ist auch nicht jedermanns Sache - für prüde Seelen wäre das nichts gewesen. Insgesamt also (für ein Offtheater): haben sie es bravourös gemacht! Sogar zwei verschiedene Dialekte hat Stephan Ladnar eingebaut, allein dafür Respekt! Auch Lisa Schopf hat eine große, facettenreiche Leistung abgelegt: Prostituierte, Verrückte, Herzgebrochene. Alles drei glaubhaft, plausibel, wirksam.
Die Beleuchtung ist gelungen, insbesondere die "Blitzszenen" im Swingerclub waren für mich sehr wirkungsvoll. Man erkennt - darf sich noch ein Detail raussuchen, und schon ist die Szene wieder vorbei!
Und das Stück selbst ist eine Reise in die Wiener - Pariser - Berliner - Weimarer Republik - Opiumrausch- Nachtschwärm - Exzess- und Experimentgesellschaft und das Gedankengut der endenen Frühmoderne. Nicht jedermanns Sache vielleicht, aber mir hat's sehr gut gefallen!
Vielen Dank für diesen schönen Abend!


Ach ja, eine Parallele fällt mir noch ein - auch "In Schrebers Garten" im Mainfrankentheater ging es tief ins Absurd-Unbewusste hinein, ähnlich faszinierend!

Samstag, 3. Mai 2014

Niedowierzanie: Kitchig, Disruptive, Progressive.

Auf der kleinen Bühne des Café Cairos, der Studio-Bühne, spielten gestern eine Band und ein Solokünstler auf. Den Solokünstler erlebte ich nach meiner Arbeit im Krankenhaus mit. Niedowierzanie nennt sich der Künstler. Das ist unaussprechbar, polnisch und bedeutet "Misstrauen". Der Künstler selbst trat alleine auf. Er saß auf Augenhöhe mit dem Publikum, das am Boden saß auf einem Hocker. Als Instrumente hatte er eine kleine E-Mandoline, ein Akkordeon, eine Trompete und seine Stimme dabei. Was er mit diesen Klangerzeugerungsmitteln produzierte, sendete er durch ein Richtmikrophon zu seinem ThinkPad von Nokia. Dort wurden die Signale stark modifiziert, vorwiegend durch Hall und Distortion. Zusätzlich zu den so eingespielten Sounds liefen vorproduzierte Sets vom Computer ab.
Vom Stil her kam eine Mischung aus bastardigem John Fusciante - Synthiedrummbeat, vielen Flächen und unzuordnungsbarer Geschrabbelei aus der sehr guten Anlage der kleinen Bühne.

Wie war der Gesamteindruck? Schräg! Gringo-Italiano Beats, harte Beats, viel Bitcrusher, schwermutige Melodien und Gesang.
Insgesamt war der Sound sehr weit angelegt, durch die hiphoppigen Beats aber immer wieder begrenzt. Für mich entstanden zuerst Soundwelten zwischen Sinti-Romasehnsucht und Spaghettiwestern, und etwas reflektierter: Weite und verdrängte Urbanität. Auch Surrealität. Ein anderer Konzertbesucher sprach "vom Herzschlag eines Fettleibigen, der im Sterben liegt", der Veranstalter sprach von Frankreich. Eingeladen fühlte man sich von der Musik nicht, aber beeindruckt.

Was mir fehlte, war der Kontakt des Sängers zum Publikum. Vielleicht wollte er einfach nicht mit dem Publikum reden oder agieren. Vielleicht ist es auch ein Genremerkmal, dass die Experimental-Folker, die ich bisher gesehen habe, teilen: Sie wirken auf mich so, als hätten sie ein irgendwie verschämtes Verhältnis zu ihrer Musik. Ich werde dem weiter nachgehen. Trotzdem bereichernd und öffnend.

  

Montag, 8. Juli 2013

FUSION IMPRESSIONEN

FUSION 2013

Performaces
Small but beautiful Musik
Turmbühne



Samstag, 7. Januar 2012

Réné Magritte 

Magritte, geboren 1898. Frühtalentiert schlägt er sich durch als Werbe- und Postkartenmaler. Er heiratet seine Frau Georgette 1922. Schon mit 23 Jahren, also 1921, malt er Bilder wie Baigneuses. Seine Werke sind simpel und doch einzigartig, eine noch nie dagewesene Verbindung von Simplifikation und Abstraktion in einem. Die Formen, in die er seine drei Bademädchen in diesem  Gemälde zwingt, sind Kugel, Kegel, Licht und Schatten an den richtigen, wichtigen Stellen und gut gesetzte Striche. Außerdem herrscht in seinem Bild Kalkül und Strenge vor.
Er bekommt bald erste Aufmerksamkeit durch Kritiken über seine Werke und daran anbindend Ausstellungsmöglichkeiten. Er schließt sich mit anderen zusammen, schreibt programmatische und anklagende Texte, die das Weiterführen der alten Traditionen mit Entschiedenheit ablehnen, während er gleichzeitig, ohne es zu ahnen, die Grundsteine für sein eigenes magrittsches Kunstuniversum legt. Auffällig kalt sind alle Gebilde in diesem Universum, die Gegenstände, die durcheinandergewürfelt werden. Und sie stellen das Abgebildete mit einer außergewöhnlichen Radikalität in Frage. Einen guten Wegweiser durch sein Werk mag jenes Selbstzitat sein, das erklärt, warum man sich so seltsam kühl berührt fühlt, wenn man seinen Bildern verfällt:
„Tout ce univers mysterieux est froid. Je ne ressens pas de chaleur dans le vide de l'au-délà. D'ailleures, c'est l'insensible qui j'essaie de transformer en matière. Et cet insensible ne peut pas être que froid.“
 ("Dieses gesamte mysteriöse Universum ist kalt. Ich fühle keine Wärme in der Leere des Jenseits. Außerdem versuche ich das Gefühlslose in eine Matiere zu transformieren. Und dieses Gefühlslose kann nicht anders als kalt sein.")
Magritte defiguriert, entfremdet, bezweifelt und gleichzeitig ist er doch ganz klar.
Es reicht ihm nicht aus, das nur Sichtbare Wiederzugeben. "Surrealist zu sein heißt, den Geiste des „Bereits-Gesehenen“ zu verbannen und das „Noch-Nicht-Gesehen“ zu suchen, schrieb er einmal. Protest, Progression und Programm fließen in diesem Satz zusammen. Oder im französischen Original:

Etre surrealiste, c'est bannir l'esprit de le „deja vu“ et rechercher le „pas encore vu“. 

Die surreale Kälte in seinem Werk scheint auch auf seine Lektüre rückführbar zu sein. Als Heranwachsender las er zum Beispiel begierig Werke Edgar Allan Poes. Über sich selbst schreibt er später einmal, dass er subversiven Humor liebe.
Magritte beteiligt sich auch an diversen Gruppenveröffentlichungen. Er ist selbst Mitglied des Künstlerkollektivs group 7 arts, arbeitet mit an Meinungen und Pamphleten, schreibt über Farben, illustriert Theaterplakate für Freunde und Bekannte. Das heißt, auch er kann als eines der Universalgenies dieser Epoche bezeichnet werden, in der die verschiedenen Künste noch so nahe beieinander waren und so eng miteinander verknüpft.

Magrittes Frühwerk 

Was Magritte für den Betrachter wirklich ausmacht sind seine schwerfälligen, sinntropfenden Gemälde. Zum Beispiel La Valeuse oder L'Homme du Large oder Les Muscles célestraises, L'esprit du CommédienLe marriage du Minuit, Le Song du Monde oder Paysage. All diese Kunstwerke sind im obersten Stockwerk der Magrittausstellung im Magrittmuseum in Brüssel zu sehen.
Man kommt in einen Fahrstuhl und wird bis ganz nach oben gefahren, wo man schließlich der magrittschen Bilderwelt ausgesetzt wird.
Gut und gerne kann man mehrere Stunden mit diesen Bildern verbringen. Schön herausgearbeitet ist, wie Magritte immer einen Schritt weitergeht in seiner Entwicklung. Wie er vom Werbemaler zum Surrealisten wird, wie er seine Formen und seinen Stil findet, wie er beides immer wieder neu kombiniert und schließlich auch langsam an die Sprache herankommt. Wenn er später der Verwirrungskünstler par exellence werden wird, indem er Zeichen und Bezeichnetes surreal auseinanderreisst und die Gehirnverbindungen in ihrer Festgefahrenheit schonungslos aber immer mit einer Spur subversiven Humors entlarvt, entdeckt Magritte zum Ende dieses Ausstellungsraums hin vor allem erst einmal die Wirkung der Titelgebung auf den Betrachter.
Auf einige der im obersten Stockwerk des Brüsseler Kunstmuseums ausgestellten Werke möchte ich nun näher eingehen. Es ist klar, dass sie auf dem Bildschirm ganz anders wirken, als im Original an der Wand.


Beschreibung einiger Gemälde

Réné Magritte les muscles celestaires

Technisch brillant gelöste Verbindung von Idee, Form und Inhalt. Ein dunkler grauer, wolkenverhangener Regenhimmel schiebt sich in ein Stück Parkettboden in einem Niemandsland, einer Ödland-Landschaft, die nur durch eine schwarze Umrahmung angedeutet ist
Ein Faszinosum an Magrittes Stil ist auch seine Exaktheit. Er arbeitet gestochen scharf: die Schnitte wo die Himmelsformen auf dem Parkett eindringen, sind wie mit dem Seziermesser gemacht, und wirken doch noch viel schärfer. Natürlich denkt man sich heute: Und das alles ohne Photoshop. Besser wäre es vielleicht zu erkennen, dass das alles vor Photoshop so existierte. Magritte und die andern Surrealisten entwickelten erst, was jedem heute so vertraut zu sein scheint: das Arbeiten mit verschiedenen Ebenen.
Unerlaubt ist das Eindringen einer kugeligen Himmelsform auf einen Parkettboden. Handelt es sich hier um eine Landnahme? Aus dem konturlosen Himmel entsteht auch eine Figur auf der Bühne, die sogar einen Schatten wirft. Aber was macht sie da? Ist es ein Muskelspiel der unendlichen abstrakten Form des Himmels gegenüber der konkreten, begrenzten und vom Menschen geschaffenen Form des Parketts?

Une panique au moyen age

a panic in the middle age
Das Gemälde erinnert in seiner Konzeption an Xavier le Roys self unfinished. Kopflose Gestalten, die ineinanderwachsen. Eine der ihrigen ist gerade im Begriff die Arme entsetzt nach oben zu werfen. Eine theatralische Geste, die man schon gesehen hat. Aber völlig unerwartet scheitert das Auge immer wieder daran, dass der Gestalt der Kopf fehlt. Wenn man sich der Betrachtung hingibt, kann man in das Erlebnis einer perpetuellen Wiederholung des Vorführens und Vorgeführtwerdens der eigenen Wahrnehmung hineingezogen werden. Unsere Wahrnehmung sucht uns bekannte Formen. Gerade Personen, Gesichter oder Körper nehmen wir rasend schnell war, wir sehen sie sogar teilweise dort, wo gar keine sind (z.B. das "Marsgesicht"). Dieser Eigenschaft, einen normalen Körper auf dem Gemälde sehen zu wollen, macht sich Rene Magritte zu nutzen: Kein Kopf, keine Hand. Mit jedem wachsamen Blick ist man aufs Neue verwirrt. Denn anstelle der rechten Hand des „In-Panik-Versetzten“ befindet sich eine Art Gaukler oder Artist, eine Art Jahrmarktaussteller, der schwungvoll zum Handstand oder Radschlag ausholt. Aber aus dem Fenster heraus. Die dritte Zumutung an die normale Wahrnehmung, die sich fragt, warum sich der Typ aus dem Fenster wirft. Das Auge wirrt also hin und her, zwischen dem Fehlenden Kopf, der fehlenden Hand und wundert sich über den Sturz aus dem Fenster. Stört es sich nicht am einen, springt ihm das andere Detail ins Auge.
Ganz und gar nicht mittelalterlich wirkt die Raumarchitektur. Olivgrüner Boden, der an Teppich erinnert und ein perfekt-geometrischer Türrahmen. Auch hier bleibt die Frage auf die Antwort, was sich dahinter befindet, buchstäblich verborgen: Magritte hat den Hinterraum der Tür wohl absichtlich ins Schwarze getaucht. Vermutlich flüchten die Figuren aber dorthin, während wir aufpassen müssen, dass unsere Wahrnehmung nicht auch in kopflose Panik verfällt.

Photographie: La fidélité des images (1928-1935)

Nicht überraschend ist, dass Magritte sich auch der Photographie zugewendet hat, war er ja nicht der einzige, der das tat. Der gleichaltrige Brecht, eigentlich Dramatiker und überhaupt kein Photokünstler, tat das ja auch. Aber überraschenderweise hat Magritte es geschafft, den Esprit seiner Bilder auch auf das lichtempfindliche Papier zu übertragen. Genauso grau, genauso trostlos und entfremdet, ja beinahe wie eingefroren, wirken die Photos wie seine Bilder. Vielleicht war das andere Medium sogar noch besser dazu geeignet, das, was Magritte vielleicht ausdrücken wollte, darzustellen.
Eine knappbekleidete Frau, die ein Mann mit einem Pinsel anmalt ist auf einem der etwa 40 Bilder anzuschauen. Durch die Photographie wirkt es so, als wäre der Künstler tatsächlich gerade an einer Leinwand und würde eine Frau nur malen, anstatt dass sie vor ihm stünde...Ein perfektes Verwirrspiel der Ebenen.
Ein Schnappschuss mit zwei Männern, die an einem Zaun hochklettern. Sogar ein Hund schaut der Szene interessiert zu.
Mehrere Ebenen konkurrieren, spielen miteinander und komplementieren sich gegenseitig, wir rezipieren Bedeutungsebenen und Räume im Wettstreit.

Der Maler und die Worte 

Les mots et les images
Auf eine weitere Entwicklungsstufe gelangte Margritte, als er die Sinnebene des Bildtitels und der Wörter entdeckte. Kein anderer Maler hat den Zusammenhang von Zeichen und Bezeichneten so sehr klargemacht, wie Magritte. Es wundert mich, warum mir während meines Studium der Sprachwissenschaft nie les mots et les images vorgelegt wurde, um die Arbiträrität der Bezeichung sowie die reziproke Evozierung von Zeichen und Bezeichnetem darzulegen. "Une image peut prendre la place d'un mot dans une proposition: Ein Bild kann an die Stelle eines Worts in einer Aussage treten. Für die Nicht-Französischsprechenden: Le...est caché par des nouages heißt: Die ... ist von Wolken bedeckt.
Genial wird  es dann, wenn Magritte etwas absichtlich falsch benennt. Magritte, der Semiotiker-Schelm. Magritte spielt mit der Auffassung und dem Vorverständnis, der unauslöschlichen Vorinterpretation, die durch das Gehirn geleistet wird, wenn es Wörter liest. So lässt er zum Beispiel in dem Bild dieu n'est pas innocent (Gott ist nicht unschuldig) ein vollkommen aussagelose Szene dargestellt. Es handelt sich bei dem Bild um ein relativ dick aufgetragenes Ölgemälde, das einen Strand darstellt, auf dem eine Möwe am Schnürsenkel eines angespülten Schuhs zerrt. Allein durch den Titel bekommt die ganze Szenerie einen symbolischen, hochreligiösen Kontext, der die Unschuld der Schöpfung infragestellt und die Theodizee-Problematik aufgreift. (Leider habe ich von diesem Bild keine Online-Abbildung gefunden).
Les clefs des sanges
Dieses Spiel mit Form, Farbe, Ebenenbrüchen, Sinnlosigkeit und Sinnkonstruktion durch den Rezipienten und Symbolkreation gipfelt dann in grotesken Bildern, die ich mir nicht anders vorstellen kann, als wie einen Gag des Malers, oder ein Austesten dessen, wie weit er gehen kann. Die Rede ist hier von Bildern wie  Le demon de la perversité (ein großer Titel, der große Erwartungen beinhaltet) oder le prince des objects
Nicht ganz so hoch, greift Magritte mit les clefs des sanges (Die Schlüssel der Weisen). Ebenfalls ein Vorführen der Semiotiker: Keines der sechs dargestellten Objekt (Denotat) passt zum darunterstehenden Wort. Einen besonderen Witz enthält das Bild dadurch, dass es buchstäblich Hammer zum Nachtisch gibt.

Abschließend

Abschließend möchte ich noch ein Gedicht vorstellen, dass diese Spielchen, die Magritte mit seinem Rezipienten und dessen Wahrnehmung macht, auf sehr ansehnliche Weise darstellt. Geschrieben wurde es von Paul Eduard, einem Freund Magrittes und gefunden habe ich es ebenfalls im Magritte-Museum in Brüssel.

Réné Magritte
(...)
un Escalier perpetuel
La réponse qui n'existes pas
une des marches est cachée par un nouage,
une autre par une grande couteau
une autre par un arbe qui se déroule
comme un tapis sans gestes (...)


Zusammengefasst kann man sagen, dass das Gedicht poetisch beschreibt, wie das stufenweise aufeinander Aufbauen unserer Wahrnehmung zur sinnvollen Interpretation bei den Bildern Magrittes auf kunstvolle Art und Weise ins Stolpern gebracht wird. Auf Deutsch heißt das Gedicht:

Réné Magritte 
eine unendliche TreppeDie Antwort, die es nicht gibteine der Stufen ist durch eine Wolke versteckt,eine andere durch ein großes Messereine andere durch einen Baum, der sich ausbreitetwie ein Teppich ohne Gesten 


La trahision des Images
Auch heute ist der Erfinder der Pfeife, die keine Pfeife ist, sondern nur eine Repräsentation (Gähnen in der letzten Reihe) noch präsent in unserer Auffassung und Bilderwelt. Das schönste, das ich hierzu gefunden habe, befand sich in Caen. Wenn man von der Haltestelle Crous Suaps zum Campus herunterlief, kam man an einer Mauer der Bibliothek vorbei. Einige Sprüher hatten sie belebt.  Eines der Bilder rekurriert in schönster, postmoderner Weise auf das Bekannteste, aber vielleicht nicht das Beste Sprach-Bild-Experiment des Belgiers, eben jenes Bild der Pfeife. Aber sehen Sie selbst: ceci n'est pas un....




Sonntag, 6. März 2011



In Schrebers Garten.


Nach einem Roman von Klaas Huizing.
Inszenierung: Bernhard Stengele.
Bühne und Kostüm: Gesine Pitzer.

Mainfrankentheater.
Visionen einer Problemjugend.

Gezeigt wird ein Stück über die Familie Schreber. Der Vater ist Sportler und wahnsinniger Visionär. Der Sohn bekommt die geballte Ladung falscher Erziehung ab. Im Konkurrenzverhältnis mit dem Sohn, in der unbestimmten Beziehung zur Mutter, die selbst nur problemhaft mit der Familiensituation umgehen kann, und im strengen und wahnhaften Verhältnis des Vaters zu den Kindern und der Familie. Sport, Disziplin, Sauberkeit und Exzellenz bestimmen sein Kleingärtnerhirn. Und so zieht er eine krankhafte Saat hoch . Die Mutter kommt noch ganz gut weg bei dem Ganzen, auch der ältere Bruder, Gustav, schafft den Absprung. Übrig bleibt alleine Paul, der zu allem Überfluß auch noch mit einer weiblichen Identität im Männlichen Körper geboren wird.
Und so ist auch das Ganze Stück konzipiert als Entdeckung der beschädigten Psyche Pauls. Zum werden dem Zuschauer Blicke in die Psychosen und in die Alptraumhafte Welt Pauls gewährt, zum andern erlebt man seinen Alltag in der Klinik. Die Sphären sind dabei unausgewogen. Zu den kurzen Momenten des Arztes, und der gesunden Gesprächssituation in der Jetztzeit mischen sich zuerst die Bilder der Vergangenheit in Retrospektiven hinzu. Dann bleiben die Sphären in einem vermischten ineinander und nebeneinander bestehen. Einzig ein dünner durchsichtiger Vorhang trennt von Zeit zu Zeit die Stimmen, die Paul hört vom jetztgeschehen ab. Dieser wird auch manchmal hochgezogen, um darzustellen, wie Paul vollkommen in seine Wahnwelt eindringt.
Doch das einzig dramatisch aufbegehrende Stück flaut ab, und gibt einer Entwicklung Raum und Zeit.

Kommentar

Das Stück überzeugt. Sehr viele gewagte Bilder, Traumphantasien und auch hier im Würzburger Mainfrankentheater hat ein Trend Einzug gefunden, psychoanalytische Themen und Formen auf die Bühne zu bringen. Dass sich ein gewaltiger Fundus an Ausschmückungen durch die Phantasie im Bereich der unbewussten Bewusstseinssphären verbindet, beweist auch diese Aufführung eindrucksvoll. Waren bereits in Paprika und in Inception psychoanalytische, teils psychopathologische, immer aber psychologisch auflösbare Bilderwelten geboten, so macht auch diese Inszenierung sehr viel Gebrauch. Sie liefert tiefe Einblicke in die freudsche Bewusstseinsgrammatik und sie taucht den Pinsel tief in den Farbeimer, dessen Formen schon Dali eindrucksvoll ins Künstlerische übertrug. So befinden sich auf der Bühne z.B als Requisiten Phallussymbole, die wie Sporenpilze oder ähnlich Undefinierbares von der Decke baumeln. Verdrängte Sexualität zeigt sich früh als Leitmotiv durch das Geschehen, und gerade im zweiten Akt werden die Hüllen, die diesbezüglich fallen werden, bereits früh angezeigt durch eine Transparenz der Kleidung im gutbürgerlichen Kontext. Und so überrascht die Entwicklung, die sich aus der Geschichte herausschält, auch nicht wirklich, sie war vorhersebar und geschickt angelegt in den Motiven, die sich von Anfang an auf der Bühne befinden. Und so verwundert es auch nicht, wenn Paul sich schließlich - vollkommen im Wahnsinn, oder vollkommen frei - als Paula selbst entdeckt.
Bis dahin wird dem Zuschauer all der Verdrängungskampf, die selbstquälerisch auferlegte Notwendigkeit den Wunschvorstellungen eine Vaters zu entsprechen, offengelegt. Doch die selbstauferlegte Maske der Männlichkeit führt in den Wahn und nur manchmal blitzen die Momente der Bildungs- und Erziehungsmethoden des Vaters auf und manifestieren sich als krankhafte Konstruktpersönlichkeit, die schemenhaft ein verzerrtes, tragisch-komisches Bild der väterlichen Dominanz vorspiegelt, bis der wahre Kerndes Charakters die Bühnenwirklichkeit erreicht.
Die Meinung: Manche Reduktion hätte dem Stück vielleicht gut getan. Es ist deswegen nicht schlecht, und vermutlich ist das nur meine eigene Meinung und die Vorliebe eines demütigen Verhaltens. . Zur Debatte stünde der Gesang des Hauptdarstellers – und ein paar Provokationsmotive. Aber nun gut, das sind nun wirklich Ansichtssachen.