Sonntag, 3. Juli 2016

stimmige Seelensuche in der KHG: "Die Wandernutten"

Ja, der Name verrät, welchen Interpretationsstiefel man sich anziehen darf.
Dennoch kommt das Stück von 2004 von der Schriftstellerin Theresia Walser in der Inszenierung der KHG Würzburg entspannend stimmig, modern und geschlossen rüber.

Inhalt:

In drei Mikroszenen, die nebeneinander existieren, entfalten sich menschliche Abgründe und Sehnsüchte in einer Traumlandschaft, wie sie nur das Theater hinaufbeschwören kann.
Zu nennen ist hier zum einen die gesellige Männeressensrunde mit Albert, Rainer, Georg und Olaf: Sie unterhalten sich über das andere Geschlecht und ihre Verstricktheit mit diesem. Vom Verzicht bis zum Genuss scheint alles drinnen zu sein, bis die Stimmung kippt, als ein gewisser italienischer Likör getrunken wird.
Dem gegenüber stehen sich drei Frauen in einer Hotellobby. Die Damen befinden sich zunächst in einer klaren Hierarchie von unten nach oben. Die Rangordnung untereinander wird während des Stücks ansatzweise neu ausgefochten, wobei die Figuren parallel dazu vergleichsweise viel von sich selbst preisgeben. 
Schließlich gibt es noch das angesehene Paar Ronny und Ute im Park - Prominente oder Pornodarsteller - und ein natürlich unbekümmertes Mädchen, dass sich vordergründig vor allem (lange Rede - kurzer Sinn) mit einem Ast im Weg eines möglichen künftigen Liebesgefährten auseinandersetzt.

Die Drei Szenen entwickeln sich. Während die Männerrunde sich zunehmend in eine chaotische Destruktion steigert, weist die Geschichte um die Businessfrauen von Welt eine pointierte Dramatik auf. Ronny und Ute sowie das Waldmädchen erleben hingegen keine klare "Story". Hier dreht sich der Hauptfokus um das Innenleben und den Charakter der Figuren, bzw. um die modernen Fragen, die durch das Stück aufgeworfen werden.

Insgesamt handelt das Stück von Ansehen, Begehren, enttäuschter, gesuchter und unbefriedigter Liebe, Rangordnungen und Hierarchien, Macht und Zwangshandlungen. Fast alle Figuren stehen im Konflikt miteinander oder sich selbst. Anstatt sich zu behüten, bekämpfen sich die Figuren in atemberaubendem Tempo. Anstatt den Kern der inneren Unruhe zu erfühlen und sich selbst zu pflegen, werden die Konflikte im Umfeld ausgetragen. Somit handelt es sich gewissermaßen um ein Stück, dass einem am Negativbeispiel lernen lassen möchte, zur Selbstbesinnung zu kommen. 

Inszenierung:

Sehr spartanische und geschmackvolle Einrichtung des Bühnenraums in dunkel gehaltener, atmosphärischer Beleuchtung. Hinsichtlich der Bühnenraumgestaltung gelingt es, die Brücke zur modernen, bildenden Kunst zu schlagen. Die Konzentration des Stücks auf eine Hauptbühne wurde aufgelöst und der Spielort auf drei Bühnen  für die drei Mikroszenen erweitert. Die Szenen selbst werden bisweilen von passenden musikalischen Klängen ergänzt. Abgerundet wird das Stück durch eine geschickt gewählte Ouvertüre, die als Abschlusslied nochmals erscheint: Die harmonische Fassade des Lebens der Figuren wird durch ein paar störende Klänge im geordneten Abmiente bereits zu anfangs in Frage gestellt. 

Ein paar Erinnerungen: 

"Warum bringt einen nicht weiter - es ist wie Karussellfahren in den eigenen Wunden."
" Irgendeine der Uhren muss doch richtig gehen".
"Ein Satz. Sag einen Satz!"

Dienstag, 28. Juni 2016

...unerwartete Überraschung

Für Freunde hatte ich ein paar Karten mit farbenfrohen Sommerkarten gekauft, ohne weiter darauf zu achten, woher sie stammten. Ich dachte, eine sei vielleicht ein Monet, die andern beiden sahen auch eher impressionistisch aus in dem Sinne, dass sie versuchen ein schillerndes Farben- und Lichtspiel eines Szenarios in der Natur einzufangen.
Neugierig betrachtete ich dann die Rückseite, auch um zu sehen, wieviel Platz ich zum Schreiben haben würde. In der Tat befanden sich auch die üblichen vier Leerzeilen, bei der man die unterste für andere Länder, viel zu selten braucht, auf der zu beschreibenden Rückseite. Quer dazu stand dann etwas, was mich stutzend machte: "MFK - Mund und Fußmalende Künstler Verlag". "Im Ernst?" dachte ich mir? Und wie um Antwort auf diese Frage zu geben, fanden meine Augen den Weg zum oberen rechten Eck der Karte, wo es mir nochmal schwarz auf weiß bestätigt wurde: "BD Nr. 207 "Ruhepause" Original mundgemalt von Roman Argalazi"
In der Tat hatte ich drei Postkarten von Künstlern gekauft, die die abgebildeten  Werke auf der Vorderseite der Karte mit dem Mund oder den Füßen gemalt hatten! 
Diese Leistung verblüfft und erfreut mich auch wie vor gleichermaßen! Es ist nicht so, dass ich die Karten gekauft habe, weil sie mit Mund und Fuß gemalt wurden. Ich kaufte sie, weil ich dachte, die Motive würden die angeschriebenen Freunde und Familienmitglieder erfreuen. Aber dieser Fund des Ursprungs vergrößert mir den Wert der Karten nochmal ganz drastisch! Fabelhaft!




Montag, 23. Mai 2016

Home sweet home auf Neuseeländisch

"Schatz, ich hol' dich mit dem Womo ab".
Zugegeben - das Bild spoilert. Aber man kann ja auch nicht immer ernst: es geht um den Kurzfilm "Home".
Auf Bild klicken -> Link zum FilmIn stimmungsvollen Bildern fängt die Kamera in langen Einstellungen das Innenleben eines leerstehenden älteren Hauses ein. Minimalistische Synthiesounds umrahmen die stillen Bilder und setzen sie in einen romantischen, wehmütigen Kontext. Dann kommt Bewegung in Bilder und Musik: Der Synthie wird von einem Stakkato-Piano ausgewechselt und nun kommen auch die ersten Sounds aus den Originalbildern in die Klangkulisse. Dann wird der Film fasst schon verschmitzt. Die deutsche Sicherheits-Sozialisierung beginnt unruhig an der Leine zu tänzeln. "Was ist denn mit der Ladungssicherung?" "Und wenn was entgegenkommt?"
Abgerundet wird der Film dann von kurzweiligen Einblicken in das neu bezogene Haus.

Insgesamt ein sehr runder Film, der das Auge zum Verweilen und Träumen einlädt, den Geist schmunzeln lässt und die Sinne angenehm verwöhnt.





Samstag, 21. Mai 2016

Durch alle Höhen und Tiefen: Playpad Circus

Er sagt selbst, es sei Happy Hardcore.
Stimmt auch. Von 0km/h auf 28.000km/h (- das ist die Durchschnittsgeschwindigkeit einer Rakete -) buxiert einen der ausgezeichnet-geniehaft ausgearbeitete Schalldruck. Die Kompositionen sind in einer Hinsicht berechenbar: Sie explodieren und es wird zu einem Einschlag kommen.
Genres werden vom Playpad Circus angespielt, in die Hände genommen und durch seine ganz eigene  Zirkus-Maschinerie gedreht. Was am Ende rauskommt, ist von zerstörender, verstörender, beeindruckender und brachialer Stumpfschönheit, zwischen Bach und Sleeper und geht mit einem durch alle Höhen und Tiefen. 
Playpad Circus: anstrengend energetisch und kompromisslos!   


Dienstag, 26. April 2016

Familienglück: Arbeit und Einstellungssache?

Auf Bayern 2 lief unlängst ein Radiofeature über eine Familie in München, die gemeinsam ihren Alltag meistert. Sehr demokratisch, fair und transparent. Es ist möglich.

http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/notizbuch/care-pflege-familie-untereinander-100.html

weiterführende Theorie: https://de.wikipedia.org/wiki/Subsidiarität

Samstag, 2. April 2016

Wes Anderson's Werther-Studie: Rushmore und die Leidenschaft.





Max Fischer and Mrs. Cross: Ihre Beziehung und die Entwicklung davon ist die Achse des Films. 

Inhalt:

Der äußerst talentierte Gründer und Vorstand vieler Schulklubs, Max Fischer, sucht nach Aufmerksamkeit Erwachsener. Seine Peers scheint er bis auf einen sehr sehr jungen Mitschüler der Primary School nicht für voll zu nehmen. Dann verliebt er sich in die Grundschullehrerin Mrs. Cross. SPOILER: Außerdem lernt er Herman Blume (Bill Murray) kennen, der sich aber selbst in Mrs. Cross verliebt. Wütend geht Herman in die Offensive und ein kleiner Rosenkrieg entsteht. Max kehrt zurück zu seinem Vater, der Friseur ist, und lernt die neue Bindung zwischen Mrs. Cross und Hermann zu akzeptieren. Nachdem er aufgrund seines impulsiven Charakters von der Elite-Schule in Rushmore geflogen ist, integriert er sich zuletzt in seiner neuen Schule und seinem neuen sozialen Umfeld. 

Kommentar zu Max unter Berücksichtigung der Charaktertypologie des Sturm und Drangs.

Es ist keine einseitige Liebe, die entsteht, aber Mrs Cross nimmt die gesellschaftlichen Konventionen als Grundlage für ihre Handlungsmuster, wohingegen Max ganz und gar individuell und unreflektiert handelt: ein reiner Vernunftmensch, der sich an KEINE Konventionen seiner Umwelt hält. Vernunft im Sinne von Kant "Der bestirnte Himmel über mir und [NICHTS als] das moralische Gesetz in mir".

Scheißegal, was die Konvention sagt. Scheißegal, was die Gesellschaft sagt. Max empfindet reine Liebe und verabsolutiert sein empfinden. Wenn er nur auf sein Herz hört, warum tut es Mrs Cross nicht auch, scheint er sich zu fragen. Diese junge und ungestüme Liebe führt zu einem zynischen Rosenkrieg mit dem vorherigen ebenfalls viel älteren Freund, gespielt von Bill Murray. Und sie muss lernen, diese Liebe. Max entwickelt sich. Er nimmt die Schule ernst, er respektiert die platonische Beziehung zu Mrs. Cross, er öffnet sich einer Gleichaltrigen, für die er überhaupt keine Augen hatte. 

Neben der Entwicklung von Max, der Hauptfigur des Films ist, und seiner jungen, leidenschaftlichen Liebe, handelt der Film aber auch von anderen Lieben, die Bewegung in die Menschen bringt: Eine neue Liebe bei Herman Blume (Bill Murray) neben einer verloschenen Liebe und eine suchende Liebe nach einer durch den Tod des Partners beendeten Liebe bei Mrs. Cross (Olivia Williams) und die verschüttete Liebe zwischen Vater und Sohn in Max Familie. Sie alle gehen das Martyrium der Liebe durch, um ihre Lektionen zu lernen und einen respektvollen Umgang miteinander zu finden. 
Und im Gegensatz zu einem klassischen Sturm und Drang- Charakter entwickelt sich Max. Seine Leidenschaft wird nicht die "Krankheit zum Tode". Sie reift. Er streift sie ab. Lässt sie hinter sich, so dass sie ihn nur noch wie sein Schatten begleitet. 
Der Film ist also eine Studie über den Umgang mit den eigenen Emotionen. Max, der Steigbügelhalter für eine neue Beziehung wird, verlässt das Stadium des Zorns, der Wut und Trauer. Er geht versöhnlich und konstruktiv mit seiner Niederlage auf dem Schlachtfeld der Liebe um. 


Psychoanalytische Interpretation

Die Unmenge an Hobbies und Klubs von Max und seine Theaterambitionen lassen sich als Kompensation zum Verlust der Mutter in der frühen Kindheit (7 Jahre alt) interpretieren. Er baut sich eine Scheinwelt auf als Refugium. Die reife Frau, in die er sich verliebt, steht zwischen Mutter und Geliebten. Sie kann also als Mutterersatz gedeutet werden. Ähnlich ist es bei Mrs. Cross: auch sie hat ihren Partner durch den Tod verloren. Sie sucht Kompensation, einen neuen Partner. Dabei landet sie über den Umweg von Max bei Herman Blume. 


Montag, 22. Februar 2016

Woran scheitert das Sequel von Total Recall 2012?

Eigentlich ist es schade um den Film. Die Idee, die Welt durch einen bioatomaren Vorfall unbelebbar zu machen und nur zwei Enklaven - Groß Britannien und Australien - übergelassen zu haben, ist ja eine interessante, wenn auch verwirrende Zukunftsvision. Beide Inseln durch eine Art perpetuumobilischen Aufzug ("The Fall") mitten durch den Erdkern miteinander zu verbinden ist ebenso kurios. Ähnlich verhält es sich mit der Entscheidung, das koloniale Erbe Australiens wieder ins Gedächtnis zurückzurufen und Australien als "Kolonie" zu bezeichnen, in der die Arbeit gemacht werden muss und ein roter Geist herumgeht, wie Marx sagen würde. Und um das ganze komplett komplex zu machen, setzen wir in diese Welt einen Helden, der sich einen Erinnerungsfilm von der Firma Total Recall geleistet hat und nun nicht mehr weiß, ob er gewöhnlicher, ehrlicher Arbeiter und zukünftiger Bräutigam und Vater sein möchte und sich einen Trip als Geheimagent geleistet hat, oder ob er Geheimagent war und buchstäblich von einem gewöhnlichen Leben geträumt hat. 
Also alles in allem jedenfalls ein großer Topf, aus dem ein Film anstrengender aber auch guter Film gegossen werden könnte. Aber da scheitert es dann vor allem an zwei Dingen: an Demut und Rhythmus. Der Film ist zum einen viel zu dick aufgetragen, da alles ala Hollywood bombastisch und supermodified sein muss. Er will einfach zu viel von allem. Nur Sahnetorten, immer wieder immer mehr Sahnetorten. Zum andern lässt er überhaupt keine Sekunde zum Durchschnaufen, um über Charakterentwicklungen, die schöne Welt oder die Aufstandsproblematik nachzudenken. Stattdessen hechelt man mit den Hauptfiguren durch eine einzige schier endlose Verfolgungsjagd, in der ständig geschossen, geschlägert und gefallen wird (Total Freefall?) und ärgert sich über die stereotypen Figuren und das aufgeblasene Effektgeballere. Schade, denn gerade die Welt, die die CAI-Umgebungsbauer gebaut haben, ist wirklich atemberaubend! 
Unterm Schnitt also lieber ein Abraten von diesem Film.