Die Tribute von Panem - ernsthaftes Popcornkino
Es ist eine wirklich "schön" Geschichte. Grausam ist sie, und voll Liebe und beleuchtet von einem strahlenden Stern - der Heldin, Katniss, einer Heldin. Einer echten Heldin, die den Schwachen hilft, den Dürstenden tränkt, den Kranken pflegt und die Bösen besiegt. Wahnsinn - und sie wie wir wissen nicht einmal, wie ihr geschieht. Man ist wie gefangen in der Vorstellung, die man gebrochen durch eine kaum vorhandene, weil kaum kommentierende Kamera wahrnimmt, einem überaus unmenschlichen, fast schon unirdischen System, auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein.
Wirklich ein Meisterwerk, wie man, was die Kameraführung betrifft, eine personale Perspektive vorgeführt bekommt, auch nur als verschmitzter Trick, da eine auktoriale Perspektive das Geschehen hervorblitzend kommentiert. Doch eigentlich ist kein Platz für Humor in dem Film. Dafür ist die Handlung wirklich zu tragisch, der Film zu grausam und ernsthaft. Ich meine, hey, immerhin bringen sich Jugendliche gegenseitig um!
Ich weiß nicht, warum ich mich das frage: aber sollten wir unsere Kindern nicht, anstatt unsere Geschichte beizubringen, lieber Optionen für die Zukunft geben? Die reine Reproduktion unseres System löst kein einziges Problem der gegenwärtigen Welt. Wir leiden immer noch an Postkolonialem Verhalten und einer entarteten Wirtschaft, die nicht den Menschen, sondern seine Leistungsfähigkeit und Kaufkraft bewertet...
Ich weiß nicht, warum ich darauf komme. Ich finde es einfach nur seltsam, was für Filme wir anschauen.
Samstag, 3. Januar 2015
Donnerstag, 25. Dezember 2014
Koexistenz statt Kampf: Drachen zähmen leicht gemacht
In dem 3D animiertem Abenteuerepos "Drachen Zähmen leicht gemacht" aus dem Hause DreamWorks von 2010 geht es um den jungen Wikingerhäuptlingssohn Hicks, der einen Drachen abschießt und verwundet, sein Vertrauen gewinnt und schließlich sein Dorf davon überzeugt, dass Drachen und Wikinger auch befreundet miteinander leben können. Themen des Films sind also Vertrauen und Freundschaft, Umgang mit dem Fremden, Koexistenz und Heranwachsen in einer martialisierten Gesellschaft.
die story
Hicks wächst als Sohn des Häuptlings Haudrauf im Dorf Berk auf, das regelmäßig von Drachen angegriffen wird. Die Wikinger verteidigen sich mehr oder weniger erfolgreich mit allerlei Maschinen und sonstigen Gerätschaften, doch die Drachen nehmen immer wieder große Teile der Nahrungsvorräte, wie z.B. Schafe und andere Tiere als Proviant mit.
Bei einem dieser Angriffe gelingt es Hicks, einen seltenen Drachen, einen Nachtschatten, mit einer Schleudermaschine zu treffen, so dass der Nachtschatten abstürzt. Ihm glaub niemand und er selbst hält sich auch für einen Versager. Im anschließenden Gespräch mit dem Vater kommt auch nicht viel anderes dabei raus. Doch schließlich soll Hicks mit den andern Dorfkindern zum echten Wikinger ausgebildet werden.
Da der Winter bevorsteht, entscheidet Hicks Vater Hau-Drauf gemeinsam mit den andern Wikingern einen letzten Feldzug gegen die Drachen vorzunehmen. Leider ist ihnen der Ort des Drachenhorts unbekannt, und so müssen sie mehr oder weniger auf gut Glück losziehen. Die Kinder bleiben zurück und durchlaufen angeleitet vom Dorfschmied eine Art Drachentöter-Ausbildungsparkour. Gleichzeitig sucht Hicks nach dem abgestürzten Nachtschatten. Er findet ihn. Doch anstatt ihn zu töten, befreit er ihn von seinen Stricken. Da dem Nachtschatten aber ein Teil seines "Höhenruders" am Schwanz scheinbar durch den Absturz abgetrennt wurde, kann er nicht mehr normal fliegen und ist in einer kleinen Talsohle mit einem Wasserreservoir in der Mitte quasi gefangen.
Hicks nähert sich ihm an. Er bringt ihm Fisch, studiert ihn und freundet sich schließlich mit ihm an. Gleichzeitig lernt er z.B. wo Drachen kitzelig sind und wie man sie mit ein paar ganz einfachen Handgriffen kampfunfähig machen kann. Was er aus seinen Studien mit dem Nachtschatten alleine lernt, kann er im gemeinsamen Drachentraining erfolgreich umsetzen. Dabei hat er natürlich im Vergleich zu seinen Altersgenossen und Vorgängern sehr unkonventionelle Methoden. Er bekriegt die Drachen nicht, und ist ihnen auch niemals aggressiv gegenüber, sondern er leitet, lenkt oder beschwichtigt sie. Astrid, ein energisches und ehrgeiziges Mädchen aus dem Dorf, wird dabei zunehmend eifersüchtig auf ihn, wohingegen die andern ihn und seine Fähigkeiten immer mehr zu schätzen wissen. Außerdem bastelt Hicks dem Nachtschatten eine Prothese für sein Schwanzruder und lernt, gemeinsam mit "Ohnezahn" zu fliegen. Außerdem findet Hicks heraus, dass die Drachen lediglich deswegen Menschenvorräte plündern, weil sie sie einem größeren Drachen Tribut bringen müssen, damit er sie nicht selbst frisst.
Zur Konfrontation und dem ersten großen Höhepunkt der Handlung kommt es, als Haudrauf und die andern Wikinger zurückkommen. Sie waren nicht erfolgreich mit ihrem Feldzug. Hicks Vater freut sich umso mehr über den Erfolg Hicks in Punkto Drachentraining. Dabei ahnt er natürlich nicht, dass Hicks unkonventionelle Methoden im Umgang mit Drachen anwendet. Umso verwirrter sind er und die andern Wikinger, als Hicks dem letzten Drachen der Ausbildung, dem sogenannten "Alptraum", den er töten soll, was eine große Ehre für ihn nach der Tradition des Wikingerdorfes darstellt, eben nicht tötet, sondern ihm zur Verbindung freundschaftlich die Hand auflegen will. Aus Nervosität und Angst lassen die Wikinger die Waffen blitzen und - als Reflex darauf - beginnt der Drache sich aggressiv zu verhalten. Er spuckt Feuer, verteidigt sich und greift Hicks an. Ohnezahn eilt ihm zur Hilfe, bezwingt den andern Drachen, wird aber auch sofort von den Wikingern gefangen genommen. Die Geschichte erreicht ihren Tiefpunkt, als Hicks ungewollt verrät, dass er im Drachenhort war, den die Wikinger ja bislang erfolglos gesucht hatten. Sie rüsten auf für einen neuen Feldzug und nutzen Ohnezahn aus, um ihnen den Weg zu weisen.
Der zweite Höhepunkt der Handlung ist der Angriff der Wikinger gegen die Drachen.
Erzählstruktur
Die Geschichte wird in einem auktorialen aber passivem Stil erzählt. Hicks ist zwar eindeutig die Hauptfigur und der Sympathieträger des Films, aber man bekommt auch mit, was jenseits seiner Handlungen im Wirkungskreis der Wikinger geschieht. Die Erzählung beginnt in medias res: Ausgangssituation ist die, dass Hicks selbst zum Wikinger, wie er von den Umständen des Dorfs anscheinend gebraucht wird, nichts taugt. Er ist tolpatschig, wenig muskulös und vor allem kein Drachentöter. Doch gerade diese werden im Dorf gebraucht, da Drachen den Wikingern ihre Schafe und andere Lebensmittel davontragen. Der Winter steht bevor und somit ist die Situation prekär. Folgende Konflikte speisen also die Handlung, deren Ziel darin liegt, dass Hicks anstatt zum Drachentöter zum Drachenfreund wird, der sein Dorf von der Richtigkeit seines Wegs der Koexistenz gegenüber dem gewöhnlichen Weg der Feindseeligkeit zwischen Menschen und Drachen überzeugt:
I. Hicks muss seine eigene Rolle im Dorf finden. Ist er eher Bäcker oder Schmied oder Ausrüster, oder eben doch Drachentöter? Wie steht er überhaupt zu Drachen? Und wie schafft er es, die Anerkennung seines Vaters, aber auch seiner Altersgenossen (Peers) zu erlangen?
II. Welchen Weg gehen die Wikinger gegenüber den Drachen? Den traditionellen Weg der Feindschaft ("Wir werden den Krieg unserer Eltern fortführen") oder einen neuen, noch unbegangenen Weg der Freundschaft und des Verständnis?
Die Geburt eines Helden
Beide Konflikte laufen parallel zueinander und treiben die Handlung voran zu ihrem Ziel. Der erste Konflikt, der Persönlichkeitskonflikt Hicks, führt zur Entdeckung, dass Drachen - im Fall des Nachtschattens "Ohnezahn", den Hicks verletzt und quasi gefangen hat, auch friedlich mit Menschen umgehen könnnen. Die Feindschaft zwischen Drachen und Menschen ist nicht per se natürlich angeboren, so zeigt sich, sondern nur das Resultat gegenseitigen Misstrauens nach dem Muster Gewalt erzeugt Gegengewalt.
Die Wikinger läuten dagegen, angeleitet von ihrem Stammesführer "Haudrauf", einen Feldzug gegen die Drachen ein, bevor der Winter hereinbricht.
In der Auseinandersetzung mit den gleichaltrigen anderen Stammeskindern erfährt Hicks zuerst auch nur Ablehnung und Spott. Doch durch Beobachtung und Experimentierfreude mit dem Nachtschatten lernt Hicks sehr viel über die Drachen im Allgemeinen und kann seine Erkenntnisse gewinnbringend auf die Trainingssituationen übertragen. Vom Außenseiter wird er so zum Anführer der Gruppe.
Damit zusammen hängt (natürlich) auch eine Liebesgeschichte, denn Hicks muss sich auch die Anerkennung eines Mädchens erkämpfen...Armer Junge, dem all dies auferlegt wird! Aber da Hicks ein Held ist, wenn auch nur ein mittlerer, der erst zum Held werden muss, muss er sich eben auch den Prüfungen stellen, die zur Geburt eines Helden dazugehören! Und das anzusehen ist unterhaltsam, lehrreich und vorbildlich in enem.
Fazit:
Großes Kino nicht nur für Kleine und pädagogisch wertvoll durch eine Moral von Koexistenz und gegenseitigem Lernen.
Dienstag, 11. November 2014
Marteria -
In der Zeit gibt es ein Interview mit Materia.
Ich denke, insbesondere die Diskussion unter dem eigentlichen Text bringt auch meine Haltung zu Materia und vielleicht auch zum Leben an sich auf den Punkt.
Gemosert wird, wie ein wohlstandsgebürtiger 32 Jähriger Rapper mit der naiven Haltung eines 17 Jährigen die Welt analysieren könne? Eben. Kann er nicht.
Aber er macht, dass man ein gutes Gefühl hat. Das ist vielleicht wie Skaten oder Fußball oder Reiten, oder was auch immer einen glücklich macht: Es erklärt die Welt nicht, aber es macht einen glücklich. Das spannende an Materia ist seine Authentizität. Er ist weder der beste Rapper (technisch), noch besonders innovativ, sondern einfach nur authentisch. Was ich ihm selbst nicht glauben wollte und was ich erst nicht verstand. (Was ist denn bitte mit der Realness?) (gut, wenn ich die Idealistenbrille wieder aufsetze, und Realness mit Conscious-Rap und Idealismus gleichsetze, ist Materia auch wieder schneller abserviert als ein Expresskaffeebecher in einer Autobahnraststätte...Da wären wir wieder beim Thema: "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und beantworte die Frage gleich mit "Wer war ich? Und wenn ja wie viele? "- ,da das Individuum ja wächst und sich verändert). Und Marteria ist vielleicht auch das Sinnbild oder eine Leitfigur (von Ikone möchte man in der Postmoderne ja nicht mehr sprechen...irgendeine unfunktionalisierte Gegenwart muss es ja auch für uns Geschichtsüberbewusste geben) der Generation Wohlstandskinder, die tatsächlich nicht erwachsen werden wollen. Warum auch? Das System ist nunmal blöd. Die Probleme des Welthungers sind theoretisch und praktisch gelöst. Nur die Verteilung möchte nicht so hinhauen. Und um die wirklichen Probleme unserer Zeit macht man große Bögen - vielleicht nicht im Diskurs, aber im konkreten Handel. Oder warum gibt es noch Atomkraft, Kohlekraftwerke und noch keine gravierenden Steuervorteile für Fahrradfahrer und einen Markt, der sich aus deutscher Hinsicht immer noch sehr stark auf Waffenexporte stützen kann? Warum immer mehr burnout und Stress und Depression und Überdruck und Rollenverhalten, wo doch materiell in Deutschland wirklich nichts zu befürchten ist? Oh. Ich bin abgeschweift...Ich wollte ja über Marteria reden.
Über das Video bin ich weitergekommen zum Track "OMG". Ein Track, der Religion und Himmel thematisiert, erst kreisend und mit Kirchensymbolen aufwiegerlisch neckend spielen (Dorfkids mit Kreide bemalen Kirchenmauer vs. Pfarrer, Selbstkasteiung, Taufe, Stigmata, Blutthränenjungfrau) und dann doch auf ein Fazit hinauslaufend: aus einem "Amen" wird ein in deinen "ARMEN" - Gospel - und da fühlt und findet Materia in dem Lied seinen Himmel und sein Amen. Wo Bildungsbürger heute nur die Nase rümpfen dürften, sollte man ihnen den Goethe unter die Nase halten, den das "Ewig Weibliche" genauso hinabzieht und zwischen Himmel und Hölle stehen lässt, wie unsern Fußballjungen, der sich am Ende gorillagleich das Marienmädchen schnappt und auf sein Quad aufsteigen lässt.
Ist das jetzt plump?
Interview
Retrospektiver Traum
Ich denke, insbesondere die Diskussion unter dem eigentlichen Text bringt auch meine Haltung zu Materia und vielleicht auch zum Leben an sich auf den Punkt.
Gemosert wird, wie ein wohlstandsgebürtiger 32 Jähriger Rapper mit der naiven Haltung eines 17 Jährigen die Welt analysieren könne? Eben. Kann er nicht.
Aber er macht, dass man ein gutes Gefühl hat. Das ist vielleicht wie Skaten oder Fußball oder Reiten, oder was auch immer einen glücklich macht: Es erklärt die Welt nicht, aber es macht einen glücklich. Das spannende an Materia ist seine Authentizität. Er ist weder der beste Rapper (technisch), noch besonders innovativ, sondern einfach nur authentisch. Was ich ihm selbst nicht glauben wollte und was ich erst nicht verstand. (Was ist denn bitte mit der Realness?) (gut, wenn ich die Idealistenbrille wieder aufsetze, und Realness mit Conscious-Rap und Idealismus gleichsetze, ist Materia auch wieder schneller abserviert als ein Expresskaffeebecher in einer Autobahnraststätte...Da wären wir wieder beim Thema: "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und beantworte die Frage gleich mit "Wer war ich? Und wenn ja wie viele? "- ,da das Individuum ja wächst und sich verändert). Und Marteria ist vielleicht auch das Sinnbild oder eine Leitfigur (von Ikone möchte man in der Postmoderne ja nicht mehr sprechen...irgendeine unfunktionalisierte Gegenwart muss es ja auch für uns Geschichtsüberbewusste geben) der Generation Wohlstandskinder, die tatsächlich nicht erwachsen werden wollen. Warum auch? Das System ist nunmal blöd. Die Probleme des Welthungers sind theoretisch und praktisch gelöst. Nur die Verteilung möchte nicht so hinhauen. Und um die wirklichen Probleme unserer Zeit macht man große Bögen - vielleicht nicht im Diskurs, aber im konkreten Handel. Oder warum gibt es noch Atomkraft, Kohlekraftwerke und noch keine gravierenden Steuervorteile für Fahrradfahrer und einen Markt, der sich aus deutscher Hinsicht immer noch sehr stark auf Waffenexporte stützen kann? Warum immer mehr burnout und Stress und Depression und Überdruck und Rollenverhalten, wo doch materiell in Deutschland wirklich nichts zu befürchten ist? Oh. Ich bin abgeschweift...Ich wollte ja über Marteria reden.
Über das Video bin ich weitergekommen zum Track "OMG". Ein Track, der Religion und Himmel thematisiert, erst kreisend und mit Kirchensymbolen aufwiegerlisch neckend spielen (Dorfkids mit Kreide bemalen Kirchenmauer vs. Pfarrer, Selbstkasteiung, Taufe, Stigmata, Blutthränenjungfrau) und dann doch auf ein Fazit hinauslaufend: aus einem "Amen" wird ein in deinen "ARMEN" - Gospel - und da fühlt und findet Materia in dem Lied seinen Himmel und sein Amen. Wo Bildungsbürger heute nur die Nase rümpfen dürften, sollte man ihnen den Goethe unter die Nase halten, den das "Ewig Weibliche" genauso hinabzieht und zwischen Himmel und Hölle stehen lässt, wie unsern Fußballjungen, der sich am Ende gorillagleich das Marienmädchen schnappt und auf sein Quad aufsteigen lässt.
Ist das jetzt plump?
Interview
Retrospektiver Traum
Sonntag, 27. Juli 2014
Auf Andersens Spuren - Cees Nooteboom: In den niederländischen Bergen
In Schloss Blumenthal im dortigen Sharing-Schrank wartete ein weiteres Buch von ihm auf mich. "In den niederländischen Bergen". Ich dachte erst, es handle sich um eine seiner zahlreichen Reisebeschreibungen, da ich den Titel nicht kannte, sehr wohl aber wusste, dass Nooteboom auch als Reiseautor viele Texte veröffentlicht. Aber nein, bei dem Buch handelt es sich um einen märchenhaften Roman.
Eigentlich ist er mein Lieblingsautor. Kein anderer versteht es, wie er, die Dinge in ein magisches Licht zu rücken, dabei selbstironisch voranzuschreiten, autopoetische Kunstgriffe in sein Werk einzustreuen und nebenbei eine Partie Pingpong mit allen großen Namen der philosophischen Weltliteratur in seinem Werk mit einzuflechten.
Nach Allerseelen, dem großen Berlinroman, den meine Schwester in ihrer Abschlussarbeit im Deutsch LK beschreiben musste, dem Gedichtband So könnte es sein, den mein alter Freund Jens mir einmal in die Hand gedrückt hatte, Die folgende Geschichte, Rituale und einer Brüsselbeschreibung im Merian nun also neues Wasser auf den Mühlblättern der Cees Nooteboom Rezeption.
Worum geht es?
Das Buch hat zwei ineinander verwobene Handlungsstränge. Zum einen geht es um die Trennung eines optisch perfekten Liebespaars (Lucia und Kai), das sein Überleben mit artistischer Kleinkunst bestreitet, durch eine kriminelle Bande im Süden der Niederlande.
Zum andern geht es darum, dem fiktiven, spanischen Autor (Tiburon) über die Schulter zu schauen, während er den Roman in einer spanischen, leeren Grundschule verfasst.
Die Geschichte ist dabei leicht an Andersens "Schneekönigin" angelehnt. Die Geschichte, in der Kai einen Eissplitter im Auge hat und von der Schneekönigin entführt wird, bis ihn seine junge Freundin unter abenteuerlichen Bedingungen rettet.
Wie ist es erzählt?
Cees Nooteboom setzt mit Tiburon eine Zwischenfigur als Erzähler ein, zwischen sich und seine Narration. Ein Zwischenerzähler. Ihm kann er alle Gedanken in den Mund legen, die er vielleicht selbst hat. Und jener kommentiert fleissig, ist auktorial und zeigt auch deutlich, dass die Geschichte aus seiner Feder stammt. Dabei oszilliert die Figur des Tiburon zwischen rhetorischer Finesse und Selbstmitleid, interessanten Zwischenrufen und selbstgefälligem Wissensauspacken. Erwähnenswert ist auch die immer wieder stattfindende Sprachreflektion in dem Buch.
Durch seine permanenten Unterbrechungen des Erzählflusses wird der Roman mit der Zeit zum Erzählexperiment. Die erzählte Zeit umfasst in etwa die zweier Monate, das Buch selbst ist in verschieden lange, durchnummerierte Kapitel unterteilt.
Wie war das Leseerlebnis?
Vielschichtig. Anfangs ließ ich mich nach einer schwerfälligen Einleitung, die den Norden und den Süden der Niederlande beschreibt, begeistern vom halboffenen Stil des Romans, in dem Erzählung, Kommentar und philosophische Reflexion mühelos ineinander übergehen. Bis in etwa zur Hälfte des Romans - als Leser tappt man noch im Dunklen und fragt sich: "Ist das nun tatsächlich eine Andersen- Adaption?" - hält Nooteboom das auch gekonnt durch. Doch nachdem Lucia sich Anna, der Clownfrau angeschlossen, und Kai im finstren Schloss der "Eiskönigin" gelandet ist, beginnt meiner Meinung nach die Erzählung zu zerfallen. Zu groß werden dann die Ergüsse des Autors aka Tiburon über Gott und Religion, was ein Märchen ist und was ein Mythos, so dass er vor lauter Wissensauspacken das Erzählen ganz vergisst. Beinahe lapidar wird dann das Ende der Geschichte hingeworfen.
Was also außergewöhnlich gut begann, wird am Ende leider eher wirr und zerfasert.
Fazit
Eigen, aber durchaus lesenswert, gerade die ersten Hälfte. Dann leider abnehmend im Detail und selbstverlierend.
Leseprobe:
"Zudem war nun eine Zeit angebrochen, in der Dinge, die sich durch den Körper ausdrüclen lassen, ohne die Einschaltung der Elektronik und im peinlichen Beisein anderer Köroer gewissermaßen ungültig wurden. Jede Gebärde sollte in möglichst vielen Wohnzimern der Welt gleichzeitig gesehen werden, von Menschen , die in diesem Moment nicht dabei waren; und auf den natürlichen Klang der menschlichen Stimme reagierte man gereizt, als fehlte diesem Geräusch oder dem eigenen Gehör plötzlich, zum ersten Mal seit der Schöpfung, etwas Wesentliches, ein Mangel, der in den Jahrhunderten zuvor niemandem aufgefallen war.
Genausowenig wie man zu Hause noch Spiele machte oder, um es deutlicher auszudrücken, miteinander spielte, genausowenig ging man aus dem Haus, um sich das Spiel anderer Leute anzuschauen. Immer mehr Zirkusse mußten schließen, und die Clowns, Illusionisten und Bärenbändiger verschwanden im großen Nichts, wohin ihnen Korbflechter, Straßenschreiber, Schauspieler, Scherenschleifer, Erzähler, Falkner, Schausteller schon vorausgegangen waren. Longinus hatte einmal anläßlich schwacher Stellen bei Herodotus und Theopompus (ein aufgeblasener Name, den ich selbst gerne hätte) davor gewarnt, daß das Sublime leicht durch das Triviale verdorben werden könne; aber wie kann man ein derartiges Stilproblem in einer Geschichte lösen, deren Thema die Korrumpierung des Sublimen durch das Triviale ist? Wir werden sehen, wie das geht. Schließlich kann man, so Horaz, das noch nicht Veröffentlichte wieder vernichten, doch wenn die Wörter erst einmal ausgeschwärmt sind, kann man sie nicht wieder einfangen. Das war damals so, und ist heute noch so. Es ist die Vorstellung von der Vollkommenheit, die mich beim Schreiben dieser Geschichte fortwährend behindert, weil ich vermute, daß heute niemand mehr daran glaubt, am wenigsten mein Verleger in Léon.
Mit Gottes Tod, egal ob er existiert hat oder nicht, ist das Vorbild des Vollkommenen verschwunden. Danach hat die Kunst den nach Seinem Bild und Gleichnis geschaffenen Körper verrenkt, in Flächen aufgeteilt, durchlöchert und verzerrt. Es scheint, als könnten wir Vollkommenheit nicht mehr ertragen, nicht einmal mehr als Idee, weil sie uns wie ein zu oft geträumter Traum langweilt.“
Cees Nooteboom bringt hier alle seine Vorhaben und Eigenheiten an einer Stelle gebündelt zu Papier. Er verrät sein Erzählkonzept und gibt es unverhüllt an den Leser weiter: die Korrumpierung des Vollkommenen und Sublimen (Lucia und Kai) durch das Triviale (Raub, Entführung und Verführung durch Sex mit der Alten oder dem "Screemeranführer"), seine Gelehrtsamkeit (Theopompus und Herodot sind antike Geschichtsschreiber, Horaz, ein antiker römischer Autor) und seine autopoetischen Ästhetikreflekitonen (nach Nietzsches Erklärung, dass Gott tot sei, was als Beginn der Moderne betrachtet wird, kamen in der Kunst Picasso und andere, die die Mimesis und Allegorie oder Glorifizierung zugusten von Zersplitterung (z.B. Kubismus) oder Entstellung, etc. aufgaben). Zudem die typische postmoderne, etwas altmodisch wirkende Gottestrauer in all seinen Werken.
Andere Meinungen:
- http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php?topic=11375.0
- In den niederländischen Bergen: Amazon.de: Nooteboom ...
- http://www.kritikatur.de/Cees_Nooteboom/In_den_niederlaendischen_Bergen
- http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sprinter-auf-der-langstrecke-1179849-p2.html
Samstag, 5. Juli 2014
WOW! Power-Poster des Konzerthauses Dortmund zur Spielzeit 2014/2015
Die Klassik - ein opulentes Monster, dem man sich stellen muss. So bewirbt das Konzerthaus Dortmund seine aktuelle Spielzeit.
Nichts Gefälliges, wie die Popmusik, die einem entgegenplätschert, sondern ein Monstrum, ein Ungetüm, das einen überrennen, plattwalzen kann wie ein Nashorn.
Nichts Gefälliges, wie die Popmusik, die einem entgegenplätschert, sondern ein Monstrum, ein Ungetüm, das einen überrennen, plattwalzen kann wie ein Nashorn.
Samstag, 28. Juni 2014
"Im gegenseitigen Dienst werden wir frei"
Einen alten Franziskaner in einer Schlossküche kennenlernen - ein delikates Erlebnis.
Er erzählte mir viel vom gegenseitigen Dienst, davon, dass er zehn Jahre den Dienst am Andern und mit dem Andern gelernt habe.
"Demut, Disziplin, Glauben", das seien alles Werte, die man erstmal verstehen müsse. Vom Vergeben erzählte er mir noch und von den kraftvollen Namen der Cherubim und der Seraphim. Durch ihn habe ich auch gelernt, dass es eigentlich "Jesus, DER Christus" heißen sollte.
Ein sehr spannendes Gespräch mit einem (zumindest theoretischen) Ansichtspartner. Hat mich der Weg über das Rappen, Lyrik, Literatur Französisch, Kant und Brecht zur Einsicht in die magische Wirkung der Poesie und den Glauben an die Welt in der "der Mensch dem Mensch ein Helfer wird" gebracht, so war sein Weg ein anderer.
Doch was unser beider Gedanken verbindet ist ein Glauben an die positive Kraft Gottes. Man kann nicht tiefer fallen, als in seine Hand.
In einem Vorstellungsgespräch hat der Prälat einer Sprachheilschule gesagt: Er lässt Gott in sich wirken. Wenn er einen Raum mit Fremden betritt, macht er "sich selbst ganz klein, damit Gott in ihm groß werden kann".
Montag, 23. Juni 2014
Klassiker der Literaturgeschichte: Tolkiens "Der kleine Hobbit"
J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe hat einen Vorläufer. Spätestens seit Peter Jacksons Verblockbusterung des Mittelerde-Stoffs kennt jeder die Geschichten um den Ring und wie er die Leben der eher abenteuerscheuen Hobbits infiziert. Dabei ist das Buch auf jeden Fall einer Lektüre und eines tieferen Blicks wert!
Handlung
Die Handlung des ersten Teils der Saga ist schnell zusammengefasst. In einer Geschichte mit zwei Höhepunkten geht es episodenhaft erzählt zuerst um den Weg Bilbo Beutlins und seinen Reisekameraden, den Zwergen, zum Einsamen Berg, wo der Drache Smaug haust, um dort den von den Zwergen gestohlenen Schatz zurückzuerobern. Daran anschließend liest man, wie Bilbo zwischen den verstrittenen Parteien, die alle einen Anspruch auf den zurückgewonnenen Schatz erheben, trickhaft vermittelt, damit es nicht zum Ausbruch eines weiteren Krieges um das Gold kommt.
Genreeinordnung
Da es nicht immer mit rechten Dingen (heißt mit der Physik, wie wir sie kennen) zugeht und auch die Wesen, die im Universum J.R.R. Tolkiens auftauchen, nicht den Kreaturen entsprechen, die man beim täglichen Spaziergang durch unsere Flora und Fauna antrifft, handelt es sich um einem phantastischen Roman. Es wird munter gezaubert (Gandalf/Mondrunen, etc.), während Orks auf Wölfen, Riesenspinnen, Trolle oder Elben Zwerge jagen, die einen Drachen suchen, der nicht nur Feuer spuckt sondern auch sprechen kann. Außerdem wird die explizit auktoriale Erzählung immer wieder von Gedichten und Gesängen durchbrochen, so dass man durchaus Parallelen zu anderer abenteuerlicher romantischer Reiseliteratur wie z.B. Eichendorffs Taugenichts ziehen kann.
Auch die Grundlinien der "progressiven Universalpoesie", wie sie Schlegel im Rahmen der Frühromantik einforderte, kann man im Abklang der Geschichte erkennen. Denn die "sogenannte Progressive Universalpoesie fordert die Vermischung aller Gattungen. "Im romantischen Roman schlägt sich dieses Diktum in einem steten Wechsel der Formen nieder: Erzählende Passagen werden von dramatischen, dialogischen Sequenzen abgelöst; Gedichte, Lieder oder Briefe durchbrechen den Erzählfluß." Zwar wird der Erzählfluß im Hobbit nicht permanent unterbrochen. Briefe oder Dialogsequenzen findet man auch nicht in dem überschaubaren Büchlein und eigene Subtexte wie eingestreute Extramärchen kommen ebenfalls nicht vor. (Hier ist es der Film, der Gandalfs Abwesenheit und die Entstehung Saurons z.B. explizit ausmalt). Dafür integriert Tolkien aber ganz im Sinne Schlegels Lieder, Gedichte und deutet auch alte Sagen an. Und auch die Moral findet stellenweise Einzug in das Werk. Vor allem die verderbende Macht des Goldes, der der Zwergenkönig temporär unterliegt, wird auf herrlich ironisch-auktoriale Weise reflektiert. Und als Beispiel einer kleinen Gedichtintegration.
"Weit über die kalten Nebelberge,Geschickt nimmt hier Tolkien bereits einen Großteil der folgenden Geschichte vorweg.
zu den tiefen Verliesen und uralten Höhlen
müssen wir fort, ehe der Tag anbricht
das bleiche, verzauberte Gold suchen"
Stil
Der Hobbit ist eine dezente Andeutung dessen, was in "Der Herr der Ringe" langatmig ausgemalt wird. So besticht der Roman auch durch sein perfekt ausbalanciertes Verhältnis zwischen Andeutung und Ausschilderung. Gerade die Beorn-Episode bleibt hier haften. Man erahnt, was es mit dem Gestaltenwandler auf sich hat. Doch dass es sich bei dem Aussteiger um einen Bärenmenschen handelt wird erst im Endkampf wirklich klar. Auch durch Abwechslung besticht der Stil des Hobbits. Handelt es sich zwar um eine Geschichte, die an einem roten Faden hin zum Einsamen Berg führt, bei der das Erreichen des Bergs mit vielen Abenteuern verbunden ist, so wechseln die Abenteuer in sich doch im Vergleich zu anderen Kinderfantasyromanen (z.B. im Verlgeich zu "Das Wolkenvolk") stärker ab. Es wird nicht nur mit dem Schwert gekämpft, sondern auch mit der Phantasie. Wie befreit man Zwerge aus den Hallen der Elben? Wie kommt man von einem Baum herunter, an dessen Fuß Wölfe sind und der von Orks angezündet wird? Wie redet man mit einem Drachen? Wie beschreibt man das erste Aufeinandertreffen mit einem degenerierten Hobbit, der seit Jahren unter der Erde lebt? Anstatt hier lieblos Erzählstereotypen abzuspulen erscheint jede einzelne Geschichte liebevoll und phantasievoll ausgestaltet. Tolkien bewahrt dabei seinen ihm ganz eigenen Stil, es gelingt ihm aber auch ihn immer wieder neu zu erfinden. Unvergesslich der Anfang der Geschichte:
In eine Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit. Nicht in einem schmutzigen, nassen Loch, in das die Enden von irgendwelchen Würmern herabbaumelten und das nach Schlamm und Moder roch. Auch nicht etwa in einer trockenen Kieshöhle, die so kahl war, daß man sich nicht einmal niedersetzen oder gemütlich frühstücken konnte. Es war eine Hobbithöhle, und das bedeutet Behaglichkeit.
Fazit
Wirklich besser als der Film. Es dauert ein wenig, um einzutauchen in die Welt des Hobbits. Aber einmal drinnen, führt einen Tolkien als liebevoller auktorialer Erzähler stimmungsvoll und abwechslungsreich durch die frühkindliche Welt Mittelerdes ohne dabei in Kitsch und Einfachheit unterzugehen. Ein wahres Meisterwerk der Fantasyromane und ein Meilenstein der Kinder- und Jugendliteratur.
persönliche Höhepunkte
Das Rätselduell mit Gollum und das Schmeichelei-Gespräch mit Smaug
Weiterführende Links:
Hier ein paar Abbildungen und anderes Hintergrundmaterial zum Hobbit
Hier ein Quizz zum Hobbit von Wissen.de
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