Montag, 20. Januar 2020

Don't cry for me...Evita im Mainfrankentheater

Evita - ein Klassiker und im Kollektivgedächtnis verankert durch das catchy Motiv zum einen und dessen Gestaltung durch Madonna zum andern - inszeniert am Mainfrankentheater Würzburg.

Inhalt
Das Stück handelt von der Kellnerin Evita und ihre Stationen hin in die höheren Gefilde der Macht Argentiniens. Zunächst als Kellnerin mit einem Sänger liiert schließt sie sich diesem nach Buenas Aires an. Dort macht sie sich sehr schnell durch ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung und ihr Sexappeal einen Namen in der Männerwelt. Gleichzeitig ändert sie ihr Metier und arbeitet nun als Rundfunkmoderatorin und Schauspielerin. Sie schläft sich nach oben bis zum General Peron. An seiner Seite regiert sie Argentinien als Aushängeschild, gleichermaßen mit Star- und Heiligenattributen. Die Zeit fordert ihren Tribut - ihre Gesundheit und Energie verschwinden mit dem Alter und sie stirbt. Dabei legt das Stück Wert darauf, verschiedene Bereiche zu beleuchten. Erzählt wird das Leben Evitas von einem kommentierenden, kritisch-aufklärerischen Moderator - eine Weiterentwicklung des antiken Chors -, der kein gutes Haar an Evita lässt und immerzu versucht, ihrem Starglämmer, ihren Verführungskräften und ihrer Verklärung durch das Volk kritisch entgegenzutreten und auch die menschlich-allzumenschlichen Seiten ihres Lebens hervorzuheben. So ist der Höhepunkt seines Auftretens beispielsweise die Enthüllung, dass eine von ihr ins Leben gerufene Stiftung nichts anderes sei als eine Lüge und alle Einnahmen der Stiftung Evita selbst zu gute kämen, sicher gebunkert auf einer Schweizer Bank. Auch der Autor selbst zeigt Schattenseiten Evitas, deren Starallüren ihr zu Kopf steigen und die gekonnt weiß sich zu inszenieren. Immer wieder spielt sie das naive, unschuldige Mädchen, dass versucht der argentinischen Bevölkerung, insbesondere der ärmeren, zu helfen. Und ebenso arbeitet das Stück daran, diese Selbstinszenierung zu dekonstruieren. Übrig bleibt eine zweifelbehaftete Existenz, ein Hoffnungsträger der ärmeren Bevölkerung und die offene Frage, inwieweit Evitas Handeln so selbstlos ist, wie sie es selbst glaubt oder glauben machen will. 



Inszenierung



Das Mainfrankentheater ging in die Vollen und brachte mittels seiner Drehbühne und abseilbaren Showrahmen und anderen Objekten ein turbulentes, fulminantes Stück auf die Bühne. Highlights waren ein alter Cadillac oder Chervolet, der aus der Zeit zu stammen schien, ein immens hohes Hochzeitskleid als Symbol zur Verdeutlichung der Art und Weise, wie Evita sich als Braut Argentinies inszeniert und den Anschein erwecken will, mit ihrer Ausstrahlung und Liebe alle Probleme als Übermutter und Überbraut lösen zu können und eine Fotobox, die eingesetzt wurde, um die Flüchtigkeit und Einmaligkeit der Bekanntschaften und Liebschaften Evitas in ihren "jungen Jahren" zu zeigen. Das Stück war musikalisch perfekt umgesetzt, meine Highlights waren der Gitarrist, der wirklich in der Musik drinnen war, der Bassist, der eine tragende Rolle in der Musik Webbers spielt und eine Keyboardspielerin. Im Gesamten ist aber natürlich das ganze Ensemble zu loben, das dieses etwa zwei Stunden dauernde Stück professionell und fehlerfrei durchgehalten hat. Tänzer, Schauspiel und Gesang sind ebenso zu loben genauso wie die Kostüme, die zwar etwas altbacken nach 40gern bis  60gern wirkten - aber in dieser Zeit und aus dieser Zeit stammt das Stück (Evita Péron starb 1952)- also was soll man daran kritisieren außer, dass es den eigenen Geschmack nicht treffen könnte? 
Insofern Hut ab - wieder eine kaum kritisierbare Meisterleistung! Wehrmutstropfen: Der Einsatz einer Kamera in einer Szene und die Simultanprojektion auf eine große Projektionsfläche hinter der Bühne - die Zeitverzögerung bekommt man nicht weg und Asynchronitäten nerven mich. Ebenso die Entscheidung, eine durchaus energetisch anstrengende Rede Evitas als Playback laufen zu lassen. Auch das führte zu komisch wirkenden Asynchronitäten...verständlich ist die letzte Entscheidung alle Mal - so anstrengend, wie das Stück für die Hauptdarstellerin sein muss! 

Besonderes:
Im Gesamten hat mich das Stück ein wenig an eine Passion erinnert. Insbesondere das Volk mit seinen ambivalenten und schnell wechselnden Gefühlen erinnerte mich an die Rolle des Volks in der Matthäus Passion, die ich im Deutschaus-Chor mitsingen durfte...So wird Evita auch vom Volk instrumentalisiert, so wie das Volk sie gerade braucht: Als Heilige, als Abnehmerin ihrer Bitten oder als Aushängeschild und zauberhafte Feeengestalt.

Für mich ist eine Stück außerdem besonders hängen geblieben ist das Stück "Goodbye and thank you"

Ché: Goodnight and thank you, MagaldiYou've completed your taskWhat more could we ask of you now?Please sign the book on your way out the doorThat will be allIf we need you, we'll callBut I don't think its likely somehow

Eva: Oh, but it's sad when a love affair diesThe parting, the closing of doorsBut we must be honest, stop fooling ourselves

Ché: Which means "Up yours!

Abserviert werden...Tröstlich, dass man nicht der Einzige ist.
Dass auch die abservierte Exfrau des Präsidenten gezeigt wird, ebenso tröstlich.

https://www.youtube.com/watch?v=4sa9oMej5B8

Dienstag, 15. Oktober 2019

Kabale und Liebe - Gefühlsmassaker und Freiheitskampf. Ein Evergreen!

Der Präsident und Wurm
Im Mainfrankentheater wurde der Klassiker von 1784 Schiller auf die Bühne gebracht. Der Funke kann sich entzünden, wenn man sich darauf einlässt. Die zeitgenössischen Reaktionen, so hört man oft, seien ähnlich der Reaktionen zu den "Räubern" gewesen: Ohnmacht, Geschrei, Aufruhr. Und ja, mag es "weibisch" sein oder klingen - das Stück kann affizieren, wenn man sich darauf einlässt (und nicht sagt: "Das ist doch nur Theater"). Und wenn es affiziert, dann schlägt es ein, wie es nur die Werke des Sturm und Drang können: mit voller Wucht, im Namen der Liebe, im Kampf gegen Unterdrückung und für Autonomie, im Namen der Rechtschaffenheit und des Edelmuts gegen die Niedertracht, den Egoismus und das Macht- und Karrierestreben.

Was kann man dazu sagen?

Das Unheil nimmt seinen Lauf: Louise im Moment, als Wurm
ihr das Verfassen des Briefs an Kalb abverlangt
Schiller konstruiert in eine ungerechte Welt, die aus willkürlichem Adel und rechtschaffendem Bürgertum besteht eine unmögliche, weil ständeübergreifende Liebe, die nicht den Vorstellungen des Präsidenten für seinen Sohn, Ferdinand, entspricht. "Lohnst du mir so meine schlaflosen Nächte? (...) Lass mich an deinem Glück arbeiten! (...) Dass du [der Malfoy ihr] Bräutigam wirst" - Denn der Vater wünscht dem Sohn eine gute Partie, die - so wird es dem Zuschauer offen präsentiert - nicht nur dem Wohle des Sohnes dienlich ist, sondern auch der gesellschaftlichen Stellung des Vaters selbst. Der Sohn also als Schachfigur im machtpolitischen Dünkel und der Vater ein Scheußsal, was es erst zuletzt realisiert ("Ich will diese ganze Brut...") - Kabale.
Dem gegenübergestellt ist der Traum einer ständelosen Gesellschaft - "wenn Menschen nur noch Menschen sind, dann werde ich reich sein", in der Miller "vor Gott kniet und nicht vor Schelmen". Und in dieses Bürgertum - zu dem rein faktisch Ferdinand auch gehört - wird eine Liebe versenkt, eine romantische, allumfassende und wuchtige Sturm-und-Drang- Liebe: "Wilde Wünsche werden in meinem Herz rasen".
Miller und seine Tochter: er bringt sie vom Selbstmord ab;
Die Verklärung ihrer Figur hat bereits begonnen (weißes Kleid und Kreuz)
Die Welten kollidieren. Eine Briefintrige initiiert die Mechanik des Untergangs, initiiert allein aus Kaltherzigkeit, um die Stellung am Hof zu halten. Louise wird gezwungen, die Liebe Ferdinands in rasende Eifersucht umschlagen zu lassen. Sie schreibt einen Liebesbrief an Marshall von Kalb, weil ihr damit gedroht wird, dass ihre Familie eingekerkert wird. Ein Eid soll ihren Mund verschließen. "Ein Eid? Was soll ein Eid fruchten? (...) - Bei uns nichts, bei diesen Menschen: ALLES." So ist es für Louise und ihre "Pflicht heißt bleiben und dulden".  Ihr Mund bleibt verschlossen, so dass Ferdinand den Köder schluckt und beinahe daran erstickt. Er vergiftet sich und Louise in seinem Wahn. Das Ende kommt erwartet und heftig. Der Zuschauer denkt sich: War es das wert? - so wie der Präsident es empfinden muss, als er seinen toten Sohn sieht.
Ferdinand verzweifelt. Louise spricht nicht aufgrund des
Eids, an den sie sich hält

Schiller kleidet all das in gehobene Sprache, wuchtige Sprache, die trotzdem verständlich bleibt, und verletzende Ehrlichkeit der vertrauten Figuren untereinander. Mich hat es aufgewühlt, ich hatte Mitgefühl und bange Hoffnung, dass alles sich doch irgendwie zum Guten wendet. Allein Ferdinand wird irgendwann wirklich Opfer seiner Gefühle - aber nachvollziehen kann ich ihn.

Die Inszenierung am MFT  war wirklich gut. Die Schauspieler überzeugten und - bei aller Kritik, die Brecht ja schon äußerte, dass die revolutionäre Sprengkraft des Stücks zur bourgeoisen Abendunterhaltung umgemodelt wurde - es war wahnsinnig imposant und beeindruckend so einen Klassiker beinahe ungekürzt auf die Bühne gebracht zu sehen. (Was für ein Mut, solch ein Stück 1784 herauszubringen!)
Musikalisch unterlegt mit einem Cello, eine sehr eigene aber gelungene Interpretation des Marshall Kalb mit pinken Schnallenschuhen aus Gummistiefel-Material, Barockkostüme, eine gute Ausleuchtung und ein langer Holzsteg bis über den Orchestergraben - gefühlt fast weit in das Publikum hinein, all das hat Stimmung erzeugt!


In eigener Sache: Ferdinand - als er sich verraten vorkommt. Mit ehrlichen, großen Gefühlen...er hat mir aus der Seele gesprochen):
Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle versteckt kein so teuflisches Herz – – Und doch! doch! (...) Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte! (...)
Mich so ganz zu ergründen! – Jedes kühne Gefühl, jede leise schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung – An der feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen – Mich zu berechnen in einer Thräne – Auf jeden gähen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz – Gott! Gott! und alles Das nichts als Grimasse? – Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog?
Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug sie den frechen Hohn (...) zu Boden (...). 
Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in meine Augen – und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunst? – Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen – vor meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das Mädchen – Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? (...)Nichts! als daß ich betrogen sei?
(Akt 4, Szene 2)



Freitag, 11. Oktober 2019

Kein Schiff wird kommen - Mainfrankentheater

Schmunzette entwickelt sich zum Psychothriller
Applaus, Applaus, ein geniales Ensemble, ein gewagtes Stück mit einer Prise Psychothriller!

Inhalt (ohne Spoiler)

Der junge Wahlberliner Dramatiker Thomas ist im Begriff ein Stück zum Mauerfall in Deutschland zu verfassen und besucht im Rahmen dessen seinen Vater auf der Insel Föhr, um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen und an Material für seine Arbeit zu kommen.
Vater und Sohn in der Inszenierung des Mainfrankentheaters 2019
Schnell und unverhohlen wird klar, dass die Beziehung der beiden auf Eis liegt. Unerträglich ist die schweigsam-freundlich, eigenbrötlerische Art des Vaters dem Berliner Nachtschwärmer und der Protagonist lässt kaum eine Gelegenheit aus, dem Vater mit aller Wucht seine Unzufriedenheit mit dessen Verhalten und Person entgegenzuschleudern.
Umgekehrt wehrt sich der Vater auf seine Art und Weise gegenüber den Vorwürfen des Sohnes. Im Fazit ergibt das eine spannungsgeladene tragikomische Konfliktatmosphäre und man fragt sich, wie man die Beziehung der beiden entspannen könnte und ob etwas Milde auf Seiten des Sohnes nicht angebracht wäre.

Doch das Stück entwickelt sich von der Vater-Sohn-Studie weiter. Im zweiten Teil des Stücks geht es um die Ereignisse, die für den Vater mit dem Mauerfall verbunden sind. Und hinter ein paar belanglosen Geschichten, so merkt man bald, lauert irgendein Tabu. Irgendetwas schlummert da -irgendein Schatten der Vergangenheit. Der Weg zur Enthüllung dieser Episode aus dem Leben des Vaters, das ist quasi der nächste Handlungsschritt im Drama. Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse ist schließlich der Höhepunkt.

Interessant ist dann der Umgang der Figuren mit der Enthüllung der Wahrheit.
Für Thomas ist es, das Leben, Theater. Als postmoderner Mensch kennt der die Gnade und das Credo des "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und ist in der Lage auszudifferenzieren. Der Vater dagegen hat diese Möglichkeiten nicht. Er verweilt und wird selbst zum Geist.

Aufbau und Inszenierung

Viele Monologe Thomas, die seine Gedanken offenbaren. Sehr schildernde Sprache.
Geisterhafter Schatten der Vergangenheit von Anfang an auf der Bühne durch Riesenbilderrahmen und Welt dahinter ("Geisterwelt") mit Bank und Frau darauf. Unheimlich-mystische Atmosphäre.
Pendeluhr-Mechanik-Geräusche zur Untermalung der drückenden Atmosphäre im Elternhaus.
traurige Gitarrentöne zur Untermalung der Traurigkeit und des Dramatischen, vor allem gegen Ende des Stücks.
Interessant: Wie Vater "gebrochen" die Bühne und den Zuschauerraum verlässt (Gegenpol zu Thomas, der sie energiebeladen betritt und das Stück so eröffnet)
Interessant: Wie der Vater gebrochen den Platz der "Geisterfrau" einnimmt.
Interessant: Überblendung, als Erinnerung und Vergegenwärtigung ineinander greifen, und die Ebenen mittels Projektion (Erinnerung) und Schauspiel miteinander verwoben werden.
Die Selbstthematisierung des Theaters. Was darf es? Was kann es? Welchen Zwängen ist es unterworfen? Wie bändigt man Komplexität?

Schauspiel: 

Brilliant! Die Menge an Text, die Flüssigkeit und Lebendigkeit im Vortrag (Martin Liema) , die Klarheit der Sprache des Vaters und sein Timing, die stakkato-"Thomas"-Salve der Geistermutter. Wirklich genial!


Kleine Sprachuntersuchung (evtl. Spoiler)

Einmal im Stück fällt ein markanter Kraftausdruck. Als die Mutter Thomas als „Fotze“ beschimpft, kann man das so interpretieren, dass diese verbale Entgleisung ihrer Krankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbstkontrolle verschuldet ist: Keine normale Mutter würde ihr eigenes Kind derart beschimpfen, geschweige denn im Feminin. Insofern manifestiert sich in der Sprache die geistige Krankheit der Mutter.

Sonntag, 22. September 2019

Bees made honey from the vein tree in Würzburg erforschen den Bass-Sound!

Ein Bassist, zwei Gitarristen und ein Schlagzeuger forschen aus, was passiert, wenn sie sich alle 4 Musiker 3 Regeln unterwerfen:

1. Der Sound ist so tief wie möglich.
2. Der Sound ist so mächtig wie möglich.
3. Der Sound ist so langsam wie möglich. 

Was dabei rauskommt?  Eine Performance, eine Messe, in der der "bassismyreligion" dann ausnahmsweise ein  berechtigter Name ist. Schwingung. Ein ganzer Raum und alle darin befindlichen Körper in Schwingung. Die drei Saiteninstrumentalisten aus dem Stuttgarter Raum entfesseln ein Klangbiest, gezähmt und strukturiert wird das Gewummer und Gewabber allein vom knochentrockenen Schlagzeug. Sie alle zähmen und betrachten, erleben und verkörpern dieses erschaffene Biest gleichermaßen. Wow Wow Wow! 
Ohne Analogfaschist zu sein - man wünscht es jedem Elektro-Jünger, dass er das mal miterlebt, was akustisch, analog möglich ist! 
Und mal wieder: Danke, Immerhin! 


https://www.stuttgarter-zeitung.de/gallery.preissegen-fuer-kultur-in-esslingen-psychedelische-band-und-komma-raeumen-ab-param~2~1~0~5~false.0fa83d9f-81aa-47d1-95ab-472c210c2de2.html

Donnerstag, 13. Juni 2019

The Black Rider

Inhalt: 

Jagdunfähiger Schreiberling ist verliebt in die Tochter des Försters, der durch einen außerordentlich guten und riskanten Schuss vom Herzog Posten und Wald verliehen bekommen hat als Erbpacht. Allerdings muss der Schuss jedes Jahr aufs neue wiederholt werden und damit ist der fürs Schießen völlig unbrauchbare Scheiberling Wilhelm unmöglich für den Posten des Schwiegersohns.
Aber Phantastisches geht um in diesen Wäldern und Wilhelm wird bei seinen katastrophalen Schussübungen - er meint es ja ernst - von einem Unbekannten, dem Teufel, angesprochen. Der gibt ihm Teufelskugeln, die unfehlbar alles treffen.
Wilhelm gelingt es damit, die Eltern zu beeindrucken und das Ja-Wort zur Hochzeit zu erhalten. Alles freut sich, außer der Widersacher Wilhelms. Aber dunkle Vorzeichen weisen darauf hin, dass etwas nicht im Reinen ist. Höhepunkt des Stücks ist, als der Fürst zum jährlichen Schusstest vorbeikommt. Wilhelm hat keine Kugeln mehr. Er erhält neue, allerdings unter der Bedingung, dass die letzte Kugel vom Teufel selbst gelenkt werden darf. Und dramatischerweise versenkt dieser sie natürlich in das Herz von Käthchen, der Tochter des Försters.

Moral: Don't fuck with the Devil, cause the Devil fucks you!

Inszenierung: 

Am Ende kam man sich vor, wie in einem Disney Musical, das auf einen Tim Burton Film trifft.
Grelle Schminke, leicht Bob Wilson like (sein Siegeszug ist unaufhaltsam), überzeichnetes Spiel, absurd-komisch, grotesk. Brillianter Gesang! Super Schauspieler! Super Musiker! (Weinglas-Lied!)
Auch die Übersetzung / Vermischung vom Englischen Original ins Deutsche muss sehr viel Arbeit gewesen sein und hat spitze funktioniert!
(Oh! Robert Wilson hat an dem Stück mitgewirkt! Zusammen mit Tom Waits und S.Burroughs)

Hier gibts Bilder


Donnerstag, 9. Mai 2019

Der Prinz von Homburg - Mainfranken-Theater : entstaubter Klassiker

Inhalt:

Rahmensituation:
Der Prinz Albert von Homburg ist ein junger, draufgängerischer, voll Lebensgeist steckender Teil des antischwedisch operierenden Militärcorps unter der Führung des Kurfürsten. Wir befinden uns im Zeitalter des Feudalismus und des Dreißigjährigen Kriegs. Eine Schlacht steht bevor, der Kurfürst schart seine Generäle - du denen der Prinz gehört - um sich, um die Strategie zu besprechen.

Binnenhandlung:
Der junge Prinz ist allerdings Schlafwandler. Der Fürst und einige andere Generäle bemerken dies und greifen in sein Schlafwandeln ein: Sie nähern sich ihm und haben auch die Tochter des Kurfürsten, Natalie, im Gepäck.
Der junge Albert festeht Natalie, der Tochter des Fürsten, im Traum seine Liebe, der Fürst und die anderen wiederum machen sich einen Scherz daraus, ihm einen Handschuh von Natalie in die Hand zu drücken und entfernen sich, bevor er aufwacht. Auf gut Deutsch: Sie spielen dem armen, verliebten Schlafwandler einen Streich, so dass er verdutzt aufwacht mit einem Damenhandschuh in der Hand und seltsamen Erinnerungen.

In der nächsten Szene trifft sich der Generalstab und die Generäle werden instruiert, wie sie sich bei der Schlacht zu verhalten haben. Albert ist bei den Reitern eingeteilt. Er soll lange warten, bis er ein Signal hört, um dann mit der Kavallerie einzugreifen. Da Natalie bei dieser Ratsitzung allerdings auch zugegen ist und ihr ein Handschuh fehlt, ist er vollkommen neben sich und hört den Anweisungen kaum zu.

In der darauffolgenden Schlacht treibt ihn sein junges Gemüt dazu, in die Schlacht einzugreifen, bevor das Signal kommt, auf dass er warten sollte. Die Schlacht wird zwar gewonnen und auch der Kurfürst überlebt. Allerdings ist dieser stinksauer auf den jungen Prinzen, weil er die Order missachtet hat. Er lässt ihn verhaften und vor das Kriegsgericht stellen, das die Todesstrafe verhängt.

Die Handlung ist nun in vollem Gange: Zum einen wird gezeigt, wie sich Albert entwickelt. Sein junger Geist, der glaubt, unbesiegbar zu sein und meint, dass ihm der Kurfürst diesen einen Ausrutscher schon verzeihen werde, zerbricht am bevorstehenden Tod. Er wird klein und verzweifelt,  bittet bei Natalie und der Frau des Kurfürsten um Unterstützung, bevor er sich - ganz gemäß den Konzepten "edler Einfalt und stiller Größe" folgend zuletzt über den Tod erhaben erheben möchte, seinen Fehler einsieht und ganz distanziert und entrückt von sich selbst sein Schicksal annehmen möchte.
Zum andern wird der Werdegang Natalies gezeigt und wie sie Fürsprache für den jungen Prinzen beim Vater, dem Kurfürsten, leistet. Es ist der Kampf einer jungen Frau gegen einen starken Vater in einer militaristischen, patriarchischen Gesellschaft, den sie durch Strategie, Aufrichtigkeit und Mut gewinnt. Der Kurfürst unterzeichnet ein Pardon.
Eine weitere Entwicklung ist das Verhalten des Heeres nach der Verurteilung Alberts. Er ist beliebt bei den Truppen und Generälen, so dass diese eine Bittschrift erlassen und alle darunter unterschreiben. Ein Aufstand liegt in der Luft.

Die Spannung entsteht daraus, dass man als Zuschauer nicht weiß, welcher Schachzug den Prinzen retten wird und welcher nicht. So ist der Kurfürst zwar bereit, das Todesurteil sein zu lassen, nachdem Natalie darum bittet. Aber kann nicht der Prinz mit seinem ungestümen Verhalten, dass dem Kurfürsten so gar nicht in seine Vorstellungen von Gehorsam passt, nicht doch noch alles kaputtmachen? Wie ist es mit der drohenden Rebellion der Truppen? Kitzelt sie nicht noch mehr die Härte des Despoten heraus?

Am Ende lösen sich die Fäden, die alle zunächst parallel und dann zusammenlaufen - in Form einer Katastrophe! Der Prinz wird in vier Teile gerissen. Hah, wenn du das gelesen hast, bist du mir auf den Leim gegangen: Alle treffen sich zu einem versöhnlichen Ausflug im Park und der Kurfürst sieht auch seine Schuld ein, indem er den Prinzen mit seinem Schabernack während dessen Schlafwandelei dazu brachte, dem Kriegsrat so unaufmerksam zu folgen.

Schlagwörter für dieses Stück:
Fürsprache, Gnadengesuch, Befehlsgewalt, Hierarchie, Militärorder

Zur Inszenierung:

Die Inszenierung war sehr bühnengewaltig! Als Musik wurde Pink Floyd gewählt - atmosphärische Liedausschnitte ohne Gesang, Licht Nebel und dunkel-kalte-silbrige Farben brachten die Traumatmospäre des ganzen Stücks besonders eindrücklich auf die Bühne. Das Schauspiel-Ensemble glänzte! Ein toller Theaterabend!


Samstag, 13. April 2019

Ein "cooler" Kommentar zur Popkultur? Bilderbuch in Würzburg

Glück muss man haben: Nach sieben Monaten der erste Live-Auftritt der Österreicher, 2 Weltpremieren, Tour-Eröffnung, ein unveröffentlichter Track. Bilderbuch, die hippe, österreich-sympathische Band, trendy, candy, Neo-Falcos, Dekadenzrocker! Erfüllen sie die Erwartungen?

Zweifel kommen in mir hoch nach ein paar Songs. Die Burschen betreten die Bühne in ausgewähltem Outfit - eben keine Underground Band, sondern schon Profis, Randplayer aber im Big Game, mit Visagistin, Kostümistin, zumindest wirkt es so. Der Eindruck wird verstärkt von roten Papierherzen, die über der Crowd aus den Aufhängungen der Halle abgeworfen werden. Eben alles "candy", "alles Liebe!". 
Der Frontman, Maurice Ernst, bewegt sich geschmeidig und sicher am Microfon. Immer wieder catched er mit abgehackten Bewegungen die Aufmerksamkeit der Zuschauer und flowed durch die Songs und ich frage mich: wieviel ist Choreographie, wieviel Gefühl, wie viel ist "einstudiert", wie viel ist "real"? 

Dann wechsle ich die Perspektive, gehe nach hinten und sehe das gesamte Bühnenbild: Ein Riesenwasserhahn mit Sturz-LEDs, eine Flugzeugtreppe, ein alter amerikanischer Kühlschrank, eine Ventilatorenwand, Planeten. Irgendwie alles und nichts aber von jedem ein bisschen. Alles hip, urban,  in unserer Travel- und Reisezeit verhaftet. 


Kunst - gefällig jedenfalls! Die einen mögen
die Ironie, die andern die Kunst. Aber engagiert? 
In dem Moment spielt die Band den "Frisbee"-Song über urbane Lockerheit, über Unberührtsein gegenüber den Kümmernissen der Welt und mein Ersteindruck verfestigt sich: Bilderbuch, wer ist das? Eine Gruppe musikalischer Eklektiker, sympathisch, Underdog in einem großen Business und was sie verdammt gut können, das ist das unsere Kultur zu kommentieren. Und zwar richtig cool - im Stil unserer "smile or die" - Mentalität immer fluffig, luftig, easy, fly mit einem Touch Ironie und Smartness. Sie stehen halt drüber und kommentieren es nur. 
Und da entsteht die Speerspitze meiner Kritik in voller Wucht: Ich sehe die tanzenden Massen und denke mir: „we dance on the wrong songs. we joy all the wrong words", Jungs, ihr kommentiert das Weltgeschehen echt gut, aber ihr ändert nichts daran. Eure Kritik, falls es eine gibt, bleibt in der ironischen Reproduktion stecken. Ihr reproduziert die Codes einer kranken Gesellschaft, aber ihr ändert sie nicht. Ihr macht das gut, aber schämt ihr euch nicht? 

Mit diesen brühwarmen Gedanken treffe ich auf eine Bekannte und die Arme hat das Glück, dass ich ihr das gleich mitteilen muss. Ich bin inzwischen schon so weit, dass ich die Wirkung und Choreo von Maurice Ernst mit Helene Fischer vergleiche. Sie bremst mich aus. Mit diesem Kritik ginge ich zu weit. „Aber sie sind doch unpolitisch!", entgegne ich. Maurice sei ein Entertainer, das könne ich ihm nicht übel nehmen, der sei halt so. Wie Prince. Und dass sie unpolitisch seien stimme nicht. Sie hätten eine Europa-Pass Kampagne initiiert. Außerdem seien Plätze auf der Gästeliste nur gegen eine Spende an eine NGO zu erhalten gewesen. 

Okay. Das ändert meine Gedanken ein wenig, mildert meinen Tugendjähzorn. Ich gehe wieder zu meinen Freunden links neben der Bühne. Der Alkohol macht mich auch bierselig und so wippe, groove und tanze ich schließlich mit. Dann kommen die Hits, wegen denen ich Bilderbuch mag: Machine. Bungalow. Und ich merke auch, dass die Jungs gute Musiker sind, die ihre Instrumente beherrschen. Quasi der Rockwolf im Popschafspelz. Yeah! Nach einer fulminanten Show kommt am Ende auch donnernder Applaus! Die Zugabe befriedigt mich dann vollkommen: Ein gefühlt 8minütiger instrumentaler Doom-Drone Song? Maurice Ernst meint danach, es sei ein unveröffentlichter Song. Aha, sie können also, vielleicht wollen sie auch nur dürfen nicht (mehr)? Hell Yeah! Rock'n'Roll jedenfalls! Wir feiern den Song - gefühlt zu dritt und als einzige in der Halle. (Bestimmt war es so ;) )  Irgendwie endet das Konzert dann auch...aber ich war dann auch nicht mehr ganz geistig anwesend. Na ja. Das Ende vom Lied: Es war dann doch ein sehr schönes Konzert, ein Popereignis mit einem bestimmten Anstrich - das, was Bilderbuch eben ausmacht. Und ich bin froh, dass ich da war! Ich rechnete mit einem oberflächlichen Konzert, bei dem alles "candy" sein wird, österreichischer Zuckerguss und ganz viel <3 auch.="" bekam="" dann="" das="" der="" ja="" liieeeeebe="" p="" und="" zuschauer="">


Jetzt im Nachhinein denke ich mir nur eines - und das würde ich gerne zur Diskussion stellen: Hätte Bilderbuch nicht einmal kurz eine Ansage machen können? Eine politische? Ja, ich höre die Kritik: die Leute, die da waren, waren doch eh alles keine AfD -Wähler...aber Klimasünder sind wir doch alle! Mal wieder nen Tag in der Woche mit dem Fahrrad in die Arbeit, Schule, Uni, was auch immer fahren? Könnten sie nicht vielleicht als Nächstes so eine Bewegung starten?