Montag, 23. Juni 2014

Klassiker der Literaturgeschichte: Tolkiens "Der kleine Hobbit"

J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe hat einen Vorläufer. Spätestens seit Peter Jacksons Verblockbusterung des Mittelerde-Stoffs kennt jeder die Geschichten um den Ring und wie er die Leben der eher abenteuerscheuen Hobbits infiziert. Dabei ist das Buch auf jeden Fall einer Lektüre und eines tieferen Blicks wert!
Handlung

Die Handlung des ersten Teils der Saga ist schnell zusammengefasst. In einer Geschichte mit zwei Höhepunkten geht es episodenhaft erzählt zuerst um den Weg Bilbo Beutlins und seinen Reisekameraden, den Zwergen, zum Einsamen Berg, wo der Drache Smaug haust, um dort den von den Zwergen gestohlenen Schatz zurückzuerobern. Daran anschließend liest man, wie Bilbo zwischen den verstrittenen Parteien, die alle einen Anspruch auf den zurückgewonnenen Schatz erheben, trickhaft vermittelt, damit es nicht zum Ausbruch eines weiteren Krieges um das Gold kommt. 

Genreeinordnung

Da es nicht immer mit rechten Dingen (heißt mit der Physik, wie wir sie kennen) zugeht und auch die Wesen, die im Universum J.R.R. Tolkiens auftauchen, nicht den Kreaturen entsprechen, die man beim täglichen Spaziergang durch unsere Flora und Fauna antrifft, handelt es sich um einem phantastischen Roman. Es wird munter gezaubert (Gandalf/Mondrunen, etc.), während Orks auf Wölfen, Riesenspinnen, Trolle oder Elben  Zwerge jagen, die einen Drachen suchen, der nicht nur Feuer spuckt sondern auch sprechen kann. Außerdem wird die explizit auktoriale Erzählung immer wieder von Gedichten und Gesängen durchbrochen, so dass man durchaus Parallelen zu anderer abenteuerlicher romantischer Reiseliteratur wie z.B. Eichendorffs Taugenichts ziehen kann.
Auch die Grundlinien der "progressiven Universalpoesie", wie sie Schlegel im Rahmen der Frühromantik einforderte, kann man im Abklang der Geschichte erkennen. Denn die "sogenannte Progressive Universalpoesie fordert die Vermischung aller Gattungen. "Im romantischen Roman schlägt sich dieses Diktum in einem steten Wechsel der Formen nieder: Erzählende Passagen werden von dramatischen, dialogischen Sequenzen abgelöst; Gedichte, Lieder oder Briefe durchbrechen den Erzählfluß." Zwar wird der Erzählfluß im Hobbit nicht permanent unterbrochen. Briefe oder Dialogsequenzen findet man auch nicht in dem überschaubaren Büchlein und eigene Subtexte wie eingestreute Extramärchen kommen ebenfalls nicht vor. (Hier ist es der Film, der Gandalfs Abwesenheit und die Entstehung Saurons z.B. explizit ausmalt). Dafür integriert Tolkien aber ganz im Sinne Schlegels Lieder, Gedichte und deutet auch alte Sagen an. Und auch die Moral findet stellenweise Einzug in das Werk. Vor allem die verderbende Macht des Goldes, der der Zwergenkönig temporär unterliegt, wird auf herrlich ironisch-auktoriale Weise reflektiert. Und als Beispiel einer kleinen Gedichtintegration.

"Weit über die kalten Nebelberge,
zu den tiefen Verliesen und uralten Höhlen
müssen wir fort, ehe der Tag anbricht
das bleiche, verzauberte Gold suchen"
Geschickt nimmt hier Tolkien bereits einen Großteil der folgenden Geschichte vorweg.

Stil

Der Hobbit ist eine dezente Andeutung dessen, was in "Der Herr der Ringe" langatmig ausgemalt wird. So besticht der Roman auch durch sein perfekt ausbalanciertes Verhältnis zwischen Andeutung und Ausschilderung. Gerade die Beorn-Episode bleibt hier haften. Man erahnt, was es mit dem Gestaltenwandler auf sich hat. Doch dass es sich bei dem Aussteiger um einen Bärenmenschen handelt wird erst im Endkampf wirklich klar. Auch durch Abwechslung besticht der Stil des Hobbits. Handelt es sich zwar um eine Geschichte, die an einem roten Faden hin zum Einsamen Berg führt, bei der das Erreichen des Bergs mit vielen Abenteuern verbunden ist, so wechseln die Abenteuer in sich doch im Vergleich zu anderen Kinderfantasyromanen (z.B. im Verlgeich zu "Das Wolkenvolk") stärker ab. Es wird nicht nur mit dem Schwert gekämpft, sondern auch mit der Phantasie. Wie befreit man Zwerge aus den Hallen der Elben?  Wie kommt man von einem Baum herunter, an dessen Fuß Wölfe sind und der von Orks angezündet wird? Wie redet man mit einem Drachen? Wie beschreibt man das erste Aufeinandertreffen mit einem degenerierten Hobbit, der seit Jahren unter der Erde lebt? Anstatt hier lieblos Erzählstereotypen abzuspulen erscheint jede einzelne Geschichte liebevoll und phantasievoll ausgestaltet. Tolkien bewahrt dabei seinen ihm ganz eigenen Stil, es gelingt ihm aber auch ihn immer wieder neu zu erfinden. Unvergesslich der Anfang der Geschichte: 

In eine Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit. Nicht in einem schmutzigen, nassen Loch, in das die Enden von irgendwelchen Würmern herabbaumelten und das nach Schlamm und Moder roch. Auch nicht etwa in einer trockenen Kieshöhle, die so kahl war, daß man sich nicht einmal niedersetzen oder gemütlich frühstücken konnte. Es war eine Hobbithöhle, und das bedeutet Behaglichkeit.


Fazit

Wirklich besser als der Film. Es dauert ein wenig, um einzutauchen in die Welt des Hobbits. Aber einmal drinnen, führt einen Tolkien als liebevoller auktorialer Erzähler stimmungsvoll und abwechslungsreich durch die frühkindliche Welt Mittelerdes ohne dabei in Kitsch und Einfachheit unterzugehen. Ein wahres Meisterwerk der Fantasyromane und ein Meilenstein der Kinder- und Jugendliteratur. 

persönliche Höhepunkte


Das Rätselduell mit Gollum und das Schmeichelei-Gespräch mit Smaug 

Weiterführende Links: 

Hier ein paar Abbildungen und anderes Hintergrundmaterial zum Hobbit

Freitag, 9. Mai 2014

Umberto - D(r)iving through the night

Unexpected Joint: Düstere Ambient - Driver - Sounds in der Studiobühne des Cairos. 

Alles richtig gemacht: Viel Nebel. Lauter Sound. Gute Boxen. 
Und die Songs? Aufbauend, knallend, peitschend, atmosphärisch, 80ger Jahre Düster.
Ein ganz eigener Ausflug durch die Nacht, unmöglich nicht einzutauchen 




Samstag, 3. Mai 2014

Niedowierzanie: Kitchig, Disruptive, Progressive.

Auf der kleinen Bühne des Café Cairos, der Studio-Bühne, spielten gestern eine Band und ein Solokünstler auf. Den Solokünstler erlebte ich nach meiner Arbeit im Krankenhaus mit. Niedowierzanie nennt sich der Künstler. Das ist unaussprechbar, polnisch und bedeutet "Misstrauen". Der Künstler selbst trat alleine auf. Er saß auf Augenhöhe mit dem Publikum, das am Boden saß auf einem Hocker. Als Instrumente hatte er eine kleine E-Mandoline, ein Akkordeon, eine Trompete und seine Stimme dabei. Was er mit diesen Klangerzeugerungsmitteln produzierte, sendete er durch ein Richtmikrophon zu seinem ThinkPad von Nokia. Dort wurden die Signale stark modifiziert, vorwiegend durch Hall und Distortion. Zusätzlich zu den so eingespielten Sounds liefen vorproduzierte Sets vom Computer ab.
Vom Stil her kam eine Mischung aus bastardigem John Fusciante - Synthiedrummbeat, vielen Flächen und unzuordnungsbarer Geschrabbelei aus der sehr guten Anlage der kleinen Bühne.

Wie war der Gesamteindruck? Schräg! Gringo-Italiano Beats, harte Beats, viel Bitcrusher, schwermutige Melodien und Gesang.
Insgesamt war der Sound sehr weit angelegt, durch die hiphoppigen Beats aber immer wieder begrenzt. Für mich entstanden zuerst Soundwelten zwischen Sinti-Romasehnsucht und Spaghettiwestern, und etwas reflektierter: Weite und verdrängte Urbanität. Auch Surrealität. Ein anderer Konzertbesucher sprach "vom Herzschlag eines Fettleibigen, der im Sterben liegt", der Veranstalter sprach von Frankreich. Eingeladen fühlte man sich von der Musik nicht, aber beeindruckt.

Was mir fehlte, war der Kontakt des Sängers zum Publikum. Vielleicht wollte er einfach nicht mit dem Publikum reden oder agieren. Vielleicht ist es auch ein Genremerkmal, dass die Experimental-Folker, die ich bisher gesehen habe, teilen: Sie wirken auf mich so, als hätten sie ein irgendwie verschämtes Verhältnis zu ihrer Musik. Ich werde dem weiter nachgehen. Trotzdem bereichernd und öffnend.

  

Freitag, 25. April 2014

Verrücktes Blut - Klasse Inszenierung eines brisanten Stücks an der Theaterwerkstatt Würzburg.



Es war an der Zeit für Stück, dass den Generationenkonflikt nicht wie gewohnt offenlegt, sondern überwindet.

Wer sagt, dass man Schiller heute lernen muss? Der Staat, seine Angestellten im Ministerium, die Jahr für Jahr den Lehrplan vorgeben...eine Minderheit, die ihren Willen der Jugend aufzwingt? 
Natürlich, der Mensch ist derselbe geblieben. Die Erziehung, die wir ihm angedeien lassen wollen, ebenfalls: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, in der Lage selbstständig zu denken und zu handeln. Mit wem könnte man das besser lehren, als mit Schiller? 
Aber Schiller - das sind immerhin etwa 220 Jahre Staub auf den Stückmanuskripten. Wie soll man die Randgruppen der Gesellschaft, die sich schon mit normalem Deutsch schwertun und eigene sprachliche Hybridformen hervorgebracht haben, eigene Sozialidole verehren (Sido, Bushido, etc.)  mit Schiller versöhnen? 
Die Antwort, die das Skandalstücks von Nurkan Erpulant entwirft, wirkt wie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kants berühmtem Diktum über die Widersprüchlichkeit aller aufklärerischen Erziehung: "Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange"? Dabei hat das Stück sehr viele tragisch-komische Momente. Denn der Stoff ist eigentlich alles andere als komisch - vielleicht wirkt nur so, weil die Zöglinge durch ihren sozialen Habitus für uns nicht-"bildungsferne" Schichtlere etwas Komisches haben. Es heißt nunmal "Vernunft" und nicht "Vernumpft". 

Die Theaterwerkstatt brachte den Text auf die Bühne. Durchbrochen wurde er von Chorpassagen, in der die Figuren ihre Rolle verlassen und zu Interpreten deutsch-volkstümlicher Lieder werden, die die schöne deutsche Tradition der hässlichen Schreikultur der Heranwachsenden entgegenstellt.

Hier der Inhalt zusammengefasst in Kürze: 

1. Situation: Theaterunterricht mit Migrantenschülern
2. gravierende Veränderung: Waffe im Theatersaal, gerät in die Hände der Lehrerin -> motiviert Handlung:
3. Lehrerin erzieht die Schüler mit der Waffe zur aufgeklärten, laizistischen, demokratischen Gesinnung
4. Schüler lernen Lerninhalt individuell unterschiedlich. Manche wachsen über ihre alten Grenzen hinaus, andere bleiben in ihrer sozialen Rolle/ihrem Habitus (Bourdieu) hängen (Chefmacho und Opfer)


Und hier noch ein Link zu einigen Fotos aus dem Stück
hier die Kritik der Mainpost

Montag, 14. April 2014

Abschied nehmen von einem netten Begleiter...


Fynn

Worte
Was sind schon Worte? Unzureichende, leere Hüllen,
wie unser Körper unzureichend, um Platz zu geben für all das Leben,
das uns umflutet.

Aber denke ich an dich,
dann stocke ich,
dann schweige ich und dann verweile ich
in süßen Gedanken über dein weißzähniges Lächeln
und Wind auf dem Balkon
und zugehaltene Ohren, die was weiß ich für einer musikalischen Ordnung folgen
und über pausenloses Rabauzen
und versunkenes, hingebungsvolles
Selbst-Sein auf der Bodenmatte
im Wasserbett
im Schlafanzug
im Gitterbett
aber selten im Rolli

Im Rolli musste erkundet werden
der Drang zur Eroberung und zur Bewegung,
so kam es mir vor.
Sturmpilot vor der Einflugsschneise der Dachterrasse
tollkühn wie Lindbergh und noch frecher
weil soviel kleiner
und zerbrechlicher
du
warst.

Ruhe in Frieden,
Fynn Deaton
und nimm diese Tränen mit.


Montag, 17. März 2014

Planetarium in Augsburg : Folie à deux



Konzeputell gebundenes, muldimediales Stück mit sehr aufschlussreicher und interessanter Thematik

Protagonisten:
Ein "Authist", oder das, was wir Authist nennen, und eine Bankangestellte.
Ein Sternenflüsterer und eine Buchstabenlauscherin.
Ein Nachwuchsgalilei und der verlängerte Arm der "kommerzialischstischen" Kirche
Ein Selbstdenkender und ein von den Normen der Gesellschaft beschriebener Mensch.
Ein Individualist.

Hmm. Thematisch wirklich verkniffelt. Die einzige Lehre: radikaler Individualismus - auf den der Mensch ein Recht hat - führt leider zwangsläufig in die zunehmende Isolation und die Isolation führt in die Pathologie. Ob nun die männlicheHauptfigur quasi nur"Doors of Perceptions" für den Zuschauer und "Sie" öffnet, die diese sich ansonsten verwehren, oder ob es tatsächlich eine Form der Pathologie bleibt - das liegt allein in den Normen der Gesellschaft verankert. "Krank" ist im Falle des Wahnsinns eine Frage der Definition. (-> wenn man hier weiterlesen möchte, landet man wohl bei Foucaults Wahnsinnsforschung, oder vielleicht war es auch Luhmann...Die Regeln des Diskureses. Wer sprechen darf, wem zugehört wird, und wem nicht)

Letztendlich aber doch zwei Sterne, die umeinander kreisen.

Samstag, 8. März 2014

Thomas Mann: Die Buddenbrooks

Endlich? Viel Zeit habe ich mitgebracht, um den Familienepos zu lesen. Nun bin ich fertig :)


Buddenbrooks

Die plastische Erzählung des Niedergangs eines Kaufmannsgeschlechts über drei Generationen. Episch und archetypisch entfaltet Thomas Mann ein Gesellschaftsbild der Welt im Umbruch aus der alten Ordnung hin zu einer neuen, chaotischeren.
Man liest das Buch nicht der Geschichte oder der Handlung wegen, sondern vielleicht aus drei Gründen:
Erstens: aufgrund der vielen erzählerischen Details: Den Dingen, die man nicht wusste oder vergessen hat, wie z.B. Comptoirs und Getreidehallen, Paletot-Mäntel oder Capothüte. Thomas Mann zu lesen ist wie in ein Museum zu gehen und es zu genießen. 
Zweitens ist es wert Thomas Mann zu lesen aufgrund der Art und Weise, wie geschildert wird. Thomas Mann beherrscht die deutsche Sprache wirklich ausgesprochen gut. Seine Sätze sind ausgewogen, ausgepolstert, rhythmisch perfekt (irgendwo wogend und wankend) und die Sprache, vor allem das Vokabular, ist sehr abwechslungsreich und breit gefächert. 
Als drittes erwähenswertes Detail wird die Erzählkunst an sich in meinem Gedächtnis haften bleiben: wie eben über Vielem, was geschildert wird, das Archetypische und Zeitlose schwebt. Die Charaktere und Situationen, die beschrieben werden, sind aus dem Leben gegriffen. Dem Leben abgeschrieben, wie Thomas Mann selbst sagen würde, und das erstaunt, beruhigt, tröstet und bedient gleichermaßen ein gewisses voyeuristisches (?) Interesse.