Mittwoch, 26. Dezember 2012

Im Plattenregal unserer katalunischen Nachbarn

Im November war ich eine Woche mit meinem Freund Friedie mit Rucksack, Skateboard und Radio zwischen Barcelona und Tarragona unterwegs. Dort trafen wir auf soviel Neuartiges, machten soviele Entdeckungen und Impressionen, von denen ich nur zwei hier festhalten möchte. Sie betreffen beide die Musik, die wir angetroffen haben.

Zum einen empfahl uns ein älterer Herr und Autofahrer, der uns von Castelldefell nach Calafell in Katalunien beim Trampen einen Lift gab Isabel Pantoja: Yo soy esta (Dies bin ich). Zwischen Opernarie und Seelenoffenbarung, Kitsch und Nationalpathos,  singt diese opulente Dame ihre Identität in tiefer Theatralik, großer Geste, mit großem Stolz und großem Schmerz in das Publikum hinein.


In Tarragona waren wir mit dann Carla weg. Eine Biologin, die an der Purifizierung von Wasser arbeitet. Hochspannend. In einer der Kneipen, in denen wir landeten, lief nur Surfrock. Aufgelegt wurde mit Platten. Ein Plattencover musste mir ins Auge springen: Los Pioneros del Rock. Was für ein Name. Was für eine Band:


Impossant war vielleicht noch zum dritten eine lokale Trommelgruppe, die auf dem Platz am Fuße der Treppen zur alten Universität in der Altstadt ihre wöchentliche Trainingseinheit absolvierten. Unbezahlbare, unreproduzierbare Folklore. In Würzburg undenkbar. Dort schöne, bunte, gelebte demokratische Realität.
Wunderbar, wie viel es in der großen weiten, nichtdeutschsprachigen Welt zu entdecken gibt!

Dienstag, 18. Dezember 2012

Schillers Don Carlos - Intrigen am Hof


Alba, Philipp und Domingo

1787 wurde Schillers Jugenddrama "Don Carlos, Infant von Spanien" uraufgeführt. Es geht darum um einen Vater-Sohn-Konflikt gewaltigen Ausmaßes in den der Plutarch-Leser noch einiges an zeitgenössischen Gedankengut versenkte. Die Werkstattbühne brachte das Historiendrama sehr werktreu auf die Bühne. 

 

1. Ausgangssituation, Grundkonflikte und Nebenkonflikte

Philipp II. regiert mit eiserner Hand über ein Imerpium. Die Mutter des Thronfolgers - Don Karlos - starb bei dessen Geburt, der König vermählte sich mit der hübschen französischen Königin  Elisabeth de Valois. Die Trauung und der Umzug der französischen Prinzessin sind noch nicht lange her, als sich die Region Flandern gegen die Fremdherrschaft auflehnt. Dies ist die Ausgangssituation des Dramas, in das Schiller drei wesentliche Konflikte einbaute: 

1. eine unmögliche Liebe: Don Carlos ist in die Königin, seine neue Stiefmutter und die Frau seines Vaters, verliebt.
2. zwei Arten zu regieren: Philipps Politik baut auf Unterdrückung sowie Kontrolle durch Angst und Bestrafung. Carlos dagegen träumt von einer Regierung, die auf Vertrauen, Schonung und Offenheit gegenüber den Unterthanen ausgelegt ist. Eiserner Despotismus trifft also auf aufklärerische Tugendherrscher-Ideale
3. Staats-, Politik- und Machtkalkül, Strategie und Intriganz trifft auf Wahrheitsliebe, Sturm und Drang und Empfindsamkeit.

Zu diesen drei Hauptkonflikten, die das "dramatische Knäul" der Handlung liefern kommen noch Seitenverstrickungen hinzu: 
Elisabeth und Eboli
Zum einen Vertrauen und Verrat seitens Posas und Carlos, die Jugendfreunde sind und Posa steht in der Schuld Carlos. Zum andern die Unentschlossenheit der Königin als Frau oder als Diplomatin aufzutreten (im Übrigen scheint es mir unklar geblieben zu sein, ob, wie und auf welche Art und Weise sie Don Carlos liebt). Außerdem spielt auch ein Eifersuchtsdrama eine wesentliche Rolle, die zum dramatischen Untergang des Infanten beiträgt: Prinzessin Ebolie verliebt sich in Carlos und macht ihm den Hof. Als dieser sie abweist, wittert sie die verbotene Liebe und tut alles erdenkliche, um Beweise für das Liebesverhältnis in ihre Finger zu bekommen, die sie dem König zuspielen möchte. Liebe ist in Hass umgeschlagen.
Schließlich sei am Rande noch erwähnt, dass auch die Machtbulereien der Vasallen des Königs, seiner Marquise, eine Rolle in dem Stück führen. Triebfeder aller Handlungen des Herzogs von Alba ist sein Bestreben, die rechte Hand des Königs zu sein und zu bleiben. Ähnlich scheint es mit Domingo zu sein, der nur in der Gunst des Königs bleiben und steigen möchte. 
Insgesamt entsteht so ein familiäres Beziehungsdrama im Dunstkreis der Macht am spanischen Hof. 

2. Die Figur des Carlo: Fehlen der "Ziviliserung" nach Kant ?

Hamartia des Hauptprotagonisten, Karlos, ist sein Überschwang. Seine Motive sind gut - dementsprechend genießt er die Sympathie des Zuschauers - doch die Art und Weise ihrer Umsetzung stellt das Drama durch seinen katastrophalen Ausgang in Frage. In das Stück sind viele Werte der aufklärerischen Erziehungsphilosophie Rousseaus und Kants eingearbeitet. Da Schiller selbst begeisterter Kantrezipient war, und der Schriftsteller viele seiner theoretischen Gedanken in das Reich der Literatur sprachlich herausgeputzt transferierte, lohnt es sich Karl einmal durch die Brille der pädagogischen Philosophie Kants zu betrachten.

IMMANUEL KANTS Bildungskonzept (nachzulesen in der Schrift "Über Pädagogik") zielt auf Autonomie und Mündigkeit. Der  mündig und autonome Mensch muss sich selbst (nach Disziplinierung, Kultivierung und Zivilisierung) dazu entschließen das moralische Gesetz als seine lebensregierende Maxime anzuerkennen. Dazu dient ihm ein Leben nach dem kategorischen Imperativ. Karlos ist ein Vertreter dieser moralischen Bildung. Er setzt sich über die geltende Moral hinweg und stellt ihr eine eigene, philosophisch autonome und herzgegebene Moral entgegen. Innerhalb der Stufen der Erziehung nach Kant hat er also die Stadien der Disziplinierung, der Kultivierung und der Moralisierung erfolgreich durchlaufen. Allein ein Manko haftet dem Charakter an, um aus dem bestehenden System herausgeworfen zu werden: 

Durch die Disziplinierung soll die menschliche Wildheit bezähmt werden. Durch die zweite Aufgabe der Erziehung, die Kultivierung, soll der Mensch Geschicklichkeit "zu allen beliebigen Zwecken"
erlangen (z.B. ein Brotmesser zu gebrauchen, eine Holzgrippe zu schnitzen, etc.), während die dritte Aufgabe, die Zivilisierung, den Menschen klug machen soll, was bedeutet, daß der Mensch " ... Manieren, Artigkeit und eine gewisse Klugheit [erlernt], der zufolge man alle Menschen zu seinen
Endzwecken gebrauchen kann" (Päd Bd. XII, A 24). Dies nennt Kant auch die Herausbildung der "pragmatischen Anlagen" des Menschen. Die letzte und entscheidende Aufgabe der Erziehung, die Moralisierung, weist über die vorangegangenen hinaus. "Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er lauter gute Zwecke erwähle. Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann gebilligt werden; und die auch zu gleicher Zeit jedermanns Zwecke sein können" (ebda. A 24).

Betrachtet man diese aufeinander aufbauenen Bildungsstufen und überträgt sie auf Carlos, so wird klar, dass ihm eine der pädagogischen Fähigkeiten vollkommen charakterfern ist: die Herausbildung der "pragmatischen Anlagen", bzw. die Zivilierung seines Charakters. Ihm fehlt just jene "Klugheit", die man auch Intriganz nennen muss, der zufolge er "alle Menschen zu seinen Endzwecken" gebrauchen hätte können. Es ist eine Frage, deren Bewertung wissenschaftlich betrachtet offen bleiben muss. 
Festzustellen ist jedenfalls, dass der Infant sich weigert, im Netz der Intrigen mitzuspielen. Anstatt dem Vater gut zuzureden und seine Gunst durch herrscherisches und unterwürfiges Auftreten zu erlangen, wagt er das offene Gespräch und erntet den offenen, unüberbrückbaren Konflikt. Anstatt sich mit Alba zu versöhnen und ihn als Komplizen zu gewinnen, zeigt er ihm seine Missachtung und schürt somit dessen Argwohn und Feindschaft. Damit gerät er zunehmend in Isolation am Hof. 

Wie ist sein Untergang also zu bewerten? Vieles weist darauf hin, Schiller als Sympatisant mit Don Carlos zu verstehen. Er stirbt, wie Posa, den erhabenen Märtyrertod in einem menschenverachtenden Blutherrschaftssystem, dem er sich offen widersetzt. Andererseits kann man Schillers Drama aber auch so lesen, dass es Karlos wildes, stürmisches und ungebändigtes Auftreten zur Diskussion stellt, indem das Resultat des Dramas doch Karlos Untergang ist. Ich möchte hier nicht entscheiden, die Ambivalenz der Bewertung der "Heldenfigur" soll nur angesprochen werden. 


3. Inszenierung

Insgesamt war die Inszenierung recht düster und atmosphärisch gehalten. Das Bühnenbild war sehr reduziert und abstrahiert. 
Interessant war der Einfall, eine Gefängniswand durch den Raum verlaufen zu lassen. Symbolisch müsste er in jeder Szene so interpretiert werden, wer wann auf welche Art und Weise "Gefangener am Hofe" oder "Gefangener des herrschenden System" war...Einzig andere REquisite war ein Stuhl und zwei Stuhl-Tisch-Elemente, die je nach Verwendung alles darstellen konnten: Stuhl, Tisch, Bank, Bett, etc.  Modernisierend sollte wohl die Installation von drei Überwachungskameras wirken, die die aktuelle Überwachungsstaatsthematik kritisch auf der Bühne etablierte. Dies schien mir konzeptuell nicht so gelungen oder ausgereift, ästhethisch machte es aber einiges her, da die Bilder auf vier den Zuschauern zugewandten Monitoren präsent waren. Einfach gesagt: Es sah super aus. 
Domingo und Alba orientierten sich an Schlange und Löwe. Auch dies gelang den Schauspielern gut. Sehr gut spielte die Königin. Kühl, nüchtern und sprachlich sehr gut. Zu bemängeln ist etwas, dass das Stück in einem Rhythmus durchfloss, bzw. durchjagte. Zweifelsohne, Schillers Dramatik ist eine rasante Dramatik. Aber das Tempo und die rhytmische Eintönigkeit verlangten dem Zuschauer doch einiges ab und es war nicht immer leicht, allen Nuancen der Handlung, Intrigen und Sprache zu folgen (was natürlich auch an Schillers Sprache liegt). 
Ein musikalischer Patzer war dabei. Ein High-Voltage Dub-Step Song passte nun doch gar nicht ins Geschehen. Auch ein Katana in die Welt der spanischen Frühneuzeit einzubringen ist doch fragwürdig. Die Szenenübergangsmusik war dagegen sehr gelungen (Sie ist auch im Trailer zu sehen). 

Fazit: Auch wenn es Laientheater ist, ist es dennoch eine junge, gewagte, spritzige und geladene Aufführung gewesen, der ich gerne gefolgt bin. 



Sonntag, 16. Dezember 2012

Strindberg: Der Vater (Kammerspiele, Mainfrankentheater Würzburg)

Empfehlenswert: Das Stück, die Schauspieler (Einzeln und im Ensemble), die Inszenierung, die Szenographie und die Thematik. 


Baptistin und Amme
Auf der kleinen Bühne des Mainfrankentheaters (Kammerspiele, etwa 80 Ssitzplätze) inszeniert(e) die Schauspielgruppe Strindbergs psychologisches Charaktertrauerspiel "Der Vater" (UA 1887).

Inhalt:
Aus einer banalen Erziehungsfrage entwickelt sich ein heftiger Ehekrieg. Die Frau des intellektuellen, fortschrittlich wissenschaftlich aufgeklärten Rittmeisters und Familienvaters, Laura, eine Schlange, ist nicht zufrieden mit der Idee des Vaters, die gemeinsame Tochter Bertha in die Stadt ziehen zu lassen, auf dass sie dort eine Lehrerausbildung absolviere. 
Sie spinnt also eine Rufmordintrige, bei der sie vor nichts zurückschreckt - Ihr Ziel ist es, den Vater für unmündig erklären zu lassen. Also streut sie zum einen beim Arzt Gerüchte, dass ihr Gemahl geisteskrank sei, zum andern pflanzt sie bei ihrem Gatten den Gedanken ein, dass seine Tochter gar nicht seine eigene, leibliche Tochter sein könnte...
Frei nach dem Motto "alisquid semper restuit" läuft das Ganze zunehmend aus dem Ruder. Der Vater, ein mächtiger (auch gesellschaftlich bedingter) Patriarch, befindet sich in einem Untergangsgemetzel. Er muss sich verteidigen, was ihm Mal um Mal mit Bravour gelingt (ein imposanter Charakter, vorzüglich geschauspielert), bis er aber eben selbst an seiner eigenen Vaterschaft zweifelt.
Ein Drama entpuppt sich zwischen den Polen "die Geister, die ich rief" und "crime does not pay", "sieh, was du angerichtet hast!", während man als Zuschauer noch die psychologische Beschaffenheit der anderen auftauchenden Figuren bestaunen kann (der Pastor, die Amme, der Doktor). Ein Charakterdrama, ein Zukuck-Drama, ein Stück um Macht, Verrat und Ehestreit.

Inszenierung
Die Inszenierung war modern. Alle Charakter müssen sich z.B. durch eine Vagina auf die Bühne quetschen, was das fränkische und durchaus auch alte Publikum aber wohlwollend annahm. "Macht" wurde mit "oben" symbolisiert, also auch mit "erhöht", weswegen es eine hässliche, ungeschmückte Holzrampe auf der Bühne gab,  auf der sich vorwiegend der Vater in seinem Regnum bewegte, bis er untergeht. Ohnmacht mit "unten". 
P.S.S: Ein Gag? Dass der Vater selbst Strindberg ähnlich sieht?
Alle auch farblich markierten Gegenstände auf der spärlichen Bühne sprechen selbst als Symbole mit und nehmen Bezug auf das Geschehen. Verfremdung spielte sowohl beim Bühnenbild als auch im Schauspiel, z.B. bei der Präsentation bestimmter Handlungsskripts, eine große Rolle ( z.B. "Vater-Tochter-Gespräch" auf einer Rampe mit einem albernen neongrün angemaltem Holzpferdchen im Hintergrund). Gernell war alles im rechten Maß gehalten und somit entstand ein recht rundes, angenehmes Stück.

Nochmals Danke für den schönen Abend und wirklich eine Weiterempfehlung. 


P.S: Zwei andere Bühnenbilder desselben Stücks im Vergleich:
















Sonntag, 2. Dezember 2012

"Kein Auskommen mit dem Einkommen" - Laienschauspielgruppe der Dompfarrei Würzburg



Herzhaftes und herzliches burleskes Lachtheater für alle Generationen

Es ist ein starkes Stück: Karten können nicht reserviert werden, wer da ist, ist da und bekommt einen Platz. Es gibt auch keinen Vorverkauf, weil der Eintritt umsonst ist. Um Spende wird gebeten, um die Unkosten zu decken. Was darüber hinausgeht wird gespendet für einen wohltätigen Zweck.


Corry Gerlicher meint dazu: Es ist eine super Sache, das Theater hier: wir tun was für uns, indem wir spielen, wir tun was für das Publikum, indem wir es unterhalten und ein paar Stunden aus dem Traumel der Realität herausziehen und wir tun etwas für die Gesellschaft, indem wir etwas spenden. Mit all dem wäre Brecht zufrieden, alleine die Reproduktion gesellschaftlicher Codes, das Einlullen des Publikums in eine herzhafte Komödie ohne großen aufklärerischen Pathos oder auch nur das geringste Anzeichen eines Verfremdungseffekts, das hätte ihn natürlich maßlos geärgert. Und als großer Brechtfan und Kenner, ärgerte das mein Brechtauge natürlich auch. Aber angesichts soviel netter Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft innerhalb der Gruppe und durch das Projekt an sich, dass sich doch besonders an die älteren Generationen richtet, kann man dieses Brechtauge auch ein wenig zudrücken und einen wirklich schönen Theaterabend genießen. So berichtete Corry auch, das manche Gäste öfters kommen: Diejenigen, die altersbedingt nicht mehr soviel aufnehmen können, würden das Stück gewissermaßen auf zweimal ankucken. Wenn sie den ersten Akt schon kennen, können sie sich auf den zweiten Akt konzetrieren, wenn sie wiederkommen.

Was bleibt dann übrig? Weiterhin ein starkes Stück und vieles zum Lachen, das bekanntlich nach einem chinesischen Sprichwort pro verlachten zehn Minuten das Leben um einen Tag verlängert. 

Zum Inhalt: Das schrullige Rentnerpäarchen "Vadder" und "Mudder" lebt von einer kärglichen Rente in der Zeit des Wirtschaftswunders. Um sich das Einkommen etwas aufzupolieren und weil die Ehe kinderlos verblieb, beschließen die beiden, ein leeres Zimmer in der Wohnung unterzuvermieten. Darüber sind sie sich einig. Doch ob es eine junge Dame werden solle, ganz nach dem Geschmack des Vadders, oder ein junger Herr, wie es die Mudder bevorzugen würde, darin liegt zu Beginn des Stücks der Hase im Pfeffer begraben. Durch einen (un?)glücklichen Zufall ergibt es sich, dass beide das Zimmer gleichzeitig untervermieten: Die Mudder an den Sohn eines großen Fruchtverkaufunternehmens, der aus Protest der Neuheirat seines Vaters eigene Wege bestreiten möchte. Der Vadder dagegen vermietet das Zimmer an eine hübsche junge Sekretärin, die ganz nach seinem Geschmack ist. Zwei Personen in einem Zimmer  - wie kann das gut gehen? Nun Anfangs geht das gut, weil der junge Mann Fernfahrer ist. Er fährt nachts und schläft tagsüber und am Wochenende ist er zuhause. Die junge Dame dagegen arbeitet tagsüber und fährt am Wochenende zu Freunden aufs Land. Also - so der Plan: Wenn die Dame morgens das Haus verlässt, wechselt das Rentnerpäarchen schnell die Bettdecke von rosa zu blau, es gibt zwei Schränke mit eigenen Schlüsseln in dem Zimmer und schließlich wird noch einmal gut durchgelüftet und dann kann der neue Bewohner auch kommen. Das das nicht auf Dauer gut gehen kann ist von Anfang an vorprogrammiert. 
So findet die Dame zum Beispiel nach einiger Zeit einen Manschettenknopf in ihrem Bett, der junge Herr dagegen beklagt sich über einen sehr straken Parfümgeruch. Außerdem tauchen im Laufe des Stückes noch alle Personen in der Wohnung auf, die dort gar nicht auftauchen sollten: die eifersüchtige Frau des Chefs der Sekretärin, der Vater und dessen neue Frau und die Mutter der jungen Dame. Und das natürlich nur "bedingt" hintereinander. Menschen, die sich gerade NICHT sehen und kennenlernen sollten, tummeln sich auf einmal fröhlich und neugierig in der Wohnung. Notlügen werden aus der Nase improvisiert, wobei hier das Spieltalent und der Humor die fehlende Glaubwürdigkeit gutmütig kaschiert. Wie lange die Beine dieser Lügen ist natürlich klar: Bis sich am Ende des Stücks alle Charaktäre auf der Bühne befinden, das Notlügenkonstrukt zusammenbricht, er sie heiratet, der verlorene Sohn zurückkehrt und alle glücklich sind. Dabei weiß der Zuschauer immer mehr, als die Figuren auf der Bühne. Dieses dramatische Wissensgefälle wird in diesem Fall komödienhaft aufgelöst und man wird zum Lachen animiert, nicht zum "Zittern und Schaudern" wie in der griechischen Tragödie, die von der Machart die gleichen Elemente benutzt. Garniert wird das ganze noch mit viel Wortwitz, Wortspielen und zeittypischen Redewendungen, die dem Stück noch einen ganz eigenen muffig-antiquierten, ultrasympathischen Charakter verleihen. 


Die Figuren sind holzschnittartig. Natürlich gibt es die ein oder andere kleine Veränderung: die jungen Generatione, gerade die Männer, müssen in dem Stück z.B. noch viel über die Liebe lernen. So wird gerade soviel gelernt, dass die freudige Schlussauflösung mit Hchzeitsglockengeläute und "Ende gut, alles gut" realisiert werden kann. Auch kann man ein kleines Machtübergewicht der Frauen, der heimlichen Herrscher in diesem noch ausgesprochenen christlich katholischen Patriarchat, kaum übersehen. 
Besonders gut gefallen hat mir der August (Vadder). So naiv und gutherzig er reagiert, so liebdumm, wie er manchmal reagiert, so sehr muss man ihn auch liebgewinnen. Grandios geschauspielert. 
Auch die Mutter überzeugte sehr mit einer sympathischen Bühnenpräsenz. 

Montag, 12. November 2012

WHY? zu Gast in Nürnberg

Why? ist viel mehr als Yoni Wolf und vielleicht eine der besten Livebands, die gerade den Planeten umkreisen

Das neue Albumcover drückt den Stil von Why? pregnant aus: Die Lügenassoziation gepaart mit der Angst verschluckt zu werden.

Es hat ein wenig Überwindung gekostet. Als eingefleischter Underground-Anticon Fan mit Deep Puddle Dynamics, Themselves, Sole und Clouddead - Hintergrund auf ein Why?-Konzert zu gehen. "Why?, der doch so weit ins Indiegenre abgedriftet ist und Pophymnen schreibt, während Dose "real" geblieben ist, und mit Sublte und seinem Soloalbum seine Kompromislosigkeit weiterhin beweist." So inetwa dachte ich vor dem Konzert. 

Zu der Performance
Why? - mit der Konzertbesetzung in Nürnberg

Why? ist inzwischen zu einer fünfköpfigen Truppe angewachsen. Auf der Bühne erwarten einen zwei Schlagzeuge, eine Roadspiano-Spielerin, eine Bassistin, ein Gitarrist und Yoni Wolf als Frontman. 
Dessen älterer Bruder, einer der Schlagzeuger, hatte sein Set genau neben mir stehen. Der Club war angenehm voll, die Atmosphäre freundlich. Man konnte kucken, tanzen und vor allem eins: Staunen. Zum Beispiel über die Präzission von Josh an den Drumms, seine Liebe zum Spiel (Dauersmiley) und die Art und Weise, wie sein Set zusammengestellt wurde. Statt eines normalen, klassischen "Rock"-Schlagzeugs, begnügt sich Josh mit einer Minibassdrumm. Dafür hat er neben sich eine rießige Standtomm hängen, vor sich, neben der Snare, ein rießengroßes zweireihiges mattsilbergrauschimmerndes Metallophon über dem ein Schellenkranz an einem Ständer montiert ist. Schließlich hat er noch einen typisch hawaianischen Muschelkranz mit Auffangschale und vieles habe ich wahrscheinlich vergessen. Zusammen mit dem ihm gegenübersitzenden Drummer auf den der Rest aller Percussioninstrumente (also Cowbells, Chinabecken, Xylophon etc.) verteilt ist, liefern die beiden den Rahmen für das Set. Puertorikanisch oder hawaianisch klingt das dann mit der Power einer Straßenumzugsband beim Rio Dejaneiroer Carneval. Und es steckt viel Arbeit und Mühe in den Songs. Kaum länger als 16 Bars wird dasselbe Pattern gespielt - dann wechseln die Sticks wieder zu Schlegeln oder Rassel oder Besen und irgendwoanders drauf wird lebendiger Kinderkram in atemberaubender Technik und Geschwindigkeit gemacht. Yoni sagte auch in einem Interview, dass das neue Album Beatlastiger sein solle: 

CP: The new material that’s on the EP is more percussive and upbeat than your previous work. Was it a conscious decision to go in this direction?
YW: Yeah, I think so. We definitely wanted to do a lot of percussion stuff.

Im selben Interview betont er, dass viel Arbeit in dem Album steckt. Und das merkt man, gerade an den Drumms: Nicht geradlinig gehen die songs, sondern responding to each other - die Schläge im Takt, die Josh freilässt, füllt sein Pendant auf der Gegenseite und umgekehrt. So entstehen auch unglaublich interessante Delay, Echo, Frage, Antwort und Verstärkungsspiele auf der Bühne in die sich die übrigen drei Musiker nahtlos einfügen.
Der Gitarrist (Doug?) eine absolute Maschine. Voll im Groove, spaßig, mitsingend und mitrappend - was gerade gebraucht wird, er hat es parat.  Schließlich hat sich die Band noch um zwei Damen erweitert: Liz Hodson, die mit den dunklen Haaren und die Kaum eine Mine verzogen hat aber wunderschön mitsang, Bass spielte und einen MicroKorg bearbeitete. Und die drollige Sarah Winter am Rhodes Piano in Raubkatzenkleid, die Solo so ähnlich  singt und klingt und "spineless but emotive" performed, wie Antony Hegarty von Antony and the Johnsons.
Oftmals wird dann also vierstimmig gesungen, während Yoni singt oder raped und die Jungs hinter den Schlagwerken machen manchmal auch mit. Zusammen ergibt sich so nicht nur die erleuchtende Erkenntnis für mich, dass Why? eben nicht mehr "Why?" als Yoni Wolf ist, sondern auch eine lebendige, sich ständig aufeinander beziehende, inspirierende und energiereiche Musikperformance, die zeigt, wozu der Mensch fähig ist, wenn er Kultur macht.

Zu der Musik

Gespielt wurde vieles von der Hollows. Wie kann man den Style von Why? beschreiben? Jetzt fällt man doch auf die Lyrics von Yoni Wolf. Und diese sind nicht unbedingt gutlaunig, sondern oftmals einfach nur realistisch, nerdig und mit einer Brise Selbstironie und Weltunverwandheit. Irgendwo zwischen melancholisch und Puderzucker und Computerbildschirmen. Und dennoch gibt es irgendwie Kraft.

Mehr Infos, Photos, Videomaterial unter whywithaquestionmark.com, dabei auch ein Video, das in etwas vermittelt, wie Why? live klingen. (Rubrik "videos")

Donnerstag, 1. November 2012

Shaun das Schaf

Nette Unterhaltung

Was dabei herauskommt, wenn ein Rudel Schafe mit einem Schäferhund auf dem Hof alleine zurückgelassen wird und die Wäsche zum Trocknen aufgehängt wird und andere kleine Episodengeschichten um ein Haufen Schafe und einen Schäferhund auf einem schottischen Hof (oder irischen? Wer hat nochmal stereotyp rote Haare?) , das erfährt man, wenn man diese nette Serie von den Wallace & Gromit-Machern konsumiert.


Montag, 22. Oktober 2012

Minnesang - Tagelied

Dietmar von Aist (um 1140-1171): "Slâfest du vriedel ziere"?

  • Gilt als das erste aufgezeichnete Tagelied im deutschen Sprachraum. 
  • Dietmar von Aist selbst gilt als Vertreter des donauländischen Minnesangs. 
  • Das Gedicht ist in drei gleichlange und gleichgereimte (Kreuzreim) Strophen unterteilt. 
    • In der ersten Strophe spricht die Geliebte den Geliebten an und fragt ihn, ob er noch schlafe? Die Vöglein würden schon auf den Zweigen zwitschern und damit das Heraufbrechen des Tages ankündigen. Ein Gefühl der Spannung liegt in der Luft, das mit der Gefahr, die innerhalb der Situation liegt, begründet werden kann. Was, wenn das heimliche Liebespaar erwischt wird? 
    • In der zweiten Strophe spricht der Liebhaber. Er beklagt die Situation: Liebe ohne Leid könne nicht sein, so lamentiert er, aber er würde den Anweisungen seiner Herzensdame bedingungslos folgen (Diese selbstaufgebende Form der Liebe gegenüber der Dame erinnert an das Konzept der "hohen Minne")
    • In der dritten Strophe ergreift der Erzähler kurz das Wort, um es abschließend an die Dame zu übergeben. Sie gibt dem Liebenden noch einmal ein Bündel Vorwürfe in der Form von Liebes- und Lebensklagen mit auf den Weg. 
Wolfram von Eschenbach (1160/80 - 1220) : "Von der zinne"

  • Innerhalb der Gattung Tagelied gibt es auch eine Unterkategorie: das Wächterlied, in dem vor allem der Wächter zu Wort kommt und seine Situation und Rolle kommentiert und reflektiert. 
  • Wolfram hat insgesamt neun Minnelieder geschrieben, davon fünf Tagelieder. Sie zeichnen sich besonders aus durch seine sprachliche Gewalt und die kunstvolle atmosphärische Verdichtung bei der Verknüpfung der bekannten Tageliedmotive. 
  • Die ersten beiden Strophen gehören zu 100% dem Wächter. Er reflektiert seine Lage und appelliert an die Frau, ihren Geliebten zu entlassen, indem er auch die Gefahr, die in der Situation liegt, subtil anspricht. 
  • In der dritten Strophe dagegen meldet sich der Liebende mit einem traurigen Appell zu Wort. Was im Anschluss daran in dem Text vollzogen wird, ist auszeichnend für Wolfram von Eschenbach. Er baut eine Dramatik auf, innerhalb derer der Liebesakt noch einmal vollzogen wird. Das Heranbrechen des Tages und die sich anbahnende Trennung führen noch einmal zur Steigerung des Verlanges und des Lustempfindens gleichermaßen, so daß im Moment der höchsten Gefahr und der knappesten Zeit noch einmal ein Liebesakt vollzogen wird. 
  • Innerhalb dieses Tagelieds gibt es einen variierenden Refrain: "hüete dîn, wache, süezer gast!"
  • Von Wolfram gibt es zum Beispiel ein Autorenbild im Codex Manesse. 

Wolfram von Eschenbach (1160(80 - 1220): "Ez is nu tac"

  • In diesem Lied spart sich Wolfram den Wächter aus und konzentriert sich auf das Liebesleid- und   Werbelied zwischen den beiden Figuren. Die Frau hat hier eindeutig emotionales Übergewicht. Innerhalb dieser Situation des kommenden Abschieds lässt Wolfram erneut ein Freudenfeuerwerk der nicht aufgesparten leidenschaftlichen, kompromisslosen Liebe explodieren: Wieder erfolgt ein Liebesakt das Wolfram den Erzähler in unvergleichbarer Weise schildern lässt. Das wolframtypische, pathetische Bild, das er dabei liefert, ist Folgendes:  
    • "Ob der sunnen drî mit blicken waeren, sine möhten zwischen sie geliuhten"
Wolfram von Eschenbach ( 1160/80 - 1220): "Sine klâwen durch die wolken sint geslagen"

  • Steitgespräch, Wächter und Frau wechseln sich in den ersten Strophen ab. Der Wächter ermahnt das Liebespaar, sich zu trennen, während die Frau versucht, den Liebenden auf alle erdenklichen Weisen zu halten. Schließlich erwacht der Liebende durch den Gesang des Wächters, das einfallende Tageslicht und natürlich auch den Lärm des Streitgesprächs. In der fünften Strophe schildert der Erzähler noch einmal den schnellen aber heftigen Liebeshöhepunkt des Paares. Der Liebeshöhepunkt und der Gedichthöhepunkt fallen somit ineinander. 
  • Wieder ein Bild, dass ich einprägt und beinahe schon expressionistische Züge trägt: Der Tag wird personalisiert, bzw. als klauenbewährtes Monster beschrieben, dessen Klauen durch die Wolken schlagen: 
    • sine klâven durch die wolken sint geslagen. er stîget ûf mit grôzer kraft"
Wolfram von Eschenbach: (1160/80 - 1220): "Der helden Minne"
  • Eine Art resümierendes Abschiedstagelied von der Gattung und der Thematik? Wolfram thematisiert dabei innerhalb von zwei konzentrierten Strophen. Er spricht in der ersten als Erzähler den Wächter an,  nicht mehr von diesen für ihn bestimmt auch traumatisierten Erfahrungen zu sprechen. In der zweiten Strophe zählt er die Nachteile der "helden Minne" auf: Angst des Entdecktwerdens, die Unruhe bei jedem Tagesanbruch. Beinahe erscheint es als Warnung für die männlichen Zuhörer: zufriedenstellende Liebe könne nur eine rechtmäßige, zärtliche Ehefrau geben. 

Reinmar der Alte: "So ez iener nâhet deme tâge" 
  • lamentierender Trauermonolog eines Liebhabers mit Minderwertigkeitskomplexen und ganz zuletzt, in der Schlussstrophe die Trauer der Frau über das Fernbleiben des Geliebten. Ganz unvermittelt lässt Reinmar hier die Verzweiflung und Liebessehnsucht, die in so einer Form der Liebesbeziehung vorliegen kann, an den Zuhörer herantreten. 

Otto von Botenlauben (1177 - 1245 bei Bad Kissingen. Deswegen steht dort am Marktplatz der Brunnen, den ich bei den Dreharbeiten während der Kissinger Zelttheatertage gesehen habe) : "Wie soll ich den ritter" 

  • Otto von Botenlauben ist ein interessanter Charakter aus der Geschichte des Mittelalters. Unter Heinrich IV zog er mit nach Italien, mit Heinrich VI nahm er an den Kreuzzügen teil. Er gewann im "heiligen Land" sogar Land, dass er um 1220 wieder an den Deutschen Orden verkaufte. Nach seiner Rückkehr stiftete er gemeinsam mit seiner Frau ein Frauenzisterzienserkloster ("Frauenlob"). Da seine Söhne in den geistlichen Stand eintraten, verstarb er ohne Erben. 
  • Ebenfalls ein Lied, das mit einer Wächterstrophe beginnt. Otto von Botenlauben schildert die Gedanken des Wächters im Vergleich zu Wolfram oder Reinmar sehr nüchtern und unverziert. Sentenzen vermitteln seinem Tagelied eine Dimension der Tiefe: "mâze ist zallen Dingen guot". Seinen Stil kennzeichnen auch die Gegenüberstellungen in komprimierter Form: "naht gît senfte, weh tuot tac"
  • In der zweiten Strophe lamentiert die Dame, in der dritten insbesondere der Herr. Hier wird ein forderndes Konzept der Liebe dargestellt, die Liebe, die bis zum Tod geht.

ALOIS WOLF über die literarische Tradition des Tagelieds in BACKES, Martina (Hg.): Tagelieder des deutschen Minnesangs. 

  • Zur ausschlaggebenden Literatur des christlichen Abendlandes gehören auch die Texte Homers, namentlich die Odyssee und die Illias (um 800 v. Chr. ) dazu. Schon in diesem wird an manchen Stellen ein zentrales Tageliedmotiv, nämlich das imposante und erhabene Einbrechen des Tages, beschrieben. Wolfs These ist, dass sich diese Schilderungen in der ein oder anderen Form, implizit gewusst oder explizit erahnt, auch in die mittelhochdeutschen Tagelieder hinübergerettet haben. Mit Sicherheit, eine plausible These, die solange Geltung hat, bis sie widerlegt werden kann. Wolf verschleiert aber, sofern ich mich erinnern kann, auch nicht den Gedanken, dass das Aufgehen der Sonne und die mit diesem Naturschauspiel verbundenen Vorgänge, ein universelles Faszinosum für die menschliche Natur ist und dass es somit nicht verwundert Literatur zu finden, die sich mit dem Tagwerden in welcher Form auch immer beschäftigt. 
  • Nachdem die "heidnische Kultur" der Griechen aus dem römisch-katholischen Abendland verbannt wurde ( erinnert sei hier an das Mailänder Toleranzedikt von 313 unter der Herrschaft Konstantin des Großen, einer der zentralen Punkte der abendländischen Geschichte), erlebte die christliche Kultur ihren Höhepunkt. Klöster wurden kulturelle Zentren, die Kirche der Hauptmäzene aller schaffenden Künste, "heidnische" Inhalte und Formen wurden verbannt. 
  • Zum Gesamtwerk der christlichen Literatur gehört auch das sogenannte "Hohelied". Es fällt aus dem Rahmen der kanonischen Texte, die man aus der Bibel kennt. Ist man es doch gewohnt in der Bibel alle fleischliche Liebe als Form der "voluptatis", der Wolllust, die unweigerlich mehr oder minder rasant in die Hölle führte, zu interpretieren Enstehungskontext, so ist das Hohelied selbst eine Form der Lobpreisungsliteratur der Liebe und des geliebten Körpers. Sowohl Spuren des Hohenlieds als auch Formen des christlichen Wecklieds können in den, mindestens aber in das geistige Entstehungsumfeld der Tagelieder, gestellt werden. Inhaltlich beinhaltet das Hohelied nämlich das Sehnen und Lobpreisen zweier sich gegenseitig Liebender und das Wecklied die direkte Anrede "Surgite! (Erwache!)", wie sie später in abgewandelter Form häufig im Tagelied zu finden sein wird. "stânt ûf, riter, ez izt zeit!"Auch die Wächterfigur ist hier bereits in unbestimmter Form präfiguriert (lat.: spiculator)
  •  Im Gegensatz zum Tagelied wird der Tag allerdings innerhalb des christlichen Metaphernraums als Weg aus der Dunkelheit hin zur Erlösung interpretiert, also als etwas Erwünschtes, wohingegen das Liebespaar im Normalfall den Tag "gevluochet" (gevluochet wart dem tage"(Wolfram: Ez ist nu tac)
  • Den nächsten Großen Schritt hin zur Entwicklung zum mittelhochdeutschen Tagelied in Volkssprache setzt WOLF anhand der "zweisprachigen Alba von Fleury". Hier ist explizit von einem Wächter die Rede, der appellierend an den Hörer herantritt. Den okzitanischen Kauderwelschrefrain deutet Wolf derart, dass es vielleicht schon eine volkssprachliche Weckliedtradition gab, die der Autor mittels dieses Refrains aufgegriffen hatte.
  • Den ersten eindeutigen "alba-ruf"ordnet WOLF Guiraud de Bonelh zu. Dieser vereint die Tradition des christlichen Wecklieds mit der doppelt besetzten Wächterfigur (Burgwächter und christlicher (Seelenheil)Wächter) und der Liebespaarthematik. Dann geht WOLF auf näher auf Kreuzlied ein um abschließend eine Alba von Raimbauts vorzustellen. Raimbauts lässt in dieser Alba alleine den Liebhaber sprechen, er führt also "die Sprecherperspektive der Minnekanzone" ein (BACKES, S. 57).
  • In einem Exkurs geht WOLF schließlich auf den Karrenritterroman von Chretiennes de Troyes ein. In Diesem Artusritterroman erobert Lanzelot die Gunst der Königin. WOLF betont, dass das Ende dieser stufenweisen Annäherung an die Königin in einem Tageliedgeschehen endet. Daraus schließt er zum einen, dass das Tagelied und dessen Thematik inzwischen ein begehrtes und sich etablierendes Material für die Dichter wurde, zum andern wird diese Thematik auch im mittelhochdeutschen auf fruchtbaren Boden fallen. 
  • Am Ende dieser langen Einführung geht WOLF noch auf Heinrich von Morungen und Wolfram von Eschenbach ein.

Fazit : WOLFs Einleitung ist ein sehr zäher Text. Man erkennt zwar, dass WOLF ein absoluter Fachmann, Kenner und Liebhaber der Materie ist. Aber wirklich leserfreundlich ist seine Einleitung nicht. Stillschweigend wird die Kenntnis des Provenzialischen oder des Altfranzösischen, ebenso wie des Lateinischen manchmal vorausgesetzt. Auch scheint er von Professorkollege zu Professorkollege zu sprechen, wenn er über die verhandelten Texte resümiert. Dass man als "normaler" Stundent nicht die Zeit hat, sich die Texte, über die er resümiert, anzueigenen, genausowenig wie die gegenläufigen Forschungen zu den Texten, die er in Seitenhieben anbringt, macht die Lektüre äußerst schwer. Ein paar Definitionen in Fußnoten hätten da vielleicht schon ein wenig Abhilfe gebracht, denn was der Unterschied von Alba-Lied, Alba-Kanzone und Aube ist, habe ich trotz bemühtem Lesen immernoch nicht herausgefunden. 


BEHR, Hans Joachim in: "Die Inflation einer Gattung: Das Tagelied nach Wolfram." In: CYRIL, Edward: Lied im deutschen Mittelalter. S. 195-202.


BEHR geht auf die Entwicklung des deutschen Tagelieds nach Wolfram von Eschenbach und Otto von Botenlauben ein. Er hinterfragt die These, dass Wolfram und Otto "als normsetzend für die weitere Entwicklung der Gattung angesehen werden"(196). Anfangs geht er kurz auf die Forschungsgeschichte im Bereich "Tagelied" ein und hält fest, dass bei aller Unsicherheit, die bezüglich des Ursprungs des mittelhochdeutschen Tagelieds ("der Protos Heuretes der Gattung", S. 195) festgehalten werden kann, dass der Ursprung dieser Gattung in den Amores von Ovid und den provençalischen Albadichtungen gefunden werden kann.
Eine Stärke des Textes ist es, dass er sich um einen "sauberen Gattungsbegriff" bemüht und dafür einen Kritierienkatalog liefert. Tagelieder erkennt man nach Behr anhand von drei Charakteristika, die mittels der Fragen WAS? WANN? und WO? beantwortet werden können.

Zuerst zum WAS? des Tagelieds: Welche Situation wird beschrieben? Nach BEHR muss ein Text, damit er Tagelied genannt werden kann, als Situation die bevorstehende Trennung eines Liebenden und einer Geliebten  nach einer heimlichen Liebesnacht und deren Verhalten beschreiben.

WANN? Die Situation muss sich zur Zeit des Tagesanbruchs abspielen.

WO? Die Situation muss sich in den Gemächern der Dame abspielen. Meistens handelt es sich dabei um eine Kemenate ( Kaminzimmer).

BEHR konstatiert im Verlauf seiner Untersuchung, dass diese Motive in ihrer Ausprägung gemeinhin wechselhaft sind. Für ihn ausschlaggebend wird vor allem das "kommunikative Muster", das den Tageliedern zugrunde liegt, die  prinzipielle Gesprächskonstellation.
Ausgehend von diesen Charakteristika skizziert BEHR dann die Variationen der Prototypenkonstellation. Er arbeitet heraus, wie Wolfram diesbezüglich prägend für einige Nachfolger war, dass er die Verbindung von Abschiedssituation und Liebesvereinigung im Thema etablierte. Schließlich geht er noch genauer auf die Modifikationen des Tagelieds nach Wolfram ein. Diese können in der Aufstockung der Figuren (Magd), in die Verlegung ins bäuerliche Milieu, in die Ergänzung durch eine räsonierende Erzählerfigur und die Verschmelzung mehrerer Gattungstypen liegen (Serena = Abendlied, Tagelied, Kreuzlied : Burggraf von Lienz).

Fazit: BEHR liefert einen gut verständlichen Text, der einen in den Kosmos der Tageliedforschung eindringen lässt, ohne gleich darin zu ertrinken ( so wie es bei WOLF erschien). Der Gegenstand seiner Forschung, also die Frage, ob und wie Wolfram von Eschenbach gattungsprägend war oder nicht erscheint mir zwar nicht ganz klar beantwortet zu sein oder im Fokus des Autors zu stehen, aber hilfreich und lehrreich ist der Essay allemal.

HIRSCHBERG, Dagmar: Ein Tagelied-Experiment des Mönchs von Salzburg; In: CYRIL, Edward: Lied im deutschen Mittelalter; S. 203- 216)

Zuerst schreibt Hirschberg noch einmal ausdrücklich, dass die Lieder "als erste Verschriftlichung von Mehrstimmigkeit im deutschen Lied"(203) gelten. Sie geht dann insbesondere auf die "Klaffer" ein, teufelsähnliche Kobolde oder Lästermäuler, die der Liebe böses wollen. Wie man sich gegen sie verteidigen kann, "zu warnen, zu raten und zu lehren" sind Aufgaben des Wächters und Anliegen dieses Tagelieds.


ROHRBACH, Gerd: Studien zur Erforschung des mittelhochdeutschen Tagelieds. (1979)

In seinem "Vorspiel" widmet er sich Dietmar von Aists "slâfest du vriedel ziere". Er interpretiert es derart, dass das wollen des Mannes und nicht der eintretende Tagesanbruch mit seinen gesellschaftlichen Leitvorstellungen zur Klage der "vrouwe" führt. Er muss nicht fort, er will fort.
In Stichpunkten:
Rohrbach plädiert für eine sozialhistorische Analyse der Tagelieder: Radikal ausgedrückt: Gesellschaft schafft Tagelieder. Norbert Elias habe das System des Hoflebens bereits untersucht, da dort ... oder zumindest für dort die Tagelieder geschrieben wurden. Sie suchen Heil an diesem Ort, der von herrschaftlichen Interessen gestaltet ist (vgl. S. 16) "Um Erfolg zu haben, müssen sie stets die Interessen der Herrschenden mitreflektieren." (ebd.). Das führt zu zwei Haltungen: bedingungslose Anpassung an den Geschmack der Herrscher oder die Gradwanderung der leichten Kritik ohne die Messer zu scharf zu wetzen. Der Dichter im System "Land" hingegen kann sehr viel kritischere Töne anschlagen.
Wie auch immer, wichtig ist es für Rohrbach die Texte in ihrem Entstehungskontext zu lesen. Sein Text stammt aus den 70gern, damit versteht man, dass dies damals "en vogue" war.


KNOOP, Ulrich: Das mittelhochdeutsche Tagelied (1976)

Man sollte in der Forschungsliteratur chronologisch vorgehen. So lese ich durch die Brille Knoops über längst gelöste Forschungsprobleme bezüglich des "protos heuretes" der mittelhochdeutschen Tageliedliteratur und deren Ursprüngen. Ob nun Dietmar von Aist oder Wolfram von Eschenbach die Erfinder der mittelhochdeutschen Tageliedliteratur waren, und ob es einen volkstümlichen Tageliedtypus gab, der ebenfalls seine Spuren im höfischen Tagelied hinterlassen haben könnte, das sind Forschungsdebatten, die im Einleitungskapitel von Knoop verhandelt werden. Ein alter Hut aus der Sicht von 2012, wo wir Wörter wie "Polygenese" verwenden, um diesen antiquierten Ursprungsforschungen zu entgegnen. Hat nun Wolfram den Wächter erfunden oder übernommen? Nach der Lektüre von WOLF kann ich hier guten Gewissens sagen: Es gab ihn schon vorher in der Tradition des christlichen Wecklieds und der provençalischen Alba Guiraud de Bonelhs. Ob ihn Wolfram nun übernommen oder erfunden hat, ist damit nicht beantwortet. Kreatives Schaffen ist rätselhaftes und oftmals verborgenes Schaffen. Selbst wenn Wolfram wie Brecht ein Arbeitsbuch geführt hätte, in dem Gespräche, Beobachtungen, Begegnungen und Reflexionen eingetragen worden wären, gibt es noch soviel unbewusstes oder verschwiegenes, was in den kreativen Schaffensprozess miteinfließen kann, dass es einfach keinen Sinn macht hier weitere Tinte zu verschreiben. Der Nummer Eins Hit der Rolling Stones "Has anybody seen my baby" ist der letzte mir bekannte und eindeutigste Beweis dafür, dass Melodien, Texte, Fragmente und Motive auch unbewusst übernommen werden können, also ohne ein bewusstes Wissen des Künstlers darüber, dass er gar nicht der Urheber dieses Kunstwerks ist.
"Jagger and Richards claimed to have never heard the song [constant craving] before, only having discovered the similarity prior to the song's release. As Richards writes in his autobiography Life, "My daughter Angela and her friend were at Redlands and I was playing the record and they start singing this totally different song over it." (wikipedia)
Wo waren wir nun also stehengeblieben? Polygenese, provençialische Vorbilder (Guiraud de Bonelh). Okay.
Im weiteren Verlauf der Einleitung kritisiert Knoop schließlich noch die Tageliedveröffentlichungen, die weder chronologisch noch inhaltlich sinnvoll oder richtig zusammengetragen und angeordnet worden seien. Die Sammlung von Martina Backes dagegen beruht auf einer chronologischen Ordnung, die darin vorkommenden Tagelieder sind exemplarisch.
Lobenswert ist die Systematik der Untersuchung Knoops: Zuerst listet er die Tagelieder auf. Dann unterscheidet er sie zwischen "Volltageliedern" und solchen, die von der vorläufigen Definition abweichen. Im Anschluss daran geht er auf jedes abweichende Tagelied ein und erklärt, warum es von der vorläufigen Definition abweicht. Z.B. Günter von dem Vorste: er liefert zwar die Motive, aber sein Lied besteht aus 23 Strophen, wohingegen "ein Großteil der Tagelieder drei, höchstens aber sieben Strophen aufweist. Inhaltlich weicht dieses Lied durch den ausgeweiteten Liebesdialog ab, durch Anreden eines Publikums, durch Einbezug der Vorgeschichte etc., so dass dieses Lied für den Corpus nicht in Frage kommt" (S. 51).
Außerdem liefert Knoop Motivlisten und Auswertungen dieser Listen. So bekommt man schnell einen Überblick über die möglichen Tageliedmotive. "scheiden, morgenstern, gefahr, anbefehlen, etc.)