Mittwoch, 18. Juli 2012

Johanna von Orleans - Theater Ensemble Würzburg

Johanna von Orleans (Paula Binder) in Ketten (Theater Ensemble Würzburg, 2012)

Uff, das war happig! Zwei Stunden reine Spielzeit ohne Pause nach einem schönen und langen Tag und gestraft mit einer Sommergrippe. 

Inhaltsbeschreibung:


Worum geht es in dem Stück? Der Englisch-Französische Krieg tobt (Hunderjähriger Krieg, auch Erbfolgekrieg um die französische Krone, da Karl V. keinen männlichen Nachkommen hinterlies). Frankreich scheint geschlagen, als unerwartet die Tochter eines Schäfers wie eine Furie auftaucht und als Racheengel scheinbar wahllos über das Schlachtfeld fegt. Kein Drama ohne Trouble - Die Hamartia Johannas? So wie das Stück sie zeigte lässt sie sich hineinziehen in das Ränkenspiel am Hof und die Irrungen und Wirrungen der Liebe in Zeiten der Macht. Denn der französische Thron und die Länderein in einem noch nicht gefestigten Territorialstaat sind heiß begehrt. Bei dem Krieg handelt es sich vielmehr um den Kampf verschiedener Lehenverbände gegeneinander. Die Machtkonstellationen befinden sich dabei in einem ständigen Schwebezustand, wer heute Freund ist kann morgen schon Feind sein. Dieses Schwanken der Charaktere und der Machtkonstellationen hat das Stück sehr gut herausgestellt.
Gezeigt wurden neben Johanna ein dämonisches Wesen - Blass geschminkt im engen schwarzen Korsett mit goldenen Flügeln und abgezeichneten Lippen. Diese Figur wechselte immer wieder Funktion und Rolle, aber darauf soll nun nicht näher eingegangen werden. Daneben die Königsmutter, der König Karl VII. von Frankreich und die Herzoge Dunois und Philipp der Gute von Burgund.
In diesem wechselhaften Ränkenspiel ist Johanna die einzige wirklich Leid tragende.  Johanna, so scheint es, wechselt immer wieder die Seiten und schwankt zwischen Akteurin und Spielball der Menschen und des Schicksal. Sie kommt der Schitzophrenie mit jedem Sprung ein wenig näher. Die beginnt ihre Leben auf dem Schlachtfeld als Engel, doch zunehmend wird sie in den Dreck der reinen Machtpolitik hineingezogen. "Wo ist der Engel an deiner Seite?" fragt Burgund einmal an den König gerichtet. Und das weiß Johanna in diesen Momenten selbst nicht - wenn sie in bitterer Zwitracht scharfe Worte an ihr Wesen richtet, ihr Fleisch und ihre Geringfügigkeit verachtet. Ihr Charakter ist nicht dafür geschaffen, das Göttliche nicht dazu da, um zwischen den Wölfen zu wandeln. Sie weiß es und sie kann's nicht ändern. Das Ende vom Lied: der Wahnsinn und die Handlungsblockade fesseln sie gleichermaßen und sie wird von ihrem Volke hingerichtet. 

Die Inszenierung: 

 

Eine Pause täte ihr gut. Den Schauspielern ist nichts vorzuwerfen. Sehr gut artikulierten sie die Schillersprache und schafften es, die Wucht dieser Sprache ungefiltert auf die Bühne zu schleudern. Zorn so scheint es, regiert das Stück und auch diesen Zorn verkörperten die Schauspieler glaubwürdig und gnadenlos. Der Text war da und eine Präsenz ist den Schauspielern auch nicht abzusprechen. Auch Johanna spielt ihre Rolle gut, und man kann sich nur verneigen vor den Textmassen, die sie beherrschte. Außerdem ist ein gewisses Maß an Abwechslung im Stück enthalten: Monologe, Dialoge, Stichotomien - Einzelrede, Paarrede und gemeinsam rezitierte Verspassagen: das sitzt. Auffällig ist - das liegt aber an der werktreuen Inszenierung - das hohe Maß an Botenberichten (Teichoskopien) und ehrlich gesagt: Leider ist man es auch irgendwann leid, die dritte Variation einer Schlacht mit in die Ferne gerichteten Augen anzuhören: 

"Daß der Sturm der Schlacht mich faßte.
Speere sausend mich umtönten
In des heißen Streites Wut!
Wieder fänd ich meinen Mut!" ( Johanna 4, 1)

Die Ausstattung der Charaktere ist etwas eigenwillig: Beginnt das Stück noch mit klassischen Zweihändern, die der König schlecht und Johanna besser führen - so gleitet die Ausstaffierung ein wenig ins ungewollt Humoristische ab: Eine Magnum und andere Handfeuerwaffen werden schließlich ständig in den Händen der Protagonisten gehalten,  um sich gegenseitig zu bedrohen. Dann kommt eine Shotgun hinzu und den krönenden Schluss setzt die Anwesenheit einer Maschienenpistole, die die Königin plötzlich im Anschlag hällt. Reaktualisierung, natürlich. Aber stilistisch darf man darüber streiten. Im Ungleichgewicht zu dieser Waffenpräsenz steht die Tatsache, dass kein echter Schuss fällt. Ich störte mich im übrigen an diesem Wölfebalett auf der Bühne - aber vielleicht wollte Schiller ja genau das darstellen, um seine Johanna vor diesem Hintergrund als schiller(nd)en Charakter in die Verklärung aufzuheben. Machtgierige Wölfe und ein Engel.
Geschickt waren die Schattenkämpfe hinter der gespannten Leinwand.
Das zweite, was mir nicht gut gefallen hat: Die Teekanne und das Teeservice auf der Bühne passt in keinster Weise in die Zeit oder das Stück. Und schließlich - vielleicht eine Lapalie - aber die Adidas-Trainigshose Johannas und der Reebock-Panzer, in den sie sich zwängt. Die Labels hätte man irgendwie überkleben sollen.
Ansonsten hat das Stück wirklich viele gute Ideen, um den Stoff und das Innenleben der Protagonisten sichtbar zu machen (Becherepisode, das weiße Laken, das zum Baldachin und dann zum Fluß (?) wird, ...).
 Ich bedanke mich für die Einladung und wünsche dem Stück viel Erfolg!

Nachschlag:


Was in dem Stück sehr augenfällig wird, ist, dass Schiller begeistert Plutarch gelesen hat. Den Mensch auf dem Schlachtfeld, der zum Halbgott wird, bzw. der mit Gottes Beihilfe kämpft, könnte er z.B. aus Plutarchs Timoleon-Schilderung aufgenommen haben. Ähnlich ist es überhaupt mit der Anwesenheit übernatürlicher Kräfte auf dem Schlachtfeld und in der Menschen Schicksal. Stichwort:  Deisidaimonie

Zitate:
Karl an Burgund: "Euer Hofstaat ist der Sitz der Minne, sagt man, und der Markt wo alles Schöne muss den Stapel halten". (3,3)
Johanna: "Fürchtet die Zwitracht! Wecket nicht den Streit aus seiner Höhle wo er schläft (...)" (3,4)

Dienstag, 17. Juli 2012

Keloid - perfekte Technik


Man nehme eines der fähigsten Producerteams im CI-Bereich und kombiniere das Ganze mit einem Amon-Tobin Remix. Was dabei herauskommt? Der Kurzfilm "Keloid", der selbst den Trailer zu einem Film darstellt.

Zum Inhalt: Es ist schwer nur aus den Bildern den Zusammenhang zu erraten. Ein kurzer Vorspann mit viel Text und intelligenten Sätzen, ein kaum verständlicher Taperecorder, der von irgendeinem Experiment auf Russisch erzählt, immer wieder Schaufensterpuppen, eine große, verlassene Halle und dann der Einbruch der Eliteeinheit. Erst über die Homepage und mit etwas Zeit kommt man hinter das eigentlich geniale Konzept der Crew: eine KI wird in einen Raum eingesperrt. Die KI ist selbstständig und kann neue Codes entwickeln, sie ist lernfähig. Eine Bedrohung? Vermutlich. Deswegen ist sie eingesperrt. Sie hat aber eine Chance rauszukommen: Sie muss den menschlichen Wächter davon überzeugen, dass er sie rauslässt.

Besonders herausragend an dieser Zukunftsvision der Pandorra-Box ist die Zusammenarbeit von Bild, Musik und dem dargestellten Inhalt. Durch diese Synergie der perfekten Animationen und dem knochentrockenen Sound entsteht eine gewaltige und wuchtige Bündelung. Eine derartige Brutalität in Bild und Ton mit Bezug auf das Aussehen, die Bewegung, die Handlungen und die Ausstrahlung der operierenden KI, hat das Auge noch nicht gesehen. Im Detail lässt der Film viele Fragen offen - was sind diese KIs? Etwa die Präfigurationen der Polizeibeamten bei Stuttgart 21 Einsätzen von Morgen? Warum Schaufensterpuppen? Warum der Name "Keloid"? Ist der Film ein Lob oder eine Kritik der Technokratie? Warum die slawische Sprache? Man darf gespannt sein, ob mehr davon kommt.

Dienstag, 24. April 2012

JUAN CANALES & JUANJIO GUARNIDOS "BLACKSAD"

ARMER SCHWARZER KATER...

(Band 1: "Irgendwo zwischen den Schatten"; Dargaud, 2000.)



































Unlängst kam ich über die Empfehlung eines Freundes zum ersten Band der Blacksad Reihe der beiden Spanier Juan Díaz Canales (Szenarist) und Juanjo Guarnido (Zeichnung und Farbe). Es folgt ein Kommentar zum Inhalt, zu den Figuren, der Erzähltechnik, eine kleine Detailstudie zur Funktion und Handlungsweise des Bildhintergrundes und schließlich ein Fazit. Viel Vergnügen!

1. Handlung 

Die Handlung ist schnell erzählt: bei Blacksad: "Quelque part entre les ombres" handelt es sich um eine klassische Detektivstory im Film noir Stil: Eine Schauspielerin wird tot aufgefunden, ihr letzter Liebhaber ist ebenfalls verschwunden. Blacksad macht sich, mit nichts als seinem guten Detektivgespür in der Tasche, auf die Suche nach dem Ursprung des Bösen.


2. Tierisch gute Charaktere

Atmosphärisch gut, harmonisch verknüpft und lebendig gestaltet begleitet man den Detektiv Blacksad bei der Aufklärung der Ermordung einer Schauspielerin durch eine typische Film noir Episode – und dennoch fühlt es sich einzigartig und anders an, wenn man durch diesen Comic in die Welt des Verbrechens eintaucht. Warum? Ein Grund dafür mag in der Entscheidung der Autoren liegen, Tiere anstatt Menschen handeln zu lassen. Denn Blacksad ist ein schwarzer Panther, die Schauspielerin ein Mietz....pardon ein Kätzchen, der ermittelnde Kommissar ein deutscher Schäferhund, der erste auftauchende Bösewicht eine Eidechse in Jeans und schwarzer Lederjacke, usw. Man könnte sich daran stoßen: Wer mag schon Tiercomics? Und geht das gut so eine ernsthafte Geschichte durch Tiere erzählen zu lassen? Diese Zweifel, die bei der Sichtung des Covers hervorgerufen werden könnten, lösen sich aber schnell in Luft auf. So erfrischend lebendig sind die Charaktere, so stimmungsvoll, genau beobachtet und präzise gezeichnet bewegen sich die Tiermenschen vor der Großstadtkulisse, dass man nur staunend immer wieder neue Feinheiten weiterentdecken kann. Man kommt nicht umhin, in ein breites Grinsen zu verfallen, wenn man z.B. in der charakteristischen Zeichnung eines brüllenden Gorillagesichts versinkt in einer Mischung aus der Faszination eines Zoobesuchers, der hautnah und ohne störende Mitbesucher eine verewigte Detailstudie vorgesetzt bekommt, und dem wissenschaftlichen Interesse eines Ethologen, der die Attribute eines bis aufs Blut gereizten, überraschten, verliebten oder nachdenkenden Tieres studieren kann.
Mit Sicherheit liegt auch in dieser Entscheidung der Verfasser einer der Knackpunkte, warum Blacksad so gut in Erinnerung bleibt. Auch wenn Disney's Micky Maus und Donald Duck die Vermenschlichung von Tieren in der Großstadt "Entenhausen" vorbereitet haben: So etwas war noch nie da gewesen - düsterster Film noir im Tiergewand. Indem Canales und Guarnido Tiere handeln lassen, kleiden sie eine altbekannte Geschichte in ganz neue Kleider und bringen somit frischen Wind ins Genre.

3. Erzähltechnik

Der Comic setzt sich aus mehreren Erzählepisoden zusammen. Wie ein Mosaik entsteht so Stein für Stein die Lösung des Rätsels um die Ermordung der Katzenschauspielerin Natalia. Die Episoden sind abwechslungsreich gestaltet und laufen in einer mal rasanten, mal Zeit lassenden Enthüllungsdramatik nahtlos ineinander über. Der Spannungsbogen wird ausgewogen über den ganzen Comic verteilt.


4. Detail: Sprechende Hintergründe 


Juan Canales und Juanjo Guarnido machen die Hintergründe ihrer Graphic Novel zum Akteur. Es gelingt ihnen durch geschickte Perspektivenwahl die Umgebung der Bilder mitsprechen zu lassen, immer wieder wird der Hintergrund der Bilder ins Geschehen miteinbezogen. Manchmal als Kommentator des Geschehens, manchmal als Amplifikator der im Bildgeschehen vermittelten Stimmung. Durch diesen Kniff werden zwei Effekt erreicht: Zum einen wird der Comic damit abwechslungsreicher. Zum andern werden die Kommunikationsebenen komplexer, raffinierter und bieten dem Verstand ein bewusstes oder unbewusstes Vergnügen beim Enträtseln, Erkennen und Wiederzusammensetzen der verschieden Komponenten, die die Gesamtnarration ausmachen.

Ein Beispiel: Während Blacksad auf dem Friedhof darüber nachgrübelt, ob das Böse auch schon nach ihm greife, was im Textfeld eingeschrieben ist, wählen die Zeichner ihre Perspektive so aus, dass eine an sich unbeteiligte Zierstatue auf dem Dach einer Gruft, die den Tod mit einer Sense darstellt, plötzlich so aussieht, als würde sie lebendig sein und sich gerade im Vollzug befinden, den Katzendetektiv als ihre Beute „einzuholen“. Weil man davor noch umblättern muss, trifft einen das Bild wie ein Schlag.
Tatsächlich treten dann auch unmittelbar danach zwei Schläger auf. Während Blacksad noch sinniert, zeichnen sie sich zuerst als dunkle Schatten ab. Im nächsten Pannel werden sie dann so konkret, wie die Methoden, die sie Blacksad im nächsten Pannel antun werden, um ihn von seiner Recherchearbeit abzuhalten (s.u.).


Ähnlich ist es ein paar Pannels weiter: Sad wird von zwei Schlägern auf dem Friedhof zusammengeprügelt, während der Fokus auf eine weinende Engelsstaute, die ihr Gesicht in den Händen vergräbt, im Bildvordergrund gelenkt wird. Es nimmt den Anschein, als wolle sie angesichts der Gewalt, die sich im Hintergrund vollzieht, ihre Augen verschließen und müsse gleichzeitig vor Verzweiflung weinen. Und zwar über Blacksads Schicksal und die sich vollziehende Gewalt, nicht aber über den Toten, der unter ihr ruht. 

Betrachtet man immer wieder diese kompositorische Gewitzheit kommt man nicht darum herum, dem Comic eine tierisch-verschmitzte Genialität im Bezug auf ihre Kompositionen zuzusprechen. So arbeiten in diesen Fällen alle drei Bestandteile - Handlung, Bildhintergrund und Textfeld -  harmonisch zusammen, um dem Leser einen doppelten Schauer über den Rücken laufen zu lassen, nämlich zuerst einen der Furcht und dann einen des Vergnügens über die gelungene Gestaltung.

5. Ausblick und Fazit

Es gäbe noch sehr viel Weiteres anzuspechen: Zum Beispiel das Spiel mit der Selbstreferenzialität, wenn Canales und Guarnido z.B. ihre Tiere verlautbaren lassen, dass sich die Menschen dieser Stadt zunehmend wie Tiere verhalten. Oder die Selbstreferentialität der Charaktere selbst, wenn der Hauptbösewicht, eine Kröte, zu Blacksad meint, Sad fehle die Kaltblütigkeit, um einen Mord zu begehen. Auch der Rhythmus, die Sprache und die Abwechslung aus innerem Monolog, Dialog, stummen Bildern und für sich selbst sprechenden Bildern, oder insgesamt: das Verfolgen der Fragen: Wer ist eigentlich gerade Akteur in diesem Comic? Wer treibt zu welchem Zeitpunkt die Handlung voran? wäre eine ausführliche Studie wert. 

Zusammenfassend kann man aber nur den Hut vor diesem gelungenen Comicdebüt ziehen. Blacksad ist ein absolut lesenswerter Comic, den man nicht verpassen sollte. (Für Wissenschaftler: Denn Canales und Guarnido spinnen ein vielseitiges Semantiknetz, das sie auf geniale Weise aus dem Zusammenspiel lebendiger Charaktere, einer düsteren und spannenden Haupthandlung, einem kommentierenden Hintergrund und außergewöhnlicher Mimik, Gestik und Sprache in ihrer durch die Tierbesetzung äußerst originell gewordenen Graphic Novel entwickelt haben.)

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Anhang: Die oben beschriebene Bildfolge auf dem Friedhof. Zum Vergrößern Anklicken.




Donnerstag, 1. März 2012

Nebenbei

"Unter 200 Wolken und 63 000 Sternen liegen wir begraben
und schaun in den Himmel, abends,
und zählen Satelliten, wenn wir sie sehen
und kennen die sternzeichen nicht
doch benennen sie selbst.
Ich habe die Fledermaus entdeckt."

Freitag, 24. Februar 2012

Robert de Niro als Travis in Martin Scorceses 'Taxi-Driver' (1976)
Martin Scorcese: Taxi Driver - Sozialdrama zum Nachdenken. 


Mit dem 1976 erschienenen New York Drama "Taxi Driver" bahnte sich Martin Scorcese den Weg in den Himmel der Starregisseure. Nicht nur bekam er die Goldene Palme in Cannes im selben Jahr, sondern auch vier Academy Awards Nominierungen. 

Die Wirkung des Filmes ist verstörend und beklemmend. Man erahnt die sich anbahnende Katastrophe. Man sieht die Sensibilität eines jungen Charakters, der noch nicht wieder bei sich angekommen ist. Ein Kriegsverteran, der als Taxifahrer in New York anfängt, das kann doch nur schief gehen? 
Lehrbuchhaft zeichnet der Film eine Abdriftkarriere in die Außenseiterschaft der Gesellschaft vor. Ein Dozent von mir sagte einmal, der Kern einer Erzählung befände sich bereits in den ersten paar Seiten eines Romanes. Das lässt sich auch auf diesen Film übertragen. 
Von Anfang an ist Travis (Robert de Niro) Tagebuch der einzig Vertraute seiner intimen Gedanken. Es schweigt vornehm, wie Platon schon Sokrates in den Mund legt, als dieser Phaidros die Nachteile der Schrift vor Augen führt. Es schweigt vornehm, auch dort, wo es einhaken, widersprechen oder Trost spenden sollte. Hier kristallisiert sich also bereits einer der multiplen Faktoren, die den Film zum Drama werden lassen: Travis könnte aktiver mit seiner Umwelt kommunizieren, sich bemühen sich mehr anzupassen und die Geduld aufzubringen, echte Freunde zu finden. Durch sein einseitiges Kommunikationsverhalten trägt er mit dazu bei, dass seine Kollegen nicht zu Freunden werden, sondern nur Kollegen bleiben. 
Aber auch die Umwelt trägt ihren Teil dazu bei, dass Travis ausrastet. Bereits das Einstellungsgespräch ist von einer Männercoolness und Unherzlichkeit bestimmt. Der Film avanciert zum klassischen Orts-, Milieu- und Opferdrama, weil die Umwelt, wie sie dargestellt ist (Diegese), hart, mitleidslos, erbarmungslos und einfach unfreundlich ist. Über die Unfreundlichkeit hat schon Walter Benjamin viel geschrieben, als er sie als einen der Grundpfeiler der brecht'schen Handlungsmaximen insbesondere in seiner Interpretation der "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg Laotses in die Emigration" etablieren wollte. Ein freundliches "Hallo", "Guten Tag!", "Wie geht es ihnen?" oder "Danke für ihre Umstände!" aus dem Mund eines Kollegen, eines Kunden, eines Boss', eines Polizisten, etc. würde vielleicht verhindern, dass Travis eine Obsession entwickelt, in der er in der Welt nichts mehr viel mehr als unfreundlichen "Abschaum" sieht, der aus New York "herausgekehrt" werden sollte. 
Auch Sarte oder Camus lassen sich hier anbringen. Camus schreibt in seiner Vorrede über den Mythos des Sysiphos, dass ein Mensch in den Selbstmord getrieben wird, dass der Gedanken zwar in ihm anwachse, aber der letzte Stoß dann doch durch einen unfreundlichen Impuls von außen käme. Nach der Hölle des Kriegs wird Travis also in die "Hölle der andern" geworfen. Und dementsprechend steigt der existenzialistische Ekel in ihm auf. Er macht existenzialistische, isolierte Erfahrungen. 
Schließlich baut er noch auf die falsche Erlöserin (Betsy, Cybille Shepherd) und immerhin hat man schon ein Ursachentriplett, dass die sich erbarmungslos abrollende und sich quälend langsam zuspitzende Handlung zu verstehen hilft. 
Doch anstatt für den existenzialistischen Exitus entscheidet sich der tragische Held dieser Tragödie für einen fatalen und äußerst fragwürdigen lynchjustizischen und Befreiungsfeldzug der jungen Prostituierten Iris (Jodie Foster). Ein Batman ohne Kostüm. Erst nach seiner Rettungsaktion würde er sich gerne erschießen, aber alle seine Magazine sind leer. 
Die Endszenen des Films sind unklar gehalten. Es gibt einen klassischen zweiteiligen Epilog nach Abschluss der Haupthandlung. Zum einen wird ein Dankesbrief von Iris' Eltern von der Stimme des  Vaters verlesen, zum andern steigt Betsy noch einmal in das Taxi Travis' ein und sie führen eine ganz normale, konventionalisierte und gebändigte Konversation auch über die bevorstehende Präsidentschaftswahl. Offen scheint, ob es sich hier um Realität handelt oder um Komaträume von Travis. Denn weder trägt er eine sichtliche Narbe am Hals, noch erscheint es wahrscheinlich, dass Travis noch vor dem Ende des Präsidentschaftswahlkampfes aus seinem Koma wieder aufwacht. Abgesehen davon ist fraglich, wie die juristische Lage aussehen würde - schließlich handelt es sich um einen dreifachen Mord, den Travis begeht. Dementsprechend wirkt das Endidyll trügerisch.

Der Teufel steckt im Detail. Viel gäbe es noch zu besprechen und zu diskutieren. Erwähnt sei hier nur,  dass Travis auch einen Anschlag auf den Senator Palentine vorhatte und dass sein Handeln rechtstaatlich in keinerlei Hinsicht geduldet ist. Die Ansichten, die er während der kurzen Taxifahrt mit Senator Palentine kundtut sind ultrarechtskonservativ, menschenverachtend, eugenisch und lebensfeindlich. 
Es gibt eine ähnliche Kontroverse innerhalb Heinrich Bölls Roman "Billard um halbzehn" (1959) . Mit diesen Zitaten von der Figur Johanna Fähmel oder über sie möchte ich schließen:


"Mein ist die Rache", spricht der Herr, aber soll ich nicht ein Werkzeug seines Glaubens sein?"(Johanna Fähmel in "Billard um Halbzehn")

und 

"Ihr Wahnsinn ist Trauer, Trauer hinter dicken Mauern." (Über Johanna Fähmel in Billard um Halbzehn)

Zu erwähnen ist auch noch, das Scorcese diesem Film 23 Jahre später mit "Bringing out the dead" einen Film gleicher Machart, vielleicht sogar noch verstörender, mit Nicolas Cage in der Hauptrolle herausbrachte.  

Sonntag, 19. Februar 2012

Dubstep - oder "Krieg auf der Tanzfläche" - unleash the beast. 

Ab und an höre ich mich hinein  in die Welt der Tiefenbässe. Upbass-Music, Wonky, Grime, Dubstep,  usw. Musik, die rhythmusdominiert ist und in der Low Frequency Oscilatoren, kurz LFOs, die Bässe in den Tiefregionen zum Wabbern bringen während gleichzeitig schrille Synthiesirenen die Ohren als Fenster zur Welt beinahe zum Zerbersten bringen.
Ich habe für mich entschieden, dass Dubstep keine Musik ist, keine Musik im klassischen Sinne von Melodie und Melodieführung. "Stimmt ja auch!", der Kommentar eines Freundes dazu, "DubStep - das sind Dinosaurier, die mit Laserkanonen rumrennen." Da ist viel Wahres dran.
Man kann sich also damit arrangieren: Dinosaurier mit Laserkanonen an denen das berühmt-berüchtigte Postmodernitätslabel Musik 2.0 hängt. Es ist etwas Anderes, eine moderne Unterhaltungsdroge, ein Ausschalten aller Emotionen und Gedanken, ein gemeinsames Abfeiern und das dafür notwendige Gleichwerden. Ein Rausch, ein Gewummer, eine Gedröhne, ein Gehetze. 
Auf einer Party in dem Würzburger Kamikatze-Club - eigentlich ein eher schmuddeliger Schuppen, erlebte ich, was es ursprünglich heißt, von Basssalven befeuert zu werden. Spannend, wirklich spannend, was produktive Musikkreateure ausklügeln, um die Tanzfläche unter Beschuss zu nehmen.
Ein klassischer Dub-Step Track baute eine Pause auf. Das ist normal, Spannung - Entspannung, Aufladen - Entladen, Pause - Weiterfließen - das sind musikalische Urprinzipien, die wahrscheinlich auch schon in der Antike vorherrschten. Das Spannende an Dub-Step ist die dieser Musik so spezifische Form des "Drop-Ins" - des Einsetzens der Drumms und der Bässe nach einer teilweise schier unendlichen Aufbauphase oder einer in der Songstruktur angelegten Pause - meistens auch noch synkopisch. 
Und der Drop-In nach meiner Pause hatte es in sich. Ganz unerwartet kamen sechs harte Basssalven, die so angelegt waren, dass sie im Surround durch das Raumpanorama feuerten. Von links nach rechts, jede Salve mit einer ungeheuren und erbarmungslosen Wucht. Kreuzbeschuss durch puren Bass. Nach den sechs Salven kamen dann noch die Dub-Step-typischen angeglitchten "Chainsaw"-Synthesizer dazu und als  Resultat davon rastete die ganze Tanzfläche völlig aus. Auf Wikipedia heißt es, dass der bekannte Dubstep-Pionier Kode9 auf die Frage, was Dubstep auszeichnet, mit „Bass and space“ antwortete. Damit würde er oft zitiert. Space beziehe sich hier vor allem auf das Arrangement und den extremen Minimalismus.
Soviel zur Technik, aber wie ist es mit der Wirkung? Vielleicht ist es gerade das Erbarmungslose, das ein paar meiner Bekannten und Freunde und auch mich so anzieht. Vielleicht sucht man es sogar als moderner, verlorener Mensch in einer gewaltlosen und gleichzeitig gewaltüberfluteten Gesellschaft (Kriegsszenarien sind ja durch die Medien auch in unserem westlichen, ultrasicheren Kollektivbewusstsein omnipräsent) die Präsenz von Gewalt in Form von reiner Energie. 
Und in der Musik offenbart sich ein kulturelles Gewaltszenario. Die dem (männlichen) Menschen innewohnenden Aggressionen können sich positiv auf der Tanzfläche entladen. Dubstep und Drum'n'Bass: Krieg auf der Tanzfläche in einer krieglosen Zeit.
Fernab von dieser tiefenpsychologischen Spekulation kann man sich aber natürlich auch einfach amüsieren, angetrieben von der puren und rauen Energie der Bässe und Rhythmen, und fasziniert sein von dem Können der Produzenten hinsichtlich Raumarrangement und Klangdesign.


Nachtrag 2015: Noisia - bekannte Niederländer Produzenten haben vor einiger Zeit dieses Video herausgebracht, das die These, dass ihre Musik dem Aufbauen und Zerstören von Welten gleichkommt, herausgebracht: Zuerst wird eine Welt aufgebaut, dann bricht ein blutiger Krieg zwischen Händen aus ( https://www.youtube.com/watch?v=SAO-lzl3vVQ ).

Hier ein paar Tipps, um die genannten musikalischen Prinzipien mit Beispiel zu unterlegen: 
Und hier wirklich ein "klassischer" Dubstep-Track: schrill, ryhtmisch, phat und fetzig.

Samstag, 28. Januar 2012



Eher zufällig bin ich in den Film geschlittert, und umso erfreulicher war dann das Resumée: eine wirklich erfrischende Anarchokomödie, die die Zwischenräume menschlicher Freundschaft wahrhaftig und humorvoll ausleuchtet. Natürlich hat der Film vieles weg gelassen und nur angedeutet: die Rückenschmerzen, die Pflege bedeuten kann, die vielen vielen Pflegehandlungen, die manchmal echt nervig sein können und unappetitlich oder einfach nur anstrengend sind.
Aber das macht nichts, denn der Film hält das tatsächlich Wesentliche fest, das, was das Herz erwärmt und das, worum es eigentlich immer gehen sollte: Das maskenlose Aufeinanderprallen und Miteinanderleben zweier Menschen. Es ist egal, ob der eine an den Rollstuhl gefesselt ist, und der andere Schwarz ist und aus der banlieu kommt. Wahre Hilfe kann erst entstehen, wenn man den anderen eingehend betrachtet, wenn man achtsam ihm gegenüber ist, wenn man ihn erkennt. 
Und auch wenn man "mitleidslos" ist, so wie der Film es auch einmal offen thematisiert. "Warum hast du ihn genommen? Er ist aus der Banlieue, er ist kriminell und noch viel mehr" sagt sinngemäß einer der Familienangehörigen Philipps. Und Philippe antwortet: "Weil er mitleidslos ist". 
Ich arbeite seit langem in einem Pflegeberuf. Ich weiß nicht, ob man "lernen" kann, jemanden zu pflegen. Natürlich gibt es eine technische Seite, die man lernen kann. Aber im Bezug auf die ethische Ebene der Pflege weiß ich nicht, ob man einfach nur etwas selbst entdeckt, das in einem ist. 
Aber dennoch hat einer meiner Kollegen einmal etwas zu einer FSJ-Anwärterin nach einem Probearbeitstag, bei dem ich sie geführt hatte, gesagt, das in diesem Kontext Sinn macht. Er sagte: "Du bist alles für den Patienten. Sein Arm, sein Anwalt, sein Koch, seine Stütze, sein Chauffeur, sein Waschlappen, sein Modeberater usw...". Auch wenn er sich meines Erachtens selbst nicht vollkommen an die Essenz dieses beeindruckenden pathetischen Monologs gehalten hatte, so sagte er doch auch noch: Du darfst mit den Patienten Mitgefühl haben, aber du darfst nicht mit ihnen leiden. 

Nur weil man keine Masken an den Tag legt, heißt das nicht, dass man respektlos ist. Höfliches Verhalten ist oft eine Maske und nicht unbedingt die beste im alltäglichen Umgang miteinander. Ebenso wie höflicher und zagsamer Umgang  mit dem Andern zwar oft beschützend für ihn gemeint ist, aber nicht der beste Umgang für den andern sein muss. Dessen Ressourcen zu finden, zu wahren und zu fördern, das ist die Aufgabe einer wahren Pflege. Und pflegen kann man vieles. Nicht nur einen Pflegebedürftigen, sondern auch eine Freundschaft. Eigentlich einen jeden Menschen, den man trifft.
Der Film zeigt also ein Musterbeispiel bedürfnisorientierter Pflege, wie sie Monika Krohwinkel schriftlich im Kanon der Pflegemodelle fixiert hat. Ganz gegen leider sehr viel gängige Praxis demonstriert der Film, was es heißt, bedingungslos auf die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen einzugehen, und was für Blüten daraus erwachsen können. Philipp wird glücklich in dem Film. 
Nicht die Bedürfnisse der reichen Freunde und der reichen Familie des Querschnittgelähmten stehen im Zentrum von Driss' Aufmerksamkeit, sondern tatsächlich die Philippes'. Ständeklauseln werden dabei weggefegt. 

Zugegeben, es ist nicht schwer Tiefe zu erzeugen, wenn man sich den Soundtrack des Films vor Augen führt. Chopin, Einaudi, Schubert's Ave Maria. Besseres, bzw. Einhüllenderes und Berührenderes hat die Klassik kaum zu bieten. Dennoch - die Komposition des Films ist gelungen. Als Beispiel, das sich mir besonders eingebrannt hat, ist die Anfangs- und Schlusssequenzen des Films. Man sieht nicht viel: Das Gesicht Philipps mit Bart, steinern und verschlossen, irgendwie mit einer Spur Leid und Ernsthaftigkeit, die in das Gesicht eingeschrieben ist. Dazu die Musik von Ludovico Einaudi ("fly") und die Reflektionen der Lichter des Pariser Boulevard Peripherique auf seinem Gesicht durch die Scheibe. Es dauert nicht lange, und man sieht auch das ernsthaft zusammengezogene Gesicht von Driss, der hinterm Steuer sitzt. Gemeinsam rauschen sie nebeneinander durch die Nacht...
In dieser Szene liegt eine Schönheit, die sich schwer beschreiben lässt. 

Im übrigen kommt mein guter Magritte auch in dem Film vor. "Was denken sie sich bei dem Bild?" "Schöner Hintern." - "Ich möchte wissen, wie die Frau von vorne aussieht."