Montag, 22. Februar 2016

Woran scheitert das Sequel von Total Recall 2012?

Eigentlich ist es schade um den Film. Die Idee, die Welt durch einen bioatomaren Vorfall unbelebbar zu machen und nur zwei Enklaven - Groß Britannien und Australien - übergelassen zu haben, ist ja eine interessante, wenn auch verwirrende Zukunftsvision. Beide Inseln durch eine Art perpetuumobilischen Aufzug ("The Fall") mitten durch den Erdkern miteinander zu verbinden ist ebenso kurios. Ähnlich verhält es sich mit der Entscheidung, das koloniale Erbe Australiens wieder ins Gedächtnis zurückzurufen und Australien als "Kolonie" zu bezeichnen, in der die Arbeit gemacht werden muss und ein roter Geist herumgeht, wie Marx sagen würde. Und um das ganze komplett komplex zu machen, setzen wir in diese Welt einen Helden, der sich einen Erinnerungsfilm von der Firma Total Recall geleistet hat und nun nicht mehr weiß, ob er gewöhnlicher, ehrlicher Arbeiter und zukünftiger Bräutigam und Vater sein möchte und sich einen Trip als Geheimagent geleistet hat, oder ob er Geheimagent war und buchstäblich von einem gewöhnlichen Leben geträumt hat. 
Also alles in allem jedenfalls ein großer Topf, aus dem ein Film anstrengender aber auch guter Film gegossen werden könnte. Aber da scheitert es dann vor allem an zwei Dingen: an Demut und Rhythmus. Der Film ist zum einen viel zu dick aufgetragen, da alles ala Hollywood bombastisch und supermodified sein muss. Er will einfach zu viel von allem. Nur Sahnetorten, immer wieder immer mehr Sahnetorten. Zum andern lässt er überhaupt keine Sekunde zum Durchschnaufen, um über Charakterentwicklungen, die schöne Welt oder die Aufstandsproblematik nachzudenken. Stattdessen hechelt man mit den Hauptfiguren durch eine einzige schier endlose Verfolgungsjagd, in der ständig geschossen, geschlägert und gefallen wird (Total Freefall?) und ärgert sich über die stereotypen Figuren und das aufgeblasene Effektgeballere. Schade, denn gerade die Welt, die die CAI-Umgebungsbauer gebaut haben, ist wirklich atemberaubend! 
Unterm Schnitt also lieber ein Abraten von diesem Film. 
 

Montag, 4. Januar 2016

Actresses - Der Schweigende hört

Excellente Charakter- und Beziehungsstudie:


https://www.shortoftheweek.com/2015/12/28/actresses-by-jeremy-hersh/

Bewunderung, Ambition, Schüchternheit trifft auf Selbstsicherheit, Toughness, Raisoniertheit und entwickelt sich zu...spoiler Alarm...Selbstobsession und Kommunikationsschwierigkeiten.

Freitag, 1. Januar 2016

Meister Puntilas zwei Gesichter

Brecht hat wirklich viel geschrieben. Ich habe bisher wirklich viel von und über Brecht gelesen. Aber dieses Stück, das mir als Lieblingsstück einer teuren Freundin angepriesen wurde, überzeugt jeden Brecht-Muffel und Theaterskeptiker von der Qualität des Augsburgers und den Brettern, die die Welt bedeuten (und keine Skateboards sind).

Inhalt (in Auszügen):


Matti: So könnens einen Menschen nicht behandeln.
Puntila Was heißt: einen Menschen? Bist du ein Mensch?


Meister Puntila ist ein ausgesprochen wohlhabender Gutsbesitzer im Tavastland in Finnland. Er hat eine unvermählte Tochter, die er unter die Haube bringen möchte und genügend Ländereien, Kühe und anderen Wohlstand, um eine ordentliche Mitgift zu veräußern. In Aussicht steht für die potentielle Erbin steht ein Attaché, ein Regierungsgesandter, der wohl sehr verschuldet ist und auf einen Wald Puntilas aus ist. Im Gegenzug würde Puntila und seine Familie in den höchsten Kreisen (den Regierungskreisen) Einzug erhalten.
Doch Brecht geht es nicht nur darum, diese Ehegeschichte aus dem hohen Adel zu erzählen, so wie es in Anna Karenina auch sein könnte. Als Theaterrevoluzzer und postmoderner Autor "avant la lettre" ist sein Stück so vielschichtig, dass neben den Querelen der hohen Leute natürlich auch die Nöte und Begierden des kleinen Mannes zur Schau gestellt werden. Sei es Hunger, das Ausgeschlossensein von Entscheidungen, die Notwendigkeit der Arbeit, das Ausgeliefertsein gegenüber den Führungseliten, die Angst vor dem "ehrlichen" Sozialismus, Hochzeitsbräuche und das Problem an staatlichen Alkohol zu kommen: Brechts Stück geht von einer überschaubaren Lustspielfabel aus, die mit allerhand gesellschaftskritischen Zierwerk zwischen dem Kampf ums Überleben auf der einen Seite und der Alkoholsucht Puntilas auf der anderen Seite garniert wird. Dabei wird natürlich ordentlich verfremdet, viel geschimpft, sarkastisch verdichtet und genial gesungen. Ein Meisterwerk! 

Und die Inszenierung an der Theater Werkstatt Würzburg: Unbedingt anschauen! Glänzende Besetzung, hervorragendes Schauspiel, brecht'sche Werktreue und eine ansprechend-gelungene Szenographie!

Leseprobe: http://www.suhrkamp.de/download/blickinsbuch/9783518188507.pdf

Montag, 28. September 2015

Ob Himmel oder Hölle - Es liegt im Auge des Betrachters


Hier der Link zum animierten dänischen Kurzfilm The Saga Of Biorn (2011)

Synopsis:

Biorn will nach Walhalla kommen. Dafür muss er heldenvoll im Kampf sterben. Gelingt ihm das nicht, käme er nach Helheim - die himmlische Version einer Altersresidenz. Nach vielen gescheiterten Versuchen sieht er seine Chance, als ein nordischer Trolldämon ein Nonnenkloster aufreibt. Beim Kampf gegen den Troll stirbt Biorn tatsächlich auch. Als sein überirdischer Körper bereits auf dem Weg nach Walhalla ist, beerdigen die Nonnen in stiller Dankbarkeit die irdischen Überreste des Wikingers nach christlichem Brauch. Die Folge für Biorn im Jenseits: er kommt nicht in das von ihm herbeigesehnte Walhalla sondern in eine Version des christlichen Paradies

Didaktisch verwertbar:

- Ähnlichkeiten von Religionen: transzendente, soteriologische und eschatologische Komponente. (the rotating afterlife wheel)
- die Gemachtheit von Religionen (Die Art der Bestattung bestimmt die Art des postmortalen Verbleibs ohne ein Wissen darüber, ob es wirklich so ist)
- der Postmoderne Umgang von Kunst mit Tradition: Alles ist Material, das bearbeitet wird, um zu unterhalten. Postmoderne Kunst ist inhaltsleer. Ihre Meinung ist absoluter Werterelativismus)
- Schwierig: Gewaltdarstellungen, wenn auch durchwegs komisch durch Überzeichnung (der Film geht immer bis ans Ende), so doch auch verharmlosend und disrespektierlich (§ 1 GG: Ausnahmeregelung durch Kunst? )
- Kontext: Missionierung im Norden?
- Erwartung und Erfüllung
- Erzählverhalten: Rahmenhandlung (Wunsch und Verwirklichung des Wunsches durch Biorn), teil davon Exposition, dann Vorgeschichte (Kämpfe mit andern Kriegern), retardierendes Moment (Niedersinken im Schnee), Höhepunkt (Kampf mit dem Riesentroll), pointierter Schluss (Happy End als Katastrophe)
- Stereotypisierung (der asiatische Kämpfer, der Zwerg, das personifizierte Böse, der saufköpfige Wikinger)

Ähnlichkeit:

ESMA: "Dans La Tête" - vor den Pforten des Himmels

Alter Hase mit frivolem Stil - Joachim Fuchsberger: "Denn erstens kommt es anders..."


In einem Satz: weitreichende Autobiographie des Schauspielers, Showmasters und Fernsehproduzenten Joachim Fuchsbergers, beginnend mit den Schatten des Zweiten Weltkriegs als Luftraumbeobachter und Fallschirmguerillia, über die Zeit nach dem Krieg und die wilden Anfänge im Showbusiness, bishin zur Entdeckung der Liebe, des Segelfliegens, der Krankheit und des Leids hin zu einem Lebensabend in Australien in selbstbewusstem, süffisantem Stil. 

Prädikat: Unterhaltsam und breitgefächert.

Balance - Kurzfilm. 1989.

Fünf Personen auf einer Plattform im Nichts, die nur dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft folgt, denn je nach Gewichtsverlagerung auf der Plattform, kann diese in Schräglage geraten und kippen (Bild anklicken -> youtube Version)

Plot:

Die Figuren bewegen sich von der Mitte aus ringförmig ausstrahlend und gleichmäßig an den Rand der Plattform. Dort angekommen, packen sie Teleskopangeln aus und Angeln etwas aus dem nicht sichtbaren "Unterhalb" der Plattform. Einer der Figuren gelingt ein großer Wurf, so scheint es. Er zieht eine dicke verschlossene Spieltruhe auf die Plattform. Man kann sie ankurbeln und sie macht Musik. Nun kann einer nach dem andern Musik hören, je nachdem, wie sich die Figuren bewegen. Immer nur für eine kurze Zeit.

Eine der Figuren wird egoistisch und kickt die andern von der Plattform, um das Hörererlebnis nicht mehr teilen zu müssen. Er bleibt allein auf der Plattform zurück, hat aber nichts von der Truhe - denn sie befindest sich schließlich, als Gegengewicht zu ihm, auf der exakt anderen Seite der Plattform.

Art:

Symbolischer Stop-Motion-Film

Interpretation:

abstrakte Darstellung des Umgangs mit Ressourcen und lehrreich insofern, als man darüber reflektieren kann, inwiefern es interpersonale Zusammenhänge gibt, die die Welt im Gleichgewicht halten und inwiefern blanker, übertriebener Egoismus die Welt aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Wäre es besser gar nichts gehabt zu haben?
Wie hätte man anders mit der Box umgehen können?
Völlig andere Balance über Selbstgerechtigkeit und Verlogenheit von Führungseliten: Balance von "Doppelkopf"


Donnerstag, 17. September 2015

All About good Deals: Lawrence Kohlbergs Stufenmodell in Game of Thrones:

Inwiefern findet man Kohlberg in Game of Thrones wieder?

Mord und Tyrion Lennister in der Wolkenzelle - Die Veranschaulichung ethisch-moralischen Urteilen in der untersten Stufe

In der ersten Staffel wird Tyrion Lennister nach Eyrie verschleppt und wartet dort in einer Himmelszelle auf ein weiteres Vorgehen. Dabei wird er vom Kerkermeister "Mord" behütet.
Zwischen dem wohlerzogenen, gebildeten Halbwüchsigen aus dem reichsten Adelshaus der sieben Königreiche und dem Kerkermeister besteht ein sehr großes Intelligenzgefälle. Lennister besticht durch Cleverness, Smartheit und Redegewandtheit. Mord dagegen reagiert nur, so scheint es, auf den ersten beiden Stufen nach Kohlbergs Stufenmodell des moralischen Lernens aus kognitiv-konstruktivistischer Sicht.

Die erste Stufe betrifft ein Handeln, das aus rein egozentrischer Sicht nur auf Strafe und Belohnung, also auf Konformität mit den Anforderungen der Autoritätsperson ausgerichtet ist. Mord handelt nach den Befehlen der Gräfin. Erfüllt er sie, bleibt er frei von Strafe.

Lennister ermöglicht es ihm, die zweite Stufe der Moralentwicklung zu erreichen. Diese ist nach Kohlberg immer noch egozentrisch, allerdings bezieht sie den Egoismus als Intention des anderen mit ein. Dem Handelnden geht es in dieser Stufe darum, einen "guten Deal" mit dem Gegenüber zu erzielen, der ihm einen persönlichen Vorteil verschafft. Tyrion kann dies sehr gut demonstrieren und aus Mord herauskitzeln. Er besticht ihn mit dem Gold der Lennister, bzw. führt ihm vor Augen, was ihm blühen könnte, wenn er ihm entgegenkommt. Zwischen beiden findet ein Deal statt. Gold gegen das Versprechen, ein Geständnis vor dem versammelten Hof ablegen zu dürfen (anstatt in der Himmelszelle zu schmachten).

Im Übrigen wiederholt Tyrion diese Gesprächsstrategie. Mit seiner Eloquenz gleicht er seine mangelnde physische Überzeugungskraft und Stärke aus, als er von Shagga und seinen Männern in den Hügeln überfallen wird (9. Episode): Hier bietet er dem Clan Gold und Waffen an.


Für eine Handvoll Dollar: Shagga Anführer des "Stone Crow"-Clans
"Tyrion and Bronn have reached the western edge of the Vale and are surrounded by members of the hill tribes, led by a fearsome warrior named Shagga. At first he orders them to be killed, but Tyrion does some fast-talking and convinces the hill tribes that House Lannister is an enemy of the Vale and its rulers. He proposes an alliance which will allow the tribes to enact vengeance against the Vale and get them properly armed and armored for war. They eagerly agree, and escort Tyrion and Bronn  westwards towards where the Lannister armies are gathering. "

Nun lässt sich ohne Weiteres nachvollziehen inwiefern die Aufklärer keine Probleme damit hatten, von einem "dunklen Mittelalter" zu sprechen, das in GOT exemplarisch rekonstruiert wird.  Beherrschten hier doch reiner Egoismus und "instrumenteller Hedonismus" die Handlungen der Mächtigen. Ganz anders der Traum der Aufklärer und Humanisten - dass man anstatt an sich an die Gesellschaft, ja die ganze Weltgesellschaft bei seinem Handeln vor Augen hat. Man sagt, die Idee des Humanismus sei gescheitert- zumindest die Ideen leben jedenfalls weiter.


Im Übrigen könnte man Kohlbergs Ansatz auch auf Thomas Mann übertragen - hier ist die Rede von "einer guten Partie", die die Tony Buddenbrooks  bzw. ihre Tochter macht oder nicht macht und die Frage nach der Intention des Autors hinsichtlich des dargestellten Scheiterns der Figuren hinsichtlich dessen, was man ein "gelungenes Leben" nennt.