Sonntag, 22. September 2019

Bees made honey from the vein tree in Würzburg erforschen den Bass-Sound!

Ein Bassist, zwei Gitarristen und ein Schlagzeuger forschen aus, was passiert, wenn sie sich alle 4 Musiker 3 Regeln unterwerfen:

1. Der Sound ist so tief wie möglich.
2. Der Sound ist so mächtig wie möglich.
3. Der Sound ist so langsam wie möglich. 

Was dabei rauskommt?  Eine Performance, eine Messe, in der der "bassismyreligion" dann ausnahmsweise ein  berechtigter Name ist. Schwingung. Ein ganzer Raum und alle darin befindlichen Körper in Schwingung. Die drei Saiteninstrumentalisten aus dem Stuttgarter Raum entfesseln ein Klangbiest, gezähmt und strukturiert wird das Gewummer und Gewabber allein vom knochentrockenen Schlagzeug. Sie alle zähmen und betrachten, erleben und verkörpern dieses erschaffene Biest gleichermaßen. Wow Wow Wow! 
Ohne Analogfaschist zu sein - man wünscht es jedem Elektro-Jünger, dass er das mal miterlebt, was akustisch, analog möglich ist! 
Und mal wieder: Danke, Immerhin! 


https://www.stuttgarter-zeitung.de/gallery.preissegen-fuer-kultur-in-esslingen-psychedelische-band-und-komma-raeumen-ab-param~2~1~0~5~false.0fa83d9f-81aa-47d1-95ab-472c210c2de2.html

Donnerstag, 13. Juni 2019

The Black Rider

Inhalt: 

Jagdunfähiger Schreiberling ist verliebt in die Tochter des Försters, der durch einen außerordentlich guten und riskanten Schuss vom Herzog Posten und Wald verliehen bekommen hat als Erbpacht. Allerdings muss der Schuss jedes Jahr aufs neue wiederholt werden und damit ist der fürs Schießen völlig unbrauchbare Scheiberling Wilhelm unmöglich für den Posten des Schwiegersohns.
Aber Phantastisches geht um in diesen Wäldern und Wilhelm wird bei seinen katastrophalen Schussübungen - er meint es ja ernst - von einem Unbekannten, dem Teufel, angesprochen. Der gibt ihm Teufelskugeln, die unfehlbar alles treffen.
Wilhelm gelingt es damit, die Eltern zu beeindrucken und das Ja-Wort zur Hochzeit zu erhalten. Alles freut sich, außer der Widersacher Wilhelms. Aber dunkle Vorzeichen weisen darauf hin, dass etwas nicht im Reinen ist. Höhepunkt des Stücks ist, als der Fürst zum jährlichen Schusstest vorbeikommt. Wilhelm hat keine Kugeln mehr. Er erhält neue, allerdings unter der Bedingung, dass die letzte Kugel vom Teufel selbst gelenkt werden darf. Und dramatischerweise versenkt dieser sie natürlich in das Herz von Käthchen, der Tochter des Försters.

Moral: Don't fuck with the Devil, cause the Devil fucks you!

Inszenierung: 

Am Ende kam man sich vor, wie in einem Disney Musical, das auf einen Tim Burton Film trifft.
Grelle Schminke, leicht Bob Wilson like (sein Siegeszug ist unaufhaltsam), überzeichnetes Spiel, absurd-komisch, grotesk. Brillianter Gesang! Super Schauspieler! Super Musiker! (Weinglas-Lied!)
Auch die Übersetzung / Vermischung vom Englischen Original ins Deutsche muss sehr viel Arbeit gewesen sein und hat spitze funktioniert!
(Oh! Robert Wilson hat an dem Stück mitgewirkt! Zusammen mit Tom Waits und S.Burroughs)

Hier gibts Bilder


Donnerstag, 9. Mai 2019

Der Prinz von Homburg - Mainfranken-Theater : entstaubter Klassiker

Inhalt:

Rahmensituation:
Der Prinz Albert von Homburg ist ein junger, draufgängerischer, voll Lebensgeist steckender Teil des antischwedisch operierenden Militärcorps unter der Führung des Kurfürsten. Wir befinden uns im Zeitalter des Feudalismus und des Dreißigjährigen Kriegs. Eine Schlacht steht bevor, der Kurfürst schart seine Generäle - du denen der Prinz gehört - um sich, um die Strategie zu besprechen.

Binnenhandlung:
Der junge Prinz ist allerdings Schlafwandler. Der Fürst und einige andere Generäle bemerken dies und greifen in sein Schlafwandeln ein: Sie nähern sich ihm und haben auch die Tochter des Kurfürsten, Natalie, im Gepäck.
Der junge Albert festeht Natalie, der Tochter des Fürsten, im Traum seine Liebe, der Fürst und die anderen wiederum machen sich einen Scherz daraus, ihm einen Handschuh von Natalie in die Hand zu drücken und entfernen sich, bevor er aufwacht. Auf gut Deutsch: Sie spielen dem armen, verliebten Schlafwandler einen Streich, so dass er verdutzt aufwacht mit einem Damenhandschuh in der Hand und seltsamen Erinnerungen.

In der nächsten Szene trifft sich der Generalstab und die Generäle werden instruiert, wie sie sich bei der Schlacht zu verhalten haben. Albert ist bei den Reitern eingeteilt. Er soll lange warten, bis er ein Signal hört, um dann mit der Kavallerie einzugreifen. Da Natalie bei dieser Ratsitzung allerdings auch zugegen ist und ihr ein Handschuh fehlt, ist er vollkommen neben sich und hört den Anweisungen kaum zu.

In der darauffolgenden Schlacht treibt ihn sein junges Gemüt dazu, in die Schlacht einzugreifen, bevor das Signal kommt, auf dass er warten sollte. Die Schlacht wird zwar gewonnen und auch der Kurfürst überlebt. Allerdings ist dieser stinksauer auf den jungen Prinzen, weil er die Order missachtet hat. Er lässt ihn verhaften und vor das Kriegsgericht stellen, das die Todesstrafe verhängt.

Die Handlung ist nun in vollem Gange: Zum einen wird gezeigt, wie sich Albert entwickelt. Sein junger Geist, der glaubt, unbesiegbar zu sein und meint, dass ihm der Kurfürst diesen einen Ausrutscher schon verzeihen werde, zerbricht am bevorstehenden Tod. Er wird klein und verzweifelt,  bittet bei Natalie und der Frau des Kurfürsten um Unterstützung, bevor er sich - ganz gemäß den Konzepten "edler Einfalt und stiller Größe" folgend zuletzt über den Tod erhaben erheben möchte, seinen Fehler einsieht und ganz distanziert und entrückt von sich selbst sein Schicksal annehmen möchte.
Zum andern wird der Werdegang Natalies gezeigt und wie sie Fürsprache für den jungen Prinzen beim Vater, dem Kurfürsten, leistet. Es ist der Kampf einer jungen Frau gegen einen starken Vater in einer militaristischen, patriarchischen Gesellschaft, den sie durch Strategie, Aufrichtigkeit und Mut gewinnt. Der Kurfürst unterzeichnet ein Pardon.
Eine weitere Entwicklung ist das Verhalten des Heeres nach der Verurteilung Alberts. Er ist beliebt bei den Truppen und Generälen, so dass diese eine Bittschrift erlassen und alle darunter unterschreiben. Ein Aufstand liegt in der Luft.

Die Spannung entsteht daraus, dass man als Zuschauer nicht weiß, welcher Schachzug den Prinzen retten wird und welcher nicht. So ist der Kurfürst zwar bereit, das Todesurteil sein zu lassen, nachdem Natalie darum bittet. Aber kann nicht der Prinz mit seinem ungestümen Verhalten, dass dem Kurfürsten so gar nicht in seine Vorstellungen von Gehorsam passt, nicht doch noch alles kaputtmachen? Wie ist es mit der drohenden Rebellion der Truppen? Kitzelt sie nicht noch mehr die Härte des Despoten heraus?

Am Ende lösen sich die Fäden, die alle zunächst parallel und dann zusammenlaufen - in Form einer Katastrophe! Der Prinz wird in vier Teile gerissen. Hah, wenn du das gelesen hast, bist du mir auf den Leim gegangen: Alle treffen sich zu einem versöhnlichen Ausflug im Park und der Kurfürst sieht auch seine Schuld ein, indem er den Prinzen mit seinem Schabernack während dessen Schlafwandelei dazu brachte, dem Kriegsrat so unaufmerksam zu folgen.

Schlagwörter für dieses Stück:
Fürsprache, Gnadengesuch, Befehlsgewalt, Hierarchie, Militärorder

Zur Inszenierung:

Die Inszenierung war sehr bühnengewaltig! Als Musik wurde Pink Floyd gewählt - atmosphärische Liedausschnitte ohne Gesang, Licht Nebel und dunkel-kalte-silbrige Farben brachten die Traumatmospäre des ganzen Stücks besonders eindrücklich auf die Bühne. Das Schauspiel-Ensemble glänzte! Ein toller Theaterabend!


Samstag, 13. April 2019

Ein "cooler" Kommentar zur Popkultur? Bilderbuch in Würzburg

Glück muss man haben: Nach sieben Monaten der erste Live-Auftritt der Österreicher, 2 Weltpremieren, Tour-Eröffnung, ein unveröffentlichter Track. Bilderbuch, die hippe, österreich-sympathische Band, trendy, candy, Neo-Falcos, Dekadenzrocker! Erfüllen sie die Erwartungen?

Zweifel kommen in mir hoch nach ein paar Songs. Die Burschen betreten die Bühne in ausgewähltem Outfit - eben keine Underground Band, sondern schon Profis, Randplayer aber im Big Game, mit Visagistin, Kostümistin, zumindest wirkt es so. Der Eindruck wird verstärkt von roten Papierherzen, die über der Crowd aus den Aufhängungen der Halle abgeworfen werden. Eben alles "candy", "alles Liebe!". 
Der Frontman, Maurice Ernst, bewegt sich geschmeidig und sicher am Microfon. Immer wieder catched er mit abgehackten Bewegungen die Aufmerksamkeit der Zuschauer und flowed durch die Songs und ich frage mich: wieviel ist Choreographie, wieviel Gefühl, wie viel ist "einstudiert", wie viel ist "real"? 

Dann wechsle ich die Perspektive, gehe nach hinten und sehe das gesamte Bühnenbild: Ein Riesenwasserhahn mit Sturz-LEDs, eine Flugzeugtreppe, ein alter amerikanischer Kühlschrank, eine Ventilatorenwand, Planeten. Irgendwie alles und nichts aber von jedem ein bisschen. Alles hip, urban,  in unserer Travel- und Reisezeit verhaftet. 


Kunst - gefällig jedenfalls! Die einen mögen
die Ironie, die andern die Kunst. Aber engagiert? 
In dem Moment spielt die Band den "Frisbee"-Song über urbane Lockerheit, über Unberührtsein gegenüber den Kümmernissen der Welt und mein Ersteindruck verfestigt sich: Bilderbuch, wer ist das? Eine Gruppe musikalischer Eklektiker, sympathisch, Underdog in einem großen Business und was sie verdammt gut können, das ist das unsere Kultur zu kommentieren. Und zwar richtig cool - im Stil unserer "smile or die" - Mentalität immer fluffig, luftig, easy, fly mit einem Touch Ironie und Smartness. Sie stehen halt drüber und kommentieren es nur. 
Und da entsteht die Speerspitze meiner Kritik in voller Wucht: Ich sehe die tanzenden Massen und denke mir: „we dance on the wrong songs. we joy all the wrong words", Jungs, ihr kommentiert das Weltgeschehen echt gut, aber ihr ändert nichts daran. Eure Kritik, falls es eine gibt, bleibt in der ironischen Reproduktion stecken. Ihr reproduziert die Codes einer kranken Gesellschaft, aber ihr ändert sie nicht. Ihr macht das gut, aber schämt ihr euch nicht? 

Mit diesen brühwarmen Gedanken treffe ich auf eine Bekannte und die Arme hat das Glück, dass ich ihr das gleich mitteilen muss. Ich bin inzwischen schon so weit, dass ich die Wirkung und Choreo von Maurice Ernst mit Helene Fischer vergleiche. Sie bremst mich aus. Mit diesem Kritik ginge ich zu weit. „Aber sie sind doch unpolitisch!", entgegne ich. Maurice sei ein Entertainer, das könne ich ihm nicht übel nehmen, der sei halt so. Wie Prince. Und dass sie unpolitisch seien stimme nicht. Sie hätten eine Europa-Pass Kampagne initiiert. Außerdem seien Plätze auf der Gästeliste nur gegen eine Spende an eine NGO zu erhalten gewesen. 

Okay. Das ändert meine Gedanken ein wenig, mildert meinen Tugendjähzorn. Ich gehe wieder zu meinen Freunden links neben der Bühne. Der Alkohol macht mich auch bierselig und so wippe, groove und tanze ich schließlich mit. Dann kommen die Hits, wegen denen ich Bilderbuch mag: Machine. Bungalow. Und ich merke auch, dass die Jungs gute Musiker sind, die ihre Instrumente beherrschen. Quasi der Rockwolf im Popschafspelz. Yeah! Nach einer fulminanten Show kommt am Ende auch donnernder Applaus! Die Zugabe befriedigt mich dann vollkommen: Ein gefühlt 8minütiger instrumentaler Doom-Drone Song? Maurice Ernst meint danach, es sei ein unveröffentlichter Song. Aha, sie können also, vielleicht wollen sie auch nur dürfen nicht (mehr)? Hell Yeah! Rock'n'Roll jedenfalls! Wir feiern den Song - gefühlt zu dritt und als einzige in der Halle. (Bestimmt war es so ;) )  Irgendwie endet das Konzert dann auch...aber ich war dann auch nicht mehr ganz geistig anwesend. Na ja. Das Ende vom Lied: Es war dann doch ein sehr schönes Konzert, ein Popereignis mit einem bestimmten Anstrich - das, was Bilderbuch eben ausmacht. Und ich bin froh, dass ich da war! Ich rechnete mit einem oberflächlichen Konzert, bei dem alles "candy" sein wird, österreichischer Zuckerguss und ganz viel <3 auch.="" bekam="" dann="" das="" der="" ja="" liieeeeebe="" p="" und="" zuschauer="">


Jetzt im Nachhinein denke ich mir nur eines - und das würde ich gerne zur Diskussion stellen: Hätte Bilderbuch nicht einmal kurz eine Ansage machen können? Eine politische? Ja, ich höre die Kritik: die Leute, die da waren, waren doch eh alles keine AfD -Wähler...aber Klimasünder sind wir doch alle! Mal wieder nen Tag in der Woche mit dem Fahrrad in die Arbeit, Schule, Uni, was auch immer fahren? Könnten sie nicht vielleicht als Nächstes so eine Bewegung starten? 

Sonntag, 17. März 2019

„Ein Sommer am See" (2014) Mariko Tamaki und Jillian Tamaki

Die erste Graphik Novell mit dem deutschen Jugendbuch-Literaturpreis!
Ich verstehe den Jugendbuch-Literaturpreis als Empfehlung, seit Lian Hearns „Das Schwert in der Stille", das ich las, ohne zu wissen, dass es für diesen Preis prämiert war, und von dem ich so begeistert war und bin wie von kaum einem anderen Buch, traue ich dem Geschmack der Jury hinsichtlich der Beurteilung stilistisch ansprechender und inhaltlich berührender Werke.


Der Inhalt (ohne das Ende zu verraten)

In „Ein Sommer am See" geht es um eine Familie, die ihren jährlichen Sommerurlaub an einem großen Badesee im fiktiven Urlaubsort Awago Beach verbringt. Seit Rose fünf Jahre alt war, fahren sie, ihr Vater und ihre Mutter jährlich dorthin und treffen auf altbekannte Gesichter:
Rose hat eine beste Ferienfreundin mit dem Namen Windy. Sie lebt mit ihrer lesbischen Mutter zusammen, deren Mutter ebenfalls zu Besuch kommt. Eingekauft wird im Dorfladen, der auch einen DVD-Verleih betreibt und Anlauf- und Treffpunkt für die Dorfjugend ist.
Die Graphik Novell beginnt also mit der Anreise der Familie in dieses Urlaubsparadies. Sie beziehen ein Ferienhaus und alles scheint bereit für eine Zeit voller Erholung, Familienharmonie, Sonne, Baden und eleganter Langeweile. Oder?

Schnell entpuppt sich, dass die Idylle ihre Risse hat. So entfalten sich verschiedene Konfliktfelder im Feriendorf und vielmehr werden verschiedene Konflikte durch den Ort Awago Beach, der sie alle für die Dauer eines Sommerurlaubs zusammenbringt, durch die Augen der Hauptfigur Rose offensichtlich.
Irgendetwas ist mit Roses Mutter, was auch die Beziehung zu ihrem immer gut gelaunten Vater belastet. Rose verliebt sich in den Jungen, der im Dorfladen arbeitet. Der wiederum hat Gerüchten zufolge eine Jenny aus dem Dorf geschwängert, was aber nur ein Gerücht ist, und beide haben Probleme, damit umzugehen.
Ihre etwas jüngere Ferien-Freundin Wendy wächst alleine mit ihrer Mutter und der Oma auf. Hier scheint die Welt noch heil zu sein. Ihre Mutter ist lesbisch.

Die Wirkung / das Besondere an „Ein Sommer im See": 

Dem Duo gelingt es unglaublich gut, Stimmungen einzufangen! Das Buch ist meistens in 4-6 Pannels pro Seite aufgeteilt, in denen munter und scheinbar zusammenhanglos geplaudert wird. Aber immer wieder, gerade dann, wenn man nicht damit rechnet, wird man überwältigt von einer Doppelseite, in der die gesamte Handlung stoppt und ein Moment eingefroren wird, was enorme Wirkung entfaltet!
Sei es Rose, die in ihrem Bett abgammelt oder Wendy am Tanzen um Rose, sei es
Unterwasserspaß...diese drei Doppelseiten haben mich gecatched und ich werde an sie denken, wenn ich an „Ein Sommer im See" denke und ich werde sie nicht vergessen.
Auf der anderen Seite ist das Buch - zumindest für meine Verhältnisse - sehr offen. Jugendsprache, lesbische Beziehungen, ungewollte Schwangerschaft - alles Themen, die noch vor nicht allzulanger Zeit tabu waren. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, was natürlich auch nicht auffallen muss: Die Macher der Graphik Novell scheinen auch lesbisch zu sein. Ein zweiter Blick offenbart: Nein, es sind Cousinen :P

offener Aufbau:

Dennoch muss man damit zurechtkommen, dass das Buch nur Einblicke in Konflikte anbietet, aber keine Lösungen, zumindest keine vollständigen. Das Buch endet wie es beginnt, aber die Konflikte schwelen weiter. Es müsste nachbesprochen oder besprochen werden: Wie geht man mit einer unklaren Verhütungssituation um? Wie geht man mit Problemen in der Familie um? Hier ist viel Diskussions- und Redestoff!

Hier ein Artikel im Tagesspiegel
und hier ein anderer Artikel, der sich mit dem Gefühl "Preteen" zu sein auseinandersetzt

Dienstag, 5. Februar 2019

Massive Attack 2019 - Frankfurt "Jahrhunderthalle" - eine Lehrstunde!

Warum haben alle Hallen in Deutschland eigentlich die gleiche Parkplatzpflasterung? 
Das geht mir durch den Kopf, als ich mit ein paar Freunden Richtung Jahrhunderthalle laufe. Der zweite Gedanke, der daran geknüpft ist, geht dann über den Eingangsbereich mit der Leuchtaufschrift "Jahrhunderthalle" - irgendwie erinnert sie mich zusammen mit dem Parkplatz an die etwas kleinere "Mainfrankenhalle" in Veitshöchheim, in der ich mal einen Bilder-Vortrag über New York gesehen hatte. Das war, bevor ich die große Kuppel in der Dunkelheit ausmachen konnte, die das Bild der Jahrhunderthalle, die in den 60gern erbaut wurde, auch ausmacht.

Eine lange Schlange wird professionell durch den Eingangsbereich geschleust: die ausgedruckten Tickets werden mit Hand-Barcode-Scannern ausgelesen, bevor man in die Securityschleuse kommt, wo man nach einer kurzen Blickmusterung abgetastet wurde und ein Blick in Handtaschen, Jutebeutel, Umhängetaschen und, was das buntgemischte Publikum des Konzerts sonst noch mitbrachte, geworfen wurde. Hier ist der Moment, an dem ich mal erwähnen muss, wie sehr sich die LED-Lampen durchgesetzt haben. Früher war das Thema "funktionierende Taschenlampe" eigentlich immer ein irgendwie peinliches Thema: Entweder man hatte eine Billigfunzel mit Batterien, die immer genau dann ging, wenn man sie einmal komplett durchgewartet hatte, und dann sofort nicht mehr ging, vor allem, wenn man sie gebraucht hatte, weil die Glühbirne kaputt war oder das Drehgehäuse ausgeleiert oder die Kontaktfeder im Batteriegehäuse nicht mehr ging, oder weil sie feucht geworden war, oder weil die Batterien sofort leer waren, oder alles gleichzeitig.
Oder man hatte eine sündhaft teure "MagLite" - eine zeitlang Statussymbol in meinen Kreisen: denn Sicherheitsdienste, die Polizei und das Militär, so munkelte man, würden genau diese benutzen, weil sie so groß und massiv wie ein Schlagstock waren, gefühlt aus Gusseisen, mit drei Riesenbabybatterien gefüllt und es hieß, man könnte bis zu 30m damit leuchten. Die Batterien hätte man eigentlich lieber für einen ultracoolen Ghettoblaster gewollt und gebraucht. Aber - ich zitiere ein unendlich gültiges Zitat: "Wir hatten ja nix." Und die MagLites, sehe ich gerade, kosten immer noch ca. 100€. 
Ja, zurück zum Thema: Handtaschen, Jutebeutel und Sonstiges wurden mit der leichten, beinahe möchte ich sagen "schnittigen" Handtaschenlampe (natürlich mit LED - Birne ) durchleuchtet. 

Im Vorraum der Halle mit der Kuppel, die ein wenig an ein platt gedrücktes Observatorium erinnert, ist viel los. Ein Gewusel. Die Besucher des Konzerts sind vom Kleiderstil her bunt durchmischt, aber interessanterweise sieht man kaum "junge" Gesichter. Es ist ein wenig, wie wenn man auf einer Ü30 Party wäre, nur dass es nicht schrill zugeht. Irgendwie liegt allem ein "Grundernst" zugrunde. Liegt das an Massive Attack? Eine Band, die uns daran erinnert, wie unsere Gesellschaft ist? Ernsthaft, gestresst, absurd, - na mehr davon nachher.

Jacken und Mäntel werden an der Garderobe gegen Abholmarke aus Blech abgegeben - wir haben ja Winter -, vor den Klos entstehen beachtliche Warteschlangen  und man wird professionell abgehandelt. Ein Großereignis, vom Feeling bisher mehr Theater oder Oper als Konzert. Dazu passen die überteuerten Preise der Getränke - ein 0,4l Bier für 4,20€ enttäuschenderweise aus dem Plastikbecher. "Wie viele Plastikbecher werden heute wohl weggeworfen?", frage ich mich. Inzwischen schätze ich 3000-4000, angelehnt an meine Schätzung der Besucherzahl. Dabei wäre es doch nichts Großes, recycelbare Becher zu benutzen! Mit nem schicken Aufdruck drauf, ein Pfandsystem einbauen...beim Afrikafestival ging das doch auch, wieso soll das bei einem darauf spezialisierten Veranstaltungskomplex nicht auch etablierbar sein? Große Frage für mich. Große Enttäuschung darüber. 

Über die Treppen gelangt man dann - ähnlich wie in der Paulskirche - in den eigentlichen Konzertbereich - das Atrium unter der Kuppel. Noch höher auf die Galerie dürfen die mit Sitzplatzkarten, die nochmal getrennt kontrolliert werden.
Inzwischen macht sich meine typische Skepsis gegenüber Großkonzerten breit: total unterschiedliche Leute aber auch total viele, Angst und Sorge, nichts zu sehen, nicht den besten Platz zu haben, Missgunstdunst, die unnötigen Plastikbecher und ab 20:07h die ersten Pfiffe, weil es noch nicht losgeht.
Das Publikum wird mit dumpf gehaltenen "Best of 90ties" Hits beschallt. To the moon and Back, Don't wanna miss a thing, selbst Madonnas Rain kommt. Die Pfiffe nehmen zu. Als ein Lied (war es Jump Around?) mit einer Fanfare beginnt, interpretieren das viele fälschlicherweise als Anfang der Show, die Pfiffe nehmen zu und ebben ab und münden in eine etwas weiter angewachsene Gereiztheit und Nervosität. 5 Minuten später checkt ein Mitarbeiter mit einer Taschenlampe eine E-Gitarre. Das Spiel wiederholt sich: Pfiffe, Vorfreude, Abebben, Gereiztheit. "Geht es jetzt los?" Nein. 

Ich entspanne mich, versuche all das Wegzudrücken, freundlich zu sein und fröhlich. Versuche mich auf freundliche Gedanken zu besinnen: Was für ein übergroßer Luxus es überhaupt ist, an so einem Konzert teilnehmen zu können! Ich besinne mich darauf, dass ich nicht viel zum Glücklichsein brauche...Versuche freundlichen und fröhlichen, positiven Gedanken nachzugehen. Erinnere mich an die Sonne, die von innen in mir strahlt. Dann gegen 20:30h gehen schlagartig die Lichter aus. 

Massive Attack - ein verstörendes, verzerrtes Intro - undefinierbar zwischen Synthie und Egitarre - Flickerlicht mit Weiß- und Blaustich, gefühlt 3, 4 Minuten lang auf der Großleinwand hinter der Band. Es geht los! Ich sehe schlecht. Große Leute stehen vor mir und viele bis zur Band: Wir stehen recht weit hinten, mittig, vor dem Mischer. "Die Bühne könnte einen halben Meter höher sein!", denke ich mir und bin noch mit solchen Gedanken beschäftigt.
Dann beginnen die ersten atemberaubenden Videoaufnahmen. Eine Eule fliegt in Zeitlupe durch die Luft, wir schauen ihr zu. "Es ist die Freiheit, die ihr wolltet" wird auf Deutsch (mit Wortendungsfehler ("Nicht im Ernst! Das sind Perfektionisten. Massive Attack hat keinen Korrekturleser?!") eingeblendet...ein Auge in Nahaufnahme, das vermutlich in einen Bildschirm schaut, jedenfalls irgendwo zuschaut. Eine Art Pop-Ballade spielt die Band als Opener. "Wirklich?" Ich bin gespannt. Der Song ist garniert mit weiteren Videoaufnahmen einer Royals-Hochzeit: Das Paar in der Pferdekutsche, dass durch eine Gasse aus Hochzeitsgästen aus einem alten Innenhof herausfährt. Dabei fängt die Kamera das Verhalten einer Brautjungfer ein, nicht das Hauptgeschehen. Ein Muster, das sich wiederholt. Voyeuristische Gelüste werden bedient. Kommt jetzt nur so ein "Best-of-Youtube-Special?"

Es dauert ein paar Lieder, bis ich ankomme: Im Konzert und auch an einem Platz an dem sich der weggedrückte Wunsch "Ich würde schon gern etwas mehr sehen!" auflöst. Zwei Schlagzeuger, einer dunkelhäutig im schwarzen Kapuzenhoodie, einer hellhäutig, beide auf Drumraisern, ein alter, dunkelhäutiger Jazzbassist, wie es aussieht, die Frontmänner Tricky und 3-D, der auch auf die Ferne immer noch etwas von Edward Norton hat, ein Rythmusgitarrist und ein Leadgitarrist. Das sehe ich nach und nach. Und ich komme im Konzert an.

Massive Attack ist nicht irgendeine Band, wie sie im Immerhin spielt. Nicht so rockig. Aber auch kein Postrock. Die Musik ist auch nicht soooo komplex und anspruchsvoll, dass das Vergnügen im Zuschauen und Dechiffrieren der Patterns oder im Staunen über die Instrumentalisten-Skills besteht. Zwei Dinge werden mir während des Konzerts klar: Wie schlagzeugfixiert vor allem die "Tophits" von Massive Attack sind, und da im Detail: wie sehr die Bassdrumm mir wie die Achse der musikalischen Bauten vorkommt und wie sie der Motor der Lieder zu sein scheint. 
Genial die Idee bei Teardrop den Herzschlag des Menschen einzubauen. So simpel, wie genial. Massive Attack sind als erstes darauf gekommen und haben das perfekt umgesetzt und damit einen  Platz im Raum der genialen Ideen eingenommen. Oder Inertia Creep: Ernsthaft geht jeder Bassdrumbeat vom ersten bis zum letzten Schlag. Der dunkelhäutige Drummer versteht das. Und zieht es durch. Jeder Schlag kräftig, wichtig, präzise, bewusst. Profi.
Der Zweite Punkt: Massive Attack-Shows bestehen zu mehr als der Hälfte aus den Visuals und der Message, die sie machen. Zusammengefasst: Massive Attack halten unserem Kollektivbewusstsein und uns den Spiegel vor, kritisieren es und formen es gleichzeitig mit. 

Die Show ist eine große Kritik an unserer medialen Reizüberflutung mit Videomaterialien. Das ist schon irgendwie typisch 90ger, die Kritik, die Zeit vor Youtube. Als man noch DVDs kaufen musste, um ein Musikvideo zu besitzen und öfters anschauen zu können, als per Zufall in der Daily Rotation - bei anspruchsvoller Musik dann vor allem nachts - ein gutes Video à la Windowlicker kam und man sich fragte: "Was war das?!". Oder als man per Glückstreffer und Videorecorder eine Aufnahme eines Hits ergattern konnte. 
Massive Attack belehren uns über die Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit medialer (Schein)Realitäten. Die 2-D Bilder sind echt und unecht gleichzeitig. Sie sind vergangen, die Geister, so behauptet die Schrift, die man zwischen oder auf den Videoclips aus den 80gern/90gern/70gern projiziert sieht, sind vergangen. Sie sind ein Blick in die Vergangenheit, und sie wispern uns alle zu: "Lebe jetzt, es ist egal, wie du lebst, alles ist vergänglich! Wir sind vergangen!"...tiefbarock, wenn ich das kommentieren darf: vanitas, memento mori. (am Ende der Show wird das carpe diem- Motiv, gekoppelt allerdings an die postmoderne Forderung, präsentiert. Mehr dazu später). 

Während wir das noch gar nicht so richtig verstanden haben, werden wir mit Gegensätzen bombardiert: Technologie, Urbanität, Vergnügen und Verdrängung auf der einen Seite und stumpfe Brutalität in Form von Mord, Schlägerei, Krieg auf der anderen Seite. Ebenso wenig ins Bild passen  die vielen Videosequenzen aus der Natur, oft von Vögeln. Die Eule im Flug, eine Drossel an einem Fenster und - besonders schön anzusehen: Eine Taube, die aus einem fahrenden Auto auf dem Arm des Beifahrers sitzt, der den Arm aus dem offenen Fenster hält...die Taube fliegt los, in der gleichen Geschwindigkeit wie das fahrende Auto und fliegt um es herum - vielleicht eine trainierte Brieftaube...Auch ein Gegensatz zur Urbanität: Immer wieder tanzende Leute, allein oder in Folklore.
Was soll das alles?

Uns werden die Kausalzusammenhänge leicht vereinfacht vorgeführt: Unsere Daten werden überall gespeichert, wir liken und loven trotzdem irgendwelchen Quatsch weiter. Wir haben ein unsterbliches, ominpräsentes, digitales Weltgedächtnis um uns, einen Klick entfernt und voll vernetzt. Diese omnipräsente Datenmasse - und Achtung, das muss man selbst erschließen - wird von Massive Attack als omnipotent dargestellt: "Die Vergangenheit löscht die Zukunft aus." Wir glotzen mit jedem Youtubevideo in ein Stück Vergangenheit. Das rüttelt auf, bedrängt.
Wahlslogans aller Länder werden uns gebündelt vorgeführt und wir merken, dass etwas nicht stimmt. Dass die Werte richtig sind - Gemeinschaft, Zusammenhalt, Zukunftsoptimismus, Aktivismus quasi: "Wir schaffen das, alle, jetzt!" - aber dass diejenigen, die sie uns versprechen, ihre Versprechen nicht einlösen und dass die Versprechen nicht umgesetzt werden. Das verunsichert uns und während ich das sehe und höre, verstehe ich, dass mir Massive Attack meine Unsicherheit und Unzufriedenheit im Digitalen Zeitalter der Postmoderne erklärt!

Außerhalb vom "Vergnügungstempel" ( ein Ausschnitt zu Alice im Wunderland)  tobt immer noch der Krieg. Menschen werden unschuldig getötet, arabische Familienangehörige trauern fassungslos um einen gestorbenen Verwandten, fernab davon flaniert Putin über den leergeräumten Kremlvorplatz, lässt sich Trump von Wählern feiern und sitzen Staatschefs wie Putin und Trump beinander, schütteln sich die Hände und dulden oder provozieren diesen Scheiß. 

Wir verdrängen das, betäuben uns (die Namen von Schlafmitteln werden eingeblendet, vielleicht auch Antidepressiva) und haben durch Youtube die Möglichkeit, alles und jeder zu sein (bei "Dissolved Girl" werden Fans, die den Song interpretieren, also ein Drummer, ein Bassist, eine Sängerin, die für die youtube-Gemeinde mitspielen, eingeblendet).
Wir haben mit den Medien auch neue Ablenkungsmöglichkeiten entwickelt.  Gleichzeitig kommen wir nicht zurecht mit der Omipräsenz dieser "Geister", die ja auch Vorbilder sind. Sie leben, tanzen und singen in 2D weiter, wir schauen sie an und halten sie damit am Leben. Curt Kobain wird gezeigt und ja, digital kann er immer noch Rosen an Damen aus dem Publikum bei Nirvanas letzten Unplugged Konzert verteilen und wir können die junge Britney Spears immer noch weiter leben lassen. Youtube als der kollektive Datenspeicher, wird uns per Schriftzug erklärt, dekonstruiert die Grenzen von Zeit und Raum. 
Und weil wir uns das alles reinziehen, diese logischen Unmöglichkeiten, sind wir orientierungslos und verwirrt, weil unser "Heute" von Geistern aus dem "Gestern" überlagert wird. Darüber versuchen wir uns wieder wegzuamüsieren, aber tief in uns bleibt dieses Gefühl der Unsicherheit, das Gefühl des Betrogenseins, dieses fehlende Vertrauen.

Die Lehrstunde endet mit dem Zusammenführen der einzelnen Stränge zu einer Synthese: Wir sind (solange wir Geister aus der Vergangenheit konsumieren und Leute wie Trump und Putin wählen) in einer Endlosschleife gefangen. Es ist Zeit, die alten Geister zurückzulassen und jetzt unsere Zukunft zu gestalten. Mit dieser Botschaft endet das Konzert. Ohne Zugabe. Carpe Diem heißt heute: Pack an, mach was draus, um aus der Endlosschleife rauszukommen. 
Bravo. 

Massive Attack zeigen sich ernsthaft und kompromisslos. Sie zeigen uns auch, wie ausgebrannt wir sind. Müde vereinzelte Pfiffe beim Anblick Donald Trumps. Gott sei Dank.
Jedenfalls geht es in Ethik demnächst um Trump und seine Worthülsen und weiter um epochaltypische Probleme und Lösungsansätze: Gegen Isolationismus und Abgrenzung. Gegen Überheblichkeit. Für Höflichkeit und Humanismus. 


Zuletzt: 

Der Hit "Angel" - das vielleicht noch interessant - wird nur mit einer Buchstabenreihe, die evtl GATTACA bedeutet, untermalt.  ( Der Titel „Gattaca“ ist aus den Abkürzungen der vier Nukleinbasen der DNA zusammengesetzt: A für Adenin, C für Cytosin, G für Guanin und T für Thymin. Die Abfolge dieser Basen als GATTACA kann erstaunlich oft in der menschlichen DNA gefunden werden.zitiert aus Wikipedia)
Die Einzelbuchstaben wechseln immer - aber das Grundpattern scheint gleich zu sein. Der Mensch ist sich selbst...ja was denn? Ah, der bedrohliche Engel, den der Song beschwört, der Wolf ist, aber Engel sein könnte.

Teardrop darf nicht fehlen, fällt aber aus dem Rahmen der Medienerziehung. Der Song wird von der Show so schön präsentiert, wie er ist: Die Beleuchtung untermalt nur das Gefühl von Schönheit, Schutz und Geborgenheit, Rettung. Keine Videos nur drei künstliche Sonnenaufgänge, wir dürfen uns im Licht baden und einer Mutter Maria beim Singen zuhören und zuschauen.






Dienstag, 15. Januar 2019

Messiah- All we like sheep have gone astray...

Der "Messiah" von Georg Friedrich Händel am 22.12. und 23.12.2018 ab 17:00h in der Deutschhauskirche Würzburg


Zunächst ein kleines Quizz:

1. In welcher Sprache ist der Messiah geschrieben?
a) Deutsch b) Latein c) Französisch d) Englisch? 

2. Wie lange dauert der Messiah ungefähr?
a) 1 Stunde b) 1,5 Stunden c) 2 Stunden d) 2,5 Stunden e) 3 Stunden? 

3. Welche Farbe trage ich gerade hauptsächlich am Körper?
a) rot b) blau c) grün d) schwarz


Die Antworten: Wenn Du weißt, was bei 3 richtig ist, beobachtet mich mein MacBook doch und du bist krank. Dass Händel in England lebte und der Messiah in Englisch verfasst ist, ich vermute, dass weiß der Standarddeutsche nicht. Ebensowenig, dass er zweieinhalb bis drei Stunden dauert und eine Mischung aus Orchester, Chor und Sologesang ist.
Die Kantorei der Deutschhauskirche hat sich diesem Werk angenommen. Und das auf meisterhafte Weise! Der Messiah, das ist ein Werk, dass man aufgrund seiner Länge auf jeden Fall erstmal durchstehen muss. Das gilt sowohl für das Orchester, wie auch für die Solisten, den Chor und den Dirigenten. Für letztere ist dieses "durch-stehen" wörtlich zu nehmen. Doch die Anstrengung wird belohnt! Es war ein wunderbarer Abend, tonal, rhythmisch, artikulatorisch und lautstärketechnisch. Alle Beteiligten dürfen mächtig stolz auf sich sein! Insbesondere der Chor mit seinem Altersdurchschnitt um die 50 Jahre! Insgesamt haben 54 Musiker mitgewirkt, 17 Orchestermitglieder, 33 Chormitglieder und 4 Solisten. Das Stück besteht aus 3 Teilen und 48 Einzelstücken.
Textlich geht es um den Zwist der Völker, Jesus Ankunft, Wirken und Sterben auf Erden und das Versprechen der Auferstehung und die Wegnahme der Erbsünde.

Besonders beeindruckend war für mich Sven Fürst. Nicht nur, dass er perfekt gesungen hat - auch die Art und Weise, wie er singt, hat etwas Dramatisches: Mit Blicken - je nachdem, wie text- und notensicher - bezog er auf fesselnde Weise den Chor und das Publikum ein. Dabei sollte man eher sagen, er schleuderte die Blicke in das Publikum, zum Orchester und zum Chor oder in die Leere. Mal verwegen, mal kühn, mal anklagend, immer irgendwie entschlossen.  Mit seinem roten Bart und den langen Haaren musste ich auch an Thorin Eichenschild oder einen anderen König denken, der eine Armee auf ein bevorstehendes Gefecht einschwört. Der Mann hat Stimme, Kraft und Ausdruck!

Aber warum der Abend unvergesslich wird, ist, weil alle gemeinsam als ein ganzes Ensemble  so schön zusammengewirkt haben. Und weil ich den Chor und Dirigenten kenne und jeder über sich selbst herausgewachsen ist! Danke für diesen wundervollen Abend!