Freitag, 21. Juni 2013

King Lear im Mainfrankentheater

King Lear (De Nil) und Kent/Narr
King Lear im Mainfrankentheater 2013.

1. Inhalt: 

Der alternde König Lear möchte sein Reich zwischen seinen Töchtern aufteilen, um in Ruhe seinem Lebensabend entgegentreten zu können. Bei der Verteilung des Landes hat er eine Bedingung: Jeder der Töchter möge ihm versichern, wie sehr sie ihn liebe. Die zwei älteren Schwestern, machtgierig und scharfzüngig, sprechen dem Alten vor, was er hören möchte und betören ihn in einer Art Liebkosung und Schmeichelei. Ganz anders dagegen die dritte Tochter. Sie begeht den vermeintlichen Fehler in dieser Situation ehrlich zu sein: "Vater, ich liebe euch so, wie eine Tochter ihren Vater eben liebt - nicht mehr und nicht weniger". Für soviel Ehrlichkeit ist die Welt nicht gemacht und wo es im Sprichwort heißt: "Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd" (Billy the Kid) heißt es in der Tragödie leer ausgehen: Das june Mädchen kassiert nichts als Missverständnis und Verachtung und geht mit leeren Händen aus.
Soviel zur Exposition. Doch Tote müssen in einer der fünf großen Tragödien Shakespeares her und so entpuppen sich die beiden älteren Schwestern zu wahren Monstern ("Wölfen", heißt es im Stück), die den Vater kurzerhand absetzen. Dieser, machtlos und verblendet von der Grausamkeit des eigenen Fleisches, wird vom Wahnsinn befallen und zieht fortan mit einem Narr, der sich ihm als Figur des getreuen Dieners anschließt, verwirrt durch die Lande. Die Schwestern dagegen werden immer dreister und abgeklärter, entledigen sich noch eines dritten Rads am Wagen (der unseelige wird geblendet), und auch dieser darf parallel zu Lear und seinem Narren mit dem verstoßenen Schwiegersohn an seiner Seite (den er natürlich nicht erkennt) durch die Lande ziehen. Enttäuscht vom Leben möchte letzterer nur zum Meer gelangen, um sich dort von den Klippen in den Tod zu stürzen. 
Wie es am Ende zu einem Haufen Leichen kommt, möchte ich nun aber nicht verraten. Selber anschauen oder lesen und verzaubern lassen. 

2. Zur Inszenierung: 

Suschke hat sein Handwerk souverän angewendet. Als Szenerie dient wieder einmal (wie bei seiner Maria Stuart Inszenierung) die große Drehbühne mit einer offenen dreiseitig bespielbaren Haus/Raumkulisse sowie für die Nacht- und Draußenszenen nichts anderes als ein schwarzes treppenstufenartig aufgebautes Podest am vorderen Teil der Bühne. Die klangliche Untermalung ist modern (also Bit-Sounds, Basslines, Gefrickel), die Figuren sanft modernisiert, bzw. interpretiert.
Zwei Machtladys, die der russischen Neo-Aristokratie entsprungen sein könnten (die eine weiß, die andere schwarz), vermummte Helfer und der König ohne Krone im weißen Anzug, der zunehmend zerfleddert. Mittelgestalten im grauen Herrenanzug oder Mantel und "der schwarze Mann" als kühler, meuchelmordbereiter Diener der Mylady, der eine ganze Salve rassistischer Witze vom Narren "Kent" engegengeschleudert bekommen hat ("Wenn ich dich sehe, wird mir schwarz vor Augen") - und ironisch gut, mit der Banane im Mund, als Sieger aus dem Wortgefecht herauskommt.

3. Das für mich Besondere

Die Rolle des Narren. Suschke und das Ensemble haben hier endlich mal eine Figur geformt, die auch aus dem konventionellen Sprachtheater herauskommt und in die Gefilde des Körpertheaters eindringt. Der Narr hat ein permanentes Bewegungsmuster zwischen Veitstanz, "Living Statue" und Klamauk-Charley-Chaplin Slapstick aufgebaut. Eine wahre Augenweide, gepaart mit dem Shakespearschen Wortwitz und der Brillianz der Narrenrolle an sich, die ja die Freiheit hat, Wahrheiten kunstvoll verpackt auf der Bühne auszusprechen (spielerisch und wahnsinnig gescheit - die Spieltrieb-Theorie nach Schiller par exellence). 
Das Komische im Verstell- und Verwechslungsspiel. Genauer:  das Spiel mit dem Wahnsinn, bzw. dessen Darstellung (King Lear) sowie das "Wahnsinnig Spielen" (der Narr) nebeneinander und in gemeinsamer Kumpelhaftigkeit - als König und Narr sich druch die Nacht und das Unwetter schlagen (Shakespeare! Was alles in einer Nacht geschehen kann! Wer wann wie und unter welchen Umständen aufeinandertrifft, während der Zuschauer um alles weiß, alles Versteck- und Verstellspiel, alles Geschehene und eventuell kommende Unrecht und die Figuren dank der geschlossenen vierten Wand gegenüber ihrem eigenen Schicksal so blind sind).
Wie sie auf die zwei anderen Narren treffen - den Geblendeten und den anderen Versteller, seinen verstoßenen Sohn. Die Brillianz der isnzenierten Sterbeszene des Vaters (stürze ich?) und - auch das typisch Shakespear: -  das Dämonische in den Figuren der beiden Schwestern.

4. Die paar Wermutstropfen:

a) Timing: Die erste Gewitterszene, in der die Bühne selbst sprechen durfte (ja!), zog sich bis der Effekt, der einen Anfangs stark berührte, verflogen war. Auch warten die Figuren bis sie auf die Bühne kamen, bis der Nebel verzogen und der Lärm des inszenierten Gewitters wieder abgeflacht waren. Nach meinem Geschmack kürzer, damit der Effekt nicht verloren geht, und naturalistischer, wenn man nicht durch künstliche Pause auf die Verstehbarkeit der Figuren setzt. (Der Zuschauer muss selbst entscheiden können, ob er den Sturm, oder die Aussagen der Figuren oder Beides hören möchte, oder den Realismus der Situation genießt).
b) Akutalisierungs-Ausrutscher: "Schlampe." - "Hure" - "Bitch" - "Treffer". ?
c) Provokation durch Untergürtellinien-Obszönität
d) "Sein oder nicht sein - Ach, Scheiß drauf."Was macht das in diesem Drama? 



Fazit: Tolles Stück in einer in jedem Falle unterhaltsamen Inszenierung. Anschauen! 


Mittwoch, 5. Juni 2013

Barock und Neobarock - "Wer weinen mag, der weine"

"Lightning bolts and man's hand"



Gryphius und Hymie's Basement - kann man das vereinen? 


Dank der Rezeptionsästhetik als neuparadigmatischer REligionsversuch im Diskurs der Kunst- und Kulturwissenschaften: Ja! ...wenn man gut begründen kann. Und wie komme ich auf die Verbindung? 
Ich lese gerade für eine Prüfungsvorbereitung Gryphius, Leo Armenius, enstanden um 1646/47, also noch vor dem Ende des dreißigjährigen Krieges. 
Was das Stück imposant macht, ist das Gefühl des Ausgeliefertseins, das die Protagonisten dem Leser vermitteln. Die Figuren sind höheren Mächten ausgeliefert und einer unberechenbaren, kriegsbedrohten Umwelt. 
Zugegeben, der Einfall kam mit einem anderen Song der Hymies Basement, in dem es um die molekulare Wiedervereinigung von "Feinden" nach dem Abwurf einer Wasserstoffbombe geht (21st Century Popsong). 
Und über das mentale Bild der Wasserstoffbombe kam ich auf das geniale Video zu diesem genialen Song "Lightning bolts and man's hand", in dem man die Erkundungstour einer Katze durch ein verlassenes Einfamilienhaus betrachtet. Eine leere Welt ist zu sehen, begonnen mit Weizenfeldern, Strommasten und allem anderen aus der Stadtperipherie. Dann geht die Kamera hinein in die Stadt. In leere Straßen und Parkhäuser und man fragt sich, was es mit den stummen Bildern zu der ruhig-melancholischen Musik auf sich hat. Die Kamera fährt hin zu dem leerstehenden Familienhaus, und dann kommt die Katze ins Bild, die von nun an unser Welterkunder wird. Dann öffnen sich die Bilder und geben die Geschichte, die sie in sich tragen, preis. 


Du klufft der ewigkeit vnß vnd die Mörder eyn!
Wir irren / nein nicht sie! nur vns / nur vns alleine /
Sie auch! doch fern von vns / wer weynen mag der weyne.
Der Augen quell erstarrt / wie ists! wird vnser Hertz
In harten stahl verkehrt? rückt vns der grimme schmertz /
Das fühlen auß der Brust? Wird vnser leib zur Leichen?
Komm wo der Wetterstrahl / das Haupt nicht wil erreichen:
Wo fern die Erde taub: kom du / gewündschter todt!
Du ende schwartzer angst! du port der wilden noth!
Wir ruffen dem vmbsonst / der die betrübten meidet:
Vnd nur den Geist antast der keine drangsal leidet /
Komm't jhr! jhr Mörder komm't. Vnd kühlt den heissen mutt
Die hell-entbrandte rach' / in dieser adern blutt.
(Theodosia nachdem ihr vom Mord an ihrem Gemahl Leo Armenius berichtet wird) 


Vielleicht ist es nur ein Teil dieser Zeilen, der mich berührt. Erst der Anfang: "Wer weynen mag, der weyne...wird unser Herz in harten Stahl verkehrt?" ist es nicht so, dass wir stählernen, "Erwachsenen" nichts mehr fühlen?



V for Vendetta

Nach "The Dark Knight" der zweite Superheldenfilm, den ich kenne, der sich an brisante Themen wagt:  Es geht um Selbstjustiz und Gerechtigkeit eingebettet in eine Superhelden- und Megaintrigen-Story, die sich ohne weiteres auf die politische Aktualität des arabischen Frühlings, Blockupy und andere Widerstandrechtsereignisse übertragen lässt. Seltsame Kompromisse geht das Popcorn-Kino ein, genauso wie ich, der sich die Popcorn-Kinofilme ansieht :)


Gut in Szene gesetzt - auch wenn es stark an Heiner Müllers "Der aufhaltbare Aufstieg des Aturo Ui" - Inszenierung erinnert - ist die Sprachgewalt. Immer wenn der autokratische Chancellor (mit diesem Gammsbart Ähnlichkeit mit Walter Ulbricht) auf seine Funktionäre einredet, dann geschieht das über eine Leinwand. Überdimensional groß thront der Chef der Klicke über der versammelten Mandschaft, sein Mund ist buchstäblich auf Augenhöhe mit den im Halbkreis versammelten Anwesenden und redet megaphonartig direkt in ihre Gehirne. In einem Moment besonderer Eindringlichkeit wird die Kamera in einem langsamen Zoom zunehmend auf den Mund "Ulbrichs" fokussiert. Dies hat zum Effekt, dass man kaum mehr die Worte in ihrem Sinnzusammenhang, der ja auch von einem vernünftig denkenden Menschen als UNSinnzusammenhang entdeckt werden könnte, abgelenkt wird und man quasi von den sich bewegenden Lippen und der Eindringlichkeit der Bilder, der Kraft der Stimme und der Rede hynotisiert wird. Die Inszenierung macht auf die SprachHANDLUNG, die stattfindet (hypnotisches Herrschen, Beschwören und Befehlen), aufmerksam.
Hier zwei Youtube- Beispiele dazu: Die Vorstellung des Kanzlers "Adam Sutler" und dann hier am Ende der Steigerungsstufen der Inszenierung von Macht und Unterdrückung dieses Beispiel einer Rede des inzwischen sehr aufgebrachten Kanzlers. 

Noch ein zweiter Punkt zum Kanzler: Wenn es um die Inszenierung von diktatorischer Macht geht, muss inzwischen dank der Vernetzung im kollektiven historischen Bildgedächtnis Adolf Hilter in die Bresche springen. Die Bildzitate sind eindeutig:
Diktatur mit Reichskanzler mit ganz klarem Bezug auf Hitlerreden (Kameraperspektive, Rednerpult,  Hintergrund mit Regimeflaggen, Führergesten und Volksaufmärsche.)
























Und zuletzt ein sehr wahres Zitat aus dem Film, das mir im Gedächtnis hängen geblieben ist:
"Literature tells the truth in lies."

Freitag, 17. Mai 2013

Truman's World

Ed Harris, Jim Carrey: Schöpfer und Kreatur.





Der vielschichtige Spielfilm "Truman's World" handelt von dem zunehmenden Erkenntnisprozess und daran anschließenden Fluchtversuch Trumans (Jim Carrey) aus einer für ihn und extra um ihn herum konstruierten Kulissenwelt.

Das Besondere: der Moment, als der Mond zum Suchscheinwerfer wird, der Morgen viel zu früh graut und als Truman an die Grenzen seiner Welt stößt, indem er mit dem Schiff durch die Pappmaschee-Kulisse fährt. Als Truman schläft und Ed Harris ihm in der Rießenprojektion über das Gesicht streicht.
Der Aufbau
Die Technik - Der Mond fängt an zu leuchten.


Samstag, 27. April 2013

Empfängnisverhütung

Ich weiß nicht, wie ich darauf komme...La recherche...l'exploration...Seit drei Monaten oder länger lese ich nun ausschließlich, so kommt es mir vor, historische Texte und historische Interpretationen und Metareflexionen über Geschichte und Geschichtsbewusstseinsbildung und überhaupt. "Harte Fakten".
Und gestern las ich dann wieder zufällig irgendwo dieses Wort (Exploration), um das sich so vieles in der Welt des Theaters und ihrer Herangegensweise an die Welt widerspiegelt....


Gestern war ich in der Würzburger Kellerperle und habe mir ein Stück von drei jungen Tänzerinnen angeschaut. Es hatte den Namen...


Der Inhalt

Grob vereinfacht war der Inhalt des Stücks etwa folgender: 
Drei Frauen in Abendgardarobe (also Ballkleid und Hochschuhen) betreten die "Bühne des Galadinners" oder Sektempfangs und spielen ein wenig die Mikrosituationen durch, die so ein gehobner Anlass mit sich bringen kann. Erster Auftritt, das Aufeinandertreffen mit andern Frauen, Anstoßen hier und da, etc. 
Eines ist dabei den meisten Plots gemein: Den Figuren fehlt die Lust und die Freude sich wirklich mit den andern Figuren auseinanderzusetzen. Schon gar nicht humanistisch. Stattdessen steht animalischer, mal kaschierter, mal offener, triebgesteuerter Habenwollen-Egoismus (symbolisch- verdichtet dargestellt im Lechzen nach Champagner und dem Spiel mit dem Champagnerglas) im Zentrum des (weiblichen) Interesses. Ein Kellner ist der Zuschauer dieses komisch-tragischen Trauerspiels und bedient die Frauen mit Gläsern und Champagner. 
Am Ende des Stücks erhalten die Damen endlich ihren ersehnten Champagner und anstatt ihn zu trinken, genehmigen sie sich und dem Publikum den Reiz einer Champagner-Dusche beizuwohnen, bevor sie die nun leeren Gläser gleichzeitig fallen lassen und das Stück damit beenden.


Die Interpretation

Es ist mir nicht möglich über alle Szenen zu schreiben. Ich habe sie auch nicht alle memoriert. Klar ist, dass hier aufgezeigt und persifliert werden soll. Die Gangart am Beginn des Stücks, als Tänzerin 1 die Bühne betritt, macht das bereits offensichtlich. Ebenso die Wahl der übertriebenen Absatzschuhe. Eine Satire also, eine Persiflage, eine Form des kritischen Erzählens.
Stark war die "Exploration d'une matière".

Gerade wie Tänzerin 2 (nach Reihenfolge des Auftritts) auf einem Champagnerglas herumbeißt, nachdem sie es abgeleckt hatte, der Wunsch es zu inkorporieren, war zusammen mit der Reduzierung der Musik ein starker aufklärerischer Moment des Stücks: Man ist beängstigt. "Knirscht - kracht das Glas? Es ist zum Trinken da, nicht zum Essen. Gelänge es, weißt du nicht, dass es gefährlich ist, Glas zu essen?" Ob beabsichtigt oder nicht, die verfremdete Illustration, also das Aufzeigen eines gesellschaftlichen Vorgangs in der Art und Weise, dass er Verwunderung und Erstaunen hervorruft, wie Brecht gesagt hätte, und eben die Illustration des selbstzerstörerischen Potentials, das in diesem symbolischen Durst nach Anerkennung, Sex, Geld, unbedingter und absolut herrschender Medea-Weiblichkeit liegt (all das komprimiert im Bühnensymbol des Champagner-Glases), wurde krachend und knirschend von der einen Tänzerin auf den Punkt gebracht. 

Auch eine gefundene symbolische Geste ist im Gedächtnis geblieben. Die Tänzerinnen stehen dabei in einer Figur, die man vielleicht als "Geburtenhocke" bezeichnen könnt, nebeneinander auf der Bühne und streichen sich dreiecksförmig auf ihr weibliches Zentrum hin mit den Händen am Körper entlang. Dieses Symbol lässt sich mehrfach interpretieren. Aber verstanden habe ich es nicht - soll es anziehen? Weiblichkeit ausdrücken? Eine Art der Selbstabtreibung und Ausschabung, wenn man die Doppelbödigkeit des Titels mit seiner Nähe zur Empfängnisverhütung in Betracht zieht? Ein Symbol für die Periode? 

Orest und die Erynnen
Und schließlich als ein drittes Element des Stücks kann man sich folgendes Merken: Die drei Tänzerinnen formten sich zu einer Gruppe zusammen und tanzten ein wenig klassisches Formentheater. Plötzlich bricht die Gruppe auseinander, alle Formen der Schönheit, Anmut, Würde und Klassik zerbersten und erynnengleich, voller Gehässigkeit und Zischen stoben die Figuren auseinander und wirbelten wie vom Teufel besessen auf der gesamten Bühne herum. Ein Moment, der mir den Atem stocken ließ und mich sogleich an Iphigenies Bruder Orest denken ließen, den die Erynnen jagen. Auch das kam stark und furchterregend rüber.



Das Gefühl

Hmm. Anfangs war mir etwas mulmig in Anbetracht soviel geballter Weiblichkeit. Auch eine private Angelegenheit hat meine Sicht auf das Stück vielleicht etwas betrübt und voll konzentriert war ich lernbedingt auch nicht. Ich nahm die Aggression war, die in dem Stück liegt und anfangs meinte ich eine Art Männerfeindlichkeit, also eine Art verkehrter Misogynie zu spüren. Dann machte ich mir oft Sorgen, weil zweimal zu viel Glas kaputtging und die Tänzerinnen trotzdem barfuß waren. Ein dritter Kritikpunkt, der mir seit längerer Zeit aufgällt und immer wieder hineinspielt, wenn ich Damen beim Tanzen zusehe, ist der Hang zur Selbstdarstellung auf der Bühne. Das Problem, das das, was gezeigt wird, zwar unter dem Deckmantel der Satire getarnt und geschmückt ist, dabei aber selbst das Verhalten zeigt, dass auf oberster Ebene angeprangert wird.
In meinem persönlichen Geschmack war mir die Aggressivität ein wenig zu heftig. 


Zieht man diese Gefühle und deren Anmaßungen ab, bleibt ein Stück, das sich in postmoderner (Fragmente, Mikroszenen, die in ihrer Reihenfolge ausgetauscht hätten werden können), verfremdender (Champagnerglas und "Auftakelgebärden"), postdramatischer Weise (- Der Schauspieler als Performer: Champagner-Dusche) auf pfiffige, originelle und vielseitiger Art mit dem Thema "weibliches Verhalten beim Sektempfang" auseinandergesetzt hat. Sehr gut hat mir die Musikauswahl gefallen. Anschauen, wenn man kann, keep art alive!

Freitag, 26. April 2013

Paprika (2006): "The parade of terror is coming, and it is in your name."

Trailer- Paprika: neben Vergiss mei Nicht, Science of Sleep, The Cell, Vanilla Sky und Inception ein weiterer Film aus dem Traum- und Unterbewusstseinsgenre. 
perfekte Bildkomposition
Worum geht es? 

Innerhalb einer japanischen Forschungseinrichtung, die zwischen Schlaflabor und Psychoanalytischer Klinik oszilliert, wird ein Gerät entwickelt und gleichzeitig vor Filmbeginn gestolen: der DC-Mini, ein Gerät mit dem man in die Träume und das Unterbewusstsein derjenigen, die ihn tragen, eintauchen kann. 

Der Schritt von Gebrauch zum Missbrauch ist wie so oft in der revolutionären Technik leider nicht weit, und so kommt es gleich zu Beginn des Films zu einem Zwischenfall. Zum einen wurden 3 DC Minis aus dem Labor entwendet, zum andern erliegt ausgrechnet der Chef des Forschungsteam beim Rapport vor dem Klinikvorstand einer fantastischen Wahnvorstellung, einem Traum, der nicht sein Traum ist, in den er aber hineingezogen wird, wie Sand in das Loch einer Sanduhr, und an dessem Ende er völlig in einer andern Welt befangen aus dem Fenster springt. 
Nun nimmt der Film eine richtige Rassanz auf, die sich ohne das Ende verraten zu wollen, so beschreiben lässt, dass immer mehr der beteiligten Personen in diesen einen Traum hineingezogen werden, während sich das Team auf die Suche nach dem Hauptschuldigen begibt. Dabei trifft manch einer auf seine eigenen Angstvisionen und dergleichen, die er erst überwinden muss, damit es zu einem Happy End kommen kann. 

Technik: 

Traum- und Alptraumwelten in denen die Regeln der Phantasik und der symbolischen Realisierung sowie unbewusster, unterbewusster oder verdrängter Ängste oder Persönlichkeiten dominieren, liegen im Zentrum des Films, der ansonsten nur "klassische" Plot-Elemente eines Krankenhausrecherchethrillers enthält (Vorsprechen bei der Klinikleitung, Essen mit Kollegen, Fahrt zur Arbeit im Auto, Gespräch mit Kollegen, etc...).
Es handelt sich um eine Enthüllungsdramatik: Sowohl der Urheber allen Chaos als auch die persönlichen Konflikte der Figuren untereinander und miteinander werden erst im Verlaufe der Handlung, nein nicht deutlich, das wäre übertrieben, aber offensichtlich. 
Großes Meisterwerk der Macher unter der Regie Satoshi Kons ist das nahtlose Ineinanderübergehen verschiedenster Ebenen. 
Zum einen die Ebenen Traum-Realität, dann Traum-Traum, daneben Charakter-Traumcharakter, Wunschtraum-Alptraum. Auch die Erfindung der großen Parade ins Nichts als Visualisierung des gruselig-fantastischen postmoderne Chaos, angeführt von einem laufenden Kühlschrank, ist brilliantes Meisterwerk der Imagination. Ryhtmisch ist der Film in seinen Bildkompositionen ebenfalls genial.

Im Gedächtnis bleibt eine Jahrmarktszene. Gruseliger Gänsehaut- Moment: Kinderpuppen, Jahrmarkt, Einsam, das Spiel mit Traumata....Traumsequenzen, Traumwiederholungen, Wechsel von phantastisch skurrilen Traumwelten zu Alptraumwelten. Abstiegssymbole...


Fazit: 

Anschauen! 

Mehr: Kommentar in der New York Times:
Lieber ganzen Film anschauen, aber: Hier das Opening des Films




Freitag, 19. April 2013

Carrara-Marmor

Letztens kam eine sehr interessante Doku auf Arte über den Carrara-Marmor Abbau in der Toscana.

überhoben

Wo kommt der Marmor her?

Marmor kommt heute z. B. aus den apuanischen Alpen im Nordwesten Italiens (Toskana). Dort gibt es große natürliche Vorkommen, die schon von den Römern genutzt wurden. Auch Michelangelo bezog den Marmor für seine Plastiken aus dieser Region, der so fein und grieselig "wie ein Stück Parmessan" sein kann.

Wie gewinnt man den Rohmarmor? 

 
Zuerst wird der Fels gespr
engt und ein Arbeitskanal geschaffen. (Min.20:50ff.)
Diamantseilsäge 
Aus dem so erschlossenen Massiv bekommt man dann Blöcke oder Platten heraus, indem man die Marmorwand entweder von unten mit einer Sägemaschine anschneidet (bis zu 5m in die Wand hinein) und dann von oben aus ein Kissen, das allmählich mit Wasser angefüllt wird, bis es platzt, in den Stein eingelassen wird. So entsteht ein Spalt, der immer größer wird und außerdem wird die Platte aus dem Berg herausgedrückt. In den Spalt werden anschließend noch kleinere geeignete Marmorblöcke als Spaltkeile eingefügt. Wenn der Stein so von sich aus nicht ausbricht, hilft ein Bagger nach. Er zieht mit seiner Schaufel von Vorne an dem Stein.
Beide Spalte, also die Bearbeitung von unten und oben, müssen natürlich gut ausgemessen sein, damit es auch funktioniert, den Marmor aus dem Bergmassiv block- oder plattenweise herauszulösen.
Wie muss man den Marmor anschneiden?
Eine weitere Methode, die zum Einsatz kommen kann, ist eine Diamantseilsäge. Hier muss man aufpassen, dass man sauber und ordentlich arbeitet, denn losgelöste kleine Diamanten könnten sonst zu tödlichen Geschossen werden.
Und egal ob Diamantseilsäge oder andere Sägemaschine – beide Maschinen benötigen ständige Kühlung durch Wasser.


Fazit: Schaut die Doku auf arte +7 - macht Spaß!