Donnerstag, 3. September 2020

Tolles Artwork, atemberaubende Welt und unterirdische Handlung: Das ist „Aquaman"















Alle drölfzig Jahre kommt er dann doch, dieser Moment, in dem man vor dem Netflix-Filmangebot steht und den größten Popcorntrash herauspickt. So war es bei uns, einer Couchsurferin, meiner Mitbewohnerin und mir gestern. „Oder wollen wir Aquaman kucken? Nur die ersten 15 Minuten, und dann wissen wir ja, ob er lohnenswert ist." Soweit die Theorie, geschafft haben wir 45 Minuten, dann hat es uns gereicht. Zuviel Geballer, zuviel blubbblubb, zu viele Testosteron-Hirnausfälle, zu viele sich gegenseitig jagende Schnitte, Superlative, Farben und grobklotzige Handlungsbrocken.Trotzdem haben wir den Film, dann nur noch zu zweit, im zweiten Anlauf angeschaut. Und dann auch noch ein Making-Off. Also irgendeine Faszination hat der Film ja, aber welche? 

Ohne Umschweife: Die Welt, die das Team hier aufgebaut hat - und damit meine ich die Setdesigner, die Kostümdesigner, die Visual-Artists - was diese Crew aus dem Meer gestampft hat, das ist atemberaubend! Eine vollkommen eigene, neue Welt unter Wasser - mit verschiedensten Stämmen und Rassen - die einen rein, stolz und erhaben wie Seepferdchen, auf denen sie auch reiten, die anderen fischig, schuppenbedeckt, glitschig und ängstlich, wie Fische eben so "sind", wieder andere grob, ruppig und gepanzert, wie man sich weiterentwickelte Krabben eben vorstellt, Hai- und Basilosaurus-Reiter und zuletzt augenlose, schuppig-glitschige Jagdtierfisch-Kreaturen. Soviel nur zu den Charakteren

Dem stehen die Schauplätze an nichts hinterher: Wracke, alte Hallen mit  vorsichhinmarrodierenden Riesenstatuen von gedreizackten Königen, wie man sich Atlantis eben vorstellt, weite Hallen voll Prunk und Publikum für königliche Aufmärsche und Verkündungen, Atom-U-Boote, Tiefseelandschaften und eine kaum in Worte zu fassende idyllische Oase mit einem fein zerstäubenden Wasserfall, das das Tor in zum Unterwasserprüfungsbereich für den Dreizack-der Dreizäcke darstellt. Wow, Wow, Wow! 

Und zuletzt die Kostüme und das restliche Artwork: Broschen, Umhänge, Kronen, Masken, Hybridanzüge, die es den Meeresbewohnern, die keine Landluft verarbeiten können, über ein Wasserkreislaufsystem mit lufthaltigem Wasser versorgen, Rüstungen! Selbst die dummklobige Kriegerantiheldenfigur "Manta" wird mit einem Anzug ausgestattet, der im Gedächtnis bleibt! 

All das ist phantastisch und wunderbar und würde man aus all diesen Gegenständen ein Museum oder einen Erlebnispark machen - das Auge käme aus dem Staunen nicht heraus! Und so wirkt es auch, dass die gesamt Filmcrew dermaßen in die Phantastik dieser Welt eingetaucht ist, dass sie gar nicht wahrnimmt, wie dünn die Handlung dieses Films ist, wie klischeehaft und holzschnittartig die Figuren sind, wie berechenbar und geradlinig der Handlungsverlauf ist. Gut, das ist eben Popcornkino: Hirn aus, Film an! Warum sollte man sich nicht ab und an verwöhnen lassen von einem Heldenepos, der klassisch zwei Links-zwei Rechts gestrickt ist? Wir Menschen als simple homini narrativi sind nunmal auch so gestrickt, dass diese Art von Geschichten und Identifikationsfiguren unser Herz leicht erweicht und erwärmt! 

Warum haben wir also trotzdem nach 45 Minuten ohne schlechtes Gewissen den Beamer ausgeschaltet? Die Antwort lautet Rhythmus. Rhytmus, Rhythmus. Alles ist eine Frage des Rhythmus und ohne den richtigen Rhythmus funktioniert ein Film nicht wirklich. Ums auf den Punkt zu bringen: Der Film trampelt auf dem Besucher herum wie ein Manta im Porzellanmuseum, weil er meint, es müssen schnelle, rasante, ballernde, explodierende, schreiende, furchtbar vorhersehbar vertonte Standardbestandteile des Hollywoodfilms dermaßen schnell an den Mann gebracht werden, dass er Mann und Frau dabei abhängt und die Genialität des eigenen Artworks verrät! Es ist eine Krankheit des neuen Kinos, vielleicht auch einfach des Genres Abenteuer-Action-Film, dass man meint, es müsse schnell und viel aus verschiedenen Richtungen und Blickwinkeln -mit ganz viel CDI-Grafik unterstütze - Superlativ-Kacke wie auf einem außer Rand und Band geratenen Sushiband am Zuschauer vorbeirasen! Aber selbst wenn er dabei einen delikaten Happen entdeckt, den er gerne genießen würde, dann ist dieser bereits zwei oder drei Stationen weitergerast und in unerreichbarer Nähe, während pausenlos neue Eindrücke auf den hungrigen Zuschauer einprasseln! 

Was bleibt? Mehr Masse als Klasse. 

Inhalt

Die Story ist natürlich trotzdem dünn, aber im kurzen soll sie hier vorgestellt werden. (Spoiler ab 5.)

1. Vorstellung des Helden: Ultrabösewichte versuchen ein russisches Atom-U-Boot zu kapern. Aquaman rettet und befreit sie, bringt dabei allerdings den Vater von einem der Terroristen um, der sich in dem Moment ewige Rache schwört

2. Erzählt wird die Vorgeschichte und die Herkunft des Aquamans: Seine Mutter wurde verletzt angespült und vom LEuchtturmwärther gefunden. Die beiden verlieben sich und zeugen ein Kind, bis die Vergangenheit die Mutter einholt: Wassermenschen kommen um sie zu holen, denn sie ist als Königin hochzeitsstrategisch eine wichtige Systemgeisel unter Wasser. Sie kehrt zurück. 

3. Aquaman lebt vor sich her, säuft mit Daddy und lässt sich mit harten Kerlen fotografieren

4. Die Unterwasserbewohner planen einen Angriffskrieg auf die Landbewohner, denn diese verschmutzen ja die Meere, sind aber nicht nur rücksichtslos sondern würden auch die Unterwassermenschen ausrotten wollen. Keiner will es glauben - in dem Moment wird die stattfindende Versammlung plötzlich von einem Menschen-U-Boot unter Torpedobeschuss genommen. Das überzeugt die Meeresbewohner, dass ihr neuer Führer recht hat. 

5. Schnell erfährt man, dass dieses Manöver aber eingefädelt und teil einer Intrige ist - ein eingefädeltes Täuschungsmanöver, um den bösen Unterwasserkönig seinen Plan Alleinherrscher über alle Meeresbewohner zu werden und Krieg zu führen zu ermöglichen. Buh! 

6. Los geht der Krieg mit einer Tsumami und einer Leerung der Meere von Müll und Menschenbooten. Der fällt Daddy von Aquaman beinahe zum Opfer. Gleichzeitig taucht eine andere Meeresprinzessin auf und bringt "Aquaman" auf die Spur, den er ist blutrechtlich der eigentliche Herrscher über die Meeresbewohner. Aquaman will das aber nicht. Er lässt sich überreden, lässt sich dem bösen König vorführen und unterliegt beim ritualisierten Schaukampf, der zeigen soll, wer der wahre - also stärkere - König ist. Statt zu sterben wird er aber von Prinzessin X..äh Mera gerettet und sie fliehen per Pinocciotrick vor dem blutrauschigen Halbbruder und Herrschaftsanwärter König Y ...äh Orm. 

7. Typische Doppelwegstruktur: Aquaman muss Aquaman werden und sich beweisen. Manta jagt ihn, Orm will ihn totsehen. Aquaman siehts ein und macht sich mit Prinzessin Mera Indiana-Jones-like auf die Suche nach dem goldenen Megadreizack, der ihm Macht, Ansehen bereiten und ihn damit zum König machen wird. 

8. Über mehrere Etappen, z.B. die Wüste Gobi und Sizilien, und gejagt von Assassinen und feindlichen Meereswesen finden sie den richtigen Weg zum Dreizack wo Mama-Aquaman auch wartet und die Frauen ihn darauf einschwören endlich zum König zu reifen. 

9. Der Dreizack wird von einem Mega-Urzeit-Bewohner bewacht. Aquaman gewinnt nicht durch Stärke sondern durch Empathie. Er kann sich nämlich mit Meeresbewohnern verbinden. Das macht er auch, nimmt den Dreizack und ist nun der richtige König Aquaman. 

10. Als König Aquaman auf König Y Orm trifft, der mit seiner Armee loszieht und erstmal der alleinige Meeresherrscher werden will,  kommt es zum Showdown. Aquaman ist jetzt stark genug und gewinnt im Zweikampf gegen König Y. Natürlich hat er sich während der gemeinsamen Reise auch mit Prinzessin Mera zum Paar entwickelt. Mama besucht Daddy. Manta lebt noch und will Rache für Teil 2. Fertig.

   

Sonntag, 24. Mai 2020

Hart aber herzerweichender Feelgood-Roman: "Der Hund von Balard" - Ludovic Roubaudi.

"So schön und so traurig wie ein Lied von Edith Piaf", wie das Buch beworben wird, ist der kurzweilige und überschaubare Roman von Ludovic Roubaudi (267 Seiten) wirklich nicht. Der Vergleich hinkt und stinkt nach Werbeslogan und Verkaufszahlen-Kreativität. Aber dafür kann der Autor nichts und wie man so sagt, bleibt er ja an der Türschwelle seines Werkes stehen. Wirken und bestehen vor dem Publikum muss es dann ganz alleine.

Ich schreibe das, weil ich über "Perlentaucher.de" einige Rezensionen zum Buch gelesen habe und diese sehr unterschiedlich ausfallen. Aber dafür gibt es gleich das zweite Zitat von jemand anderem: "Im Theater gilt: Jeder ist sein eigener Columbus." (Bert Brecht) Welche Welten und welches Gefühl hat der Roman also bei mir geweckt? Zugegeben, aufmerksam wurde ich auf das Buch durch ein weiteres Zitat von Anna Gavalda. "Ein Buch, das ich selbst gerne geschrieben hätte." 

Gavaldas Buch "Zusammen ist man weniger allein" ist ein ganz besonderes Buch für mich, dass mich aufgeweckt hat. Und gleichzeitig ist es ein unterhaltsames Buch - docere und delectare, wie es Horaz fordert, ohne dass ich das damals wusste. Und wenn meine "Götterautorin" so etwas über ein Buch aussagt, dann musste ich doch zugreifen! 

Für mich ist der Roman, der im Milieu der schmutzigen Pariser Vororte spielt, im Milieu der Zeltbauer und Angespülten, vom Feeling her ein absoluter Feelgood-Roman - überhaupt nicht traurig. Die Story ist vorhersehbar aber trotzdem so fesselnd von einem Ich-Erzähler wiedergegeben, das Umfeld, in dem die Zirkushandlung angesiedelt ist, so unterhaltsam und tragisch komisch, dass es ein Vergnügen ist, diesem Universum beizuwohnen!
Dabei geht es hart zu in dieser Welt, viel härter, als in meiner und ich bin auch froh kein Teil dieser Welt zu sein - aber umso entzückter vom Wunder der Literatur, die uns in Welten führen kann, die wir so nicht kennen. 

Und so ist die gezeigte Welt hart, man schmunzelt oft über die dargestellte Dummheit einzelner Figuren und ergötzt sich bestimmt in gewisser Weise am Voyeurismus in der Welt der Benachteiligten und von der Gesellschaft vergessenen (GTA für Gute?). Es ist, wie wenn man einen Boxkampf miterlebt, ohne die Schmerzen zu empfinden. Voll drinnen in einer Welt, die dem Ottonormalleser eigentlich zu hart ist. Denn an manchen Stellen wird hart ausgeteilt in diesem Roman. 
Dabei lernt man wenn man den Roman liest etwas über Jumbo, den Elefanten nach dem auch heute noch alles gigantisch Große benannt wird, man lernt viel über Tiere und Zirkustiere, über Zelt- und Bühnenbau, etwas über Männer- und Frauenklischees, doch kaum etwas über die Liebe. 

Besonders gut gefallen hat mir ein Kapitel über das Arbeiten über das normale Maß hinaus und gegen die Müdigkeit: Die Jungs im Buch müssen innerhalb einer Woche ihr Zelt aufbauen - Innen und Außen und gleichzeitig in einer Konzerthalle arbeiten. Sie schlafen kaum und Roubaudi beschreibt sehr nachvollziehbar für mich - Team Gastro Afrikafestival ;) - was passiert, wenn die Müdigkeit mit an Board ist. 





Die Dire Straits: "leicht verdaulich und doch anregend gespielt". Eine britische Band, die ihre größte Zeit in den 80gern hatte. Ihr Name heißt übersetzt soviel wie "Notstand", eine Situation, in der man in ernsten Schwierigkeiten steckt. Motor der Band ist der "große Bruder" Mark Knopfler. Er hat eine eigene Art seine Stratocaster E-Gitarre zu spielen: Normalerweise spielt man mit Plektrum. Er zupft. Das ermöglicht ihm einen ganz eigenen Klang, der "picky" ist.Größter Hit, den jeder kennt: Sultans of Swing - einer der ältesten Kompositionen Bandgründers.

Es gibt eine life-Veröffentlichung von ihnen mit dem Namen "Alchemy". Hier der Hit "Sultans of Swing"



Sonntag, 17. Mai 2020

Die zwei Päpste - irgendwie ein ganz besonderer Film

Weder überfordern, noch langweilen darf ein Film seinen Zuschauer, wenn er gut und trotzdem erfolgreich seien möchte. Matrix, Twelf Monkeys, Avatar, Inception - Filme, die mit mehreren ineinander verschachtelten Realitäten arbeiten sind, berühmte Kandidaten, die diese Gratwanderung meistern. Und auf seltsame Weise und doch ganz anders reiht sich auch Meirelles Film über die beiden Päpste in diese Reihe ein. Zugegeben, der Vergleich ist etwas weit hergeholt, da man nicht in eine Computersimulation, einen anderen Planeten und einen anderen Körper und auch nicht in die Träume anderer Menschen einsteigt und sie dort manipuliert. Aber mit der Zeitreise und Twelf Monkeys ist man vielleicht gar nicht so weit davon entfernt. Warum? Das erkläre ich hier! 


Zunächst muss ich als werdender Dinosaurier aber noch kurz kommentieren und bezeugen, wie sich die Filmbranche verändert hat! 
Zu meiner Jugend kam ein Film in die Kinos. Über neue oder laufende Filme wurde man informiert über Mundpropaganda, die Mickey Maus, die Trailer im Kino selbst, das Jugend-Action-Magazin "Limit" oder Werbung und Artikel in der Zeitung. Irgendwie bekam man außerdem auf ganz wundersame Art und Weise das Erscheinen jedes neuen Disneyfilms mit. Aladin, die Schöne und das Biest, der König der Löwen, Tarzan, Mulan Lilo und Stich - irgendwie hat Disneys Propaganda IMMER funktioniert! Das Internet gab es damals zuerst noch nicht oder es spielte nur eine marginale Rolle.  

Der Film, über den ich hier schreibe, lief gerade einmal zwei Woche im Dezember 2019 Kino, um für die Oskars nominiert werden zu können, bevor er als exklusive Netflix Produktion seitdem auf Netflix läuft. Netflix ist ein sogenannter Streaming-Anbieter, das heißt, er bietet überwiegend Serien aber auch Filme, als Online-Stream zum Zuhausekucken an. Im Falle Meirelles Film also im Homekino, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist schon ein bisschen verrückt, zumal die Idee schon vor dem Corona Lockdown durchgezogen wurde. Zusammengefasst möchte ich also dokumentieren, dass sich das Filmwesen derart entwickelt hat, dass das Internet zunächst gar keine Rolle spielte und jetzt am Thron des traditionellen Kinobesuchs, gewissermaßen am Kinosessel selbst, sägt.

So, nun aber zu den Vatikanhütern. 
Der Inhalt des Films ist so einfach, wie schwer zu erzählen. Wenn man wollen würde, könnte man sagen, dass der Film nicht mehr ist, als eine kirchenpolitische Dienstunterhaltung zwischen dem Papst und einem seiner  Kardinäle in der Sommerresidenz des Papstes, denn der Kardinal möchte zurücktreten. Über zwei Stunden würde dieser Inhalt den Otto-Normal-Filmkonsumenten aber überfordern, schließlich ist der Film ein Mainstreamfilm und keine Nischendoku, wie z.B. "Die große Stille". Also muss mehr drinnenstecken  als trockene Kirchenpolitik. Und das tut es auch. 
Dabei sind die Zutaten, die den Film zu dem machen, was er ist, folgende: Zum einen sind die Figuren Ratzingers und Bergoglio Widersacher, Kontrahenten oder wenigstens Duellanten. Ein verknöcherter, alter, freudloser Dienstvollstrecker, konservativ bis über beide Ohren - Ratzinger - trifft auf einen sympathischen, jovialen, volksnahen, fußballbegeisterten und freien Lebensfreund Bergoglio. Einen großen Teil des Films macht es aus, wie Ratzinger seinem Dienst-Untergebenen die Unterschrift unter sein Rücktrittsgesuch verweigert, ihn patriarchisch ein ums andere Mal die kalte Schulter zeigt und abblitzen lässt. Mit einer Engelsgeduld und Verstandesschärfe fängt Bergoglio das auf. "Wird Ratzinger ihm den Dienst erweisen? Bekommt Bergoglio die Unterschrift?" Das sind die Fragen, die die Spannung des Zuschauer zunächst für das erste Drittel des Films, beim Eiertanz der beiden außergewöhnlichen Figuren, amüsiert zuschauen lässt. Bergoglio, mit dieser wahnsinnigen Milde im Gesicht, wird immer sympathischer! "Wird er den alten sturen Bock bekehren? Lässt er sich bekehren?" Zunächst also ein Kammerspiel. 
Einen Wendepunkt nimmt den Zuschauer dann mit in eine retrospektive Berg-und-Talfahrt durch die Erinnerungen des sympathischen Underdogs Bergoglio. Denn der Papst möchte zurücktreten und Bergoglio als seinen Nachfolger.
Warum dies nicht geht, das versucht der Kardinal im zweiten Teil des Films zu erklären. Ausgerechnet dieser Sympathiebolzen weist Fehler auf? Geschickt führt Meirelles den Zuschauer weiter durch den Film. Zunächst wagt er einen Abstecher in das Thema, das jeden angeht: Die Liebe. Und er zeigt, wie sich Bergoglio gegen die Liebe entscheidet und für das Priestertum bei den Jesuiten. (Ein Fehler? Wir denken mit der Hauptfigur an manchen Stellen darüber nach, aber nur in Bildern...) Meirelles bringt uns die Figur Bergoglio nähern und gleichzeitig entfremdet er uns von ihr und lässt uns begreifen, dass er anders ist, als wir. Wir finden uns zwar wieder in seinen Selbstzweifeln und seiner Fehlerhaftigkeit und fühlen mit ihm - oder der Braut - die große Liebe, die uns alle schon berührt hat. Aber wir schauen auch erstaunt auf ihn, weil er anders handelt, als wir: Er folgt dem Ruf Gottes in das Priesterseminar. Dies ist die eine Episode aus der Vergangenheit. Bergoglios, die uns die Figur, die vorher so glatt und nichts als gut, warmherzig und offen war, in ein anderes Licht rückt und näherbringt.
Und dann geht es raus aus dem Privaten und rein in die große, politische Welt und Meirelles lässt uns ein Dilemma an der Seite seiner Figur durchleiden. Wir erleben, wie Bergoglio Schuld auf sich lädt  im argentinischen Bürgerkrieg. 
Der Kardinal selbst stellt es so dar, dass er mit der Junta kooperierte und die Jesuiten verraten hatte. Dies mache es ihm unmöglich Papst zu werden. Es ist die dunkelste Episode des Films. Recht schonungslos zeigt Meirelles die gräulichen Seiten des Menschen, die abscheuliche Hässlichkeit profaner, "gottloser" und egoistischer  Machtpolitik, die skrupellos politische "Säuberungen" vornimmt, die erschießt, einsperrt und einschüchtert. 
Dabei trifft Bergoglio nicht die Schuld, die er sich gibt, zumindest kantianisch gedacht: Sein Wille war gut und nach Kant ist dieser das einzige, das beim Handeln zählt.  Meirelles lässt es außerdem nicht aus, die Missbrauchsfälle der Kirche als Gegengewicht zur "großen Schuld" auf Seiten Ratzingers und der katholischen Kirche in Europa anzubringen.
Doch aller guten Dinge sind drei und die dritte Zutat, die den Film garniert und so außergewöhnlich macht, dass es wert ist, ihn zu erzählen und der bequeme Mainstreamkucker doch aufgrund des sonderbaren Inhalts Gefallen am Film findet: Es ist die berühmte unerhörte Begebenheit, die dem Film nochmals besondere Würze gibt: Der Papst möchte zurücktreten (!) und seinen Platz freimachen für Bergoglio, denn er ist alt und ausgebrannt, freudlos und meint, er höre die Stimme Gottes nicht mehr und er erkennt, das Bergoglio genau die Wendung in der Kirchenpolitik verkörpert, die der Kirche fehlt. 
Insofern wird es ein Katz- und Mausspiel bei dem viel auf dem Spiel steht, und große Entscheidungen anders getroffen werden, als bei uns Ungläubigen. Denn es gibt einen Faktor, der uns nicht betrifft: Gottes Willen und die  Selbstverpflichtung Bergoglios in Gottes Dienst zu stehen.
Ein "Ich möchte das nicht" alleine, reicht nicht aus. Die Figuren müssen sich fragen: "Möchte Er es auch?", "Würde ER es mir verzeihen?" "Ist ES ein Zeichen von IHM?"
Schließlich bekommt der Film noch weitere Würze durch die Standesklausel, durch das Setting, in dem er spielt: Denn eine böse Tat wiegt für einen Papst oder einen Papstanwärter - den Vertreter Gottes auf Erden - nunmal schwerer, als für den normalsterblichen Sünder. Der Rücktritt von einem Chefposten einer Firma ist nunmal etwas Anderes, als der Rücktritt vom Papstposten.

Zusammengefasst: Meirelles webt einen äußert vielschichtigen Film, der Anteile einer Novelle in den höchsten Sphären der Macht besitzt und dabei recht klassisch eine Rahmenhandlung aufweist, wie "Der Schimmelreiter".
Diese selbst ist aber schon so außerordentlich - der Papst möchte zurücktreten! -, dass sie den Rahmen des Gewohnten sprengt. In diese exquisite Rahmenhandlung ist eine Binnenhandlung eingewebt, die uns in Form einer Retrospektive schrittweise an die Figur Bergoglios heranführt - als Privatperson und als politische (Schach-)figur, die unter äußeren Zwängen handeln muss. (Hier sidn nun auch die entfernten Parallelen zu Inception, 12Monkeys usw...)Eine dritte Quelle, die dem Film Leben einspeist, ist die Unterschiedlichkeit der beiden alten Männer und die Verbissenheit auf beiden Seiten, mit der sie ihre Ziele auf unterschiedliche Weise erreichen möchten. Sie arbeiten sich aneinander ab. Bei diesem Duell  zuzuschauen bereitet Freude! 

Das alles betraf nun die Handlung. Aber auch wie die Bilder eingefangen, rhythmisiert, vertont und zusammengeschnitten sind, verleiht dem Film einen einzigartigen Touch!
unvergesslich zusammengeschnitten: die Papstwahl

 Mögliche Überschriften:

1. Die Bekehrhung des Sturkopfs
2. Die Erkenntnis des Sturkopfs: Du bist der neue Papst! Dich braucht die Kirche! 
3. "Nein, ich kann das nicht!": Bergoglios Vergangenheit im argentinischen Bürgerkrieg. 
4. Doch, du kannst. Der Papst tröstet und spendet Glauben. 
5. "Auch ich habe Schuld!" - Ratzinger und die Missbrauchsfälle.
6. Wir tanzen Tango! 
7. Ende gut, alles gut! 


Montag, 20. Januar 2020

Don't cry for me...Evita im Mainfrankentheater

Evita - ein Klassiker und im Kollektivgedächtnis verankert durch das catchy Motiv zum einen und dessen Gestaltung durch Madonna zum andern - inszeniert am Mainfrankentheater Würzburg.

Inhalt
Das Stück handelt von der Kellnerin Evita und ihre Stationen hin in die höheren Gefilde der Macht Argentiniens. Zunächst als Kellnerin mit einem Sänger liiert schließt sie sich diesem nach Buenas Aires an. Dort macht sie sich sehr schnell durch ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung und ihr Sexappeal einen Namen in der Männerwelt. Gleichzeitig ändert sie ihr Metier und arbeitet nun als Rundfunkmoderatorin und Schauspielerin. Sie schläft sich nach oben bis zum General Peron. An seiner Seite regiert sie Argentinien als Aushängeschild, gleichermaßen mit Star- und Heiligenattributen. Die Zeit fordert ihren Tribut - ihre Gesundheit und Energie verschwinden mit dem Alter und sie stirbt. Dabei legt das Stück Wert darauf, verschiedene Bereiche zu beleuchten. Erzählt wird das Leben Evitas von einem kommentierenden, kritisch-aufklärerischen Moderator - eine Weiterentwicklung des antiken Chors -, der kein gutes Haar an Evita lässt und immerzu versucht, ihrem Starglämmer, ihren Verführungskräften und ihrer Verklärung durch das Volk kritisch entgegenzutreten und auch die menschlich-allzumenschlichen Seiten ihres Lebens hervorzuheben. So ist der Höhepunkt seines Auftretens beispielsweise die Enthüllung, dass eine von ihr ins Leben gerufene Stiftung nichts anderes sei als eine Lüge und alle Einnahmen der Stiftung Evita selbst zu gute kämen, sicher gebunkert auf einer Schweizer Bank. Auch der Autor selbst zeigt Schattenseiten Evitas, deren Starallüren ihr zu Kopf steigen und die gekonnt weiß sich zu inszenieren. Immer wieder spielt sie das naive, unschuldige Mädchen, dass versucht der argentinischen Bevölkerung, insbesondere der ärmeren, zu helfen. Und ebenso arbeitet das Stück daran, diese Selbstinszenierung zu dekonstruieren. Übrig bleibt eine zweifelbehaftete Existenz, ein Hoffnungsträger der ärmeren Bevölkerung und die offene Frage, inwieweit Evitas Handeln so selbstlos ist, wie sie es selbst glaubt oder glauben machen will. 



Inszenierung



Das Mainfrankentheater ging in die Vollen und brachte mittels seiner Drehbühne und abseilbaren Showrahmen und anderen Objekten ein turbulentes, fulminantes Stück auf die Bühne. Highlights waren ein alter Cadillac oder Chervolet, der aus der Zeit zu stammen schien, ein immens hohes Hochzeitskleid als Symbol zur Verdeutlichung der Art und Weise, wie Evita sich als Braut Argentinies inszeniert und den Anschein erwecken will, mit ihrer Ausstrahlung und Liebe alle Probleme als Übermutter und Überbraut lösen zu können und eine Fotobox, die eingesetzt wurde, um die Flüchtigkeit und Einmaligkeit der Bekanntschaften und Liebschaften Evitas in ihren "jungen Jahren" zu zeigen. Das Stück war musikalisch perfekt umgesetzt, meine Highlights waren der Gitarrist, der wirklich in der Musik drinnen war, der Bassist, der eine tragende Rolle in der Musik Webbers spielt und eine Keyboardspielerin. Im Gesamten ist aber natürlich das ganze Ensemble zu loben, das dieses etwa zwei Stunden dauernde Stück professionell und fehlerfrei durchgehalten hat. Tänzer, Schauspiel und Gesang sind ebenso zu loben genauso wie die Kostüme, die zwar etwas altbacken nach 40gern bis  60gern wirkten - aber in dieser Zeit und aus dieser Zeit stammt das Stück (Evita Péron starb 1952)- also was soll man daran kritisieren außer, dass es den eigenen Geschmack nicht treffen könnte? 
Insofern Hut ab - wieder eine kaum kritisierbare Meisterleistung! Wehrmutstropfen: Der Einsatz einer Kamera in einer Szene und die Simultanprojektion auf eine große Projektionsfläche hinter der Bühne - die Zeitverzögerung bekommt man nicht weg und Asynchronitäten nerven mich. Ebenso die Entscheidung, eine durchaus energetisch anstrengende Rede Evitas als Playback laufen zu lassen. Auch das führte zu komisch wirkenden Asynchronitäten...verständlich ist die letzte Entscheidung alle Mal - so anstrengend, wie das Stück für die Hauptdarstellerin sein muss! 

Besonderes:
Im Gesamten hat mich das Stück ein wenig an eine Passion erinnert. Insbesondere das Volk mit seinen ambivalenten und schnell wechselnden Gefühlen erinnerte mich an die Rolle des Volks in der Matthäus Passion, die ich im Deutschaus-Chor mitsingen durfte...So wird Evita auch vom Volk instrumentalisiert, so wie das Volk sie gerade braucht: Als Heilige, als Abnehmerin ihrer Bitten oder als Aushängeschild und zauberhafte Feeengestalt.

Für mich ist eine Stück außerdem besonders hängen geblieben ist das Stück "Goodbye and thank you"

Ché: Goodnight and thank you, MagaldiYou've completed your taskWhat more could we ask of you now?Please sign the book on your way out the doorThat will be allIf we need you, we'll callBut I don't think its likely somehow

Eva: Oh, but it's sad when a love affair diesThe parting, the closing of doorsBut we must be honest, stop fooling ourselves

Ché: Which means "Up yours!

Abserviert werden...Tröstlich, dass man nicht der Einzige ist.
Dass auch die abservierte Exfrau des Präsidenten gezeigt wird, ebenso tröstlich.

https://www.youtube.com/watch?v=4sa9oMej5B8

Dienstag, 15. Oktober 2019

Kabale und Liebe - Gefühlsmassaker und Freiheitskampf. Ein Evergreen!

Der Präsident und Wurm
Im Mainfrankentheater wurde der Klassiker von 1784 Schiller auf die Bühne gebracht. Der Funke kann sich entzünden, wenn man sich darauf einlässt. Die zeitgenössischen Reaktionen, so hört man oft, seien ähnlich der Reaktionen zu den "Räubern" gewesen: Ohnmacht, Geschrei, Aufruhr. Und ja, mag es "weibisch" sein oder klingen - das Stück kann affizieren, wenn man sich darauf einlässt (und nicht sagt: "Das ist doch nur Theater"). Und wenn es affiziert, dann schlägt es ein, wie es nur die Werke des Sturm und Drang können: mit voller Wucht, im Namen der Liebe, im Kampf gegen Unterdrückung und für Autonomie, im Namen der Rechtschaffenheit und des Edelmuts gegen die Niedertracht, den Egoismus und das Macht- und Karrierestreben.

Was kann man dazu sagen?

Das Unheil nimmt seinen Lauf: Louise im Moment, als Wurm
ihr das Verfassen des Briefs an Kalb abverlangt
Schiller konstruiert in eine ungerechte Welt, die aus willkürlichem Adel und rechtschaffendem Bürgertum besteht eine unmögliche, weil ständeübergreifende Liebe, die nicht den Vorstellungen des Präsidenten für seinen Sohn, Ferdinand, entspricht. "Lohnst du mir so meine schlaflosen Nächte? (...) Lass mich an deinem Glück arbeiten! (...) Dass du [der Malfoy ihr] Bräutigam wirst" - Denn der Vater wünscht dem Sohn eine gute Partie, die - so wird es dem Zuschauer offen präsentiert - nicht nur dem Wohle des Sohnes dienlich ist, sondern auch der gesellschaftlichen Stellung des Vaters selbst. Der Sohn also als Schachfigur im machtpolitischen Dünkel und der Vater ein Scheußsal, was es erst zuletzt realisiert ("Ich will diese ganze Brut...") - Kabale.
Dem gegenübergestellt ist der Traum einer ständelosen Gesellschaft - "wenn Menschen nur noch Menschen sind, dann werde ich reich sein", in der Miller "vor Gott kniet und nicht vor Schelmen". Und in dieses Bürgertum - zu dem rein faktisch Ferdinand auch gehört - wird eine Liebe versenkt, eine romantische, allumfassende und wuchtige Sturm-und-Drang- Liebe: "Wilde Wünsche werden in meinem Herz rasen".
Miller und seine Tochter: er bringt sie vom Selbstmord ab;
Die Verklärung ihrer Figur hat bereits begonnen (weißes Kleid und Kreuz)
Die Welten kollidieren. Eine Briefintrige initiiert die Mechanik des Untergangs, initiiert allein aus Kaltherzigkeit, um die Stellung am Hof zu halten. Louise wird gezwungen, die Liebe Ferdinands in rasende Eifersucht umschlagen zu lassen. Sie schreibt einen Liebesbrief an Marshall von Kalb, weil ihr damit gedroht wird, dass ihre Familie eingekerkert wird. Ein Eid soll ihren Mund verschließen. "Ein Eid? Was soll ein Eid fruchten? (...) - Bei uns nichts, bei diesen Menschen: ALLES." So ist es für Louise und ihre "Pflicht heißt bleiben und dulden".  Ihr Mund bleibt verschlossen, so dass Ferdinand den Köder schluckt und beinahe daran erstickt. Er vergiftet sich und Louise in seinem Wahn. Das Ende kommt erwartet und heftig. Der Zuschauer denkt sich: War es das wert? - so wie der Präsident es empfinden muss, als er seinen toten Sohn sieht.
Ferdinand verzweifelt. Louise spricht nicht aufgrund des
Eids, an den sie sich hält

Schiller kleidet all das in gehobene Sprache, wuchtige Sprache, die trotzdem verständlich bleibt, und verletzende Ehrlichkeit der vertrauten Figuren untereinander. Mich hat es aufgewühlt, ich hatte Mitgefühl und bange Hoffnung, dass alles sich doch irgendwie zum Guten wendet. Allein Ferdinand wird irgendwann wirklich Opfer seiner Gefühle - aber nachvollziehen kann ich ihn.

Die Inszenierung am MFT  war wirklich gut. Die Schauspieler überzeugten und - bei aller Kritik, die Brecht ja schon äußerte, dass die revolutionäre Sprengkraft des Stücks zur bourgeoisen Abendunterhaltung umgemodelt wurde - es war wahnsinnig imposant und beeindruckend so einen Klassiker beinahe ungekürzt auf die Bühne gebracht zu sehen. (Was für ein Mut, solch ein Stück 1784 herauszubringen!)
Musikalisch unterlegt mit einem Cello, eine sehr eigene aber gelungene Interpretation des Marshall Kalb mit pinken Schnallenschuhen aus Gummistiefel-Material, Barockkostüme, eine gute Ausleuchtung und ein langer Holzsteg bis über den Orchestergraben - gefühlt fast weit in das Publikum hinein, all das hat Stimmung erzeugt!


In eigener Sache: Ferdinand - als er sich verraten vorkommt. Mit ehrlichen, großen Gefühlen...er hat mir aus der Seele gesprochen):
Es ist nicht möglich! nicht möglich! Diese himmlische Hülle versteckt kein so teuflisches Herz – – Und doch! doch! (...) Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte! (...)
Mich so ganz zu ergründen! – Jedes kühne Gefühl, jede leise schüchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung – An der feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen – Mich zu berechnen in einer Thräne – Auf jeden gähen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz – Gott! Gott! und alles Das nichts als Grimasse? – Grimasse? O, wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, wie ging es zu, daß sich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog?
Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender Täuschung erblaßte die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug sie den frechen Hohn (...) zu Boden (...). 
Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehen. Mein Herz trat beim Erröthen des ersten Kusses sichtbar in meine Augen – und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunst? – Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen wähnte, meine wildesten Wünsche schwiegen – vor meinem Gemüth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das Mädchen – Gott! da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? (...)Nichts! als daß ich betrogen sei?
(Akt 4, Szene 2)



Freitag, 11. Oktober 2019

Kein Schiff wird kommen - Mainfrankentheater

Schmunzette entwickelt sich zum Psychothriller
Applaus, Applaus, ein geniales Ensemble, ein gewagtes Stück mit einer Prise Psychothriller!

Inhalt (ohne Spoiler)

Der junge Wahlberliner Dramatiker Thomas ist im Begriff ein Stück zum Mauerfall in Deutschland zu verfassen und besucht im Rahmen dessen seinen Vater auf der Insel Föhr, um ihn nach seinen Erlebnissen zu befragen und an Material für seine Arbeit zu kommen.
Vater und Sohn in der Inszenierung des Mainfrankentheaters 2019
Schnell und unverhohlen wird klar, dass die Beziehung der beiden auf Eis liegt. Unerträglich ist die schweigsam-freundlich, eigenbrötlerische Art des Vaters dem Berliner Nachtschwärmer und der Protagonist lässt kaum eine Gelegenheit aus, dem Vater mit aller Wucht seine Unzufriedenheit mit dessen Verhalten und Person entgegenzuschleudern.
Umgekehrt wehrt sich der Vater auf seine Art und Weise gegenüber den Vorwürfen des Sohnes. Im Fazit ergibt das eine spannungsgeladene tragikomische Konfliktatmosphäre und man fragt sich, wie man die Beziehung der beiden entspannen könnte und ob etwas Milde auf Seiten des Sohnes nicht angebracht wäre.

Doch das Stück entwickelt sich von der Vater-Sohn-Studie weiter. Im zweiten Teil des Stücks geht es um die Ereignisse, die für den Vater mit dem Mauerfall verbunden sind. Und hinter ein paar belanglosen Geschichten, so merkt man bald, lauert irgendein Tabu. Irgendetwas schlummert da -irgendein Schatten der Vergangenheit. Der Weg zur Enthüllung dieser Episode aus dem Leben des Vaters, das ist quasi der nächste Handlungsschritt im Drama. Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse ist schließlich der Höhepunkt.

Interessant ist dann der Umgang der Figuren mit der Enthüllung der Wahrheit.
Für Thomas ist es, das Leben, Theater. Als postmoderner Mensch kennt der die Gnade und das Credo des "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" und ist in der Lage auszudifferenzieren. Der Vater dagegen hat diese Möglichkeiten nicht. Er verweilt und wird selbst zum Geist.

Aufbau und Inszenierung

Viele Monologe Thomas, die seine Gedanken offenbaren. Sehr schildernde Sprache.
Geisterhafter Schatten der Vergangenheit von Anfang an auf der Bühne durch Riesenbilderrahmen und Welt dahinter ("Geisterwelt") mit Bank und Frau darauf. Unheimlich-mystische Atmosphäre.
Pendeluhr-Mechanik-Geräusche zur Untermalung der drückenden Atmosphäre im Elternhaus.
traurige Gitarrentöne zur Untermalung der Traurigkeit und des Dramatischen, vor allem gegen Ende des Stücks.
Interessant: Wie Vater "gebrochen" die Bühne und den Zuschauerraum verlässt (Gegenpol zu Thomas, der sie energiebeladen betritt und das Stück so eröffnet)
Interessant: Wie der Vater gebrochen den Platz der "Geisterfrau" einnimmt.
Interessant: Überblendung, als Erinnerung und Vergegenwärtigung ineinander greifen, und die Ebenen mittels Projektion (Erinnerung) und Schauspiel miteinander verwoben werden.
Die Selbstthematisierung des Theaters. Was darf es? Was kann es? Welchen Zwängen ist es unterworfen? Wie bändigt man Komplexität?

Schauspiel: 

Brilliant! Die Menge an Text, die Flüssigkeit und Lebendigkeit im Vortrag (Martin Liema) , die Klarheit der Sprache des Vaters und sein Timing, die stakkato-"Thomas"-Salve der Geistermutter. Wirklich genial!


Kleine Sprachuntersuchung (evtl. Spoiler)

Einmal im Stück fällt ein markanter Kraftausdruck. Als die Mutter Thomas als „Fotze“ beschimpft, kann man das so interpretieren, dass diese verbale Entgleisung ihrer Krankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbstkontrolle verschuldet ist: Keine normale Mutter würde ihr eigenes Kind derart beschimpfen, geschweige denn im Feminin. Insofern manifestiert sich in der Sprache die geistige Krankheit der Mutter.