Donnerstag, 24. März 2022

Rico, Oskar und das VomHimmelhoch


Oh wie dankbar war ich Andreas Steighöfel dafür, dass er Rico und Oskar ein Weihnachtsabenteuer erleben lässt! Denn grau, grau grau war der Winter dieses Jahr und nichts wärmt den Geist mehr denn gemeinschaftliches Musizieren oder - wenn das nicht geht und wenn man kein Kaminfeuer hat - Literatur. Besser noch wird es, wenn die Literatur zur Jahreszeit und zum Thema passt. Und was passt da besser unter den Weihnachtsbaum als ein Weihnachtsroman mit dem hochsympathischen "tiefbegabten" Rico Doretti und seinem nicht minder speziellen Freund Oskar? 

Und bei denen ist was los. Es ist Heilig Abend. Rico steht am Fenster und schaut über Kreuzberg. Er und Oskar wollen noch ein paar Geschenke kaufen. Last Minute, sozusagen, und sie wollen Frau Darling "Hallo" sagen, die im Einkaufszentren an der Wursttheke arbeitet. Doch es brauen sich einige Dinge zusammen! Zum einen ein gewaltiger Wintersturm, zum andern die Klärung eines Falls aus dem Sommer, als Rico neue Freunde gefunden - und wieder verloren hatte - und zuletzt eine Entfremdung zwischen Rico und Oskar, denn Oskar hat ein Geheimnis, das er vor Rico verbirgt. So, mehr darf ich aber nicht verraten, sonst mache ich mich des Spoilerns schuldig. 

Erzählt wird die Geschichte wieder aus der Sicht Ricos. Sowohl das was passiert, als auch das, was Rico vermutet oder wunderbar verschroben interpretiert. Dabei ist Rico einzigartig und rührend gutherzig! Wer nicht weiß, wie man jemanden tröstet, dem wird hier ganz einfach gesagt, wie das geht auf S. 165-170. "Jeder weiß das. Aber manche Leute muss man ab und zu daran erinnern". Auch die sehr eigenwilligen Erklärungen von Fremdwörtern sind wieder in die Handlung mit eingebunden. So erfährt man z.B. was Kulinarik (für Rico) ist oder Argusaugen, etc. 

Ganz besonders hat mir das Finale der Geschichte gefallen. Steighöfel gelingt es so perfekt zwischen Kitsch, Klischee, Rührung, Vorbildfunktion, Komik, Phantasie und Realismus zu beschreiben, wie SPOILERALARM der Tag der Geburt und der Kontakt zwischen Rico und seiner neuen Schwester und der Mama aussehen könnte, dass es herzerweichend ist! 

Fazit: perfekte, kurzweilige Lektüre für die kalten Tage, durch die man etwas über die Themen Freundschaft, Familienintimität und - Nachwuchs, Naturgewalt, Patchwork und kulturelle Offenheit lernen kann. Vielen Dank Herr Steinhöfel!  

Donnerstag, 24. Februar 2022

Worst Case reality - Raubtierstaaten und Rüstungsspiralen :(



Dreck euer Krieg!
So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen anderen Krieg.
Das wird der richtige sein.

(Bertolt Brecht in seinem "Lied gegen den Krieg") 

Ich bin sprachlos und schockiert gegenüber dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Mein ganzes Mitgefühl und Beileid ist bei der betroffenen Zivilbevölkerung, bei 41 Millionen Bürgern - Frauen, Kindern, Schülern, Studenten, Männern, Arbeitern, Politikern - die nun in Angst um ihr Leben sein müssen, in deren Leben der Krieg einbricht, in deren Häuser Raketen aus heiterem Himmel einschlagen können, als würde Zeus noch willkürlich seine Blitze schleudern. Doch Brecht lehrte uns: Krieg ist menschengemacht. Derzeit scheint es so, dass wirklich nur Vladimir Putin Kriegstreiber Nr. 1 ist. 

Dieser Krieg ist also Putin gemacht. Herr Putin, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich Sie anklage für das Leid, dass sie generieren! Nach dem Fall Navalnys und Skripal, dem Podcast "Der Mann in Merkels Rechner" und nun diesem unfassbaren Eskalationsschritt haben Sie  in meinen Augen alles Recht auf Leben verwirkt. Ihr Handeln, einen souveränen angrenzenden Staat ohne irgendeinen überzeugenden Grund angegriffen zu haben, ist genauso verwerflich wie der Überfall auf Polen durch die Nationalsozialisten  1939. Sie sind ein Raubtier, Russland ein Schurkenstaat, der ein unschuldiges Beutetier einverleibt. Sie beschwören den Kalten Krieg wieder herauf, man wird wieder vom "bösen Iwan" reden und vom "russischen Bären". Predator Putin. Wundern Sie sich nicht, wenn die Jagd eröffnet wird. 

Im besten Fall - meine Prognose - werden wir einen neuen Eisernen Vorhang entlang der russischen Staatsgrenze haben. Die NATO wird aufrüsten und Russland mit dem neuen Verbündeten China auch. Eine Rüstungsspirale nach oben - wer sich die Hände reibt, ist die Waffenindustrie. Verlierer ist das Volk und diesmal auch ich, denn diesmal bin ich hautnah und vollbewusst dabei. Ich spüre die Ohnmacht, ich verstehe Kohls Ausspruch der "Gnade der Nachgeborenen". 

Ich habe Angst, ich empfinde ohnmächtige Wut. Ich wünsche mir Frieden. 

Der Prolet baut ihnen die Kriegsmaschinen
Für einen schlechten Lohn
Damit sie ums Leben bringen mit ihnen
Mancher Proletenmutter Sohn.
 
Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen anderen Krieg.
Das wird der richtige sein.

Samstag, 22. Januar 2022

Spiderman - No way home: Flach wie 10km Sandstrand

Unterhaltsam? Ja. 

Tiefgang? Hahahahaha! Nein. 

Sonst was? Nein. 

Und was sagt der kritische Blick? Der sagt: Das ist ein Teenie-Film und die drei Teenie Hauptfiguren sind schlechte Vorbilder für die Jugend da draußen: Clowns und trottelige clumsy Antihelden. So dumm, dass sie sich wahrscheinlich nicht mal selbst eine Tiefkühlpizza zubereiten könnten. 

Der Rest sind Spezialeffekte. Fazit: Unterhaltend? Ja. Sonst Nichts. Flach wie 10km Sandstrand. 

"Was ist cooler als Magie? Mathe!"


Sonntag, 26. Dezember 2021

Nimrod Danishman: „Grenzen" (2018) oder "What is love?"

 


Handlung: 

Das Mainfrankentheater hat die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks "Grenzen" auf die Bühne gebracht. Es geht darin um Boaz und Georges, einen Israeli und einen Libanesen. Die beiden lernen sich auf Grindr, einer Datingplattform für Homosexuelle kennen, ohne zu wissen, dass sie in verfeindeten Ethnien leben. Aus rein sexueller Begierde entwickelt sich schnell, und zunehmend intensiv eine ernsthaftere Beziehung, getrieben von Interesse am andern, Ängsten, Bedürfnissen und Mut. Es entsteht die Idee, sich gemeinsam in Berlin zu treffen, dem Ort der Freiheit, wo weder vom Staat ausgehende Feindseligkeit noch Diskriminierung und Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung eine Rolle spielen...

Schauspiel und Inszenierung: 

Cederic von Borries und Anselm Müllerschön spielen grandios! Voller Energie, Einfühlvermögen und mit einer unaussprechlichen Feinfühligkeit für das emotionale Erleben ihrer Figuren. Dabei spielen sie sehr nackt, denn es gibt keinen Kostümwechsel, keinen nennenswerten Bühnenbildwechsel, keine atemberaubende Kulisse und in der Regel auch keine Musik, die das Geschehen aktiv mittransportiert. Dafür gibt es Blicke, Gesten, Körperhaltung, Anspannung - und Entspannung, Zuckungen mit dem Fuß als Ausdruck von Nervosität und und und...Es ist herrlich! Ich meine, niemand kann sich dem Schauspiel der beiden gepaart mit dem Charme des Stücks entziehen! Vielen Dank! 

Mein Resümee: 

Ich liebe Theater! Es ist so wichtig! Es ist ein Brennglas und bringt Konflikte und Themen fremder Kulturen und anderer Menschen ins eigene Bewusstsein. Gesellschaftspolitisch ist das an Wichtigkeit nicht zu unterschätzen! Das ganze Stück über habe ich Faszination empfunden und Freude über die Magie und Energie des Theaters, aber auch seine Intention. Klar wurde mir, was für ein Glück und Privileg ich habe, in einer freien und offen pluralistischen Gesellschaft zu leben. Es gibt Grenzen für andere, die ich mir kaum vorstellen kann. Außerdem hat das Stück für mich sehr schön unterstrichen, dass Liebe eben kein Geschlecht kennt. Die Homosexualität der beiden Figuren spielt hinsichtlich der Themen, die sie erleben und der Liebe, die sie suchen (Vertrauen, Halt, Ängste, das Bangen und Hoffen, Verletzungen aus der Vergangenheit usw...), überhaupt keine Rolle. Liebe ist Liebe. 

Interessant fand ich auch die Entwicklung der Figuren. Wirkt Boaz am Anfang des Stücks einfach nur "stumpf", zeigt er sich immer verletzlicher. Er war richtig verliebt und wurde dadurch enorm verletzt. Georges Kommentar dazu: "Ich hasse ihn [den Ex] Ich hasse ihn für das, was er dir angetan hat. Wie lange werden meine Umarmungen und Küsse brauchen, um bei dir anzukommen?"


Guus Kuijer - „Wir alle für immer zusammen" (2002), 89 Seiten: Brutal gut.



Es gibt immer eine Luft
für meine Schlösser
und es gibt immer auch ein Plätzchen

für Polleke, mein Schätzchen. (S.26)


Stopp.


„Polleke", sagte Spiek, „kommst du mit mir mit ans Ende
der Welt?"
Das Ende der Welt. Ich sah mich neben Spiek hergehen.
Mein Kälbchen Polleke hatte ich an einem Band. Wir stie-
gen über einen hohen Berg. Da lag Schnee, aber es gab auch
Blumen. Menschen in seltsamen Kleidern winkten uns zu.
Der Himmel war blau und wir sangen den ganzen Tag. Es
war so etwas wie ein Traum.
Ich wachte auf und sah Spiek an. Du bist lieb, Papa, dach-
te ich, aber du musst allein ans Ende der Welt.
„Nein, Spiek", sagte ich. „Ich bleibe bei Mama."
„Du willst doch Dichterin werden, oder?", sagte er.
»Ja", sagte ich.
»Ich komm mit tausend Gedichten zurück", sagte er.
Ich glaubte ihm, aber nicht mehr ganz so wie früher.
»Ich werd immer mehr haben als du", sagte ich.
»Wieso?", fragte er.
» Weil ich schon angefangen hab, Papa, und du nicht."

Ich küsste ihn und ging nach Hause. (S.56)




Was für ein Buch! Im Kern geht es in dem nur 89 Seiten umfangenen Buch des Niederländischen Autors Guus Kuijer


um Polleke und deren Vater Spiek. Spiek ist Dichter, sagt er und Polleke glaubt es. In Wahrheit ist er Träumer und bekommt leider nichts gebacken. Und das versteht die Elfjährige Polleke auch, Schritt für Schritt. Am Ende gibt sie ihm sogar den Laufpass und wendet sich den Menschen zu, die sie hegen und pflegen. 

Guus Kujier erzählt die Geschichte eines Mädchens aus einer geschiedenen Familie in einer multikulturellen Klasse. Sie ist verliebt in einen Muslimen, ihr Lehrer verliebt sich in ihre sehr temperamentvolle Mutter, ihr Vater hat wirklich gravierende Existenzprobleme (Drogen und Fuß fassen im Arbeitsleben), ihre Großeltern väterlicherseits sind für sie da. Sie denkt über alles nach: Über ihre Mutter, den Lehrer, die Liebe, Gott, die Umwelt und Verantwortung. Für mich besonders interessant, da es in dem Buch auch viel um eine Kuh geht, die Polleke zur Obhut von ihrem Opa geschenkt bekommt. 

Das Buch ist knallhart, poetisch, komisch und bedeutungsvoll vom Inhalt. 

Es ist aber auch unterhaltsam geschrieben, indem in einer Art Montagetechnik z.B. immer wieder kleine Gedichte Pollekes, Zettelchen der Schüler untereinander, Brief und dergleichen Abwechslung in die ansonsten aus der Ich-Perspektive erzählte Geschichte bringen. 

Fazit: Ein wirklich außergewöhnliches Buch, das ich jedem ans Herz legen wollen würde. Obwohl...oder gerade weil es kein Kuschelkinderromantik-Wohlfühl-Weichspüler-Buch ist. "Erwachsene müssen auf sich selbst aufpassen" (S.68)

 

 

Die KHG spielt Sartres "Geschlossene Gesellschaft" (November 2021)


Mutig und lobenswert ist es, dass die KHG und insbesondere die Schauspieler sich an solche Stücke wagen: Drei Personen finden sich in einem sonderlichen Raum wieder. Sie werden von einer Art "Diener" hineingeführt. Er verschwindet und das war's. (SPOILER) Die Grundidee des Stücks ist so grandios wie spannend, denn wo sich diese drei Personen - ein Mann und zwei Frauen - befinden wird dem unwissenden Zuschauer gleichzeitig elegant vorenthalten und vorgehalten. Nur durch "Gags" über die Temperatur, das Fehlen eines Marterpfahls und wunderschöne Mauerschauen (Teichoskopie) in die Welt der Lebenden wird klar, dass diese drei armen Seelen sich in der Hölle befinden. 

Nun beginnt ein peinliches Machtspielen der Figuren umeinander. Alle drei sind nicht zu unrecht an diesem prekären Ort und spielen dem Zuschauer vor, warum sie würdig sind "hier" zu sein. Joseph war zwar idealistischer Reporter, der dafür umkam, aber er war zum Beispiel feige und sehr schlecht zu seiner Frau. Eigentlicher Kern der Handlung ist aber, dass man herausfindet, dass die Strafe dieser "Hölle" eben nicht in der physischen Folter liegt, sondern in den Verurteilungen und der Missgunst der anderen, ihrer Heucheleien und Konkurrenz.

In jedem Fall - das Stück ist anders und unterhält. Vom Hocker reisst es allerdings nicht und das berühmte Diktum "Die Hölle - das sind die anderen" hat einen wahren Kern, aber für mich auch etwas Verwerfliches. Es ist nichts Konstruktives hinter diesem Statement und es verführt dazu die anderen für alle das Übel auf der Welt verantwortlich zu machen. Wenn man von einer besseren Welt träumt, wäre es schöner gewesen hervorzuheben, dass die anderen auch das Paradies sein können und jeder dem anderen ein Engel...  oder wie Brecht sagte: "Eine Welt, in der der Mensch dem Mensch ein Helfer ist". 

Dienstag, 10. August 2021

Western-Homage à la Terentino: "Once upon a time in Hollywood"

 Die Zutaten dieses unterhaltsamen Films sind: 

1. Western Zitate (Cliff bei den Hippies)

2. Film im Film (Durchbruch der 4ten Wand beim Filmdreh des Western mit Rick)

3. Erzähler

4. Übertreibung und Nonsense (Bruce-Lee, Aggro-Hippies, Flammenwerfer)

5. Belanglose Nebenrollen (Sharon)

6. (Angelesen: Realitäts-Remix...Es geht um die Manson Morde)


Typischer unterhaltsamer Terentinofilm. Kann man machen, wenn man nichts anderes zu tun hat.