Sonntag, 26. Dezember 2021

Nimrod Danishman: „Grenzen" (2018) oder "What is love?"

 


Handlung: 

Das Mainfrankentheater hat die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks "Grenzen" auf die Bühne gebracht. Es geht darin um Boaz und Georges, einen Israeli und einen Libanesen. Die beiden lernen sich auf Grindr, einer Datingplattform für Homosexuelle kennen, ohne zu wissen, dass sie in verfeindeten Ethnien leben. Aus rein sexueller Begierde entwickelt sich schnell, und zunehmend intensiv eine ernsthaftere Beziehung, getrieben von Interesse am andern, Ängsten, Bedürfnissen und Mut. Es entsteht die Idee, sich gemeinsam in Berlin zu treffen, dem Ort der Freiheit, wo weder vom Staat ausgehende Feindseligkeit noch Diskriminierung und Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung eine Rolle spielen...

Schauspiel und Inszenierung: 

Cederic von Borries und Anselm Müllerschön spielen grandios! Voller Energie, Einfühlvermögen und mit einer unaussprechlichen Feinfühligkeit für das emotionale Erleben ihrer Figuren. Dabei spielen sie sehr nackt, denn es gibt keinen Kostümwechsel, keinen nennenswerten Bühnenbildwechsel, keine atemberaubende Kulisse und in der Regel auch keine Musik, die das Geschehen aktiv mittransportiert. Dafür gibt es Blicke, Gesten, Körperhaltung, Anspannung - und Entspannung, Zuckungen mit dem Fuß als Ausdruck von Nervosität und und und...Es ist herrlich! Ich meine, niemand kann sich dem Schauspiel der beiden gepaart mit dem Charme des Stücks entziehen! Vielen Dank! 

Mein Resümee: 

Ich liebe Theater! Es ist so wichtig! Es ist ein Brennglas und bringt Konflikte und Themen fremder Kulturen und anderer Menschen ins eigene Bewusstsein. Gesellschaftspolitisch ist das an Wichtigkeit nicht zu unterschätzen! Das ganze Stück über habe ich Faszination empfunden und Freude über die Magie und Energie des Theaters, aber auch seine Intention. Klar wurde mir, was für ein Glück und Privileg ich habe, in einer freien und offen pluralistischen Gesellschaft zu leben. Es gibt Grenzen für andere, die ich mir kaum vorstellen kann. Außerdem hat das Stück für mich sehr schön unterstrichen, dass Liebe eben kein Geschlecht kennt. Die Homosexualität der beiden Figuren spielt hinsichtlich der Themen, die sie erleben und der Liebe, die sie suchen (Vertrauen, Halt, Ängste, das Bangen und Hoffen, Verletzungen aus der Vergangenheit usw...), überhaupt keine Rolle. Liebe ist Liebe. 

Interessant fand ich auch die Entwicklung der Figuren. Wirkt Boaz am Anfang des Stücks einfach nur "stumpf", zeigt er sich immer verletzlicher. Er war richtig verliebt und wurde dadurch enorm verletzt. Georges Kommentar dazu: "Ich hasse ihn [den Ex] Ich hasse ihn für das, was er dir angetan hat. Wie lange werden meine Umarmungen und Küsse brauchen, um bei dir anzukommen?"


Guus Kuijer - „Wir alle für immer zusammen" (2002), 89 Seiten: Brutal gut.



Es gibt immer eine Luft
für meine Schlösser
und es gibt immer auch ein Plätzchen

für Polleke, mein Schätzchen. (S.26)


Stopp.


„Polleke", sagte Spiek, „kommst du mit mir mit ans Ende
der Welt?"
Das Ende der Welt. Ich sah mich neben Spiek hergehen.
Mein Kälbchen Polleke hatte ich an einem Band. Wir stie-
gen über einen hohen Berg. Da lag Schnee, aber es gab auch
Blumen. Menschen in seltsamen Kleidern winkten uns zu.
Der Himmel war blau und wir sangen den ganzen Tag. Es
war so etwas wie ein Traum.
Ich wachte auf und sah Spiek an. Du bist lieb, Papa, dach-
te ich, aber du musst allein ans Ende der Welt.
„Nein, Spiek", sagte ich. „Ich bleibe bei Mama."
„Du willst doch Dichterin werden, oder?", sagte er.
»Ja", sagte ich.
»Ich komm mit tausend Gedichten zurück", sagte er.
Ich glaubte ihm, aber nicht mehr ganz so wie früher.
»Ich werd immer mehr haben als du", sagte ich.
»Wieso?", fragte er.
» Weil ich schon angefangen hab, Papa, und du nicht."

Ich küsste ihn und ging nach Hause. (S.56)




Was für ein Buch! Im Kern geht es in dem nur 89 Seiten umfangenen Buch des Niederländischen Autors Guus Kuijer


um Polleke und deren Vater Spiek. Spiek ist Dichter, sagt er und Polleke glaubt es. In Wahrheit ist er Träumer und bekommt leider nichts gebacken. Und das versteht die Elfjährige Polleke auch, Schritt für Schritt. Am Ende gibt sie ihm sogar den Laufpass und wendet sich den Menschen zu, die sie hegen und pflegen. 

Guus Kujier erzählt die Geschichte eines Mädchens aus einer geschiedenen Familie in einer multikulturellen Klasse. Sie ist verliebt in einen Muslimen, ihr Lehrer verliebt sich in ihre sehr temperamentvolle Mutter, ihr Vater hat wirklich gravierende Existenzprobleme (Drogen und Fuß fassen im Arbeitsleben), ihre Großeltern väterlicherseits sind für sie da. Sie denkt über alles nach: Über ihre Mutter, den Lehrer, die Liebe, Gott, die Umwelt und Verantwortung. Für mich besonders interessant, da es in dem Buch auch viel um eine Kuh geht, die Polleke zur Obhut von ihrem Opa geschenkt bekommt. 

Das Buch ist knallhart, poetisch, komisch und bedeutungsvoll vom Inhalt. 

Es ist aber auch unterhaltsam geschrieben, indem in einer Art Montagetechnik z.B. immer wieder kleine Gedichte Pollekes, Zettelchen der Schüler untereinander, Brief und dergleichen Abwechslung in die ansonsten aus der Ich-Perspektive erzählte Geschichte bringen. 

Fazit: Ein wirklich außergewöhnliches Buch, das ich jedem ans Herz legen wollen würde. Obwohl...oder gerade weil es kein Kuschelkinderromantik-Wohlfühl-Weichspüler-Buch ist. "Erwachsene müssen auf sich selbst aufpassen" (S.68)

 

 

Die KHG spielt Sartres "Geschlossene Gesellschaft" (November 2021)


Mutig und lobenswert ist es, dass die KHG und insbesondere die Schauspieler sich an solche Stücke wagen: Drei Personen finden sich in einem sonderlichen Raum wieder. Sie werden von einer Art "Diener" hineingeführt. Er verschwindet und das war's. (SPOILER) Die Grundidee des Stücks ist so grandios wie spannend, denn wo sich diese drei Personen - ein Mann und zwei Frauen - befinden wird dem unwissenden Zuschauer gleichzeitig elegant vorenthalten und vorgehalten. Nur durch "Gags" über die Temperatur, das Fehlen eines Marterpfahls und wunderschöne Mauerschauen (Teichoskopie) in die Welt der Lebenden wird klar, dass diese drei armen Seelen sich in der Hölle befinden. 

Nun beginnt ein peinliches Machtspielen der Figuren umeinander. Alle drei sind nicht zu unrecht an diesem prekären Ort und spielen dem Zuschauer vor, warum sie würdig sind "hier" zu sein. Joseph war zwar idealistischer Reporter, der dafür umkam, aber er war zum Beispiel feige und sehr schlecht zu seiner Frau. Eigentlicher Kern der Handlung ist aber, dass man herausfindet, dass die Strafe dieser "Hölle" eben nicht in der physischen Folter liegt, sondern in den Verurteilungen und der Missgunst der anderen, ihrer Heucheleien und Konkurrenz.

In jedem Fall - das Stück ist anders und unterhält. Vom Hocker reisst es allerdings nicht und das berühmte Diktum "Die Hölle - das sind die anderen" hat einen wahren Kern, aber für mich auch etwas Verwerfliches. Es ist nichts Konstruktives hinter diesem Statement und es verführt dazu die anderen für alle das Übel auf der Welt verantwortlich zu machen. Wenn man von einer besseren Welt träumt, wäre es schöner gewesen hervorzuheben, dass die anderen auch das Paradies sein können und jeder dem anderen ein Engel...  oder wie Brecht sagte: "Eine Welt, in der der Mensch dem Mensch ein Helfer ist". 

Dienstag, 10. August 2021

Western-Homage à la Terentino: "Once upon a time in Hollywood"

 Die Zutaten dieses unterhaltsamen Films sind: 

1. Western Zitate (Cliff bei den Hippies)

2. Film im Film (Durchbruch der 4ten Wand beim Filmdreh des Western mit Rick)

3. Erzähler

4. Übertreibung und Nonsense (Bruce-Lee, Aggro-Hippies, Flammenwerfer)

5. Belanglose Nebenrollen (Sharon)

6. (Angelesen: Realitäts-Remix...Es geht um die Manson Morde)


Typischer unterhaltsamer Terentinofilm. Kann man machen, wenn man nichts anderes zu tun hat.

Samstag, 29. Mai 2021

Auf ins Abenteuer! Woodwalkers

Inhaltsteaser

Carag ist ein Puma, der mit seiner Familie in den USA im Wald lebt. Allerdings hat es etwas auf sich mit ihm: Er ist ein Gestaltenwandler und kann sich auch in einen Menschen verwandeln. Von Neugierde auf die Menschenwelt getrieben, verlässt er seine Familie, verwandelt sich in einen Menschen und lässt sich finden und gibt vor, sein Gedächtnis verloren zu haben. 

Eine Adoptivfamilie, die Ralstons, nehmen ihn als Adoptivsohn auf. Carag, der nun auch "Kay" heißt, lernt schnell und kommt auf eine normale Highschool. Dort trifft er auf Freunde und Feinde, passt sich auch an und lebt sich gut ein. Doch seine Puma-Natur vergisst er auch nicht vollkommen. Und so kommt es, dass er einmal nachts auf Schleichtour geht und dabei auf einem Campingplatz gesichtet wird und Panik stiftet. Kurz darauf wird er von zwei Raben und einem Adler darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Schule für Gestaltenwandler wie ihn gäbe. Auch Andrew Mills, ein reicher Mann, beginnt sich für Carag zu interessieren und nutzt seinen Einfluss, um die Adoptiveltern von Carag davon zu überzeugen, ihn auf diese Schule gehen zu lassen. So kommt es zum Wechsel und das Abenteuer beginnt...

Meinung

Katja Brandis erschafft eine Welt, in die man leicht eintauchen kann. Dabei vermischt sie alles, was Jugendliche interessant finden: Probleme mit Gleichaltrigen (sei es das Miteinander, sei es die Liebe), Internatleben, Abenteuer und Wildtiere. Carag wird dabei eine gute Identifikationsfigur. Das Buch und seine Handlung posiert sich elegant in der Mitte zwischen den X-Men und Harry Potter (was auch einmal kurt im Buch anzitiert wird). 

Nach dem ersten Band kennt man die Figuren: Brandon, das Bison, Holly, das Rotstreifenhörnchen, Carag und das Mädchen, für das er schwärmt, die Wölfe Jeffrey, Tikaani...den Mentor usw. Und man möchte wissen, wie es weitergeht. Insofern gelingt es Katja Brandts eine Geschichte zu spinnen, der man sich trotz der Tatsachen, dass sie Stereotypen bedient und sich an bereits bestehenden Rahmenerzählungen (X-Men und Harry Potter) orientiert, schwer entziehen kann, wenn man sich darauf einlässt. Durch die Tierkomponente kommt dabei etwas erfrischend Neues hinzu und sie leistet ihren eigenen Beitrag, um einen Blockbuster zu liefern. 

Montag, 10. Mai 2021

Parasite – belanglose Unterhaltung in großartigen Bildern und abstoßender Handlung


Ein Film aus Korea mit dem Namen „Parasite“. Der Trailer weckte Neugierde und Furcht in mir, da ich kein Fan des „Feinds im eigenen Haus“-Psychothrillers bin. Nachdem er aber oskarnominiert war und auf Prime zu sehen war, gab ich ihm eine Chance.

 

Die Handlung

 

In einer Großstadt in Südkorea (S-Bahn-System) kämpft sich eine arme Vater-Mutter-Tochter-Sohn-Familie mit dem Namen "Kim", die im Souparterre in einer kleinen Wohnung haust, auf ihre Art und Weise durch. Sie verdient ihr Geld mehr schlecht als recht mit Jobs wie z.B. dem gezeigten obligatorischen Pizzaschachteln falten. Mit dem Anstand der Mutter ist es dabei nicht so weit her. Der kleine finanzielle Erfolg am Payday wird in Dosenbier umgesetzt und in trauter Familienenge begossen. 

 

Bewegung kommt in die Geschichte, als ein Freund des Sohns dem Sohn einen Nachhilfeposten in Englisch für eine Tochter aus gutem Hause vermittelt. Nach einer Begutachtung durch die Mutter bekommt er den Posten. Bereits hier zeigt sich das verfängliche Talent des Sohns, das in der ganzen Familie liegt, zu lügen und zu schauspielern: Es gelingt dem Sohn seine Schwester als Kunsttherapeutin "Jessica" aus "Illinois" für den kleinen Sohn im Hause zu anstellen zu lassen, obwohl diese keinerlei Qualifikationen dafür aber ansehnliche Photoshop-Kenntnisse besitzt. 

 

Nun erhält die Maßlosigkeit Einzug ins Geschehen. Dem Chauffeur wird von der Tochter eine Falle gestellt, der eigene Vater wird als kompetenter Ersatz eingeschleust. Doch damit ist die Familie Kim Immer noch nicht zufrieden. Zuletzt wird noch die quasi zum Hausdinventasr gehörende Haushälterin skrupellos und perfide hinausgeekelt. Dabei bedient sich die Familie deren Pfirsich-Allergie, vergiftet sie heimlich immer wieder und lässt die Hausmutter glauben, dass es sich bei der guten Frau um eine TBC-Patientin handelt, die ihre Tuberkulose verheimliche. Als Ersatz kommt – natürlich – die eigene Mutter als neue Haushälterin ins Haus. Damit ist schlussendlich die gesamte Familie Kim im Haus der guten Familie "Park" angestellt. 

 

Der Höhepunkt ist erreicht und die Familie feiert das Erreichte in asozialer Trautheit. Als die Hausbesitzerfamilie zu Ehren des kleinen Sohnes einen Campingausflug machen, um dessen Geburtstag zu feiern,  wird geknabbert und der Whisky aus der Hausbar getrunken. Doch der Friede währt nicht lange und nun muss alles ins Negative kippen. (--> Wendepunkt)

 

Jetzt spitzt sich die Handlung zu. Auslöser ist eigentlich ein katastrophaler Starkregen. Dieser bringt Geschehnisse ins Laufen, die sich aufs ungünstigste Miteinander verweben. Außerdem kommt eine zweite „unerhörte“ Begebenheit zur ersten unerhört (dreisten) Begebenheit des Einschmarotzens hinzu. Die alte Haushälterin klingelt im strömenden Regen und bittet um Einlass. Sie habe etwas im Keller vergessen. (Spoiler) 


Dort lebt ihr Mann in einer geheimen Tiefgeschoss-Bunkerwohnung, die für den Fall eines Atomkriegs oder eines Angriffs aus Nordkorea versteckter Bestandteil des Hauses ist. Den muss sie versorgen. Es kommt wie es kommen muss. Mit einer unaufhaltsamen Zielstrebigkeit läuft die Handlung nun auf ihr Ende in Katastrophenform zu. Die Haushälterin entdeckt den Schwindel und erkennt die einzelnen Bediensteten als zusammenhängende Familie. Sie versucht sie mittels einem Handyvideo, das just diese Tatsache beweist, zu erpressen, denn sie könnte es an die Hausbesitzer schicken. In einem Moment der Unachtsamkeit geht die Schmarotzerfamilie zum Angriff über, überwältigt das alte Ehepaar und sperrt es im Keller ein. Gleichzeitig trifft die Hausbesitzerfamilie wieder ein, da das Wetter durch eine Überschwemmung das Campen unmöglich gemacht hat. In letzter Sekunde kann sich der Rest der Familie, außer der Mutter, die ja die Haushälterin spielt, unter dem Sofa verstecken,  auf dem das Ehepaar wiederum nächtigt, da der kleine Junge dann wenigstens im Garten zelten möchte. Auf dem Sofa riecht der Ehemann den Vater und äußert sich über dessen Geruch. Der Vater hört das und kneift gedemütigt die Augen zusammen. Die Haushälterin und ihr Mann liegen derweil blutend im Keller.

Es gelingt der Familie Kim sich nach draußen zu schleichen. 


Am nächsten Tag soll ein spontanes Geburtstagsfest zu Ehren des kleinen Jungen im Garten gefeiert werden. Dazu werden viele Gäste eingeladen. Die Kims möchten – dabei jeder mit unterschiedlichen Motiven – unten in der geheimen Bunkerwohnung nach dem Rechten schauen. Mutter und Tochter meinen, sie wären zu hart gewesen, der Sohn geht mit einem Stein bewaffnet nach unten. Warum, Totschlag oder Friedensgeschenk und Erklärung -  das bleibt im Argen. Er wird jedoch vom alten Ehemann der alten Haushälterin überwältigt. Dieser bewaffnet sich mit einem Messer, dreht durch und sticht vor den Gästen auf die Hausbesitzerin ein, wird dann selbst mit dem Grillspieß erstochen. Der Chauffeur-Vater drückt der Hausbesitzerin ihre Wunde zu. Deren Ehemann verlangt natürlich nach einer Fahrt zum Krankenhaus oder den Autoschlüsseln. Doch anstatt zu helfen, dreht der Chauffeur Vater Kim durch und sticht den Ehemann nieder, weil er aufgrund seines strengen Geruchs die Nase zuhielt. Unmittelbar nach seiner Tat wird ihm seine Dummheit bewusst. Er flüchtet und zieht als neuer Bewohner in die geheime Bunkerwohnung ein. 

 

Der Nachspann des Films besteht darin, dass der Sohn der Familie aus einem Koma erwacht, die verhängte Strafe gnädig und auf Bewährung ausfällt. Er findet heraus, dass sich der Vater in der Kellerbunkerwohnung befindet, da er mittels Morsezeichen einen Brief an ihn kommuniziert, immer abends, wenn die neuen Hausbesitzer schlafen gehen. Der Film endet mit einer Phantasie des Sohns, dass er das Haus irgendwann kaufen würde und alles gut sei. 

Dem steht die dreckige Realität gegenüber, denn in Wirklichkeit ist der Sohn und die Familie arm wie eh und jeh.

 

 

persönliches Fazit: 


Natürlich, eine gute klassische Handlung mit tragischem Ende, aufbauend auf der Moral „crime does not pay“, mit klassischen Tragödiebestandteilen: Exposition, retardierendem Moment und einer möglichen Auflösung des Knotens ohne blutiges Ende, dann aber doch die Katastrophe, mehrere hamartias („Fallstricke“: das Aussprechen des Meerrettichgeruch des Vaters, der Glaube mit der Masche durchzukommen der Familie ) und zweierlei grundlegender "Novellen"-Abartigkeiten (eine so skrupellose Schmarotzer-Familie und das Einnisten eines weiteren Schmarotzers im geheimen Kellerbunker). Dazu klassische Protagonisten und Antagonisten. Auf der einen Seite die Armen, Gerissenen - auf der anderen Seite die Wohlhabenden und Naiven.

Alles wunderbar und gut ausgearbeitet.

Auch die Kameraführung ist brilliant. 

Dennoch ist der Film für mich reines Unterhaltungskino ohne irgendeinen kritischen Ansatz - alle Gesellschaftsthemen, vor allem soziale Armut, wird  zwar als Realität auf die Bühne gebracht, dient aber nur dem Zweck der Unterhaltung. So heißt es z.B. auch in einer Rezension der New York Times: 

"Bong has some ideas in “Parasite,” but the movie’s greatness isn’t a matter of his apparent ethics or ethos"

Zusammen mit der stumpfen Gewalt ist es für mich aber ein abstoßender Film, den ich gerne auch wieder vergesse. Eine "Farce" heißt es oft. Ähnlich wie Pulp Fiction. Ereignisse, die ihre schlimmstmögliche Wendung nehmen und in einem Blutbad enden...Kann man machen, kann man sehen, muss man aber meiner Meinung nach nicht. 

Montag, 8. März 2021

Playtime - Jacques Tati: Der alte Klassiker - zu viel für uns Junge?

 


Sehgewohnheiten ändern sich, Hörgewohnheiten auch. Die Oper ist eine Kunstform, die das eindrücklich erleben lässt, Chaque Tatis "Playtime" war am Sonntag Abend ein anderer solcher Moment.

Die Story ist schnell erzählt: Mr. Hulot verliert sich in einem Glass-Hochhaus in einem Vorort von Paris. Was er dort will - man erfährt es gar nicht genau, denn er erreicht sein Ziel so wenig, wie Kafkas Landvermesser "K."  sein "Schloss". Er überreicht eine gestressten Angestellten sein Papier und stolpert dann von einem Szenario und einer Situation in die nächste. Dabei versucht der Regisseur dem Zuschauer die unfreiwillige Komik der modernen, amerikainspirierten Konsumwelt des - wie es hieß - "Spacetech-Zeitalters"  in lauter kleine Microszenen vor Augen zu führen. Sei es der Besen mit Lichtern, Schaumstoffkissen mit Gummiüberzug, Computersprechanlagen, Büro- und Verwaltungskomplexe...

Der Tag vergeht so, bis es Abend wird und die zweite Szenerie viel Raum für Tatis Moquerie zur Verfügung stellt und einnimmt: die berühmte "Restaurantszene". Die Farbe ist noch nicht getrocknet, die Elektronik funktioniert nicht, alles wird im Geiste der neuen Hektik schnell schnell noch fertig gemacht, so dass am Ende ein rechter Pfusch entsteht, aber: Das Restaurant MUSS offen sein. Denn es ist "Opening Night".

Und so ist es, die herausgeputzten Gäste kommen, während hier und da noch Handwerker rumwuseln, Werkzeuge rumliegen, der Architekt vermisst und alle merken, dass die moderne, perfekte Fassade noch Baumacken hat oder an sich unpraktisch und unmenschlich gedacht ist. All das passiert unter der Aufsicht der hilflosen, strengen und stressbereitenden Chefkellner. Die Szene eskaliert zunehmend . mehr Leute, mehr Gewusel, mehr Pfusch, mehr Aufsicht. Richtig wild wird es, als die Band beginnt amerikanisch verrückten Jazz zu spielen. In diese Szenerie gerät Hulot, weil der Portier sich mal ein kurzes Päuschen auf dem Trotoir gönnte und Hulot als alten Kriegskameraden wiedererkennt und lautstart einlädt. "On va rigoler!" Wirklich witzig wir das dann, als im Zuge dessen die Glastüre kaputt geht, und der nur durch den Türknauf weiter seine Türe simuliert! 

Als dritter Teil - Hulot und die andere Sympathieträgerin, eine (amerikanische?) Touristin nehmen Abschied von diesem Vorort und Tati stellt alles ein bisschen wie einen Jahrmarkt da. Im Zentrum steht dabei der Kreisverkehr und alles ist wie ein Karussell. 

Typisch für Tati ist all das: kleine Mikrokomik im großen Makrokosmos, Spott über Stress, Hektik, das "Moderne" und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Kameradschaft und Einfachheit. Auch Teil seiner Handschrift ist die Kritik an der Damenwelt und ihren Modevorlieben, ihrem Neid und ihrer Neugier. 

Dabei ist Tati, nun in der Nachschau - ich spitze wieder rein in den Film - genial, die Ideen sind voller Liebe oder bissigem Humor, voller  Rhytmus, an Dummheit und Hass grenzende Albernheit und Perfektion, vieles ist einzigartig. z.B. die Nonnen und ihre Kopfbedeckungen oder die Ansagerin am Anfang des Films, die ihre Ansagen ins Mikrofon haucht. 

Manchmal ist es aber auch nur "nett" und einen zweistündigen Film ohne Handlung und richtige Dialoge, quasi eine Art Stummfilm, anzuschauen, mit einer Handschrift, die sich wiederholt, das strengt an und überfordert uns TikToker und Instagramer. 

Was mir als sehr akustischem Menschen auch nicht so gefällt, weil es mich anstrengt: Das poliglotte Stimmgewirr (zumindest in der Deutschen Version, in der Deutsch, Französisch und Englisch vermischt werden..."What? Yes, a table, für 3, par trois, three" - kein Mensch spricht so.... und manchmal die bewusst inszenierten Geräuschkulissen mit Stimmgewirr, Verkehrslärm, Maschinerie - eben das Chaos der Großsstadt, dem man eh zu entfliehen versucht. Das braucht man einem Middreißiger 2021 nicht neu zu erzählen ;) 


Fazit: 

Dennoch bleibt Neugierde für andere Filme des Franzosen. Denn es ist genial und einzigartig. Die Dosis macht das Gift und so lohnt es sich hier vielleicht, gerade "Playtime" in 3 Portionen zu unterteilen und nicht am Stück anzuschauen. (Opening und Hochhaus 1, Restaurant, Karrussel).
Man kann und muss sie auch eher studieren und analysieren. Einfach nur anschauen - dafür ist Playtime zu opulent, man wird erschlagen. Der Genuss liegt dann vielleicht im Anspruch und es ist nunmal ein bisschen, wie ins Museum gehen: Langsamkeit, Studium, Offenheit für Altes gehören dazu, um ein Staunen zu erzeugen.