Montag, 11. März 2013

Woodkid - I love you! - "Alle(s) gegen mich!"

 Das neue Video von Woodkid ist seit Februar 2013 draußen. Diesmal nahm sich das Multitalent dem Thema "Einsamkeit" und "Trauer" an, und versucht die inneren Seelenlandschaften der vereinsamenden Seele in (s)eine Bilderlandschaft zu übersetzen. Wie das aussieht, kann man sich hier anschauen.

Woodkit- Ausschnitt aus dem neuen "I love you" Video


1. Inhalt und Vergleich mit "Iron"

Verglichen mit dem vorangegangenen Iron-Video das neue Video zuerst eine Art Wiederaufguss dergleichen Bildsprache. Gewaltig und voller Gefühl. Das ist nicht zwingend eine Kritik, da es das ganz normale Schicksal aller Künstler ist, eine gewohnte Handschrift zu entwickeln, in der sie ihre Kunstwerke niederschreiben. Aber man ist doch erst etwas enttäuscht, weil man vielleicht etwas anderes erwartet hätte. Somit ließ sich für mich auch der Vergleich mit Iron zuerst nicht vermeiden,
Im Verlgeich dazu wirkt der erneut in Schwarz-Weis gehaltene Clip zu "I love you" zuerst oppulent, oppulent und nochmals oppulent. Triefend vor Gefühl und Symbolträchtigkeit. Pathetischer ( also mit tiefen, und auf tiefen Schmerzen beruhenden Gefühlen) und auch subjektkonzentrierter, weil es hier nur einen "Helden" gibt. Nachdem dieser sich durch diverse Landschaften schleppt, trabt, stolpert, schlürft, schleift, geht er buchstäblich im Meer seiner Einsamkeit unter. Dabei sind die Landschaften bereits geschickt derart ausgewählt, dass sie sich als Symbole für eine Außenwelt interpretieren lassen, die nach dem Verlust der Liebe vorerst und aufgrund einer Reizgeneralisierung, die auch dem besten Menschen passieren kann, als feindseelig, abweisend und (gefühls)kalt empfunden werden. Wenn eben auf einmal ALLES Scheiße ist. 
 So muss der Pfarrer auf der Suche nach sich selbst erstmal durch eine felsig schlammige Gletscherlandschaft stapfen, um an einer Felswand anzukommen (die übrigens rein visuell eine sehr große Ähnlichkeit mit der Orgel hat, welche vom Pfarrer bedient wird), bevor er am Meer ankommt und darin versinken darf. 


2. Die Wale im Video

Und die Wale? Eins ist klar: Krill suchen sie nicht. 
Wale sind eine ästhetische Modeerscheinung. Sie faszinieren den Menschen schon immer (Mobby Dick) aufgrund ihrer Größe und deswegen, weil wir so gut wie nichts über sie wissen, außer, dass auch ihr Herz tonnenschwer und so groß wie ein VW Käfer ist, dass sie langsamer denken, als wir Menschen, weil die Distanz zwischen beiden Gehirnhälften viel größer ist und die Rechnung "größeres Hirn = größere Leistung" nicht aufgeht, weil die Bewältigung der langen Informationswege bereits viel zu umständlich ist, um Blitzgedanken zu bewerkstelligen. Na ja, das weiß auch nicht jeder, ist mal irgendwo hängengeblieben. Rein gestaltungsmittelentwicklungstechnisch betrachtet sind sie schon immer ein Garant für einen erhabenen Schauer gewesen. Ihre Anzahl wird potentiert. Damit kann der erhabene Schauer größer werden (siehe hierzu: Kant über "das Erhabene")
Ein werkimmanenter Interpretationsansatz wäre derjenige, die Meeresrießen als Leidensgenossen zu den im Inneren untergehenden Pfarrer zu sehen.  Schwimmen sie um ihn, weil sie ihn ansehen als einen der ihren? Weil sie ja eigentlich die "Nomanden der Meere" sind, also einsame Einzelgänger auf der Suche nach irgendwas in einem beinah unendlich großen und von Dunkelheit beherrschten Raum? Es wäre möglich. 
Aber eine passendere Interpretation erscheint mir die zu sein, auch sie als ein Abbild, ein weiteres Symbol, einer gleichgültigen, feindseelig-bedrohlichen Natur zu betrachten, die mit dem menschlichen Konstrukt "Liebe" so wenig anfangen kann, wie ein Hund mit einer Zahnbürste. 

3. "Deeper Underground" - das Ende des Videos

Der Pfarrer sinkt aber sogar noch weiter. Er versinkt nicht nur "in Grund und Boden",  wird auch nicht "vom Erdboden verschluckt", sondern aktiv, von der feindseeligen Natur, die im Laufe des Videos immer mehr als selbst Handelnder hervortritt, vom Meeresgrund verschluckt. Währenddessen mutiert sein Gesicht und nimmt ähnliche Pustelnformen an, wie diejenigen, mit denen die Haut von Blauwalen oder - man verzeihe mir das - Captiain Babossas Gesicht aus "Fluch der Karibik" überzogen ist. Der Pfarrer wird also verschluckt, taucht aus seinem Traum auf und findet sich vor der Orgel in seiner Gemeinde wieder. Schockierenderweise hat seine Vision noch kein Ende erreicht, denn man sieht, wie seine Hände sich auf phantastische Art und Weise weiterentwickeln.

4. Offenes Ende und offene Fragen

Man merkt, die Interpretation geht von Innen nach Außen.
Offene Fragen sind noch geblieben und das größte Rätsel des Videos vielleicht noch gar nicht gelöst: Warum der Junge am Anfang des Videos mit dem Wikingerhelm? Was bedeutet der gesamte Rahmen des Videos? Es handelt sich ja quasi um eine Art Novelle mit einem Rahmen: Pfarrer betritt Kirche und spielt Orgel - Pfarrer hat Visionen - Pfarrer beendet Orgelspiel.
Warum das Händesymbol, das wir Christen sofort und instinktiv mit "von Schuld befleckten Händen" gleichsetzen, die man wie Pontius Pillatus in Unschuld waschen möchte? Spielt die Missbrauchsaffaire der katholischen Kirche eine Rolle darin? Wurde der auf dem Boden liegende Junge ermordet? Symbolisch oder real?
Es sind noch viele offene Fragen vorhanden. Und auch wenn ich zuerst nicht überwältigt war von dem Video, muss ich, wie so oft im Nachhinein zugeben, wieviel mir das Video doch gibt, eben weil ich erkenne, dass ich doch noch sehr wenig davon verstanden habe. 
Also bitte mehr solcher Videos, die inspierierend und beschäftigend sind und nicht nur in der reinen Selbstdarstellung verhaftet bleiben.

Montag, 4. März 2013

Public Enemy No. 1

Grimmig, entschlossener Blick und keine Angst vor Gewalt - das Leben Jacques Mesrines wurde 2008 auf die Leinwand gebracht

Kalt, rasant, beeindruckend, abschreckend.
Klasse Setting, klasse Musik. Klasse Besetzung.
Klasse Schauspiel. Klasse Schnitt.
Harter Film. (Trailer)

Samstag, 23. Februar 2013

Bond - Skyfall (2012): Kleider machen Leute

Im neuen Bond bleibt alles beim Alten: Verfolgungsjagden, Prügeleien, Ballerein und gewitzte Gespräche, die sich filigran und filigraner um einen Rachefeldzug entwickeln. Das zum einen, zum Alten. Im neuen Bond geht es zum andern aber auch viel um Macht. Darüber, wie man sie bekommt und darum, wie man sie erhält. Die Art der Kleidung ist Mittel davon. 

Kleider machen Leute - M's Machterhalt funktioniert vor allem durch ihre makelloses Auftreten und - ihre makellose Kleidung. (witzig hier auch: Wie der Herr, so d's Gscherr) 
M. (Judy Dench) M. befindet sich im Kreuzfeuer. Erst in dem der Aufsichtsbehörden, dann in dem ihrer Feinde. Auffällig ist vor allem, wie M. ihre Position durch makelloses Auftreten verteidigt. Und das liegt zum großen Teil an ihrem Kleidungsstil: Machtkleidung. Was wäre sie ohne ihre Kleider? Klein, gebrechlich und wehrlos. "Sind Sie verletzt?" - "Nur mein Stolz. Schießen war noch nie meine Stärke." Sie hätte ihre Tage, aus sie muss kacken usw. "Des Kaisers neue Kleider"


Bei Vertiefungswünschen eine Bourdieu-Nachfolgestudie in der Rezension




Donnerstag, 21. Februar 2013

Bruce Will(e)S: "Die Hard"

1988 - Stirb Langsam - Die hard erblickt das Licht der Welt (John MacTiernan)


Inhalt
Eine Gruppe westdeutscher Terroristen stürmt am Weihnachtsabend ein mehr als 40-stöckiges Hochhaus, um dort an Wertpapiere im Wert von mehr als 600 Millionen Dollar zu kommen. Sie haben die Rechnung ohne den New Yorker Polizisten John McClane, der seine Familie zu Weihnachten in LA besuchen möchte.

Kommentar
Hartes Actionspektakel nach Männergeschmack: Einsamer Mann muss McGyver-Bastelfreude und Ideenreichtum beweisen, um allein gegen alle durchzukommen und am Ende gegen das Böse zu triumphieren.
Der Film nimmt sich nicht allzu ernst - immer wieder wird die Oberfläche des harten Actionfilms durch humorvoll durch Selbstironie oder Slapstick-Gags durchbrochen. Das tut dem Film gut. Außerdem sollte man ihn unbedingt auf Englisch anschaun. Nicht schwer verständlich bereitet das schlechte Deutsch der Terroristen ebenso wie ihr deutscher Akzent im Englischen nicht nur Bruce Willis Gelegenheit für einige Lacher. In diesem Sinne also Anschauungsempfehlung. "Get on the roof, Hans".

Freitag, 15. Februar 2013

Sturm und Drang

Goethe formulierte in seiner "Rede zum Shakespeare-Tag" folgende Aussage:

"Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäßigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Ortes so kerkerlich ängstlich, die Einheit der Zeit und der Handlung lästige Fesseln unserer Einbildungskraft." 

Diese Aufbruchsprogrammatik lässt sich in zwei weisen interpretieren: Zum einen beschreibt sie das Aufbrechen mit der Regelkonformität. Zum andern wird kann man das Aufbrechen im Sinne von "neue Wege beschreiten" verstehen. Den Kompass dafür liefert den Sturm&Drängern die eigenen Originalität, der Glaube an die naturgegebene angeborene Schöpferkraft. Kant definierte das Genie als "angeborene Gabe mit der die Natur der Kunst die Regel setzt".

Sonntag, 10. Februar 2013

Goethe Iphigenie auf Tauris (1779 / 86)

Feuerbach - Iphigenie
Inhalt: 
Iphigenie ist seit 10 Jahren bei den Taurern, einem Volk, das aus Sicht der Griechen, barbarisch ist, als Tempelpriesterin der Diana beschäftigt. Der König der Tauren, Thoas, wünscht sie sich zur Frau. Ihr Bruder Orest und dessen Freund und Cousin Pylades treffen auf Tauris ein, und wollen dort die Statue der Diana aus dem Tempel entwenden.  Sie werden gefangengenommen, Iphigenie hätte die Aufgabe, sie zu opfern - was der König auch als eine Art Druckmittel gegen ihre Unerreichbarkeit benutzt. Für Orest, Pylades und Iphigenie bietet sich die Gelegenheit zur gemeinsamen Flucht von der Insel. Doch Iphigenie ergreift die Gelegenheit nicht sofort. Ihr Gewissen gebietet ihr anderes zu tun, denn sie fühlt sich Diana als Priesterin und Thoas wegen seiner Gastfreundschaft verpflichtet. Im fünften Akt kommt es schließlich zur Aussprache zwischen den Charakteren und die Geschichte findet einen guten Ausgang: Thoas lässt die Griechen, nach einer Unterredung mit ihnen, in die Heimat segeln. 


Form:
Genus grande, viele Euphemismen und Direktübersetzungen aus dem Griechischen, "übernatürliche" Sprache "aber nicht außernatürliche". Gefasster, als in der Realität, eloquenter als in der Realität und würdevoller als in der Realität treten insbesondere Iphigenie und Thoas auf. Goethe benutzt den Blankvers. Da bereits 1779 eine sogenannte Prosa-Fassung von der Iphigenie existierte, liegt mit der Ausgabe, über die ich rede, "nur" eine Überarbeitete Fassung vor. Die Verse wurden unter mithilfe von Herder und unter der Schwierigkeit ihnen "unter dem Joch des Verses nicht das Gnick zu brechen" (Goethe in einen Brief an Herder) also umgeformt, reogarnisiert und klassizistischer Verpflichtung gemäß aufgewertet. Auffällig ist auch, dass die Figuren angepasst an ihre aktuelle Situation sprechen. Zwar ist der Blankvers definitiv dominierendes Versmaß in dem Stück, doch in Erregungszuständen der Figuren wird dieses Versmaß auch verlassen. (z.B. Iphigenie: "Es fürchte die Götter / das Menschengeschlecht" -> xúu xúu / xúu xx , oder der "Wahnsinnsmonolog" Orests)
Es handelt sich um einen klassischen Fünfakter mit Exposition, erregendem Moment, Höhepunkt, retardierendem Moment und Lösung. Wobei hier problematisierend angegeben werden kann, dass das Stück durchaus mehrere Höhepunkte aufweist. Diese sind zum einen das Wiedererkennen Orests und Iphigenies, zum andern aber auch das Eindringen Orests, mit gezogenem Schwert, in das Gespräch zwischen Thoas und Iphigenie im 4. Akt. 
Die Form folgt den Gestaltungsprinzipien der Klassik, die die griechischen Formvorgaben Horaz neu entdeckt und auf den zur damaligen Zeit beliebten Iphigeniestoff angewendet werden: Das Stück ist ganzheitlich. Es hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Es ist Schlicht und Überschaubar: nur fünf Personen handeln, die Handlung folgt einer stringenten Ausgangssituation und läuft klar auf eine Zielsituation hin. Das Drama gehorcht dem Prinzip der klassizistischen Dämpfung hoher Affekte und Emotionen und schließlich kann es als musterhaft gelten. 

Interpretation:
Die wissenschaftliche Interpretation ist diejenige, die Konflikte aufgezeigt, die Figuren beschreibt und charakterisiert, ihr Verhalten und ihre Charakterdisposition durchleuchtet, die den Aufbau hinterfragt und in der Regel am Ende die Mehrdeutigkeit des Textes hervorhebt.
Darum geht es mir gerade aber nicht. Vielmehr frage ich mich, inwieweit der Text tatsächlich musterhaft ist, inwieweit er sich auf die reale Lebenswirklichkeit bezieht, oder bezogen werden kann. Der Text geht tief und er berührt mich auf eine ganz sonderbare Art und Weise. Ich bin weder gerührt von ihm noch schockiert oder zitternd. Mag sein, dass ein Grund dafür ist, dass ich nicht mehr der naive Leser bin, der nur textimmanent auf die doktirnengleichen Verse blickt und der Meinung ist, dass jede Zeile vor dem Aufeinandertreffen des Lesers mit der Realität zu ihrer Wirkung gebracht werden muss.  Denn die Realität ist anders und sie war auch damals anders. Mit andern Worten: Goethe hat einen Text geschrieben, der weitaus humanistischer ist, als er selbst es jemals war. Denn mitnichten: ich kann die sozialhistorische Perspektive nicht mehr ausblenden: dass da ein paar Privilegierte 1786 abgeschottet von der sozialen Wirklichkeit, bzw. genauso von Frondiensten, Steuerfreiheit, absoluter Gerichtsbarkeit und ähnlichen Herrschaftsrechten des ancien regimes finanziert ihre selbstschmeichlerischen Sozialphantasmen auslebten (Carl August hat ja selbst in der Uraufführung den Thaos gespielt), Todesurteile unterzeichneten und Kaffee schlurften, anstatt konkret den ganzen Staat zu veredeln und nicht nur die höfische Repräsentationskultur. Eben das würde mich interessieren: welche Reformimpulse gab  Goethe an welche Zielgruppe hinaus? War er ein Volksheld? Als Sturm- und Dränger ja, aber war er es auch noch als Minister und Beamter?
Und ganz pragmatisch gesehen: König Thoas handelt aus seiner Wortverpflichtung heraus, als er Iphigenie und die Griechen ziehen lässt. In der Exposition gab er ihr das Versprechen sie gehen zu lassen, wenn sich die Gelegenheit ergeben würde. Iphigenie nagelt ihn an seinem Wort fest. Albrecht Mayer findet das, so scheint es, garstig und zuviel verlangt. Eben das mache die Iphigenie so verteufelt humanistisch. Ich dagegen frage mich, inwieweit ihre Verbindlichkeitsforderung, also ihr Beharren....ihr in ihren Charakter versenktes Verlangen nach Worttreue nicht tatsächlich der Ausgangspunkt allen zwischenmenschlichen Handelns sein muss? Nicht umsonst lernt man immer wieder, dass Kommunizieren und "richtiges" Kommunizieren (nach Grices Gesprächsmaximenmodell) das A und O aller zwischenmenschlichen Beziehungen sein muss. Also deswegen kann ich hier nur ganz persönlich empfindend sagen: Bitte . haltet. euer . Wort.

Intertextuell:
(Und wo wir gerade bei Klassik sind: die Gesprächsszene aus Schillers Maria Stuart (1800) zwischen Maria und Elisabeth kann geradezu als Gegenbeispiel zur gelungenen, humanistischen Kommunikation Iphigenies mit Thoas herangezogen werden.)


Montag, 28. Januar 2013

Fesselnd und berührend - Nietzsche



(UND DER) 

NIETZSCHE 

(- COMIC) 






Unlängst las ich den Nietzsche Comic von Onfray / Le Roy. Im Deutschen ist er beim Knaus-Verlag erschienen. 

Nietzsche als moderner Held 

ER ist fesselnd, berührend.
Wer ist fesselnd und berührend? Ja, inzwischen, nun eine Woche nach der Lektüre, hat die Frage und ihre Beantwortung ein erstaunliches Eigenleben entwickelt. Eigentlich dachte ich, es sei Onfrays und Le Roys Comic. Aber inzwischen denke ich, es ist Nietzsche, der mir durch den Comic viel näher gebracht wurde. Nietzsche. Dieser Held der Moderne. Der Held der Moderne?
Ein paar der ersten Bilder aus dem Nietzsche Comic
Spricht man heute von Helden denkt man zuerst an Superman, Wolverine, den roten Blitz und an alle andern Auswürfe des Marvel oder DC Superheldenuniversums. Wenn man etwas weiter denkt kommen dann vielleicht Gedanken an die Feuerwehrmänner in Fukushima, Katastrophenhelfer an sich, die Ärzte und Krankenpfleger aus Ägypten, die nach Lybien fuhren, um dort ihre revoltierenden Gesinnungsgenossen zu unterstützen. Aber an Nietzsche denken? Diesen verkorksten, griesgrämigen Migränegrübler, der sich nicht außer Haus traute? Dieser Wuchtklotz mit dem wullstig-wuchernden Schnauzbart aus der Jahrhundertwende? Verblüffend, aber ja, genau dieser. 
Nietzsche formulierte seine Gedanken und lebte sie aus. Er verweigerte die passive Konsumhaltung und erforschte mit allem Leidensdruck, der dazugehört, die Möglichkeiten der menschlichen Existenz.
Was macht Nietzsche zum modernen Helden, vielleicht sogar zu dem Helden der Moderne?
Die Helden im literarischen Diskurs sind oftmals Leidende. Genial, aber von Leid begleitet. Genauer betrachtet ist die Genialität sogar, so scheint es, eine Bedingung für ihr großes Leid – je größer das Genie, desto größer die Bürde, die daran gekoppelt ist.
Vielleicht beruht Nietzsches Talent, seine Genialität in seine Weitsicht. Er graste alle Themengebiete der menschlichen Existenz in einmaliger, radikaler und gleichzeitig poetischer Art und Weise ab. Zwischenmenschliche Beziehungen (Der Wille zur Macht), unsere Wahrnehmung (z.B. "Zur Genealogie der Lüge"), Kunst und Kunstverständnis ("Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" / Seine Wagnerkritiken), den Glauben. Immer weiter in die Finsternis getrieben, riss er jede Fassade ein, um zu sehen, was dahinter steckt, woraus es besteht und wie es sich anfühlt, bis, so hat es den Eindruck, die Materie und alles, was er anfasste, selbst vor seinem Geist zerbröselte und sein Schädel zerbrach. Und dann eben noch dieses Meer an Mitgefühl, das ihm zum Verhängnis wurde.
Seine Hassliebe zu den Menschen und die Verantwortung, die er ihnen gegenüber empfindet, ihnen die Wahrheit entgegenzuschreien. Heldenhaft also in jedem Fall das tragische Ende seines Lebens. 

Nietzsches Philosophie - Kurzabriss

Nietzsche schrieb über die Genealogie der Moral( den Ursprung der Moral). Seiner Philosophie haftet etwas krass Elitäres an. So "von Gipfel zu Gipfel, und auf einmal ist da keiner mehr". Oder „mir nach, ich geh da voran mit der Fackel in die Dunkelheit!“ Er hatte zeitlebens schwere Kopfschmerzen, nahm etliche Medikamente dagegen, war eventuell homoerotisch, auch wenn er sich in Lou-André Salome verliebt hatte, hatte eine Dozentenstelle in Basel, bevorzugte es aber anstatt sein Leben ruhig als Dozent zu fristen, lieber Nacht für Nacht zu arbeiten, ohne Ende, bis er Kopfschmerzen bekam, um dann wieder weiterzuarbeiten. Er meinte, der Mensch brauche Lüge, um die schlechte, dem Willen zur Macht unterworfene und in Lügen gefangenen Welt zu ertragen. Oder einen harten Panzer, einen unerschütterlichen Trieb zur Wahrheit und die aktive Bejahung des Lebens. Er meinte: das Leben sei ein Krieg jeder gegen jeden, in Aufnahme von Schopenhauers Denken. Ein Kampf verursacht durch den Willen zur Macht.
Abgesehen davon war er es, der Gott für tot erklärte sowie den Gedanken der ewigen Wiederkunft entwarf. Auch der Übermensch geht auf ihn zurück. Sowie das apollinische und das dionysische Prinzip. Im späten Alter verfiel er in einen Zustand dämmriger Umnachtung. 

Der Comic


Zuerst: Der Comic sei jedem Fan großer Kunst wärmstens ans Herz gelegt. Er ist fesselnd und berührend. Still und ausdrucksstark. Er zeichnet Nietzsches Leben in wichtigen Etappen nach. Man erkennt Konturen seines Denkens und seines Lebens gleichzeitig. Was man aber nicht verliert, ist der Blick auf den Menschen Nietzsche. Nietzsche, nur ein Mensch. Eine gequälte protestantische Seele, die früh am Verlust des Vaters leidet. Denn wie man Kafka als "Ewigen Sohn" denken muss, so muss man auch bei Nietzsche den früh vaterlosen im harten Protestantismus aufgewachsenen Knaben mitdenken, der irgendwie mit einer Art Schuldgefühl auf die Welt kommt und dieses treibt ihn vielleicht sein Leben lang voran.  Und das ist mitberücksichtigt worden.
Die Perspektive des Comics ist zuschauend, kennenlernend, zurückhaltend, beobachtend und beschreibend gleichzeitig. Hier eine Leseprobe



Zum einen als Jungen ohne Vater und zum andern als scharfsinnigen Denker, Schreiber und Formulierer. Denn sein Werk wächst auf dem Boden einer von Anfang an mit Unglück gestraften, empfindsamen und verletzten Seele. „Man darf ihn nicht ernstnehmen“, soll Thomas Mann einmal über seinen Lieblingsphilosophen neben Schopenhauer gesagt haben. Darf man das nicht? Nietzsche nicht ernst nehmen, heißt die Philosophie nicht ernst nehmen heißt eine (höhere) Verantwortung des Menschen füreinander, untereinander und auch gegenüber der Natur nicht ernst nehmen. Das Resultat davon sehen wir in jeder einzelnen Sendung der Tagesschau.