Montag, 8. März 2021

Playtime - Jacques Tati: Der alte Klassiker - zu viel für uns Junge?

 


Sehgewohnheiten ändern sich, Hörgewohnheiten auch. Die Oper ist eine Kunstform, die das eindrücklich erleben lässt, Chaque Tatis "Playtime" war am Sonntag Abend ein anderer solcher Moment.

Die Story ist schnell erzählt: Mr. Hulot verliert sich in einem Glass-Hochhaus in einem Vorort von Paris. Was er dort will - man erfährt es gar nicht genau, denn er erreicht sein Ziel so wenig, wie Kafkas Landvermesser "K."  sein "Schloss". Er überreicht eine gestressten Angestellten sein Papier und stolpert dann von einem Szenario und einer Situation in die nächste. Dabei versucht der Regisseur dem Zuschauer die unfreiwillige Komik der modernen, amerikainspirierten Konsumwelt des - wie es hieß - "Spacetech-Zeitalters"  in lauter kleine Microszenen vor Augen zu führen. Sei es der Besen mit Lichtern, Schaumstoffkissen mit Gummiüberzug, Computersprechanlagen, Büro- und Verwaltungskomplexe...

Der Tag vergeht so, bis es Abend wird und die zweite Szenerie viel Raum für Tatis Moquerie zur Verfügung stellt und einnimmt: die berühmte "Restaurantszene". Die Farbe ist noch nicht getrocknet, die Elektronik funktioniert nicht, alles wird im Geiste der neuen Hektik schnell schnell noch fertig gemacht, so dass am Ende ein rechter Pfusch entsteht, aber: Das Restaurant MUSS offen sein. Denn es ist "Opening Night".

Und so ist es, die herausgeputzten Gäste kommen, während hier und da noch Handwerker rumwuseln, Werkzeuge rumliegen, der Architekt vermisst und alle merken, dass die moderne, perfekte Fassade noch Baumacken hat oder an sich unpraktisch und unmenschlich gedacht ist. All das passiert unter der Aufsicht der hilflosen, strengen und stressbereitenden Chefkellner. Die Szene eskaliert zunehmend . mehr Leute, mehr Gewusel, mehr Pfusch, mehr Aufsicht. Richtig wild wird es, als die Band beginnt amerikanisch verrückten Jazz zu spielen. In diese Szenerie gerät Hulot, weil der Portier sich mal ein kurzes Päuschen auf dem Trotoir gönnte und Hulot als alten Kriegskameraden wiedererkennt und lautstart einlädt. "On va rigoler!" Wirklich witzig wir das dann, als im Zuge dessen die Glastüre kaputt geht, und der nur durch den Türknauf weiter seine Türe simuliert! 

Als dritter Teil - Hulot und die andere Sympathieträgerin, eine (amerikanische?) Touristin nehmen Abschied von diesem Vorort und Tati stellt alles ein bisschen wie einen Jahrmarkt da. Im Zentrum steht dabei der Kreisverkehr und alles ist wie ein Karussell. 

Typisch für Tati ist all das: kleine Mikrokomik im großen Makrokosmos, Spott über Stress, Hektik, das "Moderne" und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Kameradschaft und Einfachheit. Auch Teil seiner Handschrift ist die Kritik an der Damenwelt und ihren Modevorlieben, ihrem Neid und ihrer Neugier. 

Dabei ist Tati, nun in der Nachschau - ich spitze wieder rein in den Film - genial, die Ideen sind voller Liebe oder bissigem Humor, voller  Rhytmus, an Dummheit und Hass grenzende Albernheit und Perfektion, vieles ist einzigartig. z.B. die Nonnen und ihre Kopfbedeckungen oder die Ansagerin am Anfang des Films, die ihre Ansagen ins Mikrofon haucht. 

Manchmal ist es aber auch nur "nett" und einen zweistündigen Film ohne Handlung und richtige Dialoge, quasi eine Art Stummfilm, anzuschauen, mit einer Handschrift, die sich wiederholt, das strengt an und überfordert uns TikToker und Instagramer. 

Was mir als sehr akustischem Menschen auch nicht so gefällt, weil es mich anstrengt: Das poliglotte Stimmgewirr (zumindest in der Deutschen Version, in der Deutsch, Französisch und Englisch vermischt werden..."What? Yes, a table, für 3, par trois, three" - kein Mensch spricht so.... und manchmal die bewusst inszenierten Geräuschkulissen mit Stimmgewirr, Verkehrslärm, Maschinerie - eben das Chaos der Großsstadt, dem man eh zu entfliehen versucht. Das braucht man einem Middreißiger 2021 nicht neu zu erzählen ;) 


Fazit: 

Dennoch bleibt Neugierde für andere Filme des Franzosen. Denn es ist genial und einzigartig. Die Dosis macht das Gift und so lohnt es sich hier vielleicht, gerade "Playtime" in 3 Portionen zu unterteilen und nicht am Stück anzuschauen. (Opening und Hochhaus 1, Restaurant, Karrussel).
Man kann und muss sie auch eher studieren und analysieren. Einfach nur anschauen - dafür ist Playtime zu opulent, man wird erschlagen. Der Genuss liegt dann vielleicht im Anspruch und es ist nunmal ein bisschen, wie ins Museum gehen: Langsamkeit, Studium, Offenheit für Altes gehören dazu, um ein Staunen zu erzeugen. 

How bizare, how bizare: The Square

The Square hält der Welt der modernen Kunst in einer Art Mischung aus Wes Anderson gepaart mit Chaques Tati  (Absurdität) und einer Brise Jim Jarmusch (elegante Handlungsarmut und Kunstsinn) den Spiegel vor und entwickelt im Abgang ein hervorragendes Schmunzelvergnügen mit unerwarteter Feinfühligkeit und Bildern, an die man sich erinnert. 



Story (angespoilert und interpretiert) 

Die Geschichte ist schnell erzählt (Spoiler): Der Museumskurator Christian stümpert vollkommen unfähig und narrenhaft durch sein nicht vorhandenes Privatleben, dass voll und ganz durch sein Kunstleben bestimmt ist. Im Rahmen einer Ausstellung zu einem Kunstwerk mit dem Namen "The Square" kommt eine lose Aneinanderreihung von Szenen, die alle direkt darum oder in deren Dunstkreis passieren. So ist ein Handlungsstrang die Vermarktung des Museums und der Ausstellung durch ein gerissenes, junges PR-Duo, das ein an Geschmacklosigkeit kaum zu überbietendes Skandal-Werbevideo produziert, das veröffentlicht wird, ohne das Christian es als leitender Kurator einmal gesehen hat.


Denn der stümpert rum mit einer britischen Journalistin, die einen Affen im Apartment wohnen hat (warum?!), mit seinen beiden Töchtern (über die Mutter erfährt man nichts) und mit einem bizarren Diebstahl, bei dem ihm Handy und Geldbeutel abgenommen werden und denen er mithilfe seiner anderen Stümperfreunde hinterherstümpert. Am Ende geht natürlich alles in die Hose, aber im Wort Krise steckt bekannterweise - zumindest im Chinesischen - auch die Chance und so stoßen die Ereignisse und Verstrickungen in Christian eine Entwicklung an. Vom Saulus zum Paulus, einer, der auszog, das Lieben zu lernen...

 

Besonderheiten 

Der Film lässt viele Dinge im Vagen und Offenen (Wo ist die Mutter? Warum der Schimpanse? Was ist mit dem kleinen Junge am Ende passiert?) und bei aller Plumpheit, die ein erstes Seherlebnis mit sich bringt - gerade die "berühmte" Szene mit dem Performance Act des Gorilla-Künstlers, der out of control gerät, - so hat der Film doch auch einen fein gestrickten, doppelten Boden, eine zarte Symmetrie, die einem nicht entgehen sollte:
Christian sucht am Ende das, was "The Square" auch geben möchte: Das Himmelreich auf Erden - wo nach Sartre "die Hölle" auf Erden ja "die anderen sind". Der Inhalt und die Anklage des PR-Videos, dass erst ein armes Kind zu Schaden kommen muss, um die Menschlichkeit der versnobten Kunstwelt zu wecken, entspricht Christians Erlebnis mit dem "Ich mache Chaos mit Dir"- Jungen aus den Hochhausghetto. Erst der Unfall im Treppenhaus weckt Christians eigene Menschlichkeit auf, was eindrücklich in dem mehr einem wütenden Gorilla ähnelnden im Müll nach der Telefonnummer im Regen wühlenden Christian auf die Leinwand gebracht wird. 

Faszinierend und bleibend auch die Figur Christians.

Allein seine verschrobene Diktion. Christian steht als Sinnbild für die Kunst in der Realität: Ein Fremdkörper, der sich über die Dinge wundert, aber auch außerhalb von diesen steht und sich auf arrogante Art und Weise von der profanen Wirklichkeit abgrenzt. 


 



Samstag, 9. Januar 2021

Frech, Frisch, Einzigartig: Das Spiderman Universum!

Manchmal traut man sich aus seiner Komfortzone und das wird belohnt! 

Auch wenn "Spider-Man: A New Universe" nur Unterhaltungskino ist, so hebt der Film mit seiner Machart doch mahnend den Zeigefinger Richtung "Oldschool-Kino", dreht diesem auch eine spitzbübische Nase und spielt ihn an die Wand. Was ein visueller Knüller!

Ganz ehrlich - ich habe nicht damit gerechnet, eine dermaßen gute Comicverfilmung im jungen Gewand zu sehen! So viel Charme, Gag, Spritzigkeit, Drive...Und das alles aus der Perspektive eines 15 Jährigen. Stark! Anschauen! Verblüfft sein! Keinen Trailer, gar nichts, einfach reinstürzen!


Spoiler ALARM!

Allstar-Genresynkretismus /Eklektizismus: 

Die Geschichte ist eingentlich einfach: Sympathischer, mittlerer Antiheld mit Coming out of Age - und Akzeptanzproblemen väterlicherseits (wie sie Arielle die Meerjungfrau auch hat) wird zufällig mit Superkräften ausgestattet und bekommt eine Aufgabe, der er noch nicht gewachsen ist, in den Schoss gelegt. Er braucht einen Mentor und Verbündete, um die Aufgabe zu erledigen. Er muss scheitern, wachsen, über sich hinauswachsen, er selbst werden und es allen zeigen - auch seinem Vater. 

Diese klassische Handlung ist in ein dermaßen kunterbuntes Bonbonpapier verpackt, dass visuell einfach nur beeindruckt und fasziniert. In den hauptsächlich vorherrscheden fresh-sympathischen Kaffeebecher-New York Animations-Stil, der immer wieder durch trippy Elemente durchbrochen wird,  gesellen sich später andere Genres: Film noir à la Sincity, klassischer Cartoon à la Bugs Bunny, verlotterter Antiheld à la Hancock und ein Mädchen mit Roboter à la Bioshock, aber im japanischen Mangastil. Außerdem sind natürlich Comic-Elemente vertreten. Ohne Probleme könnte man bei jedem Frame (!) "STOP" drücken und hätte ein perfektes Panel aus einem Comic. 

Zusammengefasst: Wahnsinn! 

Ein Blick hinter die Kulissen: How Animators Created the Spider-Verse | WIRED

Meisterwerk der Miniaturen: Independence Day

Roland Emmerichs Blockbuster war einer der Filme meiner Jugend: Der coole Will Smith, der auch mal ausrasten darf, wenn er einem Alien durch den Canyon entkommt und austrickst, mit dem coolen Spruch "Willkommen auf der Erde" ausknockt und sich dann die wohlverdiente Siegerzigarre anzündet (ultracool)! Was für ein Held!


Knapp 20 Jahre später habe ich mir den Film wieder angeschaut und muss sagen: Die Special Effekts und die Dramaturgie sind vom Feinsten! 1996, als CGI noch in den Kinderschuhen steckte (Jurassic Park und Terminator II waren einige der ersten Filme, die hier Pionierarbeit leisteten). Das heißt: In Independence Day steckt Handarbeit, Liebe zum Detail und viel Aufwand! 






Mehr dazu findet ihr hier: Interview mit einem Beteiligten der Miniatur-Visual-Effects-Crew und hier ein Video zum Making of

Dazu kommt Schauspiel, Musik und eine in sich auch geschlossene, gut rhythmisierte, idealistische Handlung mit einer Message, die in den 90gern noch präsenter war und nicht vergessen werden dürfte (unite!). Kurzum: Ein richtig guter Film!


  

Sonntag, 15. November 2020

Heiß wie Neostahl: Blizzard spendiert seinem Meisterwerk grandiose Kurzgeschichten!

 


Starcraft II feiert 2020 sein 10-jähriges Jubliäum. Sein Vorgänger, Starcraft, ist ein Meilenstein in der Geschichte der Echtzeitstrategiespiele, aber auch des Storytellings innerhalb eines Computerspiels und vor allem der spannenden, nie langweilig werdenden Multiplayerschlachten. Zum 10. Geburtstag spendiert Blizzard  ein paar Shortstories. Und die haben es in sich! 


Wer billige Ramschliteratur erwartet, wird enttäuscht. Die Stories von unterschiedlichen Autoren - 18 -50 PDF- Seiten lang - , werfen ganz unterschiedliche Lichter auf die menschliche Seele und das Starcraft-Universum. Und obwohl sie alle so unterschiedlich sind, haben sie doch alle eines gemeinsam und  zwar das, was große Literatur ausmacht: Liebe und Tod. Sie handeln von Menschen, die sich irren, von ihren Träumen, Wünschen, Ängsten, ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Neugierde. Ich möchte mich nicht in Superlativen verlieren, aber Blizzard ist es gelungen, einen Rundumschlag abzuliefern und in bisher jeder der Stories, die ich gelesen habe, greifbare Figuren zu gestalten, die eine Identifikationsfläche groß wie ein Fussballfeld bieten und jeden Leser, selbst wenn er sich wehrt, in ein Universum - ja, es klingt so blöd, aber es ist so - in das Universum der Starcraftwelt zu ziehen. Und natürlich haben die Autoren ihre Hausaufgaben gemacht! Keine Geschichte gleicht der anderen, jede fesselt, jede wirkt, wie wenn ein Autor tief mit der Schöpfkelle in den Kessel der "Wie-schreibe-ich-eine-gute-Geschichte"- Suppe getaucht hat und zeigt, wie lecker man mit bekannten Mitteln, Tricks, Topoi, Archetypen und Motiven eine neue Geschichte kredenzen kann. (Achtung, jetzt kommt Germanisten-Tech-Talk)

Gemeint sind Techniken wie eine  Rahmen- und Binnenhandlung zu erschaffen (z.B. "Das Antlitz des Krieges"), verschiedene Zeitebenen miteinander zu durchmischen (z.B. "Tödliche Säure"), innere und äußere Handlung gleichermaßen zu berücksichtigen, Dialoge, Innere Monologe, unerwartete Gedankeneinbrüche, Bordcomputergebrabel und alles andere, was Kommunizieren kann, einzuarbeiten, die große Geschichte einer skrupellosen Diktatur mit kleinen Einzelschicksalen zu verweben (z.B. "Die Dompteurin" oder "In der Dunkelheit" oder "Der Auftrag"), Elemente der klassischen Tragödie mit der Form der Kurzgeschichte zu kreuzen (Offener Anfang, in medias res, Enthüllungsdramaturgie, hamartia und vermeintliche peripetie, Höhepunkte, Wendungen, Katastrophen und offene Happy Ends), personale und auktoriale Erzählebenen zu verknüpfen und und und.... (Ende des Germanisten Tech-Talks)

Dabei wirkt das eben nicht "billig" wie in einem Groschenroman - zumindest habe ich lange Zeit keinen mehr gelesen. Ich vermute, jeder Leser wird die Geschichten - egal wie er tickt mindestens mit der Phrase "Die haben ihre Hausaufgaben eben gut gemacht" bewerten. Das Spektrum kann aber auch gut und gerne bishin zu verzückten Ausschweifungen und Anbetungen dieser kleinen, kunst-mühe- und liebevoll gewobenen Kleinode führen. 

Wie auch immer - ich lese diese Geschichten sehr gebannt! Sie sind fesselnd erzählt und Dranbleiben lohnt sich. Selbst wenn die ersten 10 Seiten manchmal seltsam anmuten - mir ging es so bei "Der Auftrag" - am Ende hat mich keine der Kurzgeschichten unbefriedigt zurückgelassen! 

Neugierig? Hier gehts zum Download der kostenlosen Shortstories

Außerdem kann ich "Neulingen" die opulente, fantastische, epische Story der Einzelkampagnen auch nur wärmstens empfehlen. "Herr der Ringe" - "Game of Thrones"- die Story der Blizzard Schmiede braucht hier keinen Vergleich zu scheuen. Die erste der insgesamt drei Kampagnen gibts auch kostenlos zu spielen (hier durchklicken).

Wer sich tiefer hineingraben möchte findet hier englischsprachiges Fan-Wiki-Wissen.

Dienstag, 15. September 2020

Comedy made in France: "Der Grosse Böse Fuchs"

 

Oh ja, wer Lust auf französisch dumm-bizarr-trockenen Humor hat ist hier genau richtig!

Benjamin Renner hat "eine Graphic Novel für Eltern und ihre Kinder" verfasst, die "über die Tücken der Kindererziehung erzählt". Das stimmt, und man mag es kaum glauben, wie das stimmt! 

Die Geschichte ist so einfach und dumm wie komplex und überraschend gleichzeitig: 

Ein versagender Fuchs bricht immer wieder im naheliegenden Bauernhof ein, um seinen Hunger zu stillen: Erfolglos! Die Henne brät ihm eins über und er zieht geschlagen und hungrig von dannen, um sich mit Steckrüben zu sättigen. Mit dem Wolf schmiedet er den Plan, statt der Hühner einfach Eier zu stehlen, die Küken großzuziehen und sich an ihnen satt zu fressen. Doch als die Küken schlüpfen, fallen sie ihrer Prägung zum Opfer und denken, der Fuchs sei ihre Mutter. Umgekehrt wachen im Fuchs elterliche Gefühle - eine Mischung aus Verantwortung und Liebe - für die kleinen Quälgeister auf... 

Was total dumm und banal klingt, fesselt, unterhält, rührt und ist am Ende eine überraschend in sich geschlossene Geschichte voller erwartbar-unerwartbarer Wendungen, die in mir das Gefühl geweckt hat, gerade den perfekten Kinofilm gesehen zu haben...





Donnerstag, 3. September 2020

Tolles Artwork, atemberaubende Welt und unterirdische Handlung: Das ist „Aquaman"















Alle drölfzig Jahre kommt er dann doch, dieser Moment, in dem man vor dem Netflix-Filmangebot steht und den größten Popcorntrash herauspickt. So war es bei uns, einer Couchsurferin, meiner Mitbewohnerin und mir gestern. „Oder wollen wir Aquaman kucken? Nur die ersten 15 Minuten, und dann wissen wir ja, ob er lohnenswert ist." Soweit die Theorie, geschafft haben wir 45 Minuten, dann hat es uns gereicht. Zuviel Geballer, zuviel blubbblubb, zu viele Testosteron-Hirnausfälle, zu viele sich gegenseitig jagende Schnitte, Superlative, Farben und grobklotzige Handlungsbrocken.Trotzdem haben wir den Film, dann nur noch zu zweit, im zweiten Anlauf angeschaut. Und dann auch noch ein Making-Off. Also irgendeine Faszination hat der Film ja, aber welche? 

Ohne Umschweife: Die Welt, die das Team hier aufgebaut hat - und damit meine ich die Setdesigner, die Kostümdesigner, die Visual-Artists - was diese Crew aus dem Meer gestampft hat, das ist atemberaubend! Eine vollkommen eigene, neue Welt unter Wasser - mit verschiedensten Stämmen und Rassen - die einen rein, stolz und erhaben wie Seepferdchen, auf denen sie auch reiten, die anderen fischig, schuppenbedeckt, glitschig und ängstlich, wie Fische eben so "sind", wieder andere grob, ruppig und gepanzert, wie man sich weiterentwickelte Krabben eben vorstellt, Hai- und Basilosaurus-Reiter und zuletzt augenlose, schuppig-glitschige Jagdtierfisch-Kreaturen. Soviel nur zu den Charakteren

Dem stehen die Schauplätze an nichts hinterher: Wracke, alte Hallen mit  vorsichhinmarrodierenden Riesenstatuen von gedreizackten Königen, wie man sich Atlantis eben vorstellt, weite Hallen voll Prunk und Publikum für königliche Aufmärsche und Verkündungen, Atom-U-Boote, Tiefseelandschaften und eine kaum in Worte zu fassende idyllische Oase mit einem fein zerstäubenden Wasserfall, das das Tor in zum Unterwasserprüfungsbereich für den Dreizack-der Dreizäcke darstellt. Wow, Wow, Wow! 

Und zuletzt die Kostüme und das restliche Artwork: Broschen, Umhänge, Kronen, Masken, Hybridanzüge, die es den Meeresbewohnern, die keine Landluft verarbeiten können, über ein Wasserkreislaufsystem mit lufthaltigem Wasser versorgen, Rüstungen! Selbst die dummklobige Kriegerantiheldenfigur "Manta" wird mit einem Anzug ausgestattet, der im Gedächtnis bleibt! 

All das ist phantastisch und wunderbar und würde man aus all diesen Gegenständen ein Museum oder einen Erlebnispark machen - das Auge käme aus dem Staunen nicht heraus! Und so wirkt es auch, dass die gesamt Filmcrew dermaßen in die Phantastik dieser Welt eingetaucht ist, dass sie gar nicht wahrnimmt, wie dünn die Handlung dieses Films ist, wie klischeehaft und holzschnittartig die Figuren sind, wie berechenbar und geradlinig der Handlungsverlauf ist. Gut, das ist eben Popcornkino: Hirn aus, Film an! Warum sollte man sich nicht ab und an verwöhnen lassen von einem Heldenepos, der klassisch zwei Links-zwei Rechts gestrickt ist? Wir Menschen als simple homini narrativi sind nunmal auch so gestrickt, dass diese Art von Geschichten und Identifikationsfiguren unser Herz leicht erweicht und erwärmt! 

Warum haben wir also trotzdem nach 45 Minuten ohne schlechtes Gewissen den Beamer ausgeschaltet? Die Antwort lautet Rhythmus. Rhytmus, Rhythmus. Alles ist eine Frage des Rhythmus und ohne den richtigen Rhythmus funktioniert ein Film nicht wirklich. Ums auf den Punkt zu bringen: Der Film trampelt auf dem Besucher herum wie ein Manta im Porzellanmuseum, weil er meint, es müssen schnelle, rasante, ballernde, explodierende, schreiende, furchtbar vorhersehbar vertonte Standardbestandteile des Hollywoodfilms dermaßen schnell an den Mann gebracht werden, dass er Mann und Frau dabei abhängt und die Genialität des eigenen Artworks verrät! Es ist eine Krankheit des neuen Kinos, vielleicht auch einfach des Genres Abenteuer-Action-Film, dass man meint, es müsse schnell und viel aus verschiedenen Richtungen und Blickwinkeln -mit ganz viel CDI-Grafik unterstütze - Superlativ-Kacke wie auf einem außer Rand und Band geratenen Sushiband am Zuschauer vorbeirasen! Aber selbst wenn er dabei einen delikaten Happen entdeckt, den er gerne genießen würde, dann ist dieser bereits zwei oder drei Stationen weitergerast und in unerreichbarer Nähe, während pausenlos neue Eindrücke auf den hungrigen Zuschauer einprasseln! 

Was bleibt? Mehr Masse als Klasse. 

Inhalt

Die Story ist natürlich trotzdem dünn, aber im kurzen soll sie hier vorgestellt werden. (Spoiler ab 5.)

1. Vorstellung des Helden: Ultrabösewichte versuchen ein russisches Atom-U-Boot zu kapern. Aquaman rettet und befreit sie, bringt dabei allerdings den Vater von einem der Terroristen um, der sich in dem Moment ewige Rache schwört

2. Erzählt wird die Vorgeschichte und die Herkunft des Aquamans: Seine Mutter wurde verletzt angespült und vom LEuchtturmwärther gefunden. Die beiden verlieben sich und zeugen ein Kind, bis die Vergangenheit die Mutter einholt: Wassermenschen kommen um sie zu holen, denn sie ist als Königin hochzeitsstrategisch eine wichtige Systemgeisel unter Wasser. Sie kehrt zurück. 

3. Aquaman lebt vor sich her, säuft mit Daddy und lässt sich mit harten Kerlen fotografieren

4. Die Unterwasserbewohner planen einen Angriffskrieg auf die Landbewohner, denn diese verschmutzen ja die Meere, sind aber nicht nur rücksichtslos sondern würden auch die Unterwassermenschen ausrotten wollen. Keiner will es glauben - in dem Moment wird die stattfindende Versammlung plötzlich von einem Menschen-U-Boot unter Torpedobeschuss genommen. Das überzeugt die Meeresbewohner, dass ihr neuer Führer recht hat. 

5. Schnell erfährt man, dass dieses Manöver aber eingefädelt und teil einer Intrige ist - ein eingefädeltes Täuschungsmanöver, um den bösen Unterwasserkönig seinen Plan Alleinherrscher über alle Meeresbewohner zu werden und Krieg zu führen zu ermöglichen. Buh! 

6. Los geht der Krieg mit einer Tsumami und einer Leerung der Meere von Müll und Menschenbooten. Der fällt Daddy von Aquaman beinahe zum Opfer. Gleichzeitig taucht eine andere Meeresprinzessin auf und bringt "Aquaman" auf die Spur, den er ist blutrechtlich der eigentliche Herrscher über die Meeresbewohner. Aquaman will das aber nicht. Er lässt sich überreden, lässt sich dem bösen König vorführen und unterliegt beim ritualisierten Schaukampf, der zeigen soll, wer der wahre - also stärkere - König ist. Statt zu sterben wird er aber von Prinzessin X..äh Mera gerettet und sie fliehen per Pinocciotrick vor dem blutrauschigen Halbbruder und Herrschaftsanwärter König Y ...äh Orm. 

7. Typische Doppelwegstruktur: Aquaman muss Aquaman werden und sich beweisen. Manta jagt ihn, Orm will ihn totsehen. Aquaman siehts ein und macht sich mit Prinzessin Mera Indiana-Jones-like auf die Suche nach dem goldenen Megadreizack, der ihm Macht, Ansehen bereiten und ihn damit zum König machen wird. 

8. Über mehrere Etappen, z.B. die Wüste Gobi und Sizilien, und gejagt von Assassinen und feindlichen Meereswesen finden sie den richtigen Weg zum Dreizack wo Mama-Aquaman auch wartet und die Frauen ihn darauf einschwören endlich zum König zu reifen. 

9. Der Dreizack wird von einem Mega-Urzeit-Bewohner bewacht. Aquaman gewinnt nicht durch Stärke sondern durch Empathie. Er kann sich nämlich mit Meeresbewohnern verbinden. Das macht er auch, nimmt den Dreizack und ist nun der richtige König Aquaman. 

10. Als König Aquaman auf König Y Orm trifft, der mit seiner Armee loszieht und erstmal der alleinige Meeresherrscher werden will,  kommt es zum Showdown. Aquaman ist jetzt stark genug und gewinnt im Zweikampf gegen König Y. Natürlich hat er sich während der gemeinsamen Reise auch mit Prinzessin Mera zum Paar entwickelt. Mama besucht Daddy. Manta lebt noch und will Rache für Teil 2. Fertig.