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Samstag, 14. September 2024

Ein bäuerliches Trauerspiel: "Das Flüstern der Felder" aka "The Peasants" (2023)

Inhalt: 

Das Szenario ist ein Dorf irgendwo im Nirgendwo in Polen mit klaren Hierarchien und Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat: Christlich, verheiratet und hart arbeitend. Irgendwo in der Ferne ein Gutsherr und im Dorf der Schulze, der für Recht und Ordnung sorgen oder vermitteln soll. 

Als Figuren treten der freie Großbauer Boryna auf, der vor kurzem seine Frau verloren hat. Mit dieser hat er zwei Söhne, von denen der ältere, Antek, verheiratet ist und selbst ein Kind hat. Auf der anderen Seite befindet sich die junge, bildhübsche und unverheiratete Jagna, die noch bei der Mutter lebt (Wo ist der Vater? ) und die anderen Dorfbewohnerinnen und Bewohner, so wie der Schmied, der Müller und andere Knechte, Mägde und ein Geistlicher.

Nun will die Mechanik des Dorfs, dass jedermann und jede Frau verheiratet werden. Schlimm genug. Dazu kommt aber auch noch, dass die Heiratspolitik auch Machtpolitik ist, denn über Mitgift und Erbe entscheidet sich, wer welche Position im Dorf hat. (SPOILER ALARM) Das Unglück nimmt dadurch seinen Lauf, dass Boryna sich überreden lässt, Jagna zu heiraten, obwohl diese viel jünger ist. Und Jagnas Mutter stimmt dem Handel geblendet vom Besitz, den sie und Jagna dadurch bekommen (3ha Land) zu. 


Dabei hat die junge Jagna eigentlich nur Augen für Borynas Sohn Antek und dieser wiederum findet Jagna auch nicht schlecht, obwohl er verheiratet ist und Kinder hat. Ach ja, und der Besitz und das Erbe von Boryna - das ist natürlich auch hoch begehrt. (RICHTIGER SPOILER ALARM) Und so kommt, was kommen muss: Der Sohn hasst den Vater, der Vater verstößt daraufhin den Sohn samt Familie, die Frau wirft dem Ehemann vor, dass er nicht für sie sorgt, Jagna ist unglücklich und betrügt ihren Mann mit Antek. Zusätzliche Bewegung in diese eh schon total überhitzte und aufgeheizte Situation bringt der Gutsherr, der auf einmal die Holzrechte an einem vom Dorf gemeinschaftlich genutzten Wald, für sich selbst beansprucht. Der gemeinsame Feind bringt Vater und Sohn wieder näher doch das missgönnende Dorf sucht ein Opfer und beschließt Jagna zu vertreiben.

Kommentar: 

Nach einer Exposition, in der die unterschiedlichen Figuren und ihre Position im Dorfkosmos beleuchtet wird, entspinnt sich ein klassisches Drama mit Vater-Sohn-Konflikt und dem Grundproblemen, dass die Hölle die anderen sind, wie Sartre gesagt hätte (durch ihre Missgunst und ihren "Allzumenschlichen" Drang nach Macht, Geltung und Ansehen) und dass Liebesheiraten eben doch das bessere Modell sind. Wenn überhaupt geheiratet werden muss.  

Jagna laviert irgendwo zwischen Unschuldsengel, Barbiepuppe, die nicht mehr kann als Scherenschnitte herzustellen, und Trophäe in einer Männerwelt zu sein. Boryna ist ein alter Haudegen, hart aber irgendwo auch gerecht, dem Leistung am Ende doch wichtiger ist als Schönheit und Ehe (sonst hätte er sein Geld nicht Maria gegeben) und der das Herz doch am rechten Fleck hat, nur eben diesen einen grossen Fehler begeht (hamartia) sich zur Hochzeit mit der viel jüngeren Boryna verleiten zu lassen. Antek dagegen hat sich nicht wirklich unter Kontrolle. Wild und unbändig, aufbrausend, stolz und blind wütet er durch die Handlung. 

Der Film ist komplex, weil sich die Figurenverhältnisse wandeln. Antek und das Dorf begehren oder verachten Jagna. Boryna verstößt die Familie seines Sohns, um sich ihr dann doch wieder anzunähern. Antek hasst seinen Vater, um ihn dann doch zu retten und zu lieben. Der Schulze sucht seinen Vorteil (und wird von Anfang an als "ekliger", schmatzender Machtmensch dargestellt.) Und auch Jagna lässt mit sich geschehen, gibt sich ihrem "Schicksal" hin, um dann doch wieder aufzubegehren. Leicht haben sie es alle nicht...

Das Besondere

Das Besondere an dem Film nun aber ist seine Machart. Reales Schauspiel wurde mit realen Ölgemälden und AI ergänzt. Das heisst, ein großer Anteil des Films - die Postproduktion - beinhaltete das Nachmalen oder Übermalen und Ergänzen der Szenen aus dem Film, so dass das Endresultat ein einziges ineinanderfließendes Ölgemälde zu sein scheint, voller atemberaubender Details und Portraits aber genauso voller atemberaubender idyllischer oder beängstigender Landschaften. Viele zeitgenössische reale Ölgemälde dienten dabei auch als Vorlage und Inspirationsquelle, um den Zeitgeist in der Zeit vor der Bauernbefreiung einzufangen. Damit entsteht ein vor allem visuell beeindruckendes, wildes und leidenschaftliches, berauschendes Erlebnis, wenn man den Film betrachtet. Auch die Musik, die an Yann Thiessen erinnert, ist mitreissend und schön. 

Wie viel Arbeit in dem Film steckt merkt man erst, wenn man sich weiter damit beschäftigt. Über den Instagram-Channel zu "thepeasantmovie" bekommt man hier erst eine Ahnung davon, wie unglaublich viel Arbeit in der Postproduktion steckt! Die Gemälde können auch für 250-10.000€ erworben werden.

Fazit

Definitiv ein Spektakel, eine Reise in eine vergangen grausame Zeit und eine Studie der Folgen einer verkrusteten Gesellschaftsordnung und die dunklen Seiten des Menschen mit einem Hauch Dirty Dancing ;)  Hinzu kommt der massive visuelle Wert der Produktion. Ziemlich üppig! Sehenswert aber kein "musthaveseen" und auf den Spuren von "Waking Live" "Dogville" und Yann Tiersen.

Mehr Infos z.B. unter: https://thepeasantsmovie.com/keyframes,47,en

Hier noch einige Screenshots vom Instaprofil. 









Donnerstag, 21. November 2013

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Gelungene Umsetzung des Dekadenz-Klassikers in der Theaterwerkstatt Würzburg


Der Inhalt

a) Rahmen

Ein Reporter eines Londoner Upperclass Magazines kommt zur Mutter der jung verstorbenen Schauspielerin Sibylle, um sie nach Einzelheiten und intimen Details eines gewissen Dorian Grays zu befragen. Unsympathisch finden sich beide zunächst, dann beginnt die Mutter, selbst Schauspielerin gewesen, aber doch zu erzählen, und man erfährt, was es mit dem Mysterium um den verführerischen Schönling Dorian Gray und der verstorbenen Tochter auf sich hat.

b) Geschichte Dorian Grays

Dorian Gray, von Natur aus schön, wird in die Londoner Upper Society eingeführt. Aufmerksam auf ihn wurde der Künstler Basil Hallward, den mephistophelischen Verführer spielt Henry, die restlichen Figuren des Stücks sind streng betrachtet Opfer und/oder Kulissen für die (Schand-)Taten Dorian Grays. Angeleitet zum hemmungslosen Hedonismus macht sich Dorian wie Faust auf Entdeckungsreise im dekadent-gelangweiltem London und verführt eine Schauspielerin.
Die schöne Sibylle trinkt Blausäure, Dorian packt sein Gewissen, woraufhin er verspätet in einer Affekthandlung Hallward ermordet, eine Leiche verschwinden lassen muss, usw.
Am Ende holen ihn die Furien ein: sein zernagtes, überstrapaziertes Gewissen zerreisst Dorian. Er sticht auf das Bild ein und...das verrate ich jetzt natürlich nicht.

c) Form
Eine Rahmenhandlung, in die eine "unerhörte Begebenheit" eingearbeitet ist - das sind die klassischen Zutaten einer Novelle. Eine dieser besagten Besonderheiten, ist die Tatsache, dass Dorian nicht altert. Das übernimmt ein Gemälde für ihn, ebenso wie es alle Verstöße gegen Tugend und Moral auf seine Kappe...pardon...Leinwand nimmt. Dorian bleibt schön auf Kosten des dahinfahrenden Gemäldes. Wäre dies auch nicht der Fall, hätte Oscar Wilde einen klassischen Gesellschaftsroman über die dekadente Dandygesellschaft des fin de siècle in London geschrieben.


Die Umsetzung

a) Schauspiel

Das Schauspiel war insgesamt ordentlich. Besonders gut spielten Dorian Gray (Moritz Vielstädte), Sibylle, Sir Henry und die Mutterfigur ( alles tragende Figuren, die die Handlung vorantreiben). Die andern Schauspieler spielten solide mit Stärken und Schwächen, insgesamt kann man sich aber nicht - bis auf die zu dünne Stimme von zwei Schauspielerinnen - Nebenfiguren - beschweren. 
Besonders gut hat mir das einfühlsame Spiel von Moritz gefallen. Er beseelt Dorian glaubhaft: bildschön und dann bisweilen skrupellos brutal, angreifbar und dekadent, und doch verletzlich und reflektierend, fast schon zart. Mimik, Gestik, Raumverteilung - alles in einem gesunden Gleichgewicht und ausstrahlungsstark. Intonation: kräftig, gut verständlich und mit eigener Note. Im Vergleich zur Darstellung in "Nichts" sehr viel ausdifferenzierter. 
Henry wurde ebenfalls sehr gut gespielt. Konnte man am Anfang noch vieles auf die dankbare Rolle schieben, kam die Stärke des Spiels dann spätestens im zweiten Akt zum Vorschein. Ebenfalls eine sehr gute, facettenreiche und ausgereifte Intonation, ein souveränes und anschließendes, auf das andere auf der Bühne Geschehende, aufmerksames, achtsames Spiel. 
Basil bisweilen in der Overacting-Schule der Theaterwerkstatt / Werkstattbühne steckengeblieben. Ansonsten aber auch solide und sehr viel stärker im zweiten Akt.  
Sibylle: spielt mehrere Figuren - das ist ein bisschen schade: das selbe Gesicht in mehreren Rollen spielen zu sehen, hätte nicht sein müssen, da sie als Sibylle bereits sehr gut passt. Auch hier eine klare, schöne Stimme mit einer starken, differenzierten und  kräftigen Intonation. 

b) Die Inszenierung

Abwechslungsreiche Rhythmik. Drohte das Spiel anfangs Längen zu beweisen durch die doch recht einfach gestrickte Narrationstechnik und das klassisch - inszenierte, also nicht verfremdete, performative sondern rein darstellende Spiel, so machte die Regie doch sehr viel draus:  Maskenszenen sind hervorzuheben, in denen die Dekadenzgesellschaft dargestellt wird, und auch die beiden Erzähler des Stücks die lineare Gestaltung aufbrechen, indem sie ebenfalls auf die Hauptbühne geschickt werden, Traumsequenzen, Dialogsequenzen und "Massenszenen" mit immerhin sechs bis sieben Figuren auf der Bühne, eine Jagdszene, Abgänge die nicht mit dem Abgang enden, sondern  fortgeführt werden durch im off gesprochene Worte ("Butler, spann den Wagen an. Ich möchte, dass Alan geholt wird") und dann nochmal (!) auf der Bühne weitergehen, unterschiedliche Szenenlänge und Anderes hielten das Stück auf Trapp. Dass die Schauspieler bereits auf die Bühne kamen, während die Rahmenhandlung noch gespielt wurde fand ich auch gut, weil so unnötige Längen verkürzt wurden. 

c) Scenographie

Postkartenentwurf von Egon Schiele
Das Bühnenbild war sehr gelungen: Zwei große goldene und opulent verzierte Gemälderahmen, einer aufgehängt, der andere auf einer Bank,  und ein kleinerer Goldrahmen in der Mitte schräg an der Wand befestigt, alle im Porträtformat aufgehängt, sonst nichts. Eine abstrahierende Reduktion, also, und eine gelungene. Die Bildtransformation Dorians vom Schönling zum Scheusal war sehr gut mit Photoshop gelöst und referierte gut auf die "No Wonder our perception of beauty is distorted" - Kampagne von Dove.
Und das Allerbeste: die Kostüme. Jede Figur hat natürlich ein eigenes. Aber da Dorian die Hauptfigur ist, um die sich alles dreht, musste er auch vom Auftreten und den Kostümierungen der Höhepunkt des Stücks sein. Eine einfache Überlegung, die die meisten andern Würzburger Bühnen, auch die Profis, wohl noch nie hatten. Dort reicht ein Kostüm für ein gesamtes Stück. Höchstens gibt es einmal das Abranzen von einem piccobello-Helden zum Gossenmann (wie z.B. der König in King Lear des Mainfrankentheaters). Hier also der große Pluspunkt der Theaterwerkstatt: Da steckt richtig Arbeit drinnen, Dorian in jeder Szene in ein neues Outfit zu stecken. Und das wird belohnt!
Die Outfits selbst - das natürlich Geschmackssache - aber für mich eine Augenweide. Maßgeschneidert und gekonnt zusammengestellt. Dorian trägt meißt hautenge anliegende, bis zum Knöchel verkürzte Lederhosen, darunter Lackschuhe. Darüber bunte Hemden zusammen, mit oder ohne Jacket, sich sehr gut ergänzend und mit tollem Fall, manchmal auch ein golden bestickter, schimmernder Hausrock à la Klimt - das war grandios in Szene gesetzter Narzissmus!

Vom Stil her konnte man an Gustav Klimts Jugendstil, die Verzerrungen von Schönheit Egon Schieles, die Kostümierungswerke der Stilikone Eiko Ishioka und - das mag nun kontrovers sein -  auch ein klitzekleinwenig an Bill von Tokyo Hotel denken. Liebe, Einfühlung und Talent steckt in jedem Kostüm und das merkt man. Sie geben dem Stück den Rahmen, das Ambiente und den Stil. Mille gracias!

Fazit

Die Einzelkomponenten Scenographie, Schauspiel und Musik (viel Chopin und gut gewählte Synthieflächen) verschmelzen zu einem jungen, durchaus sehenswerten Stück.  Anschauen!

(Hier eine Kritik aus der Mainpost)





Mittwoch, 3. Oktober 2012

Documenta 13 Kassel

Über die Documenta kann man viel reden, soll man viel reden und wird man viel reden. 
Mein Beitrag dazu ist, dass es sich doch um ein sehr kommerzielles Kunstspektakel handelt, eine strittige Sache und ein Event mit sehr hoher Besucherzahl. 

Drei Werke möchte ich hier nun ein wenig näher vorstellen: Wallid Raads mixed-media-Installation Scratching on things I could disavow, Janet Cardiff und George Millers Audioinstallation FOREST (for a thousand years...) und schließlich Charlotte Salomons illustrierte Singspiel-Geschichte Leben? Oder Theater ?.

Nachdem das Friedericianum bereits vor 12:00h morgens durch eine weite Besucherschlange verziert wurde, die am lebenden Riesenhasen und dem Friedhof der Werte, vorbeiführte, verschlug es mich in eine kleine aber schicke Industrie- und Ausstellungshalle, neben dem Documenta-Archiv. Dort traf ich auf die Kunst von Wallid Raad. Eine große, weise Leinwand ist dort aufgebaut (4x7m) und sie stellte eine Art Doppelkollage dar.
Doppelkollage, weil sie zum einen traditionell beklebt war mit Bildern, Bildfetzen und Texten oder Textausschnitten. Zum andern wurde sie aber von zwei Projektoren bestrahlt, die mit aufploppenden Videoausschnitten, permanenten projezierten Verbindungslinien und anderem Beiwerk eine zweite ganz andere Komponente in dem Werk darstellen. Insgesamt handelte es sich bei diesem Eröffnungswerk um eine Art Mindmap, die über Kunst und Kunstproduktion, vordergründig aber vor allem über den Terroranschlag am 11.09.2001 auf das World Trade Center reflektierte.
Wallid Raad
 
Vor der Installation waren Plastikstühle aufgebaut. und man brauchte sie auch, um dieses vorerst einfach nur große und verwirrende Werk zu dekonstruieren. Welche Details waren in dem Gewirr verborgen? Welche Bedeutung haben sie? Haben sie überhaupt eine Bedeutung? Und welche Bedeutung haben sie für sich? Welche im Kontext des Gesamtkunstwerks? Mit anderen Worten: Man saß lange davor und war beschäftigt mit dem Dekodieren der Symbole und ihrer Verknüpfungen.

Die Komposition besitzt eine Mitte. Man kann die Umrisse eines Menschens erkennen. In der rechten Hand (Teil der Videokollage) präsentiert er immer wieder etwas zwischen Daumen und Zeigefinger. Dabei handelt es sich vermutlich um einen kleinen Mann im Anzug. Wallid Raad beschreibt mit diesem Kunstwerk das Gefühl im nahen Osten zu sein, der von demokratisch-kriegerischen Auseinandersetzungen schon lange zerrüttet ist. Der Mann könnte als Symbol verstanden werden dafür, wie sich "der kleine Mann" fühlt: ohnmächtig in den Händen größerer Gewalten (Sei es die US-Ökonimie oder das eigene Militär-oder Glaubensregime), in einer bizarren Mischung aus Präsentiert- und Vorgehalten-Werden.
http://www.cardiffmiller.com/


Janet Cardiff und George Millers Audioinstallation FOREST 
Ohh, die Kunst des Autitiven, die Audiokunst. Ich liebe sie einfach. Selbst wenn mir das Gesamtkunstwerk nicht gefällt, gibt es immer wieder Facetten, die mir gut gefallen! Fein herausgearbeitete Geräusche, geschickt kombinierte Arrangements, saubere Arbeit. FOREST evozierte in mir die Geschichte um einen Bürgerkrieg, den amerikanischen vielleicht...Soldaten in einem Wald, dann der Kriegs- und Schlachtenlärm und zum Abschluss die Klagen um die Toten.

Charlotte Salomon

Hmm. Tiefmenschliche Kunst. Kunst des Widerstands. Eine Frau, der nichts erspart blieb, die gewitzte, bunte, schöne, menschliche, einfache, naive Kunst produzierte. Es ist zum Heulen.


Montag, 23. Januar 2012

Constant Montalde - Jugendstil _ Betrachtungen im Musee des Beaux Arts in Brussel

Constant Montald (1862-1944) - symbolischer Jugendstil vom Feinsten

Montald _ la fontaine de l'inspiration


Nein, ich kannte ihn vorher auch nicht. Über einen der schillerndsten belgischen Jugendstilkünstler  gibt noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschsprachigenWikipedia-Enzyklopädie. Am Rande wird er in einem Artikel mal erwähnt, weil er der Leiter der Ecole des Beaux Arts  in Brüssel war. Wenn man das Musée des Beaux Arts allerdings einmal betreten hat, wird man sich diesen Namen einprägen - oder zumindest seine Bilder. La Fontaine de l'Inspiration und La Barque de l'Idéal: diese beiden Bilder schmücken die Wände der Empfangshalle des belgischen Kulturspeichers. Letzterem widmete ich meine Aufmerksamkeit.

montald _ la barque de l'idéal (1907)
Ich saß vor einem immens hohen, goldumrahmten Jugendstilbild. So viel Öl, wie benutzt wurde, ist es wohl angebrachter von einem Gemälde zu sprechen. Constant Montald: La Barque de l'Idéal, 1907. Ich war stehengeblieben, weil ich vom Herausquellen der weißen Blüten, wasserfallartiggleich, und im Gegensatz zur stillen Regungslosigkeit der Figuren vor dem Blütenrausch, in den Bann gezogen wurde. Was ist also zu sehen? 
Fünf Personen. Drei bekleidet, zwei nackt. Drei Frauen in hängenden Gewändern und zwei nackte Jünglinge.  Einer von ihnen hält eine kleine Holzfigur in der Hand, vielleicht eine Venusabbildung,  vielleicht auch eine Maria, während beide von einer Art silbrigem Mondlicht bedeckt werden. Dem Bild haftet etwas Zeremonienhaftes an Die abgebildeten Figuren interessieren sich nicht für den Zuschauer, sie wirken ganz und gar in ihrem Handeln versunken. 

Im Bildhintergrund rechts hinten deutet sich ein Weg an. Unmittelbar wird klar: Die drei Frauen sind gerade von dort angekommen. Um den Mondgezeichneten etwas zu zeigen oder zu übergeben? Das Kunstwerk im Holzrahmen, das die eine der Frauen trägt, oder die kleine zusammengezogene Holzskulptur, die einen gebückten zusammengezogenen Mann darstellt. Und vielleicht ist es ja auch das Werk der dritten Figur, die einer der beiden Mondbeschienenen in Händen hält, prüfend. Und auch prüfend und beratend der Ausdruck des Zweiten.
Die Farbgebung spricht dafür. Schließlich sind die Farben der mitgebrachten Kunstobjekte und  die Farbe der Gewänder der Frauen gleich - eine Zusammengehörigkeit von Kunstwerk und Überbringer scheint also in die Farbsprache hineingelegt worden zu sein. Auch die Bäume haben dieselbe symbolische schwere Goldbraunfarbe. Vielleicht ist auch das ein Mittel, um die Gruppen voneinander abzugrenzen: die Herantragenden werden eins mit dem Hintergrund und sind nur halb in die sich vollziehende Handlung  - das Prüfen der Holzskulptur - aufgenommen. Auch findet ja eine Abgrenzung der Figuren durch die Bildanordnung statt, weil ein Aufsteigen der Figuren zu beobachten ist.

Hätte ich den Titel des Bildes nicht gewusst, würde ich es "Von Orchideenblättern ud Männern" nennen. Kennt man das Bild aber, so lässt es sich als symbolistisches Jugendstilbild interpretieren. 
Montald _ Paysage symboliste (1904)
Die Farbgestaltung ist jugendstiltypisch: Gold und Silber und viele Tupfer in einer verschwungenen Ornamentik, bei der der Hintergrund in seinem Ornamentcharakter nicht mehr eindeutig als Hintergrund zu identifizieren ist. Symbolistisch das ganze Bild. Vermutlich handelt es sich um eine symbolische Visualisierung des Kunstschaffen-Prozesses: Die gewissenhafte Selbstprüfung des Künstlers mit seinem Kunstwerk, ob es auch tatsächlich gut genug ist, wird an einen utopischen Nichtraum verlegt - die prüfenden Stimmen des Gewissens sind als nackte,  gottgleiche Jünglinge interpretiert, gewissermaßen Hermesse aus dem Reich der Ideen, herabgestiegen an einen Zwischenort, um das Geschaffene vermittelnd zu betrachten. (to be continued)

Sonntag, 22. Januar 2012


Zu Besuch bei der Ewigkeit

Sie sahen nicht so aus, als würden sie mir helfen – schwarz, in schwarzer Kleidung, Cappy cool auf dem Kopf, Fantadosen in den Händen. Der eine lutscht lässig an einem Billigeis. Zwei Schwarze sitzen mit mir im Bus Nr 92. Wir rauschen durch die Schwärze der Nacht. Aber sie helfen mir, sagen mir, wo ich aussteigen muss. Der eine springt sogar auf, um an den Halteknopf an der Türe zu drücken, als ich im Begriff bin, den Ausstieg zu verpassen. Und dem kleinen Mädchen, das mit seiner Mutter vor mir sitzt, und das so tapfer gegen die Müdigkeit ankämpft, haben sie auch geholfen: Sie schenken der Mutter eine der Fantadosen, damit sie sie an die Kleine weitergibt. „Vois – l'homme vas te donner sa canette!“ Und weil das Trinken im Bus so schwierig ist, hilft sie der Kleinen. Macht ihr die Dose auf, hält ihr die Dose an die Lippen und wartet ab, bis der Bus hält, um sie einen kleinen Schluck machen zu lassen. „Sans verre, Maman?“ - „Sans verre, bichette, tu bois directement de la canette. Comme 'les Grandes' – wie „die Großen“ darf die Kleine direkt aus der Dose trinken...
Der Bus fährt also am Regierungspalast vorbei. Ein großräumiger, weit auslaufender nicht hoher Bau, der Würzburger Residenz, Sanssouci und Versailles von der Idee her nicht unähnlich: Symmetrisch aber durchaus mit Platz für Rundungen und Spielerei, teilweise geschwungen, geschmeidig und elegant. Irgendwie auch freundlich. Wenn der König anwesend ist, weht eine Fahne über dem Palast. Die Brüsseler mögen übrigens ihren König Albert II. Das mag vielleicht am Vorgänger, Baudoin I., liegen, weil er so liebevoll und nicht aristokratisch war, eine Krankenschwester und Kinderbuchautorin zu heiraten. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass der König einfach ein verrückter Typ ist. Ein Freund, bei dem ich zu Gast war, berichtete mir davon, dass er es sich zum persönlichen Vergnügen gemacht hatte, seiner Palastwache auf dem Motorrad zu entwischen. 
Am Haupteingang steht ein rießengroßer, kerngesunder Weihnachtsbaum mit Lichtern geschmückt – für die Könige gilt es nach wie vor: immer das Beste vom Besten. Der Bus rauscht am Palast durch die Dunkelheit vorbei,  durch die ganze Länge, und spukt mich vor dem Museum aus (Haltestelle: Royal).
Seitenansicht des Museums-
gebäudes

Im Museum

Natürlich ist es zu spät für einen Besuch, aber ich nutze die Zeit, um mich auf die Außenfassade einzulassen. Zwei gigantische Engelsgestalten flankieren den Haupteingang. Eine von ihnen hat eine Feder in der Hand und ist im Begriff zu schreiben. Ansonsten vier Säulen, vier Statuen über dem Treppenaufgang. Auch sie bestimmt symbolisch, Allegorien der vier Künste? (Literatur, Skulptur, Dramatische Künste...) Ich frage per Email im Nachhinein nach.


"Hi there! I have one question with regard to the architecture of your museum-palace:
the four statues in front of it, those on the coloums, what do they represent? it would be very nice, if you could help me. Don't be shy to ask questions, or to contact me in any case.thankfully, martin" 

Vier Tage später erhalte ich die unerwartet eine Antwort:

"Dear Sir,
They represent
-          Painture,
-          Sculpture
-          Architecture
-          Music
They were made by MM. Egide Melot, Georges Geefs, Louis Samain and Guillaume de Groot.
Yours sincerely, Kartin Roedig (Persattaché / attachée de presse)" 
Also richtig gelegen. Am Mittwoch betrete ich also das Museum das erste Mal. Zufälligerweise ist der Eintritt in die Museen jeden ersten Mittwoch des Monats kostenlos und das Magritte-Museum ist außerdem länger geöffnet (bis 20h).

Die Eingangshalle


Man kann schon in der Eingangshalle sehr viel Zeit verbringen. Sei es das imposante Historiengemälde Episode des journées de septembre 1830 (Gustav Wappas), seien es die bunt und grell ineinander überfließenden Formen des modernen Gemäldes Dernier jour von Pierre Alechinsky, oder seien es die Zwillingsgemälde der Jugendstilikone Constant Montalds – jedes der Bilder ist perfekt dafür ausgewählt, einen neugierigen Besucher zu empfangen. Gerade Montals hat es mir angetan - mehr dazu später. Da es sich um einen sehr sehr großen, überdimensionierten Raum handelt, den die Eingangshalle darstellt (etwa 20x50x20m), hätten auch kaum andere Bilder an dessen Wänden aufgehängt werden dürfen. Kaum eines der Bilder ist kleiner als 14 .
die Eingangshalle
Dass es noch mehr in Brüssels Schatzkammer des Schönen zu entdecken geben wird als Historismus, Jugendstil und Moderne auf Leinwandform, daran erinnern die Plastiken, die auf dem Marmorboden verteilt sind. Auch diesen ist allen gemeinsam, dass sie imposant in der Größe sind. Die Mehrzahl ist aus Stein gehauen, aber auch drei Gussstatuen aus Bronze haben sich hereingeschlichen.
Zum Beispiel Joseph Lambeaux Werk Le Dernicheur d'Aigles (1890), das den Kampf eines in einen Adlerhorst eindringenden Jünglings, der vom sorgetragenden Wildvogel attackiert wird, darstellt. Der dunkle Guss beeindruckt in seiner Dynamik, in der Perfektion der Abbildung der absoluten Anspannung der Muskeln. Jede Sehne, jeder Muskel des Körpers ist angespannt. Beeindruckend tritt der Wadenmuskel heraus, und man ist überwältigt von der Vollkommenheit dieser Mensch-Maschine. 
Ein Stück weiter trifft man auf die sehr pathetische Darstellung einer dem Sohn vergebenden Mutter. Le Pardon, der lakonische Titel der Marmorplastik, die ein Vergebungssszenario zwischen Sohn und Mutter von Fallen-Lassen und Aufgefangen-Werden in die Ewigkeit geschlagen hat. Herausragend wirken die zusammengefalteten Hände von Pieter Braecke (1893-1895).

Rombaux_filles de Satan
Etwas weiter hinten in der Halle, nahe dem Eingang zur Sammlung der „Alten Künste“ (ancien art), haben die Museumsdirektoren schließlich Egide Rombaux' „Satansbräute“ aufgestellt: Drei Jahre brauchte der Meister, um seine filles de Satan zum Leben zu erwecken. Üppig, opulent und lüstern ziehen sie die Blick des Zuschauers an, der sich auch zu gerne darin fallen lässt, obwohl, oder weil es Sünde ist, ihnen bei ihren Sexspielchen zuzuschauen. Eine Voluptatis-Phantasie, die im Todesjahr Friedrich Nietzsches, begonnen wurde. Zwar hatte dieser Gott für tot erklärt, doch gerade damit erst setzte die Phantasie der Künstler zum Höhenflug an, und begann alles vorher dagewesene an Dreistheit, Formenreichtum Dekadenz und Romantik zu übersteigen. Gott ist tot doch seine verbotenen Phantasien leben weiter, wie man merkt, wenn man in die dämonischen Augen der Mittelfigur schaut. 
Vielleicht sollte man noch eine Figur erwähnen, bevor man sich wieder anderem widmet: Kaum einer interessiert sich hier für eine Statue, die den Besuchern eigentlich entgegenblickt, als würde sie sie empfangen wollen. Es handelt sich dabei um den König, der die Palastgärten nach der Napoleonischen Herrschaft mit seiner „Oranjerie“ bereicherte, bevor er wenige Jahre später, 1830, von den aufständischen belgischen Patrioten wieder aus der jungen Nation herausgeworfen wurde. Die Herrscherstatue von William von Oranien, dem ersten König der wiedererrichteten Vereinigten Niederlanden, wirkt hier wie ein stehen gelassener Empfangsdiener an dem der Strom der Zeit schon lange vorbeigegangen ist. Die Kunst allein ist eben doch für die Ewigkeit, Herrscher vergehen.


Samstag, 7. Januar 2012

Réné Magritte 

Magritte, geboren 1898. Frühtalentiert schlägt er sich durch als Werbe- und Postkartenmaler. Er heiratet seine Frau Georgette 1922. Schon mit 23 Jahren, also 1921, malt er Bilder wie Baigneuses. Seine Werke sind simpel und doch einzigartig, eine noch nie dagewesene Verbindung von Simplifikation und Abstraktion in einem. Die Formen, in die er seine drei Bademädchen in diesem  Gemälde zwingt, sind Kugel, Kegel, Licht und Schatten an den richtigen, wichtigen Stellen und gut gesetzte Striche. Außerdem herrscht in seinem Bild Kalkül und Strenge vor.
Er bekommt bald erste Aufmerksamkeit durch Kritiken über seine Werke und daran anbindend Ausstellungsmöglichkeiten. Er schließt sich mit anderen zusammen, schreibt programmatische und anklagende Texte, die das Weiterführen der alten Traditionen mit Entschiedenheit ablehnen, während er gleichzeitig, ohne es zu ahnen, die Grundsteine für sein eigenes magrittsches Kunstuniversum legt. Auffällig kalt sind alle Gebilde in diesem Universum, die Gegenstände, die durcheinandergewürfelt werden. Und sie stellen das Abgebildete mit einer außergewöhnlichen Radikalität in Frage. Einen guten Wegweiser durch sein Werk mag jenes Selbstzitat sein, das erklärt, warum man sich so seltsam kühl berührt fühlt, wenn man seinen Bildern verfällt:
„Tout ce univers mysterieux est froid. Je ne ressens pas de chaleur dans le vide de l'au-délà. D'ailleures, c'est l'insensible qui j'essaie de transformer en matière. Et cet insensible ne peut pas être que froid.“
 ("Dieses gesamte mysteriöse Universum ist kalt. Ich fühle keine Wärme in der Leere des Jenseits. Außerdem versuche ich das Gefühlslose in eine Matiere zu transformieren. Und dieses Gefühlslose kann nicht anders als kalt sein.")
Magritte defiguriert, entfremdet, bezweifelt und gleichzeitig ist er doch ganz klar.
Es reicht ihm nicht aus, das nur Sichtbare Wiederzugeben. "Surrealist zu sein heißt, den Geiste des „Bereits-Gesehenen“ zu verbannen und das „Noch-Nicht-Gesehen“ zu suchen, schrieb er einmal. Protest, Progression und Programm fließen in diesem Satz zusammen. Oder im französischen Original:

Etre surrealiste, c'est bannir l'esprit de le „deja vu“ et rechercher le „pas encore vu“. 

Die surreale Kälte in seinem Werk scheint auch auf seine Lektüre rückführbar zu sein. Als Heranwachsender las er zum Beispiel begierig Werke Edgar Allan Poes. Über sich selbst schreibt er später einmal, dass er subversiven Humor liebe.
Magritte beteiligt sich auch an diversen Gruppenveröffentlichungen. Er ist selbst Mitglied des Künstlerkollektivs group 7 arts, arbeitet mit an Meinungen und Pamphleten, schreibt über Farben, illustriert Theaterplakate für Freunde und Bekannte. Das heißt, auch er kann als eines der Universalgenies dieser Epoche bezeichnet werden, in der die verschiedenen Künste noch so nahe beieinander waren und so eng miteinander verknüpft.

Magrittes Frühwerk 

Was Magritte für den Betrachter wirklich ausmacht sind seine schwerfälligen, sinntropfenden Gemälde. Zum Beispiel La Valeuse oder L'Homme du Large oder Les Muscles célestraises, L'esprit du CommédienLe marriage du Minuit, Le Song du Monde oder Paysage. All diese Kunstwerke sind im obersten Stockwerk der Magrittausstellung im Magrittmuseum in Brüssel zu sehen.
Man kommt in einen Fahrstuhl und wird bis ganz nach oben gefahren, wo man schließlich der magrittschen Bilderwelt ausgesetzt wird.
Gut und gerne kann man mehrere Stunden mit diesen Bildern verbringen. Schön herausgearbeitet ist, wie Magritte immer einen Schritt weitergeht in seiner Entwicklung. Wie er vom Werbemaler zum Surrealisten wird, wie er seine Formen und seinen Stil findet, wie er beides immer wieder neu kombiniert und schließlich auch langsam an die Sprache herankommt. Wenn er später der Verwirrungskünstler par exellence werden wird, indem er Zeichen und Bezeichnetes surreal auseinanderreisst und die Gehirnverbindungen in ihrer Festgefahrenheit schonungslos aber immer mit einer Spur subversiven Humors entlarvt, entdeckt Magritte zum Ende dieses Ausstellungsraums hin vor allem erst einmal die Wirkung der Titelgebung auf den Betrachter.
Auf einige der im obersten Stockwerk des Brüsseler Kunstmuseums ausgestellten Werke möchte ich nun näher eingehen. Es ist klar, dass sie auf dem Bildschirm ganz anders wirken, als im Original an der Wand.


Beschreibung einiger Gemälde

Réné Magritte les muscles celestaires

Technisch brillant gelöste Verbindung von Idee, Form und Inhalt. Ein dunkler grauer, wolkenverhangener Regenhimmel schiebt sich in ein Stück Parkettboden in einem Niemandsland, einer Ödland-Landschaft, die nur durch eine schwarze Umrahmung angedeutet ist
Ein Faszinosum an Magrittes Stil ist auch seine Exaktheit. Er arbeitet gestochen scharf: die Schnitte wo die Himmelsformen auf dem Parkett eindringen, sind wie mit dem Seziermesser gemacht, und wirken doch noch viel schärfer. Natürlich denkt man sich heute: Und das alles ohne Photoshop. Besser wäre es vielleicht zu erkennen, dass das alles vor Photoshop so existierte. Magritte und die andern Surrealisten entwickelten erst, was jedem heute so vertraut zu sein scheint: das Arbeiten mit verschiedenen Ebenen.
Unerlaubt ist das Eindringen einer kugeligen Himmelsform auf einen Parkettboden. Handelt es sich hier um eine Landnahme? Aus dem konturlosen Himmel entsteht auch eine Figur auf der Bühne, die sogar einen Schatten wirft. Aber was macht sie da? Ist es ein Muskelspiel der unendlichen abstrakten Form des Himmels gegenüber der konkreten, begrenzten und vom Menschen geschaffenen Form des Parketts?

Une panique au moyen age

a panic in the middle age
Das Gemälde erinnert in seiner Konzeption an Xavier le Roys self unfinished. Kopflose Gestalten, die ineinanderwachsen. Eine der ihrigen ist gerade im Begriff die Arme entsetzt nach oben zu werfen. Eine theatralische Geste, die man schon gesehen hat. Aber völlig unerwartet scheitert das Auge immer wieder daran, dass der Gestalt der Kopf fehlt. Wenn man sich der Betrachtung hingibt, kann man in das Erlebnis einer perpetuellen Wiederholung des Vorführens und Vorgeführtwerdens der eigenen Wahrnehmung hineingezogen werden. Unsere Wahrnehmung sucht uns bekannte Formen. Gerade Personen, Gesichter oder Körper nehmen wir rasend schnell war, wir sehen sie sogar teilweise dort, wo gar keine sind (z.B. das "Marsgesicht"). Dieser Eigenschaft, einen normalen Körper auf dem Gemälde sehen zu wollen, macht sich Rene Magritte zu nutzen: Kein Kopf, keine Hand. Mit jedem wachsamen Blick ist man aufs Neue verwirrt. Denn anstelle der rechten Hand des „In-Panik-Versetzten“ befindet sich eine Art Gaukler oder Artist, eine Art Jahrmarktaussteller, der schwungvoll zum Handstand oder Radschlag ausholt. Aber aus dem Fenster heraus. Die dritte Zumutung an die normale Wahrnehmung, die sich fragt, warum sich der Typ aus dem Fenster wirft. Das Auge wirrt also hin und her, zwischen dem Fehlenden Kopf, der fehlenden Hand und wundert sich über den Sturz aus dem Fenster. Stört es sich nicht am einen, springt ihm das andere Detail ins Auge.
Ganz und gar nicht mittelalterlich wirkt die Raumarchitektur. Olivgrüner Boden, der an Teppich erinnert und ein perfekt-geometrischer Türrahmen. Auch hier bleibt die Frage auf die Antwort, was sich dahinter befindet, buchstäblich verborgen: Magritte hat den Hinterraum der Tür wohl absichtlich ins Schwarze getaucht. Vermutlich flüchten die Figuren aber dorthin, während wir aufpassen müssen, dass unsere Wahrnehmung nicht auch in kopflose Panik verfällt.

Photographie: La fidélité des images (1928-1935)

Nicht überraschend ist, dass Magritte sich auch der Photographie zugewendet hat, war er ja nicht der einzige, der das tat. Der gleichaltrige Brecht, eigentlich Dramatiker und überhaupt kein Photokünstler, tat das ja auch. Aber überraschenderweise hat Magritte es geschafft, den Esprit seiner Bilder auch auf das lichtempfindliche Papier zu übertragen. Genauso grau, genauso trostlos und entfremdet, ja beinahe wie eingefroren, wirken die Photos wie seine Bilder. Vielleicht war das andere Medium sogar noch besser dazu geeignet, das, was Magritte vielleicht ausdrücken wollte, darzustellen.
Eine knappbekleidete Frau, die ein Mann mit einem Pinsel anmalt ist auf einem der etwa 40 Bilder anzuschauen. Durch die Photographie wirkt es so, als wäre der Künstler tatsächlich gerade an einer Leinwand und würde eine Frau nur malen, anstatt dass sie vor ihm stünde...Ein perfektes Verwirrspiel der Ebenen.
Ein Schnappschuss mit zwei Männern, die an einem Zaun hochklettern. Sogar ein Hund schaut der Szene interessiert zu.
Mehrere Ebenen konkurrieren, spielen miteinander und komplementieren sich gegenseitig, wir rezipieren Bedeutungsebenen und Räume im Wettstreit.

Der Maler und die Worte 

Les mots et les images
Auf eine weitere Entwicklungsstufe gelangte Margritte, als er die Sinnebene des Bildtitels und der Wörter entdeckte. Kein anderer Maler hat den Zusammenhang von Zeichen und Bezeichneten so sehr klargemacht, wie Magritte. Es wundert mich, warum mir während meines Studium der Sprachwissenschaft nie les mots et les images vorgelegt wurde, um die Arbiträrität der Bezeichung sowie die reziproke Evozierung von Zeichen und Bezeichnetem darzulegen. "Une image peut prendre la place d'un mot dans une proposition: Ein Bild kann an die Stelle eines Worts in einer Aussage treten. Für die Nicht-Französischsprechenden: Le...est caché par des nouages heißt: Die ... ist von Wolken bedeckt.
Genial wird  es dann, wenn Magritte etwas absichtlich falsch benennt. Magritte, der Semiotiker-Schelm. Magritte spielt mit der Auffassung und dem Vorverständnis, der unauslöschlichen Vorinterpretation, die durch das Gehirn geleistet wird, wenn es Wörter liest. So lässt er zum Beispiel in dem Bild dieu n'est pas innocent (Gott ist nicht unschuldig) ein vollkommen aussagelose Szene dargestellt. Es handelt sich bei dem Bild um ein relativ dick aufgetragenes Ölgemälde, das einen Strand darstellt, auf dem eine Möwe am Schnürsenkel eines angespülten Schuhs zerrt. Allein durch den Titel bekommt die ganze Szenerie einen symbolischen, hochreligiösen Kontext, der die Unschuld der Schöpfung infragestellt und die Theodizee-Problematik aufgreift. (Leider habe ich von diesem Bild keine Online-Abbildung gefunden).
Les clefs des sanges
Dieses Spiel mit Form, Farbe, Ebenenbrüchen, Sinnlosigkeit und Sinnkonstruktion durch den Rezipienten und Symbolkreation gipfelt dann in grotesken Bildern, die ich mir nicht anders vorstellen kann, als wie einen Gag des Malers, oder ein Austesten dessen, wie weit er gehen kann. Die Rede ist hier von Bildern wie  Le demon de la perversité (ein großer Titel, der große Erwartungen beinhaltet) oder le prince des objects
Nicht ganz so hoch, greift Magritte mit les clefs des sanges (Die Schlüssel der Weisen). Ebenfalls ein Vorführen der Semiotiker: Keines der sechs dargestellten Objekt (Denotat) passt zum darunterstehenden Wort. Einen besonderen Witz enthält das Bild dadurch, dass es buchstäblich Hammer zum Nachtisch gibt.

Abschließend

Abschließend möchte ich noch ein Gedicht vorstellen, dass diese Spielchen, die Magritte mit seinem Rezipienten und dessen Wahrnehmung macht, auf sehr ansehnliche Weise darstellt. Geschrieben wurde es von Paul Eduard, einem Freund Magrittes und gefunden habe ich es ebenfalls im Magritte-Museum in Brüssel.

Réné Magritte
(...)
un Escalier perpetuel
La réponse qui n'existes pas
une des marches est cachée par un nouage,
une autre par une grande couteau
une autre par un arbe qui se déroule
comme un tapis sans gestes (...)


Zusammengefasst kann man sagen, dass das Gedicht poetisch beschreibt, wie das stufenweise aufeinander Aufbauen unserer Wahrnehmung zur sinnvollen Interpretation bei den Bildern Magrittes auf kunstvolle Art und Weise ins Stolpern gebracht wird. Auf Deutsch heißt das Gedicht:

Réné Magritte 
eine unendliche TreppeDie Antwort, die es nicht gibteine der Stufen ist durch eine Wolke versteckt,eine andere durch ein großes Messereine andere durch einen Baum, der sich ausbreitetwie ein Teppich ohne Gesten 


La trahision des Images
Auch heute ist der Erfinder der Pfeife, die keine Pfeife ist, sondern nur eine Repräsentation (Gähnen in der letzten Reihe) noch präsent in unserer Auffassung und Bilderwelt. Das schönste, das ich hierzu gefunden habe, befand sich in Caen. Wenn man von der Haltestelle Crous Suaps zum Campus herunterlief, kam man an einer Mauer der Bibliothek vorbei. Einige Sprüher hatten sie belebt.  Eines der Bilder rekurriert in schönster, postmoderner Weise auf das Bekannteste, aber vielleicht nicht das Beste Sprach-Bild-Experiment des Belgiers, eben jenes Bild der Pfeife. Aber sehen Sie selbst: ceci n'est pas un....