Montag, 28. Januar 2013

Fesselnd und berührend - Nietzsche



(UND DER) 

NIETZSCHE 

(- COMIC) 






Unlängst las ich den Nietzsche Comic von Onfray / Le Roy. Im Deutschen ist er beim Knaus-Verlag erschienen. 

Nietzsche als moderner Held 

ER ist fesselnd, berührend.
Wer ist fesselnd und berührend? Ja, inzwischen, nun eine Woche nach der Lektüre, hat die Frage und ihre Beantwortung ein erstaunliches Eigenleben entwickelt. Eigentlich dachte ich, es sei Onfrays und Le Roys Comic. Aber inzwischen denke ich, es ist Nietzsche, der mir durch den Comic viel näher gebracht wurde. Nietzsche. Dieser Held der Moderne. Der Held der Moderne?
Ein paar der ersten Bilder aus dem Nietzsche Comic
Spricht man heute von Helden denkt man zuerst an Superman, Wolverine, den roten Blitz und an alle andern Auswürfe des Marvel oder DC Superheldenuniversums. Wenn man etwas weiter denkt kommen dann vielleicht Gedanken an die Feuerwehrmänner in Fukushima, Katastrophenhelfer an sich, die Ärzte und Krankenpfleger aus Ägypten, die nach Lybien fuhren, um dort ihre revoltierenden Gesinnungsgenossen zu unterstützen. Aber an Nietzsche denken? Diesen verkorksten, griesgrämigen Migränegrübler, der sich nicht außer Haus traute? Dieser Wuchtklotz mit dem wullstig-wuchernden Schnauzbart aus der Jahrhundertwende? Verblüffend, aber ja, genau dieser. 
Nietzsche formulierte seine Gedanken und lebte sie aus. Er verweigerte die passive Konsumhaltung und erforschte mit allem Leidensdruck, der dazugehört, die Möglichkeiten der menschlichen Existenz.
Was macht Nietzsche zum modernen Helden, vielleicht sogar zu dem Helden der Moderne?
Die Helden im literarischen Diskurs sind oftmals Leidende. Genial, aber von Leid begleitet. Genauer betrachtet ist die Genialität sogar, so scheint es, eine Bedingung für ihr großes Leid – je größer das Genie, desto größer die Bürde, die daran gekoppelt ist.
Vielleicht beruht Nietzsches Talent, seine Genialität in seine Weitsicht. Er graste alle Themengebiete der menschlichen Existenz in einmaliger, radikaler und gleichzeitig poetischer Art und Weise ab. Zwischenmenschliche Beziehungen (Der Wille zur Macht), unsere Wahrnehmung (z.B. "Zur Genealogie der Lüge"), Kunst und Kunstverständnis ("Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" / Seine Wagnerkritiken), den Glauben. Immer weiter in die Finsternis getrieben, riss er jede Fassade ein, um zu sehen, was dahinter steckt, woraus es besteht und wie es sich anfühlt, bis, so hat es den Eindruck, die Materie und alles, was er anfasste, selbst vor seinem Geist zerbröselte und sein Schädel zerbrach. Und dann eben noch dieses Meer an Mitgefühl, das ihm zum Verhängnis wurde.
Seine Hassliebe zu den Menschen und die Verantwortung, die er ihnen gegenüber empfindet, ihnen die Wahrheit entgegenzuschreien. Heldenhaft also in jedem Fall das tragische Ende seines Lebens. 

Nietzsches Philosophie - Kurzabriss

Nietzsche schrieb über die Genealogie der Moral( den Ursprung der Moral). Seiner Philosophie haftet etwas krass Elitäres an. So "von Gipfel zu Gipfel, und auf einmal ist da keiner mehr". Oder „mir nach, ich geh da voran mit der Fackel in die Dunkelheit!“ Er hatte zeitlebens schwere Kopfschmerzen, nahm etliche Medikamente dagegen, war eventuell homoerotisch, auch wenn er sich in Lou-André Salome verliebt hatte, hatte eine Dozentenstelle in Basel, bevorzugte es aber anstatt sein Leben ruhig als Dozent zu fristen, lieber Nacht für Nacht zu arbeiten, ohne Ende, bis er Kopfschmerzen bekam, um dann wieder weiterzuarbeiten. Er meinte, der Mensch brauche Lüge, um die schlechte, dem Willen zur Macht unterworfene und in Lügen gefangenen Welt zu ertragen. Oder einen harten Panzer, einen unerschütterlichen Trieb zur Wahrheit und die aktive Bejahung des Lebens. Er meinte: das Leben sei ein Krieg jeder gegen jeden, in Aufnahme von Schopenhauers Denken. Ein Kampf verursacht durch den Willen zur Macht.
Abgesehen davon war er es, der Gott für tot erklärte sowie den Gedanken der ewigen Wiederkunft entwarf. Auch der Übermensch geht auf ihn zurück. Sowie das apollinische und das dionysische Prinzip. Im späten Alter verfiel er in einen Zustand dämmriger Umnachtung. 

Der Comic


Zuerst: Der Comic sei jedem Fan großer Kunst wärmstens ans Herz gelegt. Er ist fesselnd und berührend. Still und ausdrucksstark. Er zeichnet Nietzsches Leben in wichtigen Etappen nach. Man erkennt Konturen seines Denkens und seines Lebens gleichzeitig. Was man aber nicht verliert, ist der Blick auf den Menschen Nietzsche. Nietzsche, nur ein Mensch. Eine gequälte protestantische Seele, die früh am Verlust des Vaters leidet. Denn wie man Kafka als "Ewigen Sohn" denken muss, so muss man auch bei Nietzsche den früh vaterlosen im harten Protestantismus aufgewachsenen Knaben mitdenken, der irgendwie mit einer Art Schuldgefühl auf die Welt kommt und dieses treibt ihn vielleicht sein Leben lang voran.  Und das ist mitberücksichtigt worden.
Die Perspektive des Comics ist zuschauend, kennenlernend, zurückhaltend, beobachtend und beschreibend gleichzeitig. Hier eine Leseprobe



Zum einen als Jungen ohne Vater und zum andern als scharfsinnigen Denker, Schreiber und Formulierer. Denn sein Werk wächst auf dem Boden einer von Anfang an mit Unglück gestraften, empfindsamen und verletzten Seele. „Man darf ihn nicht ernstnehmen“, soll Thomas Mann einmal über seinen Lieblingsphilosophen neben Schopenhauer gesagt haben. Darf man das nicht? Nietzsche nicht ernst nehmen, heißt die Philosophie nicht ernst nehmen heißt eine (höhere) Verantwortung des Menschen füreinander, untereinander und auch gegenüber der Natur nicht ernst nehmen. Das Resultat davon sehen wir in jeder einzelnen Sendung der Tagesschau.

Ohne Worte : Lars Kuhfuss - The Wall 2000


Lessing - Miß Sara Sampson (1755)

1755 erschien das einflussreichste bürgerliche Trauerspiel in deutscher Sprache aus der Feder des aufklärerischen Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing: eine Recherche des Mitleids? 

1. Der Inhalt - ein wenig auf den Kern der Handlung zusammengekürzt

Worum geht es in dem Stück? Es handelt sich um eine Tragödie klassischen Aufbaus. Mellefont, ein Adeliger mit verworrener Liebesvergangenheit, hat sich mit seiner neuen Flamme, Miß Sara Sampson, in einem Wirtshaus abgesetzt. Die beiden sind nämlich auf der Flucht: Sara dabei insbesondere vor ihrem Vater, da die Flucht aus dem Elternhause zeitgenössisch das schwerste Vergehen ist, das eine Tochter begehen kann. Mellefont, weil auch er die Wut des Vaters, aber auch der Gesetzeslage fürchten muss. Sogesehen sind beide auf der Flucht und zwar ins Ausland (Das Stück spielt, wie man an den Namen erkennen kann, in England. Das Fluchtziel des Paares ist Frankreich). 
In dieses Wirtshaus treffen nun die alte Geliebte Mellefonts, Marwood, ein und außerdem der Vater Saras mit seinem Bedienten Waitswell. Die Motive dieser beiden Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein.
Sir William Sampson ist allein mit dem Ziel und dem Wunsch der Versöhnung mit der verlorenen Tochter in dem Wirtshaus eingetroffen. Er ist bereit Sara zu verzeihen und Mellefont als neuen Schwiegersohn zu akzeptieren.
Marwood dagegen möchte Mellefont zurück. Als ihr klar wird, dass sie dies nicht schaffen wird, weil dessen Liebe zu Sara aufrichtig und gleichzeitig beständig aufgeflammt zu sein scheint, entpuppt sie sich zur eiskalten Rächerin, die vor nichts zurückschreckt, um das junge Glück, das sie Mellefont nicht vergönnt, zu torpedieren. 
Nachdem sie mit den konventionellen verbalen Methoden, also Zweifel schüren, Nachbohren, Zwietracht säen mittels der Hilfe verfänglicher Vergangenheits- Gegenwarts- und Zukunftsfragen, scheitert, schreckt sie auch vor Mord nicht zurück und vergiftet Sara. 
Im Hinscheiden kommt es zur absoluten Versöhnung zwischen William, Sara und Mellefont. Mellefont aber sieht seine Teilschuld an Saras Tod unverzeihlich und tötet sich selbst. 

2. Interpretation / Anmerkungen

Was fällt auf beim ersten Lesen? Es ist eine Weile her, dass ich Sturm- und Drang-Dramen gelesen habe und eine derartige Emotionalität, wie sie in Sara Sampson vorliegt, habe ich den Aufklärern ehrlich gesagt nicht zugetraut. Mit andern Worten: Ähnlich wie im Sturm und Drang und auch in der Romantik noch, liegt auch in diesem Stück eine ausgesprochen und aus heutiger Sicht vielleicht übertrieben wirkende Emotionalität vor, die aber anders gepolt ist, als die Emotionalität des jungen Schillers oder Goethes oder eines romantischen Eichendorffs. Deswegen nennt man diese Phase der frühen Aufklärung in der Literatur auch die Epoche der Empfindsamkeit.
Alle Äußerungen der Figuren scheinen einem für mich werktypischen Raster zu folgen. Es geht um die absolute Aussprache jeder noch so kleinen Seelenregung der Figuren auf der Bühne: Zweifel, Ängste, Schuldgefühle, Freude, Hass und Wut - jede noch so kleine Regung der Emotionen, so scheint das unausgesprochene Diktum der Figuren zu sein, an dem sie sich und auch das ganze Stück sich entlanghangelt -  zu sein, jede noch so kleine Regung der Emotionen muss den andern Figuren in aller Offenheit präsentiert werden. Das Stück kehrt das Innerste der Figuren nach Außen. Auch dem Autor des Kindler-Artikels zu dem Werk, Gunter Grimm, scheint es ähnlich ergangen zu sein, wenn er dort festhält: 
"Die gefühlvolle Prosa des Stücks spiegelt den psychischen Haushalt, der von reinen Gefühlsaussagen bis zu geradezu sophistischer Gefühlsdialektik reicht [wieder]." 
Dies mag wiederum an der Funktion des Dramas liegen, die der katarsis-Theorie Aristoteles folgt. Zum einen sollen die Zuschauer von allerlei Affekten gereinigt werden, indem sie anhand der Identifikationsfiguren auf der Bühne fiktiv und doch ergreifend miterleben können,  was den Menschen auf der Bühne Fürchterliches passiert. (vgl. Lessings Theorie der "zwei Saiten" in einem Brief an Mendelssohn bzw. die neurophysiologischen Erkenntnisse der sogenannten Spiegelneuronen). 
Zum andern zielt das Stück auf Befriedung, Toleranz und Mitleid. An dieser Stelle ist zu vermerken, dass Lessing dem literarischen Diskurs um die Gattung Drama eine entscheidende Wende brachte. Die zentralen Begriffe mit Hinsicht auf die WIRKUNG einer Dramenaufführung galten nach Aristoteles und Gottsched als elois und phobos oder Bewunderung. Lessing behielt diese Komponenten in seinen Dramen zwar noch bei, aber er nahm eine Neugewichtung vor und machte das Mitleid zur zentralen Kategorie der Wirkung des Dramas. Denn gerade "der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch", so schrieb Lessing 1757 an Friedrich Nicolai, "zu allen gesellschaftlichen Taten, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste." Hier spiegelt sich - und es ärgert mich, dass ich das in meinem Staatsexamen nicht hingeschrieben habe, obwohl es im Kopf dagewesen war, die Mitleids-Theorie Jean Jaques Rousseaus wider. Nach der "kühlen" Rationalität des Barocks (man denke nur an die Gartenbaukunst) führte seine Philosophie den Menschen "zurück zur Natur", und natürlich, so wäre es, mitleidig zu sein. Von daher sei das Wesen des Menschen gut und in seiner Philosophie lässt sich ein ordentliches Stück des grundliegenden Fortschrittoptimismus' der Aufklärung widerfinden. Außerdem wird Lessings Miß Sara Sampson zu einem Bestseller der literarischen Strömung, die sich "Empfindsamkeit" nennt (neben Lessing sind hier noch Gellert, Kloppstock und in Spätformen dann Goethes Werther und Schillers Kabale und Liebe zu nennen).

Mit Bezug auf Miß Sara Sampson bedeutet das in etwa Folgendes: Der Rezipient soll die Freude der Versöhnung und die damit verbundene Seelengröße des vergebenden Vaters Williams ebenso miterleben können, als auch dessen Verlustschmerz um die sterbende Tochter. Ersteres diene zur vorbildhaften Bewunderung, Letzteres zur Abschreckung, da der Rezipient die Leiden hervorrufenden Konsequenzen niederträchtiger gewaltvoller Handlungen vor Augen geführt bekommt.
Beiderlei Absichten sollen Lessings Dramaturgie zufolge aber durch das Mitgefühl, die Einfühlung bewirkt werden, da das Mitgefühl die Menschen pragmalinguistisch betrachtet für eine Erziehung und aufklärerisch wirkende Literatur- oder Literaturbetrachtung öffne. 
Festzuhalten ist diesbezüglich jedenfalls auch noch, dass eine typisches Merkmal der aufklärerischen Literatur zum einen die Lust am Erklären  von Handlungsmotiven ist - selbst von Bösewichten - und zum andern damit verbunden auch eine streng logische, präpsychologische Kausalitätenrecherche darstellt. 


Erpressung und angedeuteter Kindsmord: Die Marwood - Medea mit Tochter Arabella bei einer Inszenierung in Luzern
3. Zitate

"Die Wespe, die den Stachel verloren hat, kann doch nichts weiter als summen" (Mellefont zu Norton, IV, 3) 

Weitgefehlt, lieber Mellefont, wenn sie ihr Gift auch ohne Stachel einzusetzen weiß...Mit andern Worten: Hier ist einer der typischen Momente des Dramas nach aristotelischer Auffassung: Es findet eine hamartia statt: Der Held, oder eine der Hauptfiguren, begeht einen folgenschweren Fehler, der in der Tragödie zum tödlichen Ausgang für mindestens eine der beteiligten Figuren, zur katastrophe, führt. Mellefont überschätzt sich und unterschätzt die Marwood. Wie in anderen Stücken leidet der Charakter hier an hybris. Denn: „Der Dolch war für andere, das Gift ist für mich“

4. Form: 

  • Prosa
  • Einheit der Handlung: Schicksal des jungen Paars Sara / Mellefont
  • Einheit des Ortes: Nein: zwei Wirtshäuser
  • Einheit der Zeit: in etwa ein Tag
  • Ständeklausel? Niederer Adel ( = bürgerlich: SIR William Sampson, MISS Sara Sampson), aber keine Kaiser, Könige oder ähnliches: ermöglicht Identifikation des höfischen Publikums mit dem Geschehen auf der Bühne. 
  • Fortschritt gegenüber heroischem Trauerspiel: Die Konflikte spielen nicht auf hoher Staatsebene und sie sind auch nicht mehr schicksalsbedingt: Die Konflikte spielen im familiären Intimbereich und die Katastrophe ist durch Mellefonts "ehemalige Ausschweifungen" selbst herbeigeführt, nicht durch ein übermächtiges Schicksal.
  • Motivverflechtungen: 

  1. Umkehr und Variation des Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas-Evangeliun) - absoluter Bruch mit normativer Rollenerwartung zu einer Vaterfigur in vorliegender Situation.
  2. Ein Beitrag zum retardierenden Moment: Vom Saulus zum Paulus: Mellefonts Charakterwandel und Gesinnungsprobe bis in den Tod
  3. Bezug auf griechisches Altertum: Marwood stilisiert sich selbst als "neue Medea" (II,7)


Samstag, 19. Januar 2013

DIE UNSICHTBARE (Christoph Ransmeyr)

KHG - Theaterinszenierung, Januar 2013

"Triade an drei Stränden"

Während dem lernen grammatisch-syntaktischer Gegebenheiten der deuschen Sprache streute sich diese Inszenierung in mein Leben ein...Zugegeben: ich hatte zu schlechte Laune für ein postmodernes Stück: den postmodernen Stücken hängt immer - ob sie es wollen oder nicht - unsere Livestyle-Problematik an, und damit erinnern sie mich an die Probleme, die ich doch eigentlich im Theater manchmal vergessen möchte. Daher mag ich die zeitlosen Klassiker lieber: sie gleichen mir mehr einer Oase der Vernunft, da sie mich aus der mir gewohnten Realität in eine imaginäre Wirklichkeit hineinversetzt, die dennoch die Probleme meines Lebens wiederspiegelt. Kurzgesagt: klassische Stücke: irgendwie mehr Distanz, Chance zur Katharsis. Postmoderne Stücke: Aktualitätsproblematik.


So, nun aber zum Stück. Die Aufführung selbst mag ich gar nicht so beschreiben - ich würde zwar recht gerne, aber da war doch noch was mit grammatisch-syntatktischen Gegebenheiten...

  • postmodernes Theaterstück: Es wird ein Material herausgesucht und behandelt. Hier: die Theaterwelt als Welt der schönen Träume und Schäume, des Scheins und des Seins. Wortfelder und Metaphern werden als großes Sprachspiel aufgebaut und abgeklappert. Carl, Don Carlos, Carl mit "C", nicht "K", der Beleuchter, der Lichtbringer, der Verführer, Lucifer. "Jeder Irrweg beginnt mit einem Irrlicht, mit einem Verführer"
  • Frau Stern: eine Allegorie der gnadenlosen Dekonstruktion: Alles wird kritisch umgebogen, auseiandergerissen und dem Publikum gleich blutigen Innereien entgegengehalten. Dabei nimmt sie eine Schelmenromanperspektive ein und entzaubert die Theaterwelt was das Zeug hällt; Stern - "die Defätistin" in der Theaterwelt?
  • Form: Zirkelschluss. Wieder lässt sie sich abschleppen.
  • Stern am Ende: symbolische Verwandlung in das Buch selbst.
  • Spiegelung der Theaterwelt und der Kinowelt - des Schicksals der antiken Königin Alcyone und König Ceyx. Bzw: All der Kitsch und "faule Zauber", den Stern am Theater kritisiert, den begrüßt sie mit beiden Armen im Medium Theater. 
  • Die Symphathie - wo soll sie stehen? Bei der aufgeklärten Suffleuse oder bei den sich selbst feiernden Theaterleuten? Sie wandert, mindestens. 
  • Frage, die sich auftut: Warum geht sie nicht einfach aus dem Theater wieder raus? 

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Im Plattenregal unserer katalunischen Nachbarn

Im November war ich eine Woche mit meinem Freund Friedie mit Rucksack, Skateboard und Radio zwischen Barcelona und Tarragona unterwegs. Dort trafen wir auf soviel Neuartiges, machten soviele Entdeckungen und Impressionen, von denen ich nur zwei hier festhalten möchte. Sie betreffen beide die Musik, die wir angetroffen haben.

Zum einen empfahl uns ein älterer Herr und Autofahrer, der uns von Castelldefell nach Calafell in Katalunien beim Trampen einen Lift gab Isabel Pantoja: Yo soy esta (Dies bin ich). Zwischen Opernarie und Seelenoffenbarung, Kitsch und Nationalpathos,  singt diese opulente Dame ihre Identität in tiefer Theatralik, großer Geste, mit großem Stolz und großem Schmerz in das Publikum hinein.


In Tarragona waren wir mit dann Carla weg. Eine Biologin, die an der Purifizierung von Wasser arbeitet. Hochspannend. In einer der Kneipen, in denen wir landeten, lief nur Surfrock. Aufgelegt wurde mit Platten. Ein Plattencover musste mir ins Auge springen: Los Pioneros del Rock. Was für ein Name. Was für eine Band:


Impossant war vielleicht noch zum dritten eine lokale Trommelgruppe, die auf dem Platz am Fuße der Treppen zur alten Universität in der Altstadt ihre wöchentliche Trainingseinheit absolvierten. Unbezahlbare, unreproduzierbare Folklore. In Würzburg undenkbar. Dort schöne, bunte, gelebte demokratische Realität.
Wunderbar, wie viel es in der großen weiten, nichtdeutschsprachigen Welt zu entdecken gibt!

Dienstag, 18. Dezember 2012

Schillers Don Carlos - Intrigen am Hof


Alba, Philipp und Domingo

1787 wurde Schillers Jugenddrama "Don Carlos, Infant von Spanien" uraufgeführt. Es geht darum um einen Vater-Sohn-Konflikt gewaltigen Ausmaßes in den der Plutarch-Leser noch einiges an zeitgenössischen Gedankengut versenkte. Die Werkstattbühne brachte das Historiendrama sehr werktreu auf die Bühne. 

 

1. Ausgangssituation, Grundkonflikte und Nebenkonflikte

Philipp II. regiert mit eiserner Hand über ein Imerpium. Die Mutter des Thronfolgers - Don Karlos - starb bei dessen Geburt, der König vermählte sich mit der hübschen französischen Königin  Elisabeth de Valois. Die Trauung und der Umzug der französischen Prinzessin sind noch nicht lange her, als sich die Region Flandern gegen die Fremdherrschaft auflehnt. Dies ist die Ausgangssituation des Dramas, in das Schiller drei wesentliche Konflikte einbaute: 

1. eine unmögliche Liebe: Don Carlos ist in die Königin, seine neue Stiefmutter und die Frau seines Vaters, verliebt.
2. zwei Arten zu regieren: Philipps Politik baut auf Unterdrückung sowie Kontrolle durch Angst und Bestrafung. Carlos dagegen träumt von einer Regierung, die auf Vertrauen, Schonung und Offenheit gegenüber den Unterthanen ausgelegt ist. Eiserner Despotismus trifft also auf aufklärerische Tugendherrscher-Ideale
3. Staats-, Politik- und Machtkalkül, Strategie und Intriganz trifft auf Wahrheitsliebe, Sturm und Drang und Empfindsamkeit.

Zu diesen drei Hauptkonflikten, die das "dramatische Knäul" der Handlung liefern kommen noch Seitenverstrickungen hinzu: 
Elisabeth und Eboli
Zum einen Vertrauen und Verrat seitens Posas und Carlos, die Jugendfreunde sind und Posa steht in der Schuld Carlos. Zum andern die Unentschlossenheit der Königin als Frau oder als Diplomatin aufzutreten (im Übrigen scheint es mir unklar geblieben zu sein, ob, wie und auf welche Art und Weise sie Don Carlos liebt). Außerdem spielt auch ein Eifersuchtsdrama eine wesentliche Rolle, die zum dramatischen Untergang des Infanten beiträgt: Prinzessin Ebolie verliebt sich in Carlos und macht ihm den Hof. Als dieser sie abweist, wittert sie die verbotene Liebe und tut alles erdenkliche, um Beweise für das Liebesverhältnis in ihre Finger zu bekommen, die sie dem König zuspielen möchte. Liebe ist in Hass umgeschlagen.
Schließlich sei am Rande noch erwähnt, dass auch die Machtbulereien der Vasallen des Königs, seiner Marquise, eine Rolle in dem Stück führen. Triebfeder aller Handlungen des Herzogs von Alba ist sein Bestreben, die rechte Hand des Königs zu sein und zu bleiben. Ähnlich scheint es mit Domingo zu sein, der nur in der Gunst des Königs bleiben und steigen möchte. 
Insgesamt entsteht so ein familiäres Beziehungsdrama im Dunstkreis der Macht am spanischen Hof. 

2. Die Figur des Carlo: Fehlen der "Ziviliserung" nach Kant ?

Hamartia des Hauptprotagonisten, Karlos, ist sein Überschwang. Seine Motive sind gut - dementsprechend genießt er die Sympathie des Zuschauers - doch die Art und Weise ihrer Umsetzung stellt das Drama durch seinen katastrophalen Ausgang in Frage. In das Stück sind viele Werte der aufklärerischen Erziehungsphilosophie Rousseaus und Kants eingearbeitet. Da Schiller selbst begeisterter Kantrezipient war, und der Schriftsteller viele seiner theoretischen Gedanken in das Reich der Literatur sprachlich herausgeputzt transferierte, lohnt es sich Karl einmal durch die Brille der pädagogischen Philosophie Kants zu betrachten.

IMMANUEL KANTS Bildungskonzept (nachzulesen in der Schrift "Über Pädagogik") zielt auf Autonomie und Mündigkeit. Der  mündig und autonome Mensch muss sich selbst (nach Disziplinierung, Kultivierung und Zivilisierung) dazu entschließen das moralische Gesetz als seine lebensregierende Maxime anzuerkennen. Dazu dient ihm ein Leben nach dem kategorischen Imperativ. Karlos ist ein Vertreter dieser moralischen Bildung. Er setzt sich über die geltende Moral hinweg und stellt ihr eine eigene, philosophisch autonome und herzgegebene Moral entgegen. Innerhalb der Stufen der Erziehung nach Kant hat er also die Stadien der Disziplinierung, der Kultivierung und der Moralisierung erfolgreich durchlaufen. Allein ein Manko haftet dem Charakter an, um aus dem bestehenden System herausgeworfen zu werden: 

Durch die Disziplinierung soll die menschliche Wildheit bezähmt werden. Durch die zweite Aufgabe der Erziehung, die Kultivierung, soll der Mensch Geschicklichkeit "zu allen beliebigen Zwecken"
erlangen (z.B. ein Brotmesser zu gebrauchen, eine Holzgrippe zu schnitzen, etc.), während die dritte Aufgabe, die Zivilisierung, den Menschen klug machen soll, was bedeutet, daß der Mensch " ... Manieren, Artigkeit und eine gewisse Klugheit [erlernt], der zufolge man alle Menschen zu seinen
Endzwecken gebrauchen kann" (Päd Bd. XII, A 24). Dies nennt Kant auch die Herausbildung der "pragmatischen Anlagen" des Menschen. Die letzte und entscheidende Aufgabe der Erziehung, die Moralisierung, weist über die vorangegangenen hinaus. "Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er lauter gute Zwecke erwähle. Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann gebilligt werden; und die auch zu gleicher Zeit jedermanns Zwecke sein können" (ebda. A 24).

Betrachtet man diese aufeinander aufbauenen Bildungsstufen und überträgt sie auf Carlos, so wird klar, dass ihm eine der pädagogischen Fähigkeiten vollkommen charakterfern ist: die Herausbildung der "pragmatischen Anlagen", bzw. die Zivilierung seines Charakters. Ihm fehlt just jene "Klugheit", die man auch Intriganz nennen muss, der zufolge er "alle Menschen zu seinen Endzwecken" gebrauchen hätte können. Es ist eine Frage, deren Bewertung wissenschaftlich betrachtet offen bleiben muss. 
Festzustellen ist jedenfalls, dass der Infant sich weigert, im Netz der Intrigen mitzuspielen. Anstatt dem Vater gut zuzureden und seine Gunst durch herrscherisches und unterwürfiges Auftreten zu erlangen, wagt er das offene Gespräch und erntet den offenen, unüberbrückbaren Konflikt. Anstatt sich mit Alba zu versöhnen und ihn als Komplizen zu gewinnen, zeigt er ihm seine Missachtung und schürt somit dessen Argwohn und Feindschaft. Damit gerät er zunehmend in Isolation am Hof. 

Wie ist sein Untergang also zu bewerten? Vieles weist darauf hin, Schiller als Sympatisant mit Don Carlos zu verstehen. Er stirbt, wie Posa, den erhabenen Märtyrertod in einem menschenverachtenden Blutherrschaftssystem, dem er sich offen widersetzt. Andererseits kann man Schillers Drama aber auch so lesen, dass es Karlos wildes, stürmisches und ungebändigtes Auftreten zur Diskussion stellt, indem das Resultat des Dramas doch Karlos Untergang ist. Ich möchte hier nicht entscheiden, die Ambivalenz der Bewertung der "Heldenfigur" soll nur angesprochen werden. 


3. Inszenierung

Insgesamt war die Inszenierung recht düster und atmosphärisch gehalten. Das Bühnenbild war sehr reduziert und abstrahiert. 
Interessant war der Einfall, eine Gefängniswand durch den Raum verlaufen zu lassen. Symbolisch müsste er in jeder Szene so interpretiert werden, wer wann auf welche Art und Weise "Gefangener am Hofe" oder "Gefangener des herrschenden System" war...Einzig andere REquisite war ein Stuhl und zwei Stuhl-Tisch-Elemente, die je nach Verwendung alles darstellen konnten: Stuhl, Tisch, Bank, Bett, etc.  Modernisierend sollte wohl die Installation von drei Überwachungskameras wirken, die die aktuelle Überwachungsstaatsthematik kritisch auf der Bühne etablierte. Dies schien mir konzeptuell nicht so gelungen oder ausgereift, ästhethisch machte es aber einiges her, da die Bilder auf vier den Zuschauern zugewandten Monitoren präsent waren. Einfach gesagt: Es sah super aus. 
Domingo und Alba orientierten sich an Schlange und Löwe. Auch dies gelang den Schauspielern gut. Sehr gut spielte die Königin. Kühl, nüchtern und sprachlich sehr gut. Zu bemängeln ist etwas, dass das Stück in einem Rhythmus durchfloss, bzw. durchjagte. Zweifelsohne, Schillers Dramatik ist eine rasante Dramatik. Aber das Tempo und die rhytmische Eintönigkeit verlangten dem Zuschauer doch einiges ab und es war nicht immer leicht, allen Nuancen der Handlung, Intrigen und Sprache zu folgen (was natürlich auch an Schillers Sprache liegt). 
Ein musikalischer Patzer war dabei. Ein High-Voltage Dub-Step Song passte nun doch gar nicht ins Geschehen. Auch ein Katana in die Welt der spanischen Frühneuzeit einzubringen ist doch fragwürdig. Die Szenenübergangsmusik war dagegen sehr gelungen (Sie ist auch im Trailer zu sehen). 

Fazit: Auch wenn es Laientheater ist, ist es dennoch eine junge, gewagte, spritzige und geladene Aufführung gewesen, der ich gerne gefolgt bin. 



Sonntag, 16. Dezember 2012

Strindberg: Der Vater (Kammerspiele, Mainfrankentheater Würzburg)

Empfehlenswert: Das Stück, die Schauspieler (Einzeln und im Ensemble), die Inszenierung, die Szenographie und die Thematik. 


Baptistin und Amme
Auf der kleinen Bühne des Mainfrankentheaters (Kammerspiele, etwa 80 Ssitzplätze) inszeniert(e) die Schauspielgruppe Strindbergs psychologisches Charaktertrauerspiel "Der Vater" (UA 1887).

Inhalt:
Aus einer banalen Erziehungsfrage entwickelt sich ein heftiger Ehekrieg. Die Frau des intellektuellen, fortschrittlich wissenschaftlich aufgeklärten Rittmeisters und Familienvaters, Laura, eine Schlange, ist nicht zufrieden mit der Idee des Vaters, die gemeinsame Tochter Bertha in die Stadt ziehen zu lassen, auf dass sie dort eine Lehrerausbildung absolviere. 
Sie spinnt also eine Rufmordintrige, bei der sie vor nichts zurückschreckt - Ihr Ziel ist es, den Vater für unmündig erklären zu lassen. Also streut sie zum einen beim Arzt Gerüchte, dass ihr Gemahl geisteskrank sei, zum andern pflanzt sie bei ihrem Gatten den Gedanken ein, dass seine Tochter gar nicht seine eigene, leibliche Tochter sein könnte...
Frei nach dem Motto "alisquid semper restuit" läuft das Ganze zunehmend aus dem Ruder. Der Vater, ein mächtiger (auch gesellschaftlich bedingter) Patriarch, befindet sich in einem Untergangsgemetzel. Er muss sich verteidigen, was ihm Mal um Mal mit Bravour gelingt (ein imposanter Charakter, vorzüglich geschauspielert), bis er aber eben selbst an seiner eigenen Vaterschaft zweifelt.
Ein Drama entpuppt sich zwischen den Polen "die Geister, die ich rief" und "crime does not pay", "sieh, was du angerichtet hast!", während man als Zuschauer noch die psychologische Beschaffenheit der anderen auftauchenden Figuren bestaunen kann (der Pastor, die Amme, der Doktor). Ein Charakterdrama, ein Zukuck-Drama, ein Stück um Macht, Verrat und Ehestreit.

Inszenierung
Die Inszenierung war modern. Alle Charakter müssen sich z.B. durch eine Vagina auf die Bühne quetschen, was das fränkische und durchaus auch alte Publikum aber wohlwollend annahm. "Macht" wurde mit "oben" symbolisiert, also auch mit "erhöht", weswegen es eine hässliche, ungeschmückte Holzrampe auf der Bühne gab,  auf der sich vorwiegend der Vater in seinem Regnum bewegte, bis er untergeht. Ohnmacht mit "unten". 
P.S.S: Ein Gag? Dass der Vater selbst Strindberg ähnlich sieht?
Alle auch farblich markierten Gegenstände auf der spärlichen Bühne sprechen selbst als Symbole mit und nehmen Bezug auf das Geschehen. Verfremdung spielte sowohl beim Bühnenbild als auch im Schauspiel, z.B. bei der Präsentation bestimmter Handlungsskripts, eine große Rolle ( z.B. "Vater-Tochter-Gespräch" auf einer Rampe mit einem albernen neongrün angemaltem Holzpferdchen im Hintergrund). Gernell war alles im rechten Maß gehalten und somit entstand ein recht rundes, angenehmes Stück.

Nochmals Danke für den schönen Abend und wirklich eine Weiterempfehlung. 


P.S: Zwei andere Bühnenbilder desselben Stücks im Vergleich: