Freitag, 24. Februar 2012

Robert de Niro als Travis in Martin Scorceses 'Taxi-Driver' (1976)
Martin Scorcese: Taxi Driver - Sozialdrama zum Nachdenken. 


Mit dem 1976 erschienenen New York Drama "Taxi Driver" bahnte sich Martin Scorcese den Weg in den Himmel der Starregisseure. Nicht nur bekam er die Goldene Palme in Cannes im selben Jahr, sondern auch vier Academy Awards Nominierungen. 

Die Wirkung des Filmes ist verstörend und beklemmend. Man erahnt die sich anbahnende Katastrophe. Man sieht die Sensibilität eines jungen Charakters, der noch nicht wieder bei sich angekommen ist. Ein Kriegsverteran, der als Taxifahrer in New York anfängt, das kann doch nur schief gehen? 
Lehrbuchhaft zeichnet der Film eine Abdriftkarriere in die Außenseiterschaft der Gesellschaft vor. Ein Dozent von mir sagte einmal, der Kern einer Erzählung befände sich bereits in den ersten paar Seiten eines Romanes. Das lässt sich auch auf diesen Film übertragen. 
Von Anfang an ist Travis (Robert de Niro) Tagebuch der einzig Vertraute seiner intimen Gedanken. Es schweigt vornehm, wie Platon schon Sokrates in den Mund legt, als dieser Phaidros die Nachteile der Schrift vor Augen führt. Es schweigt vornehm, auch dort, wo es einhaken, widersprechen oder Trost spenden sollte. Hier kristallisiert sich also bereits einer der multiplen Faktoren, die den Film zum Drama werden lassen: Travis könnte aktiver mit seiner Umwelt kommunizieren, sich bemühen sich mehr anzupassen und die Geduld aufzubringen, echte Freunde zu finden. Durch sein einseitiges Kommunikationsverhalten trägt er mit dazu bei, dass seine Kollegen nicht zu Freunden werden, sondern nur Kollegen bleiben. 
Aber auch die Umwelt trägt ihren Teil dazu bei, dass Travis ausrastet. Bereits das Einstellungsgespräch ist von einer Männercoolness und Unherzlichkeit bestimmt. Der Film avanciert zum klassischen Orts-, Milieu- und Opferdrama, weil die Umwelt, wie sie dargestellt ist (Diegese), hart, mitleidslos, erbarmungslos und einfach unfreundlich ist. Über die Unfreundlichkeit hat schon Walter Benjamin viel geschrieben, als er sie als einen der Grundpfeiler der brecht'schen Handlungsmaximen insbesondere in seiner Interpretation der "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg Laotses in die Emigration" etablieren wollte. Ein freundliches "Hallo", "Guten Tag!", "Wie geht es ihnen?" oder "Danke für ihre Umstände!" aus dem Mund eines Kollegen, eines Kunden, eines Boss', eines Polizisten, etc. würde vielleicht verhindern, dass Travis eine Obsession entwickelt, in der er in der Welt nichts mehr viel mehr als unfreundlichen "Abschaum" sieht, der aus New York "herausgekehrt" werden sollte. 
Auch Sarte oder Camus lassen sich hier anbringen. Camus schreibt in seiner Vorrede über den Mythos des Sysiphos, dass ein Mensch in den Selbstmord getrieben wird, dass der Gedanken zwar in ihm anwachse, aber der letzte Stoß dann doch durch einen unfreundlichen Impuls von außen käme. Nach der Hölle des Kriegs wird Travis also in die "Hölle der andern" geworfen. Und dementsprechend steigt der existenzialistische Ekel in ihm auf. Er macht existenzialistische, isolierte Erfahrungen. 
Schließlich baut er noch auf die falsche Erlöserin (Betsy, Cybille Shepherd) und immerhin hat man schon ein Ursachentriplett, dass die sich erbarmungslos abrollende und sich quälend langsam zuspitzende Handlung zu verstehen hilft. 
Doch anstatt für den existenzialistischen Exitus entscheidet sich der tragische Held dieser Tragödie für einen fatalen und äußerst fragwürdigen lynchjustizischen und Befreiungsfeldzug der jungen Prostituierten Iris (Jodie Foster). Ein Batman ohne Kostüm. Erst nach seiner Rettungsaktion würde er sich gerne erschießen, aber alle seine Magazine sind leer. 
Die Endszenen des Films sind unklar gehalten. Es gibt einen klassischen zweiteiligen Epilog nach Abschluss der Haupthandlung. Zum einen wird ein Dankesbrief von Iris' Eltern von der Stimme des  Vaters verlesen, zum andern steigt Betsy noch einmal in das Taxi Travis' ein und sie führen eine ganz normale, konventionalisierte und gebändigte Konversation auch über die bevorstehende Präsidentschaftswahl. Offen scheint, ob es sich hier um Realität handelt oder um Komaträume von Travis. Denn weder trägt er eine sichtliche Narbe am Hals, noch erscheint es wahrscheinlich, dass Travis noch vor dem Ende des Präsidentschaftswahlkampfes aus seinem Koma wieder aufwacht. Abgesehen davon ist fraglich, wie die juristische Lage aussehen würde - schließlich handelt es sich um einen dreifachen Mord, den Travis begeht. Dementsprechend wirkt das Endidyll trügerisch.

Der Teufel steckt im Detail. Viel gäbe es noch zu besprechen und zu diskutieren. Erwähnt sei hier nur,  dass Travis auch einen Anschlag auf den Senator Palentine vorhatte und dass sein Handeln rechtstaatlich in keinerlei Hinsicht geduldet ist. Die Ansichten, die er während der kurzen Taxifahrt mit Senator Palentine kundtut sind ultrarechtskonservativ, menschenverachtend, eugenisch und lebensfeindlich. 
Es gibt eine ähnliche Kontroverse innerhalb Heinrich Bölls Roman "Billard um halbzehn" (1959) . Mit diesen Zitaten von der Figur Johanna Fähmel oder über sie möchte ich schließen:


"Mein ist die Rache", spricht der Herr, aber soll ich nicht ein Werkzeug seines Glaubens sein?"(Johanna Fähmel in "Billard um Halbzehn")

und 

"Ihr Wahnsinn ist Trauer, Trauer hinter dicken Mauern." (Über Johanna Fähmel in Billard um Halbzehn)

Zu erwähnen ist auch noch, das Scorcese diesem Film 23 Jahre später mit "Bringing out the dead" einen Film gleicher Machart, vielleicht sogar noch verstörender, mit Nicolas Cage in der Hauptrolle herausbrachte.  

Sonntag, 19. Februar 2012

Dubstep - oder "Krieg auf der Tanzfläche" - unleash the beast. 

Ab und an höre ich mich hinein  in die Welt der Tiefenbässe. Upbass-Music, Wonky, Grime, Dubstep,  usw. Musik, die rhythmusdominiert ist und in der Low Frequency Oscilatoren, kurz LFOs, die Bässe in den Tiefregionen zum Wabbern bringen während gleichzeitig schrille Synthiesirenen die Ohren als Fenster zur Welt beinahe zum Zerbersten bringen.
Ich habe für mich entschieden, dass Dubstep keine Musik ist, keine Musik im klassischen Sinne von Melodie und Melodieführung. "Stimmt ja auch!", der Kommentar eines Freundes dazu, "DubStep - das sind Dinosaurier, die mit Laserkanonen rumrennen." Da ist viel Wahres dran.
Man kann sich also damit arrangieren: Dinosaurier mit Laserkanonen an denen das berühmt-berüchtigte Postmodernitätslabel Musik 2.0 hängt. Es ist etwas Anderes, eine moderne Unterhaltungsdroge, ein Ausschalten aller Emotionen und Gedanken, ein gemeinsames Abfeiern und das dafür notwendige Gleichwerden. Ein Rausch, ein Gewummer, eine Gedröhne, ein Gehetze. 
Auf einer Party in dem Würzburger Kamikatze-Club - eigentlich ein eher schmuddeliger Schuppen, erlebte ich, was es ursprünglich heißt, von Basssalven befeuert zu werden. Spannend, wirklich spannend, was produktive Musikkreateure ausklügeln, um die Tanzfläche unter Beschuss zu nehmen.
Ein klassischer Dub-Step Track baute eine Pause auf. Das ist normal, Spannung - Entspannung, Aufladen - Entladen, Pause - Weiterfließen - das sind musikalische Urprinzipien, die wahrscheinlich auch schon in der Antike vorherrschten. Das Spannende an Dub-Step ist die dieser Musik so spezifische Form des "Drop-Ins" - des Einsetzens der Drumms und der Bässe nach einer teilweise schier unendlichen Aufbauphase oder einer in der Songstruktur angelegten Pause - meistens auch noch synkopisch. 
Und der Drop-In nach meiner Pause hatte es in sich. Ganz unerwartet kamen sechs harte Basssalven, die so angelegt waren, dass sie im Surround durch das Raumpanorama feuerten. Von links nach rechts, jede Salve mit einer ungeheuren und erbarmungslosen Wucht. Kreuzbeschuss durch puren Bass. Nach den sechs Salven kamen dann noch die Dub-Step-typischen angeglitchten "Chainsaw"-Synthesizer dazu und als  Resultat davon rastete die ganze Tanzfläche völlig aus. Auf Wikipedia heißt es, dass der bekannte Dubstep-Pionier Kode9 auf die Frage, was Dubstep auszeichnet, mit „Bass and space“ antwortete. Damit würde er oft zitiert. Space beziehe sich hier vor allem auf das Arrangement und den extremen Minimalismus.
Soviel zur Technik, aber wie ist es mit der Wirkung? Vielleicht ist es gerade das Erbarmungslose, das ein paar meiner Bekannten und Freunde und auch mich so anzieht. Vielleicht sucht man es sogar als moderner, verlorener Mensch in einer gewaltlosen und gleichzeitig gewaltüberfluteten Gesellschaft (Kriegsszenarien sind ja durch die Medien auch in unserem westlichen, ultrasicheren Kollektivbewusstsein omnipräsent) die Präsenz von Gewalt in Form von reiner Energie. 
Und in der Musik offenbart sich ein kulturelles Gewaltszenario. Die dem (männlichen) Menschen innewohnenden Aggressionen können sich positiv auf der Tanzfläche entladen. Dubstep und Drum'n'Bass: Krieg auf der Tanzfläche in einer krieglosen Zeit.
Fernab von dieser tiefenpsychologischen Spekulation kann man sich aber natürlich auch einfach amüsieren, angetrieben von der puren und rauen Energie der Bässe und Rhythmen, und fasziniert sein von dem Können der Produzenten hinsichtlich Raumarrangement und Klangdesign.


Nachtrag 2015: Noisia - bekannte Niederländer Produzenten haben vor einiger Zeit dieses Video herausgebracht, das die These, dass ihre Musik dem Aufbauen und Zerstören von Welten gleichkommt, herausgebracht: Zuerst wird eine Welt aufgebaut, dann bricht ein blutiger Krieg zwischen Händen aus ( https://www.youtube.com/watch?v=SAO-lzl3vVQ ).

Hier ein paar Tipps, um die genannten musikalischen Prinzipien mit Beispiel zu unterlegen: 
Und hier wirklich ein "klassischer" Dubstep-Track: schrill, ryhtmisch, phat und fetzig.

Samstag, 28. Januar 2012



Eher zufällig bin ich in den Film geschlittert, und umso erfreulicher war dann das Resumée: eine wirklich erfrischende Anarchokomödie, die die Zwischenräume menschlicher Freundschaft wahrhaftig und humorvoll ausleuchtet. Natürlich hat der Film vieles weg gelassen und nur angedeutet: die Rückenschmerzen, die Pflege bedeuten kann, die vielen vielen Pflegehandlungen, die manchmal echt nervig sein können und unappetitlich oder einfach nur anstrengend sind.
Aber das macht nichts, denn der Film hält das tatsächlich Wesentliche fest, das, was das Herz erwärmt und das, worum es eigentlich immer gehen sollte: Das maskenlose Aufeinanderprallen und Miteinanderleben zweier Menschen. Es ist egal, ob der eine an den Rollstuhl gefesselt ist, und der andere Schwarz ist und aus der banlieu kommt. Wahre Hilfe kann erst entstehen, wenn man den anderen eingehend betrachtet, wenn man achtsam ihm gegenüber ist, wenn man ihn erkennt. 
Und auch wenn man "mitleidslos" ist, so wie der Film es auch einmal offen thematisiert. "Warum hast du ihn genommen? Er ist aus der Banlieue, er ist kriminell und noch viel mehr" sagt sinngemäß einer der Familienangehörigen Philipps. Und Philippe antwortet: "Weil er mitleidslos ist". 
Ich arbeite seit langem in einem Pflegeberuf. Ich weiß nicht, ob man "lernen" kann, jemanden zu pflegen. Natürlich gibt es eine technische Seite, die man lernen kann. Aber im Bezug auf die ethische Ebene der Pflege weiß ich nicht, ob man einfach nur etwas selbst entdeckt, das in einem ist. 
Aber dennoch hat einer meiner Kollegen einmal etwas zu einer FSJ-Anwärterin nach einem Probearbeitstag, bei dem ich sie geführt hatte, gesagt, das in diesem Kontext Sinn macht. Er sagte: "Du bist alles für den Patienten. Sein Arm, sein Anwalt, sein Koch, seine Stütze, sein Chauffeur, sein Waschlappen, sein Modeberater usw...". Auch wenn er sich meines Erachtens selbst nicht vollkommen an die Essenz dieses beeindruckenden pathetischen Monologs gehalten hatte, so sagte er doch auch noch: Du darfst mit den Patienten Mitgefühl haben, aber du darfst nicht mit ihnen leiden. 

Nur weil man keine Masken an den Tag legt, heißt das nicht, dass man respektlos ist. Höfliches Verhalten ist oft eine Maske und nicht unbedingt die beste im alltäglichen Umgang miteinander. Ebenso wie höflicher und zagsamer Umgang  mit dem Andern zwar oft beschützend für ihn gemeint ist, aber nicht der beste Umgang für den andern sein muss. Dessen Ressourcen zu finden, zu wahren und zu fördern, das ist die Aufgabe einer wahren Pflege. Und pflegen kann man vieles. Nicht nur einen Pflegebedürftigen, sondern auch eine Freundschaft. Eigentlich einen jeden Menschen, den man trifft.
Der Film zeigt also ein Musterbeispiel bedürfnisorientierter Pflege, wie sie Monika Krohwinkel schriftlich im Kanon der Pflegemodelle fixiert hat. Ganz gegen leider sehr viel gängige Praxis demonstriert der Film, was es heißt, bedingungslos auf die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen einzugehen, und was für Blüten daraus erwachsen können. Philipp wird glücklich in dem Film. 
Nicht die Bedürfnisse der reichen Freunde und der reichen Familie des Querschnittgelähmten stehen im Zentrum von Driss' Aufmerksamkeit, sondern tatsächlich die Philippes'. Ständeklauseln werden dabei weggefegt. 

Zugegeben, es ist nicht schwer Tiefe zu erzeugen, wenn man sich den Soundtrack des Films vor Augen führt. Chopin, Einaudi, Schubert's Ave Maria. Besseres, bzw. Einhüllenderes und Berührenderes hat die Klassik kaum zu bieten. Dennoch - die Komposition des Films ist gelungen. Als Beispiel, das sich mir besonders eingebrannt hat, ist die Anfangs- und Schlusssequenzen des Films. Man sieht nicht viel: Das Gesicht Philipps mit Bart, steinern und verschlossen, irgendwie mit einer Spur Leid und Ernsthaftigkeit, die in das Gesicht eingeschrieben ist. Dazu die Musik von Ludovico Einaudi ("fly") und die Reflektionen der Lichter des Pariser Boulevard Peripherique auf seinem Gesicht durch die Scheibe. Es dauert nicht lange, und man sieht auch das ernsthaft zusammengezogene Gesicht von Driss, der hinterm Steuer sitzt. Gemeinsam rauschen sie nebeneinander durch die Nacht...
In dieser Szene liegt eine Schönheit, die sich schwer beschreiben lässt. 

Im übrigen kommt mein guter Magritte auch in dem Film vor. "Was denken sie sich bei dem Bild?" "Schöner Hintern." - "Ich möchte wissen, wie die Frau von vorne aussieht."


Montag, 23. Januar 2012

Constant Montalde - Jugendstil _ Betrachtungen im Musee des Beaux Arts in Brussel

Constant Montald (1862-1944) - symbolischer Jugendstil vom Feinsten

Montald _ la fontaine de l'inspiration


Nein, ich kannte ihn vorher auch nicht. Über einen der schillerndsten belgischen Jugendstilkünstler  gibt noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschsprachigenWikipedia-Enzyklopädie. Am Rande wird er in einem Artikel mal erwähnt, weil er der Leiter der Ecole des Beaux Arts  in Brüssel war. Wenn man das Musée des Beaux Arts allerdings einmal betreten hat, wird man sich diesen Namen einprägen - oder zumindest seine Bilder. La Fontaine de l'Inspiration und La Barque de l'Idéal: diese beiden Bilder schmücken die Wände der Empfangshalle des belgischen Kulturspeichers. Letzterem widmete ich meine Aufmerksamkeit.

montald _ la barque de l'idéal (1907)
Ich saß vor einem immens hohen, goldumrahmten Jugendstilbild. So viel Öl, wie benutzt wurde, ist es wohl angebrachter von einem Gemälde zu sprechen. Constant Montald: La Barque de l'Idéal, 1907. Ich war stehengeblieben, weil ich vom Herausquellen der weißen Blüten, wasserfallartiggleich, und im Gegensatz zur stillen Regungslosigkeit der Figuren vor dem Blütenrausch, in den Bann gezogen wurde. Was ist also zu sehen? 
Fünf Personen. Drei bekleidet, zwei nackt. Drei Frauen in hängenden Gewändern und zwei nackte Jünglinge.  Einer von ihnen hält eine kleine Holzfigur in der Hand, vielleicht eine Venusabbildung,  vielleicht auch eine Maria, während beide von einer Art silbrigem Mondlicht bedeckt werden. Dem Bild haftet etwas Zeremonienhaftes an Die abgebildeten Figuren interessieren sich nicht für den Zuschauer, sie wirken ganz und gar in ihrem Handeln versunken. 

Im Bildhintergrund rechts hinten deutet sich ein Weg an. Unmittelbar wird klar: Die drei Frauen sind gerade von dort angekommen. Um den Mondgezeichneten etwas zu zeigen oder zu übergeben? Das Kunstwerk im Holzrahmen, das die eine der Frauen trägt, oder die kleine zusammengezogene Holzskulptur, die einen gebückten zusammengezogenen Mann darstellt. Und vielleicht ist es ja auch das Werk der dritten Figur, die einer der beiden Mondbeschienenen in Händen hält, prüfend. Und auch prüfend und beratend der Ausdruck des Zweiten.
Die Farbgebung spricht dafür. Schließlich sind die Farben der mitgebrachten Kunstobjekte und  die Farbe der Gewänder der Frauen gleich - eine Zusammengehörigkeit von Kunstwerk und Überbringer scheint also in die Farbsprache hineingelegt worden zu sein. Auch die Bäume haben dieselbe symbolische schwere Goldbraunfarbe. Vielleicht ist auch das ein Mittel, um die Gruppen voneinander abzugrenzen: die Herantragenden werden eins mit dem Hintergrund und sind nur halb in die sich vollziehende Handlung  - das Prüfen der Holzskulptur - aufgenommen. Auch findet ja eine Abgrenzung der Figuren durch die Bildanordnung statt, weil ein Aufsteigen der Figuren zu beobachten ist.

Hätte ich den Titel des Bildes nicht gewusst, würde ich es "Von Orchideenblättern ud Männern" nennen. Kennt man das Bild aber, so lässt es sich als symbolistisches Jugendstilbild interpretieren. 
Montald _ Paysage symboliste (1904)
Die Farbgestaltung ist jugendstiltypisch: Gold und Silber und viele Tupfer in einer verschwungenen Ornamentik, bei der der Hintergrund in seinem Ornamentcharakter nicht mehr eindeutig als Hintergrund zu identifizieren ist. Symbolistisch das ganze Bild. Vermutlich handelt es sich um eine symbolische Visualisierung des Kunstschaffen-Prozesses: Die gewissenhafte Selbstprüfung des Künstlers mit seinem Kunstwerk, ob es auch tatsächlich gut genug ist, wird an einen utopischen Nichtraum verlegt - die prüfenden Stimmen des Gewissens sind als nackte,  gottgleiche Jünglinge interpretiert, gewissermaßen Hermesse aus dem Reich der Ideen, herabgestiegen an einen Zwischenort, um das Geschaffene vermittelnd zu betrachten. (to be continued)

Sonntag, 22. Januar 2012


Zu Besuch bei der Ewigkeit

Sie sahen nicht so aus, als würden sie mir helfen – schwarz, in schwarzer Kleidung, Cappy cool auf dem Kopf, Fantadosen in den Händen. Der eine lutscht lässig an einem Billigeis. Zwei Schwarze sitzen mit mir im Bus Nr 92. Wir rauschen durch die Schwärze der Nacht. Aber sie helfen mir, sagen mir, wo ich aussteigen muss. Der eine springt sogar auf, um an den Halteknopf an der Türe zu drücken, als ich im Begriff bin, den Ausstieg zu verpassen. Und dem kleinen Mädchen, das mit seiner Mutter vor mir sitzt, und das so tapfer gegen die Müdigkeit ankämpft, haben sie auch geholfen: Sie schenken der Mutter eine der Fantadosen, damit sie sie an die Kleine weitergibt. „Vois – l'homme vas te donner sa canette!“ Und weil das Trinken im Bus so schwierig ist, hilft sie der Kleinen. Macht ihr die Dose auf, hält ihr die Dose an die Lippen und wartet ab, bis der Bus hält, um sie einen kleinen Schluck machen zu lassen. „Sans verre, Maman?“ - „Sans verre, bichette, tu bois directement de la canette. Comme 'les Grandes' – wie „die Großen“ darf die Kleine direkt aus der Dose trinken...
Der Bus fährt also am Regierungspalast vorbei. Ein großräumiger, weit auslaufender nicht hoher Bau, der Würzburger Residenz, Sanssouci und Versailles von der Idee her nicht unähnlich: Symmetrisch aber durchaus mit Platz für Rundungen und Spielerei, teilweise geschwungen, geschmeidig und elegant. Irgendwie auch freundlich. Wenn der König anwesend ist, weht eine Fahne über dem Palast. Die Brüsseler mögen übrigens ihren König Albert II. Das mag vielleicht am Vorgänger, Baudoin I., liegen, weil er so liebevoll und nicht aristokratisch war, eine Krankenschwester und Kinderbuchautorin zu heiraten. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass der König einfach ein verrückter Typ ist. Ein Freund, bei dem ich zu Gast war, berichtete mir davon, dass er es sich zum persönlichen Vergnügen gemacht hatte, seiner Palastwache auf dem Motorrad zu entwischen. 
Am Haupteingang steht ein rießengroßer, kerngesunder Weihnachtsbaum mit Lichtern geschmückt – für die Könige gilt es nach wie vor: immer das Beste vom Besten. Der Bus rauscht am Palast durch die Dunkelheit vorbei,  durch die ganze Länge, und spukt mich vor dem Museum aus (Haltestelle: Royal).
Seitenansicht des Museums-
gebäudes

Im Museum

Natürlich ist es zu spät für einen Besuch, aber ich nutze die Zeit, um mich auf die Außenfassade einzulassen. Zwei gigantische Engelsgestalten flankieren den Haupteingang. Eine von ihnen hat eine Feder in der Hand und ist im Begriff zu schreiben. Ansonsten vier Säulen, vier Statuen über dem Treppenaufgang. Auch sie bestimmt symbolisch, Allegorien der vier Künste? (Literatur, Skulptur, Dramatische Künste...) Ich frage per Email im Nachhinein nach.


"Hi there! I have one question with regard to the architecture of your museum-palace:
the four statues in front of it, those on the coloums, what do they represent? it would be very nice, if you could help me. Don't be shy to ask questions, or to contact me in any case.thankfully, martin" 

Vier Tage später erhalte ich die unerwartet eine Antwort:

"Dear Sir,
They represent
-          Painture,
-          Sculpture
-          Architecture
-          Music
They were made by MM. Egide Melot, Georges Geefs, Louis Samain and Guillaume de Groot.
Yours sincerely, Kartin Roedig (Persattaché / attachée de presse)" 
Also richtig gelegen. Am Mittwoch betrete ich also das Museum das erste Mal. Zufälligerweise ist der Eintritt in die Museen jeden ersten Mittwoch des Monats kostenlos und das Magritte-Museum ist außerdem länger geöffnet (bis 20h).

Die Eingangshalle


Man kann schon in der Eingangshalle sehr viel Zeit verbringen. Sei es das imposante Historiengemälde Episode des journées de septembre 1830 (Gustav Wappas), seien es die bunt und grell ineinander überfließenden Formen des modernen Gemäldes Dernier jour von Pierre Alechinsky, oder seien es die Zwillingsgemälde der Jugendstilikone Constant Montalds – jedes der Bilder ist perfekt dafür ausgewählt, einen neugierigen Besucher zu empfangen. Gerade Montals hat es mir angetan - mehr dazu später. Da es sich um einen sehr sehr großen, überdimensionierten Raum handelt, den die Eingangshalle darstellt (etwa 20x50x20m), hätten auch kaum andere Bilder an dessen Wänden aufgehängt werden dürfen. Kaum eines der Bilder ist kleiner als 14 .
die Eingangshalle
Dass es noch mehr in Brüssels Schatzkammer des Schönen zu entdecken geben wird als Historismus, Jugendstil und Moderne auf Leinwandform, daran erinnern die Plastiken, die auf dem Marmorboden verteilt sind. Auch diesen ist allen gemeinsam, dass sie imposant in der Größe sind. Die Mehrzahl ist aus Stein gehauen, aber auch drei Gussstatuen aus Bronze haben sich hereingeschlichen.
Zum Beispiel Joseph Lambeaux Werk Le Dernicheur d'Aigles (1890), das den Kampf eines in einen Adlerhorst eindringenden Jünglings, der vom sorgetragenden Wildvogel attackiert wird, darstellt. Der dunkle Guss beeindruckt in seiner Dynamik, in der Perfektion der Abbildung der absoluten Anspannung der Muskeln. Jede Sehne, jeder Muskel des Körpers ist angespannt. Beeindruckend tritt der Wadenmuskel heraus, und man ist überwältigt von der Vollkommenheit dieser Mensch-Maschine. 
Ein Stück weiter trifft man auf die sehr pathetische Darstellung einer dem Sohn vergebenden Mutter. Le Pardon, der lakonische Titel der Marmorplastik, die ein Vergebungssszenario zwischen Sohn und Mutter von Fallen-Lassen und Aufgefangen-Werden in die Ewigkeit geschlagen hat. Herausragend wirken die zusammengefalteten Hände von Pieter Braecke (1893-1895).

Rombaux_filles de Satan
Etwas weiter hinten in der Halle, nahe dem Eingang zur Sammlung der „Alten Künste“ (ancien art), haben die Museumsdirektoren schließlich Egide Rombaux' „Satansbräute“ aufgestellt: Drei Jahre brauchte der Meister, um seine filles de Satan zum Leben zu erwecken. Üppig, opulent und lüstern ziehen sie die Blick des Zuschauers an, der sich auch zu gerne darin fallen lässt, obwohl, oder weil es Sünde ist, ihnen bei ihren Sexspielchen zuzuschauen. Eine Voluptatis-Phantasie, die im Todesjahr Friedrich Nietzsches, begonnen wurde. Zwar hatte dieser Gott für tot erklärt, doch gerade damit erst setzte die Phantasie der Künstler zum Höhenflug an, und begann alles vorher dagewesene an Dreistheit, Formenreichtum Dekadenz und Romantik zu übersteigen. Gott ist tot doch seine verbotenen Phantasien leben weiter, wie man merkt, wenn man in die dämonischen Augen der Mittelfigur schaut. 
Vielleicht sollte man noch eine Figur erwähnen, bevor man sich wieder anderem widmet: Kaum einer interessiert sich hier für eine Statue, die den Besuchern eigentlich entgegenblickt, als würde sie sie empfangen wollen. Es handelt sich dabei um den König, der die Palastgärten nach der Napoleonischen Herrschaft mit seiner „Oranjerie“ bereicherte, bevor er wenige Jahre später, 1830, von den aufständischen belgischen Patrioten wieder aus der jungen Nation herausgeworfen wurde. Die Herrscherstatue von William von Oranien, dem ersten König der wiedererrichteten Vereinigten Niederlanden, wirkt hier wie ein stehen gelassener Empfangsdiener an dem der Strom der Zeit schon lange vorbeigegangen ist. Die Kunst allein ist eben doch für die Ewigkeit, Herrscher vergehen.


Sonntag, 15. Januar 2012

Slumdog Millionär (2008)

"So könnte es gewesen sein..."

Glaubhafte und schockierende Unterhaltung aus Hollywood über Indien.

In  zwei Dritteln des Films geht es in einer aufeinanderbezogenen, zweisträngigen, teilretrospektiven Erzählung nach Indien (Bombay/Mumbai - dieselbe Stadt, aber andere Bezeichnung und Agra/Taj Mahal), um dem Rätsel der Erfolgssträhne des Straßenköters Jamal Malik bei einer "Wer wird Millionär"-Sendung auf die Schliche zu kommen. Geschickt inszenierter, schockierender und blendender Film mit großer technischer Leistung, der im letzten Drittel den retrospektiven Erzählstrang mit dem gegenwärtigen zusammenlaufen lässt, und Jamal mit seiner Lakita wieder zusammenbringt.

Der Geschichtenschreiber erzählt im Gegensatz zum Geschichtsschreiber wie es gewesen sein könnte, so schrieb Aristoteles in seiner Poetik. Ähnlich könnte man also auch an den Streifen von Danny Boyle herangehen. Aufklärerisch und gleichzeitig szenariokreirend bekommt der Zuschauer sehr schnell an die Hand gereicht, was ihn durch den ganzen Film peitschen wird. Zum einen, dass es sich bei Jamal um einen Charakter handelt, der all das verkörpert, was aus der Summe einer traumatischen Kindheit  im Slum erwächst. Zum andern wird dem westlichen Zuschauer von Anfang an nahe gebracht, dass es sich bei der indischen Gesellschaft um eine vollkommen Chaotische handelt, bei der das Individuum angesichts der irrsinnigen Menschenmassen kaum eine Rolle spielt und der Kampf von jedem gegen jeden vorherrscht. Außerdem liegen Triumph und Verlust in diesem Film extrem nahe zusammen, wie gleich aus der ersten Szene mit dem ergatterte Heldenautogramm ersichtlich wird, und wie es auch im Rest des Films immer wieder mit wechselnden Beteiligten vorexerziert wird, wenn Gewalt oder Waffen ins Spiel kommen und Machtverhältnisse ratzfatz umdrehen.
In der von Anfang an offengelegten Enthüllungsdramatik erfahren wir also episodenweise zuerst, warum Jamal ist wie er ist und lernen ihn auch gleich als Opfer kennen - sei es das seines größeren Bruders, oder dass der korrupten mumbaischen Polizei und deren Umgang mit Autobatterien. Kunstvoll ist diese Vorgeschichte des Charakters in die Gegenwartsgeschichte des Films eingebaut: durch sie erfahren wir, und darum dreht sich auch alles in dem Film, warum Jamal die Antworten auf die gestellten Fragen in der Millionenshow weiß. (Um es vorwegzunehmen: It was written)
Dabei würde man gerne drauf verzichten das zu sehen. Sei es das "normale" Leben am Rande der Gesellschaft, oder der religiöse Übergriff, bei dem Jamal und sein Bruder Salim ihre Mutter verlieren, sei es das fleddrige Leben auf der Müllkippe oder die wahren Intentionen eines vordergründig als Philanthropen erscheinenden Multimillionärs, sei es das Leben der Straßenkinder in Taj Mahal oder die gewöhnliche Baukriminalität im neuen Mumbai - alles was wir erleben ist haaresträubend und tief verstörend - eben weil es so gewesen sein könnte, oder sein kann, wie der Geschichtenschreiber es erzählt.
Doch der Film meint es gut mit dem Zuschauer. Im Gegensatz zu anderen Milieudramen wie dem brasilianischen City of God (2002) oder dem in Columbien angesiedelten  Verloren im Meer voller Lügen (2009) trägt einem zum einen ein schwungvoller, roadmoviehafter Rhythmus durch die Grauen auf der Leinwand, zum anderen haften den Bildern immer wieder Spuren burlesker Übertreibung an, die einen ganz eigenen Humor erzeugen.
Schließlich wird Jamals konsequenter Glaube an die eine Liebe und seine Ehrlichkeit im letzten Drittel des Films belohnt. Der Film entpuppt sich zum Märchen und mündet in einem Happy End: Der indische Odysseus kommt am Ende wieder bei seiner Traumfrau an, alle Täter werden bestraft, oder bestrafen sich selbst, und Jamal hat auch noch die Millionen - äh, die 20 Millionen Rupi unterm Arm geklemmt, ohne sie überhaupt von Anfang an gewollt zu haben. Abschließend kann man also sagen, dass es sich bei dem Film um eine bildgewaltige, aussagekräftige Tragikkomödie handelt, die extrem ernsthafte Themen mit einer charmanten Leichtigkeit auf die Leinwand bringt und dabei vielleicht eine Spur weniger inszenatorisch hätte vorgehen können, um gesellschaftliche Relevanz zu erhalten.

Montag, 9. Januar 2012

Extrem mystisch: Marsimoto - Eine kleine Bühne (2012)

Die Imagecreator habens gecheckt: die Kunden wollen verzaubert werden. Und Marsimoto haben sie mit viel Magie ausgestattet, und mit diesem grünen Zauberer mystifiziert er "Eine kleine Bühne."


10. Januar 2012

NACHTRAG
Nach der Sichtung von "Grüner Samt"

Was allerdings einmal gelingt, gelingt nicht wieder, und schnell verflüchtig sich, was magisch sein könnte, wenn man sich "Grüner Samt" auf Vimeo anschaut. Marsimoto entpuppt sich als ein stinkgewöhnlicher, verzogener und arroganter Möchtegernkokser-Yuppie, der mit seinen freshen Kumpels aka Businesskollegen aus Berlin ein besseres Urlaubsvideos mit gerademal durchschnittlich festen und fetten Tracks veröffentlicht. Weder besonders originell, noch besonders schlagfertig, noch besonders aussagekräftig ist das. Schade, ich dachte, da wäre mehr als Bling Bling, aber es dreht sich dann ja doch nur alles um das Grün des Dollarscheins...
Also das niederschmetternde Fazit: Aus der Zauber.